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Artikel zu WebRing-/Mapping-Projekt in analyse&kritik

fj , 18.04.2006 13:05

Folgender Artikel plus eine Einführung in das Europäische Webring- Projekt erscheint im April in der Monatszeitung analyse&kritik.

Mapping für einen Bewegungsstadtplan: Ein Vorschlag mit bewährten Konzepten und neuen Modewörtern

ArbeiterInnenbewegte und PsychologInnen können sich an militante Untersuchungen oder Aktions- und Gemeindeforschung mit Interviews und Video erinnern. SoziologiestudentInnen denken an teilnehmende Beobachtungen bei Fragebögen. Kunstinteressierte wundern sich über Kartografie mit Stadtplänen und wild skizzierten Folien in Übergröße zum 1.Mai. Hausfrauen staunen über Wäscheleinen voll Fotos von PassantInnen und Figuren mit ihren eigenen Protestslogans. Euromayday sucht alte und neue Verbindungen in der Stadt und ist mit dem EuroMaydayMobil unterwegs. Bei 1-Euro-Spaziergängen, Besuchen bei Bekannten und bisher Unbekannten in anderen Stadtteilen, mit Foto-Shootings in den Parks und anderen Starter Kits für Kontakte, Fragen und mögliche Interventionen.

Im sozialen Labor
Mapping. Ein Begriff, der sowohl in den Vorbereitungen als auch der 1. öffentlichen Versammlung des Euromayday 2006 in Hamburg auf fragende Blicke und Unverständnis stieß. Was hat ein eventorientierter Aktivismus mit Methoden zu schaffen, die mit Kunst, Akademie und ihren Fakultäten assoziiert werden? Die Antwort beginnt mit Fragen: Woher sind die überraschend vielen TeilnehmerInnen beim letzten Euromayday gekommen und wieso? Wo und was sind die neuen und alten Verbindungen in der Stadt, die viele dahin benutzt haben? Wohin hat sich die Menge verlaufen? Im Bild des Netzwerkens beim Euromayday: Wo kreuzen sich die Alltagswege der Prekären? Welche Behördenrouten führen durch die Stadt? Weshalb lehnen KollegInnen von Philips die Tarifvorschläge ab und wer streikt im Krankenhaus? Wieso stellen immer weniger Leute Asylanträge? Was macht die Generation Praktikum? Wo wird das Wissen produziert und wie wird es weitergegeben? Wie erfahren wir davon untereinander und wie hören andere davon? Wie bleibt es nutzbar und bekannt für die, welche dazu kommen oder gehen? Räumen wir zuerst ein Vorurteil aus dem Weg: Der eventorientierte Aktivismus ist ein Organisierungsansatz von Netzwerken. Gruppen und Personen mit einerseits unglaublichen Leidenschaften und andererseits beschränkten Ressourcen, die mit den Leviathanen der historischen Arbeiterbewegung und des Staates selbst nichts anfangen können. Die Events werden als Knoten und Mobilisierungspotentiale produziert, die aus und für die Alltagspraxen Möglichkeiten herstellen zur Selbstdarstellung, Kommunikation und Willensbildung über sich selbst hinaus. So wurde in den letzten Monaten im europäischen Euromaydayprozess mit einer Selbstbefragung begonnen, die auch die bündnispolitischen Gewohnheiten in Frage stellt: Manche Gruppen antworten, indem sie ihre politische Programmatik senden oder sie antworten nicht. Wie sie tätig sind, welche Vorteile ihre einzelnen Mitglieder daraus gewinnen oder sich versprechen, bleibt im Verborgenen. Mit dem Mapping wird bewusst die Kulisse der scheinbar klaren politischen Konzepte von Gruppen herausgefordert, mit denen sie mit Anderen in Kontakt treten.

Grammatiken des Euromayday
Euromayday ist ein Experiment, in dem nach Antworten auf die umfassende Prekarisierung gesucht wird. Eine Prekarisierung, die auch die veränderten Voraussetzungen von Organisierung und die Organisierungsideen selbst betrifft. Eine Diskussion und Organisierung zwischen kleinen und großen Gruppen, von einzelnen und organisierten Initiativen. Das beinhaltet, ein soziales Verhältnis wieder einzuführen, in der Linke selbstverständlich genau so Subjekte sind wie andere. Wo bewegen sie sich, welche Veränderung produzieren sie? Ein zentrales Anliegen: soziale und politische Spielräume – und für wen? - zu eröffnen, in denen die drängenden Fragen und Herausforderungen gestellt und diskutiert werden können. Und was ist mit der Fähigkeit, im Alltag kollektive Kämpfe zu führen und dort die Frage nach einer anderen Gesellschaft zu stellen? So liegt es nahe, die bereits existierenden sozial- und kulturpolitischen Kooperationen aufzurufen, sich Ideen und Traditionen kritischer Theorie und Praxis anzueignen bzw. ProduzentInnen, die das in anderen Umgebungen bereits unternommen haben, aufzufordern mitzumachen. Zum einen verändern sich Praxen, die eher in der Diskurstheorie lokalisiert sind. Zum anderen versucht die oftmals spontanen Einflüssen unterliegende aktivistische Praxis sich aus ihren informellen Zwängen zu befreien. Ein Ziel ist, das Wissen und die Erfahrungen aus Kampagnen, Aktionen und Netzwerken für andere Generationen von AktivistInnen im sozialen und politischen Terrain transportier- und nachvollziehbar zu machen. Gleichzeitig ist diese Produktion selbst ein Ausloten von erfindungsreicher Kommunikation, Techniken der Darstellung und Softwarenutzung. Das Mapping für einen Bewegungsstadtplan ist eine Art Dokumentation der Prozesse, die über den Termin des Euromaydays hinausgeht. Es ist ein Akt der Selbstaufklärung und Organisierung in einer Zeit, in der die Quizfrage lautet: Wo und wann werden die Expertinnen des blossen Überlebens und der Aneignung elementarer Rechte sich mit den Expertinnen des Protestes treffen, wie werden die Expertinnen in Sachen Information und Kommunikation mit Expertinnen für Streiks und Revolten zusammenfinden, welche utopischen Allianzen und alltäglichen Kooperationen werden daraus entstehen?

Frank John