arranca!-artikel: Der Ausbruch
fj , 08.05.2005 00:00
Es ist geglückt. Die VeranstalterInnen selbst waren überrascht, welchen Anklang die Euromayday-Parade in Hamburg gefunden hatte. Verborgene und bekannte Geschichten vom unsicheren Leben wurden erfrischend nonkonformistisch präsentiert mit Symbolen, Texten, Schildern, Transparenten, Plakaten, Verkleidungen und Aufführungen. Zwischen 2.500 ? 4.000 DemonstrantInnen bewegen sich die Schätzungen. Der Countdown begann am 1. April mit...
...einem umfangreiches Programm mit 20 Veranstaltungen an verschiedenen und einigen ungewöhnlichen Orten in der Stadt mit 8 ? 80 Gästen plus gut besuchte Party, Radio- und Kinoprogramm sowie Ausflüge mit Infos und Foto-Shooting. Unsicher waren sich die OrganisatorInnen bis in den Morgen des 1. Mai, welche Resonanz ihr Anliegen finden würde.
Zentrale Stichworte des Hamburger Euromayday waren globale Rechte und neue oder ungewohnte Formen von Kooperationen. Was können kollektive Garantien abseits von Einkommen und Nationalität in individualisierten und entsicherten Verhältnissen sein? Welche Versuche gibt es, Arbeitskämpfen neue Formen und Inhalte zu geben innerhalb wie außerhalb der Gewerkschaften? Was tun ohne Papiere, ohne Job, ohne Kindergarten? Organisierung in der Prekarität, wie kann das heute aussehen an einem Vergleich von Jobberläden und dem Konzept Workers Center? Was ist mit der Privatisierung und Ökonomisierung kultureller und sozialer Ressourcen oder die Neubestimmung von Arbeit im Film und der Kunst? Wie verständigen sich die verschiedenen europäischen Mayday-Organisierungen und was geht mit den unterschiedlichen Protestkulturen? Das waren einige Fragen der Veranstaltungen mit Gästen aus der Bundesrepublik oder Intermettents aus Frankreich und Organizern aus den USA, die jetzt Futter geben für die weitere Diskussion nach dem Euromayday.
Was strukturiert die Multitude des Euromayday? Zuallererst der Konflikt. Nicht zufällig waren die Gruppen, die aktuell Kämpfe und Proteste führen, auch diejenigen, die wesentlich das Image der Parade gestalteten. Antirassistische und soziale Kämpfe zu assoziieren war das Anliegen des gemeinsamen Bezugs vom 2. europäischen Aktionstag für Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit und Euromayday 2005. So pägten organisierte Flüchtlingsgruppen und migrantische Belange die Spitze der Parade. Ein starkes Ausrufezeichen setzten die StudentInnen, die einen Summer of Resistance gegen Studiengebühren ausgerufen haben und an die Mobilisierung andockten. Analog findet sich das in der europäischen Mayday-Mobilisierung wieder. Die Rhetorik und Ausdruckskraft der Kämpfe aus Italien, Spanien oder Frankreich ist eine andere als in Deutschland oder Finnland, in denen gerade Anschluß an Konfliktlinien gesucht oder der Ausbruch aus versteinerten Verhältnissen geprobt wird.
Was repräsentiert Euromayday in Deutschland? Gewiß eine Plattform, die Bewegungsspielräume herstellen will. Was haben Prekarisierung und Migration miteinander zu tun? Wenn die Schnittmenge aus der Addition die Arbeit ist, was dann - wir wollen die Befreiung von der Arbeit. Wo finden die Kämpfe statt, wenn das Zentrum nicht die Arbeitswelt selbst ist? Sondern ein Universum von Lebensweisen mit ihren spezifischen ? prekären ? Kämpfen. Wo können, wo dürfen wir verallgemeinern? Bei den globalen Rechten? Wo holen wir sie uns? Da, wo wir angegriffen werden, oder in den Zwischenräumen, wo die faktische Aneignung praktiziert wird? Das ist das kleine, subversive Labor. Ein aufschlußreicher Lackmustest über Bereitschaft und Mobilisierung in Gewerkschaften und linken Kreisen rund um wesentliche strategische Herausforderungen. Ein Experiment, die verschiedenen Alltage zu erkunden, wie z.B. mit dem Euromayday-Mobil unterwegs sein. Ein Prozeß, in dem die Beziehungen zwischen den diversen AkteurInnen wesentlich sind und Kommunikation ein zentrales Gut ist. Das Ziel ist einfach. So wie es ist, kann es nicht bleiben. Die Aneignung ist der Streik der Prekären. Frank John
PS: Anfang Juli ist ein europäisches Treffen geplant, hoffentlich in Avignon beim Festival in einem Open Space der Intermettents. In Deutschland werden beim Sozialforum in Erfurt Gruppen und Initiativen präsent sein mit einer Veranstaltung. In Hamburg gibt es weitere Treffen.
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