EUROMAYDAY


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Euro Mayday 005 oder Paola rennt...

Efthimia Panagiotidis, Vassilis Tsianos , 26.04.2005 18:44

Paola schlägt sich als alleinerziehende Mutter durch. Sie hat es vor über einem Jahr geschafft, endlich ihr Studium abzuschließen. Jahrelang war sie hyperaktiv in unterschiedlichen Politszenen und finanzierte sich und ihr Kind mit Hilfe befristeter Deutsch-Sprachkurse und diverser studentischer Hilfsjobs. Irgendwie gelang es ihr bis jetzt, das Leben auf diese Art zu managen.

Deutschlands neue „Sozialaktivierungsreformen“ (Hartz IV etc.) erschweren Paolas Jobsuche auf paradoxe Weise: Einerseits muss sie dem „Arbeitsmarkt verfügbar sein“. Andererseits frisst die von ihr angestrebte Gründung einer Ich-AG soviel Zeit und angesparte Ressourcen, dass sie praktisch nur noch vom Beratungsbüro zur „Agentur Für Arbeit“ (so werden in Deutschland neuerdings vollmundig die Arbeitsämter genannt) hin und her rennt. Das Selbstmanagement ihrer Arbeit für die Schaffung einer Arbeitsstelle als Selbständige war ursprünglich als provisorischer Ausweg aus der gestrichenen Sozialhilfe gedacht. Jetzt ist Paola eigentlich weniger flexibel und in ihrem politisch aktiven Freundeskreis ist sie deutlich seltener zu sehen.

Paola ist sicherlich prekär, das besagt an sich aber wenig. Wir wollen mit dem Begriff des „Prekären“ freilich etwas mehr, als wieder einmal bloß empirisches Material für die Soziologie zu schaffen. Daher sollten wir uns auf eine Perspektive einlassen, in der alltägliche Lebens- und Arbeitsverhältnisse zum Ausgangspunkt und zur Fluchtlinie einer neuen europaweiten Mobilisierung werden. Der Name dafür lautet: Euro Mayday.

Der Euro Mayday ist mehr ein Virus und weniger ein Label für europäische Aktions- und Vernetzungsinterventionen rund um den mobilisierenden Aspekt der Prekarisierung. Euro Mayday steckt an und verunsichert die biomentalen Voraussetzungen traditionell gewerkschaftlich organisierter „Erster-Mai-Demonstrationen“. Er macht das ganze Spektrum gesellschaftlicher Produktivität sichtbar, die in den tarifvertraglich abgesicherten Kompromissen der Lohnarbeit nicht verhandelt wird und findet überall in Europa statt: in Mailand, Barcelona, Helsinki, Dublin, Amsterdam, Paris, Wien, Athen, Hamburg.

„Der Funke ist übergesprungen für einen Austausch von Ideen und Alternativen rund um die Krise der Sozialversicherungen, der Familie, des Nationalstaates und der traditionellen Arbeitswelten. Uns fasziniert ein Horizont jenseits von Arbeiten um jeden Preis und abseits des neuen Managements von Entrechtung und Ausbeutung, das durch die neue Verfassung der Europäischen Union besiegelt und etabliert werden soll. (...) Ob hoch oder niedrig qualifiziert, Ausbildungen oder keine, wir arbeiten in x Jobs. Mobilität und Zeitmanagement sind unser Kapital. Produktionsmittel? Kein Problem – vom Wischmop bis zum PC. Wir sprechen deutsch, türkisch, spanisch, polnisch und was so kommt. Viele haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus. Ungewissheit dominiert den flexiblen Alltag von LagerarbeiterInnen, Servicekräften, IT-ExpertInnen, Alleinerziehenden, SexarbeiterInnen, Ich-AGs und StudentInnen. Wir haben eine Frage: Die Frage nach den globalen Rechten. Es sind diese prekären Verhältnisse, die das immer wieder aufs Neue aufwerfen: Woher kommt morgen mein Geld? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Reicht das Geld für den Kinderbetreuungsplatz? Welche Jobs gehen ohne Pass? Was ist, wenn ich krank werde? Wie will ich wohnen? Wie finanziere ich mein Studium, was mache ich danach? Warum denke ich ständig an Arbeit? Weshalb macht der Kerl nicht den Haushalt? Wie würde ich gern leben?“ heißt es im Aufruf zum Euro Mayday 2005 in Hamburg.

Prekär bedeutet wortwörtlich widerruflich, unsicher, heikel, misslich, schwierig, peinlich, bedenklich und unangenehm. Seit den 1980er-Jahren verweist der Begriff vor allem auf entgarantierte Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Prekäre Arbeit kann auf illegalisierte, saisonale oder temporäre Beschäftigung hindeuten, ebenso trifft sie auf Zeit- oder Leiharbeit, Pflegearbeit, bezahlte Hausarbeit, Jobhopper, Capuccino-Worker sowie Selbständigkeit oder Ich-AG’s zu. Prekarisierung mag zwar eine beschleunigte Verwandlung der bisher angestrebten, garantierten und dauerhaften Beschäftigungsverhältnisse in schlechter bezahlte und weniger sichere Jobs beschreiben. Das Ringen mit der Unsicherheit stellt allerdings weltweit keine Ausnahme dar. In einer historischen Perspektive war die Vorstellung von einer Verallgemeinerung garantierter „Normalarbeitsverhältnisse“ der kurze Traum von Sicherheiten, die in der Epoche des Wohlfahrtsstaates als zugesichertes Versprechen galten. Jedoch ging das Leben im Fordismus auch mit einer Krise der Institutionen einher, sodass die als dauerhaft versprochene soziale Absicherung lediglich für einen kurzen Zeitraum realisiert werden konnte.

Prekarisierung verweist auf einen Prozess, der eine neue Qualität der lebendigen Arbeit zu erfassen versucht. Die „lebendige Arbeit“ bezieht sich nicht auf die Lohnarbeit beziehungsweise das, was reduziert als „produktive Arbeit“ definiert wurde. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben werden immer fließender. Produktion und Reproduktion sind untrennbar ineinander verwoben. Die prekären LebensmanagerInnen und AktivistInnen konzentrieren sich nicht auf bestimmte Räume. Vielmehr findet ihre Verortung im Alltag statt.

Nach der Absicherung der in der Fabrik erkämpften Errungenschaften entstanden Skandalisierungsdiskurse, die uns – so wie die reinen Definitionsmachtkämpfe um die Erweiterung des Arbeitsbegriffes – erstarren ließen. Soziale und politische Rechte können nicht mehr oder nicht nur dort gefordert werden, wo wir angegriffen werden – in der Familie, im Unternehmen. Sondern sie müssen in den Zwischenformen, die schon vom Kapital angeeignet sind, erkämpft werden. Gerade in unsicheren Zeiten gilt es, die Unterwerfung unter den Zwang zur Arbeit zeitweilig auszusetzen. In Zeiten von entgrenzter Arbeit kann man/frau der Vision von einer Befreiung der Arbeit nicht uneingeschränkt anhängen. Wir stehen vielmehr vor der Herausforderung, widerständige Momente innerhalb der gegenwärtigen Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit ausfindig zu machen.

In den feministischen Diskussionen seit den 1960er-Jahren wurde nicht nur erfolgreich deklariert, dass die von Frauen geleistete Arbeit zu Hause von der Definition der „produktiven Arbeit“ ausgeschlossen ist. Feministische Theorieaktivistinnen betonten ferner, dass sich bei der „emotionalen Arbeit“, die nicht vom Kapital verwertet wird, auch Momente des Widerstands artikulieren. Doch das globale Kapital forciert seinen Wandel und richtet sich stets neu aus. Soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Organisation der Beziehungen, Versorgung sowie ständige und ganzheitliche Verfügbarkeit werden zu unabdingbaren (Erwerbs-)Qualifikationen. Diese affektiven Tätigkeiten machen inzwischen einen wichtigen Aspekt der biopolitischen Produktion aus. Der Widerstand kann somit nur ausgehend von der lebendigen Arbeit selbst gedacht werden. Es geht darum, Konfliktlinien in prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen zu lokalisieren und diese als Fluchtlinien eines Projektes zu bestimmen, das mobilisierend wirkt. Und Paola ist bei Euro Mayday 005 sicher mit dabei!


erschienen in: 20er - Die Tiroler Straßenzeitung, Nr. 64 Apr. '05

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