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Interview mit hamburger mayday-aktivistinnen

ak , 28.03.2005 00:56

Der 1. Mai erfährt eine Renaissance
Schon seit vielen Jahren bedarf es großer Überwindungen den 1. Mai auf einer gewerkschaftlichen Veranstaltung zu verbringen. Nun kommt Bewegung in die ritualisierten Abläufe. Das Zauberwort Prekarisierung, die Bereitschaft neue Wege zu beschreiten, engagierte Linke in und außerhalb der Gewerkschaften und ein nicht desinteressierter DGB versprechen, zumindest in Hamburg, Innovationen. Dies alles eingebunden in europaweite Aktivitäten. Über die geplanten Aktivitäten und die neue Attraktivität des 1. Mai haben wir uns mit Efthimia Panagiotidis (Kanak Attak/Gesellschaft für Legalisierung), Frank John (kein mensch ist illegal/Amplitude) Inger Hamdorf (mujeres sin fronteras), Jan Mango (Hamburg Umsonst) und Peter Bremme (ver.di-Fachbereichsleiter Besondere Dienste in Hamburg/Arbeitskreis undokumentiertes Arbeiten) unterhalten. Das Gespräch führte Georg Wißmeier.

ak: So viel 1. Mai war schon lange nicht mehr. Wie kommt es zu dieser Hinwendung zum traditionellen Kampftag der Arbeiterklasse?

Frank John: Nach der Konferenz "Die Kosten rebellieren" letzten Sommer in Dortmund zu Migration und Prekarisierung haben wir überlegt, wie wir es hinbekommen, in der BRD einen symbolisch aufgeladenen Termin zu finden, um dieses Thema stärker in Richtung Gewerkschaft und die Öffentlichkeit zu transportieren. Es war uns wichtig, es aus der Diskursebene der Gruppen und Strömungen, die bisher zu diesem Thema arbeiten, heraus zu heben und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten, um eine Plattform rund um Prekarität herstellen zu können. Das war die Intention, und auf lokaler Ebene gab es zusätzlich Überlegungen, wie man eher subversiv den örtlichen 1.-Mai-Ablauf unterwandern könnte. Das war schon vor dem Aufkommen und dem Transport der Global-Mayday-Idee nach Deutschland. Als dies noch dazu kam wuchs bei uns die Bereitschaft, was in diese Richtung in Hamburg zu machen.

Peter Bremme: Was man nicht vergessen sollte ist, dass es von den Rechten eine Adaption des 1. Mai unter dem falschen Motto "Tag der Arbeit - Tag der nationalen Arbeit" gibt. Man muss den Rechten den Wind aus den Segeln nehmen und für die gewerkschaftliche Perspektive kommt hinzu, dass es den Vorschlag gab, den 1. Mai als Feiertag zu streichen, um das deutsche Bruttosozialprodukt zu steigern. Das gibt einen zusätzlichen Impuls tätig zu werden. Zum anderen ist die Biertrink-Mai-Feierlichkeit an ihr historisches Ende gekommen und wir haben uns Gedanken gemacht, wie aus einem Veteranentreffen eine attraktive Veranstaltung werden kann.

Jan Mango: Gleichzeitig gibt es internationale Bestrebungen, sich den 1. Mai wieder anzueignen. Einerseits als Arbeitskampftag, aber auch um insbesondere die Prekarisierung der Lebensverhältnisse zu thematisieren. In den letzten Jahren gab es in Italien neue Formen der 1.-Mai-Demos, auch in London, Barcelona und anderen Städten gingen wieder Menschen auf die Straße, die sich eben nicht nur auf Gewerkschaften beziehen. Es waren vielmehr Menschen aus radikaleren, aktivistischen Gruppen die diesen Tag neu, auch mit neuen Themen besetzt haben ...

Inger Hamdorf: ... und die mit neuen Formen in der Öffentlichkeit agieren. Was nicht nur auf den 1. Mai bezogen ist, wie z.B. die Umsonst-Gruppen oder Yomango zeigen. Auf dieser Ebene gibt es schon seit einiger Zeit eine stärkere Zusammenarbeit.

ak: Was bedeutet für euch der große Klammerbegriff Prekarität? Was wollt ihr damit transportieren?


Efthimia Panagiotidis: Für mich ist Prekarisierung ein klarer Begriff insofern er ein erweiterter Begriff ist und auf Gemeinsamkeit zielt, weil er auf eine unsichere Zukunft verweist und sich viele dabei wieder finden können und man sich gar nicht in Abgrenzung zu Gewerkschaften befindet, wenn man sich auf die unsicheren Lebens- und Arbeitsverhältnisse bezieht. Es kann gar nicht darum gehen, die gewerkschaftliche Position der Verteidigung der sozialen Errungenschaften zu verdoppeln, sondern ich sehe unseren Part vielmehr darin, den Rahmen zu erweitern, indem wir immer wieder einbringen, dass es um prekäre Lebensverhältnisse geht und dass es viele Zwischenformen gibt. Es geht eben nicht darum, zwangsmäßig Arbeit zu bekommen, und ich will deutlich machen, dass es Differenzierungen gibt. Aber wir wollen bei diesen Differenzierungen auch nicht stehen bleiben, sondern im Prozess der Zusammenarbeit Forderungen entwickeln die sich nicht auf Vollzeit- und Fabrikarbeit beziehen, sondern auf unsere prekären, unsicheren, flexiblen, zeitbegrenzten Wie-auch-immer-Jobs.

F.J.: Im Vorbereitungskreis gibt es eine spannende Kontroverse über die Bewertung von Prekarisierung. Für mich ist Prekarisierung zunächst ein analytischer Terminus und mich interessiert daran was sich für die Linke daraus ergibt. Dass der Kapitalismus an Grenzen stößt, kann ich nicht als negativ ansehen. Vor diesem Hintergrund wird für mich die Forderung nach globalen Rechten wichtig. Eine Forderung, die in der Linken umstritten ist und wofür es bisher noch kein allgemeines Interesse gibt.

ak: Wer ist eure Zielgruppe? Alle Menschen, die sich im Prozess der Prekarisierung befinden, oder ist das wieder eine Entwicklung der Selbstbezogenheit der Linken, weil "wir" plötzlich alle prekär sind?


I.H.: Es ist zunächst der Versuch, unterschiedliche Linke auf einer Ebene zusammen zu bringen ohne den Bezug auf eine Zielgruppe. Mit der Zielgruppenorientierung hast du schnell ein Problem. Schau dir den Aufruf des DGB zum 1. Mai an. Da wird sich "mit den Schwachen" solidarisiert. Unsere Intention ist eine umgekehrte. Wir wollen eine Zusammenarbeit entwickeln ohne Stellvertreterpolitik zu machen. Natürlich können wir nicht alle Menschen erreichen, wenn wir uns mit prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen beschäftigen, insbesondere nicht Illegalisierte und MigrantInnen. Es geht uns aber darum wie wir sie in das Gesamtkonzept mit einbeziehen können. Das ist unser Ansatz von den mujeres sin fronteras.

E.P.: Ich habe den Eindruck, dass eine Verschiebung stattfindet und man zwischen dem ganz großen Schwammigen und dem ganz Konkreten schwankt. Mein Verständnis ist nicht das einer Zielgruppe, wenn wir Hausfrauen, Illegalisierte oder 1-Euro-JobberInnen ansprechen. Unser Ziel ist es, die Verhältnisse, in denen sie leben, zu kritisieren. Es hört sich zwar selbstverständlicher an, die Personeneigenschaften oder die Identitäten anzusprechen, aber ich glaube wir müssen davon ein bisschen wegkommen.

J.M.: Ziel des internationalen Euro-Mayday ist es einen Referenzrahmen zu schaffen, um linke Gruppen zusammen zu bringen, aber auch einen Raum, wo sich unorganisierte Menschen mit ihren Lebensrealitäten wieder finden können.

ak: Nun gibt es vor dem 1. Mai eine Reihe von Veranstaltungen von ver.di und dem DGB. In welchem Zusammenhang steht dies mit dem Euro-Mayday?


P.B.: Der DGB und ver.di werden in der Woche vor dem 1. Mai unter dem Motto "Überleben in der Stadt der Millionäre" eine ganze Reihe von Veranstaltungen durchführen. Wir beginnen und enden mit einer Kulturveranstaltung. Der Anfang wird mit einer Sozialpartnerrevue im Polittbüro gemacht. Die Themenabende behandeln die Organisierungsprozesse in prekären Verhältnissen in den USA und hier, die Arbeitsbedingungen am Rande der regulierten Gesellschaft, den Glanz der neuen Armut und das Elend des neuen Reichtums und die Frage nach gewerkschaftlichen Strategien im neoliberalen Europa. Tagsüber wird es eine ganze Woche in Work-Shops einen intensiven Austausch zum Thema Organizing mit US-amerikanischen AktivistInnen und hiesigen Betriebsräten und Vertrauensleuten geben. Das Angebot, dass wir mit der Veranstaltungswoche vor dem 1. Mai machen, soll Anreize schaffen auf andere Länder, andere Umgangsarten zu schauen und Anregungen für die eigene konkrete Praxis mit zu nehmen. Nur mit der Spiegelung der eigenen Verhältnisse an anderen Gegebenheiten ist lernen auf betrieblicher Ebene möglich. Wir wollen mit der Woche die betriebliche und gewerkschaftliche Innensicht erweitern und Leute aus Betrieben motivieren, sich mit anderen Themen, die sich jenseits ihres direkten Umfeldes und Lebens befinden, auseinander zu setzen.
Allerdings hat diese Woche mit den Vorbereitungen zum Mayday erst mal nichts zu tun. Beide setzen aber hervorragend aneinander an.

ak: Getrennt marschieren, vereint schlagen also. Hamburg ist als zentraler Ort für die Mayday-Parade ausgeguckt worden. Wie wird da die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften gesehen?

F.J.: Es verwundert wahrscheinlich nicht, dass es etliche Stimmen gibt, die keinen Bock darauf haben, auf eine DGB-Demo zu gehen und darauf bestanden wird, dass in irgendeiner Weise eine eigene Identität hergestellt wird.

J.M.: Das ist aber nicht nur eine Frage der Identität, sondern es geht auch darum, die neuen Inhalte und die spezifischen Ansätze, die wir mit der Fokussierung auf das Thema Prekarität in die Öffentlichkeit transportieren wollen, nicht zu verwässern. Natürlich soll die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften forciert werden, aber es gibt halt auch Erfahrungen aus anderen Events und Aktivitäten die zeigen, dass Großorganisationen dazu neigen bestimmte Prozesse dominieren zu wollen. Wir wollen einen Weg finden, bei dem es eigene Veranstaltungen und eine eigene Mayday-Parade gibt, während gleichzeitig eine größtmögliche Kooperation mit Gewerkschaften versucht wird.

F.J.: Vielleicht gehen wir von unterschiedlichen Orten los und treffen uns an einem zentralen Ort mit dem DGB oder wir gehen einen Teil der Strecke gemeinsam. Ich glaube, wir brauchen von unseren Planungen her keine Angst zu haben, dass wir untergehen oder vereinnahmt werden. Wir müssen uns vor dem, was den 1. Mai des DGB ausmacht sicherlich nicht verstecken und können selbstbewusst auftreten.

ak: Wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit mit dem DGB und mit ver.di?


F.J.: Die Zusammenarbeit ist informell, extrem informell. Es läuft vorrangig über persönliche Beziehungen, die sich aus anderen Kämpfen hergestellt haben. Spannend wird es, was sich nach den Mayday-Aktivitäten weiter ergibt. Mit Peter darüber zu reden ist einfach. Gehe ich in andere verdi-Fachbereiche wird es schon viel schwieriger. Zur IG BAU gibt es Kontakt über die Internationale Wanderarbeitergewerkschaft, wo die Linken sehr aktiv sind und ich hoffe, dass es von daher auch zu einer Zusammenarbeit kommt. Aber es gibt im Moment keine organisatorische, inhaltliche oder Diskussionsplattform. Aber über kurz oder lang muss es innerhalb der Gewerkschaften Diskussionen über diese Fragen geben. Und ich will das 1.-Mai-Thema "Würde" mit Leben erfüllt sehen. Zum Beispiel dadurch, dass ähnlich wie in Basel das Gewerkschaftshaus Anlaufadresse für Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus wird.

ak: Wenn ich euch recht verstanden habe, seht ihr die diesjährigen Aktivitäten als den Beginn einer längeren Entwicklung.


I.H.: Wenn du dir anschaust, wie die Situation in Italien ist, da sind wir noch richtig weit von entfernt. Die diesjährige Mayday-Parade als beginnenden Prozess anzusehen ist das Einzige, was Sinn macht.

E.P.: Ich seh das auch so. Die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, mit etablierten und institutionellen Strukturen sehe ich gar nicht in Abgrenzung oder als schwieriges Verhältnis, sondern eher als eine Möglichkeit, klarer differenzieren zu können und andere Positionen einzubringen. Die Gewerkschaften können uns gar nicht vereinnahmen, weil sie Hausarbeit oder gewisse "Nichtarbeiten" gar nicht auf ihrer Agenda haben. Mein Ziel ist es nicht, mich an den etablierten Strukturen abzuarbeiten, sondern die Möglichkeiten und Räume zu nutzen, die mit deren Hilfe besetzt werden können.

ak:Seit ihr also diejenigen, die dem 1. Mai frisches Leben einhauchen und an gute und kämpferische Traditionen anknüpfen wollen?


I.H.: Was ich von jüngeren Linken mitbekomme, haben die eine wesentlich größere Offenheit gegenüber diesem Tag, gegenüber neuen Zielen und eine größere Offenheit, Räume anders zu besetzen. Auch in dem Sinne der Hinwendung zu neuen Themen die alte sind.

F.J.: Okay, vielleicht sind wir antizyklisch. Aber wenn du dir die Historie des 1. Mai anschaust, dann steht das immer für prekäre Lebensverhältnisse, gerade die Ursprünge des 1. Mai in den USA. Und diese Linke, die in den letzten Jahren einige Themen platzieren konnte und die in den 1990er Jahren extrem plakativ und kampagnenmäßig operiert hat, kommt jetzt an einen Punkt, wo sie auch Mobilisierungs- und Organisierungsfähigkeit zeigen muss. Deshalb ist der 1. Mai auch ein symbolischer Tag, weil er all dies im historischen Gedächtnis verkörpert.

aus: ak - Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 492 / 18.2.2005