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Fleisch oder nicht-Fleisch -

von Camp-Vorbereitung - 12.07.2002 16:02

Erklärung zur Entscheidung auf dem Grenzcamp nicht nur vegan/vegetarisch zu kochen: Essen ist wichtig - soviel steht fest! Der Rest ist umstritten: Ist Essen politisch, also gesellschaftlich relevantes Phänomen, oder ist Essen rein private, nichts als individuelle Angelegenheit? Oder ist das ein falscher Gegensatz, ist Essen beides? Und wenn ja, in welchem Verhältnis stehen Politisches und Privates zueinander? Klar dürfte sein, das sind schwierige und komplexe Fragen. Schnelle, ja eindeutige Antworten verbieten sich deshalb von selbst! Und doch: in einer Hinsicht erscheint es angesagt, dass sich die Vorbereitungsgruppe des 5. Antirassistischen Grenzcamps erklärt, schliesslich steht in Sachen Essen eine bedeutsame Veränderung in's Haus: erstmalig wird's auf einem Grenzcamp auch Gerichte mit Fleisch geben und nicht mehr nur veganes Essen.

Ob's passt oder nicht, diese Veränderung ist ein Politikum. Denn ganz gleich, wie es jedeR einzelne Grenzcamp-AktivistIn mit Fleisch-Essen hält (bzw. mit Vegetarismus oder Veganismus), dass auf den bisherigen Grenzcamps vegan gekocht wurde, das ist kein Zufall, und auch ist es keineswegs Ausdruck davon, dass die überwältigende Mehrheit der CamperInnen ausschliesslich veganes Essen favorisieren, zumindest aber den Verzehr von Fleisch prinzipiell ablehnen würde. Nein, dass vegan gekocht wurde, ist vielmehr Ausdruck eines bestimmten Kräfteverhältnisses, so wie es sich im Zuge der 90-er Jahre innerhalb linksradikaler und autonomer Zusammenhänge hergestellt hat, und somit auch innerhalb solcher Zusammenhänge - dies sollte nicht aus dem Blick geraten -, die mehrheitlich deutsch-weiss dominiert sind.
Wie und warum es zu diesem Kräfteverhältnis gekommen ist, das soll jetzt in aller Kürze skizziert werden, um auf dieser Grundlage besser begründen zu können, weshalb sich das diesmalige Grenzcamp nicht mehr in besagtes Kräfteverhältnis samt Konsequenzen einordnen kann bzw. will.

Die in autonomen und linksradikalen Zusammenhängen in Deutschland am häufigsten vertretenen Anti-Fleisch-Argumente dürften die folgenden sein:

  1. Die agroindustriell betriebene Fleischproduktion ist in vielerlei Hinsicht umweltzerstörerisch, unter anderem (!) dadurch, das (Regen-) Wald und wertvolle Ackerböden zugunsten von Weideland zerstört werden.
  2. Um Fleisch zu produzieren, müssen Tiere zunächst gefüttert, d.h. mit Futtermitteln aufgezogen. werden. Global klappt das nur, weil eine Vielzahl sog. armer Länder Futtermittel produzieren und diese in die sog. reichen Länder exportieren; dadurch fallen im Gegenzug die entsprechenden Ackerflächen für die direkte Nahrungsmittelproduktion weg. Anders gesagt: Fleischproduktion ist eine (!) wichtige Ursache im (gesellschaftlich produzierten) Welthunger!
  3. Ob in Vergangenheit oder Gegenwart, die kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaften des sog. Westens sind destruktiv: wann immer ihre Interessen berührt wurden, noch nie haben sie vor Tod, Zerstörung und Unterwerfung zurückgeschreckt, ganz gleich, ob Menschen, Natur oder Tiere betroffen waren. Vor diesem Hintergrund gewinnt das (v.a. agroindustriell durchgeführte) Töten von Tieren in westlichen (!) Gesellschaften eine sehr spezifische Bedeutung. Es ist Ausdruck destruktiver Gesellschaftlichkeit und schreibt diese insofern auch fort.
  4. Viel und v.a. fettiges Fleisch zu essen, ist in Deutschland (und auch andernorts im Westen...) eine kulturelle Praxis, die nicht zuletzt wohlstandschauvinistische Sattheits-, Selbstgefälligkeits- und Dazugehörigkeitsgefühle zum Ausdruck bringt, d.h. kultiviert bzw. herstellt. In den 80-er und 90-er Jahren ist das exemplarisch durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl verkörpert worden. Eine andere, nämlich fleischfreie Esskultur zu entwickeln, muss von diesem Blickwinkel aus als eine sub-kulturelle, symbolisch hochgradig aufgeladene Kampfansage an den kulturellen mainsteam in Deutschland begriffen werden.
  5. Tiere sind fühlende und empfindsame Lebewesen - mit eigenem Existenzrecht, ähnlich (!) wie Menschen. Sie zu töten, ist deshalb - jedenfalls im Grundsatz - ethisch illegitim. Dieses Argument zirkuliert in den verschiedensten Abstufungen, unter anderem in Abhängigkeit (!) von der jeweiligen Tierart: So argumentieren Manche, dass Fische oder Schnecken weitgehend schmerzunempfindlich wären - anders als z.B. Schweine - und es deshalb legitim wäre, erstere zu töten und zu essen, letztere aber nicht. Mitunter wird eine solche Ausdifferenzierung auch auf Haltung und Tötungsmethoden übertragen: Würden z.B. Schweine ‚artgerecht' (wie es immer heisst...) gehalten sowie direkt und schnell getötet, sei auch massvoller Schweinefleischkonsum legitim.
  6. Tieren kommt exakt dasselbe (!) Existenz- und Unversehrtheitsrecht zu wie Menschen. D.h. in ethischer Hinsicht ist es prinzipiell, also ohne Ausnahme, illegitim, Tiere zu töten oder ihre Arbeitskraft auszubeuten. Konkret: Konsum bzw. Verwendung tierischer Produkte ist aus dieser Perspektive grundsätzlich abzulehnen, seien es Nahrungsmittel wie Fleisch, Milch, Bienenhonig etc. oder seien es ‚Rohstoffe' wie Leder, aus Knochen gewonnener Gelantine, Tierwolle etc. Und auch ansonsten ist Tieren umfassender Respekt entgegenzubringen: Ob Zoos, Tierzirkusse oder Pferdesport, ob Gewalt, Freiheitsberaubung (Vogelkäfige, Aquarien...) oder verwandte Praktiken, alles das verbietet sich - nicht anders als bei Menschen!
Soweit die am häufigsten als politische (!) Überlegungen in die Waagschale geworfenen Anti-Fleisch-Argumente. Es dürfte klar sein: jedes dieser Argumente gibt's in 1000 Schattierungen und Varianten, und auch ist keines der Argumente je unwidersprochen geblieben. In diesem Sinne hat's in den vergangenen 10 Jahren zu keinem Zeitpunkt so etwas wie einen vegetarischen bzw. veganen Konsens innerhalb linksradikaler Zusammenhänge gegeben. Stattdessen gab's immer schon 3 grosse Lager (samt Unterabteilungen): Eine knappe Mehrheit ernährt sich vegetarisch (d.h. ohne Fleisch, aber mit Milchprodukten), eine starke Minderheit isst weiterhin Fleisch und lediglich eine ausdrückliche Minderheit lebt strikt vegan und organisiert sich oft auch noch in politisch agierenden Vegan-Zusammenhängen. Wie stark die einzelnen Lager (gewesen) sind, das schwankt bis auf den heutigen Tag je nach Region, Stadt, Alter, Teil-Szene etc. Fest steht lediglich, dass die linksradikalen Vegan-Fraktionen selbst in ihrer politischen Hochphase (ca. Mitte der 90-er Jahre) nie mehr als 10-15% der Gesamtszene ausgemacht haben. Um so erstaunlicher ist es deshalb, dass auch heute noch die allermeissten Voküs vegan kochen. Wer das verstehen will, muss sich ein komplexes Ineinander verschiedener Abläufe vor Augen führen:

  1. Weil die als Politikum verstandene Ernährungsfrage ein zentrales Anliegen aller Vegan-Zusammnhänge ist, sind viele VeganerInnen im Laufe der 90-er Jahre in's Vokü-Buisiness eingestiegen - mit der schlichten Konsequenz, dass sie sehr weitgehend darüber bestimmen konnten, was auf den Tisch kommt und was nicht. Ob mensch das als Machtpolitik begreift oder umgekehrt: als charmanten Schachzug, sei mal dahin gestellt, erwähnt sei nur, dass es seitens der Fleischfraktion nie ernsthafte Versuche gegeben hat, ausdrückliche Fleisch-Voküs in's Leben zu rufen...
  2. Desweiteren hat es aber auch Vokü-Gruppen gegeben, die sich mit der Devise des ‚kleinsten gemeinsamen Nenners' für's vegane Kochen entschieden haben: Vegan kann jedeR essen, insofern ist niemanden ausgegrenzt! Diese Überlegung ist insbesondere in den letzten Jahren immer zentraler geworden.
  3. Viele linke VegetarierInnen begrüssen veganes Essen, nicht nur weil's lecker ist, sondern auch, weil's hilft, das schlechte Gewissen ein klein wenig zu beruhigen, schliesslich leben die allermeissten von ihnen in einem nicht aufgelösten Selbstwiderspruch: De facto hängt nämlich Milch- und Fleischproduktion zusammen: während weibliche Tiere Milch produzieren, werden die männlichen Tiere (mit Ausnahme der Zuchtbullen etc.) getötet und zu Fleisch verarbeitet. Verhindern liesse sich das nur, wenn sämtliche männliche Tiere in eigens eingerichteten Tierfarmen bis zu ihrem natürlichen Tod ein glückliches Leben leben dürften - eine Lösung, welche unter kapitalistischen Bedingungen allein schon aus ökonomischen Gründen zum Scheitern verurteilt ist. Das aber heisst: Wer Milchprodukte konsumiert, akzeptiert de facto, dass es Fleischproduktion gibt, auch wenn sie bzw. er eigentlich das Töten und Essen von Tieren ablehnt. Wie gesagt: ein Zirkel, aus dem nur die vegane Lösung heraushilft, weshalb viele VegetarierInnen die vegane Vokü-Hegemonie immer schon akzeptiert haben.
  4. Nachdem viele Streits und Debatten rund um Veganismus extrem nervenaufreibend, ja eskalativ verlaufen sind, hatten viele Beteiligte irgendwann keine Lust mehr, sich weiterhin an dieser Frage aufzureiben. Insbesondere VertreterInnen der Fleischfraktion haben spätestens 1997/98 die Debatten-Segel gestrichen - und stattdessen lässig-provokativ ihr eigenes ‚Mein-Gaumen-gehört-mir-Credo' verfolgt: ‚Wann immer ich will, esse ich Fleisch, sei es zu Hause oder an der Dönerbude, es mag Camp-Zeit sein oder nicht!'.Erleichtert worden ist diese (anti-vegane) Offensive nicht zuletzt dadurch, dass sich diverse Strömungen des Vegan-Lagers zunehmend in's politische Abseits manövriert und somit die gesamte Vegan-Szene diskreditiert bzw. geschwächt hatten. Gemeint sind hiermit weniger die (Mitte der 90-er Jahre) heftig umstrittenen Militanz-Attacken auf Ökometzger u.ä. als vielmehr der Umstand, dass bestimmte (ursprünglich linksradikale) Vegan-Gruppen immer offener reaktionäre Lebens- und Natürlichkeitsideologien stark gemacht haben wie z.B. die Ablehnung von Abtreibung und Verhütung oder die Diskriminierung von Lesben und Schwulen.
  5. Es bleibt das Pragmatische: Finanziell und organisatorisch (Stichwort: Kühlschränke) ist Fleischzubereitung sehr viel aufwendiger als vegane Küche. Das hat schon immer allen eingeleuchtet, auch eingefleischten Fleisch-EsserInnen.
Wir möchten ein erstes Fazit ziehen: Dass in den meissten Voküs vegan gekocht wird (und es folglich auf den bisherigen 4 Grenzcamps nichts anderes gab), das ist unter'm Strich Ausdruck eines Burgfriedens der undogmatisch Radikalen Linken - eines Burgfrieden, so wie er sich (in den 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts) entlang der skizzierten Argumente, Dynamiken und Machtpolitiken herausgeschält hat.

So, als Vorlauf dürfte das genügen, wir möchten jetzt begründen, weshalb es auf dem nächsten Grenzcamp nicht nur veganes Essen, sondern auch 3x Essen mit Fleisch geben wird.
Ausgangspunkt unserer Küchenentscheidung ist eine Doppel-Prämisse gewesen: 1. Wie schon mehrfach angeklungen, ist besagter Burgfrieden eine Beschlusslage, welche innerhalb einer deutsch-weiss dominierten Szene zustandegekommen ist - was ja auch daran deutlich wird, dass viele der in's Feld geführten Anti-Fleisch-Argumente solche sind, die von einem spezifisch westeuropäischen Blickwinkel aus formuliert sind (was jedoch nicht heisst, dass in der Struktur ähnliche Argumente nicht auch ausserhalb Westeuropas anzutreffen wären). 2. Ein Burgfrieden ist eine Beschlusslage, welche gemeinhin nur für diejenigen Gültigkeit besitzt, die sie direkt oder indirekt mitausgehandelt haben (und sei es nur dadurch, dass sie sie als nachfolgende Generationen übernommen und somit aufrechterhalten haben).
Bezieht mensch diese beiden Prämissen auf's Jenaer Grenzcamp, wird deutlich, weshalb es politisch (!) folgerichtig ist, den bislang auf Grenzcamps geltenden Burgfrieden in Sachen Fleisch aufzukündigen: Personell wird das diesmalige Grenzcamp anders zusammengesetzt sein als die früheren Camps: Erstmalig werden selbstorganisierte Flüchtlinge (und MigrantInnen) zentral mit von der Partie sein, also Menschen, die zum allergrössten Teil nicht am Zustandekommen besagten Burgfriedens, d.h. veganer Vokü-Ess-Kultur beteiligt gewesen sind (was auch daran deutlich wird, dass bereits einige der an der Vorbereitung beteiligten Flüchtlinge ihr diesbezügliches Unverständnis artikuliert haben). Hieraus folgt aber, dass es politische Geisterfahrerei wäre, weiterhin einfach nur vegan zu kochen. Denn de facto wäre das nichts anderes, als einem Teil der Grenzcamp-Community den von einem anderen Teil der Grenzcamp-Community ersonnenen Willen aufzuzwingen.
Präziser formuliert heisst das: Worum es nicht geht, ist, das Gerücht in die Welt zu setzen, (linksradikale) Flüchtlinge und MigrantInnen würden lieber bzw. mehr Fleisch essen als deutsche Weisse (mit linksradikalem backround). Eine solche Behauptung wäre in beide Richtungen schlicht falsch, genauso wie es völliger Quatsch wäre, einfach deshalb Fleisch zu servieren, weil irgendwelche Flüchtlinge und MigrantInnen das eingefordert hätten. Nein unser Argument ist anders, es ist - im besten Sinne des Wortes - formal: Wo neue Bündnisse geschmiedet werden, dort heisst es Abschiednehmen von eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten. Dort ist stattdessen Interesse, Offenheit und Engagement gefragt, also die Bereitschaft, Debatten-Räume aufzumachen, d.h. zu hinterfragen, aber auch sich hinterfragen zu lassen - und gegebenenfalls zu streiten, das allerdings mit der Perspektive, nach Möglichkeit (!) etwas Gemeinsames zu finden, ob als spannungsgeladenen Kompromiss oder als etwas völlig Neues.
So betrachtet, ist die Küchenfrage ein gutes Beispiel dafür, was gemeint ist, wenn im diesmaligen Aufruf von trans-identitärer Organsierung die Rede ist: Denn trans-identitäre Organisierung heisst, dass Gruppen und Menschen mit dem Ziel zusammenkommen, eine gemeinsame Sprache, d.h. gemeinsame Perspektiven und Praktiken herauszubilden. Das aber klappt nur, wo eigene Positionen tatsächlich zur Debatte gestellt werden, wo's die Lust gibt, die Karten neu zu mischen, also Gewachsenes in Frage zu stellen. Auf die Küche gemünzt heisst das: In Sachen Fleisch hat die diesmalige Vorbereitungsgruppe des Grenzcamps noch keine gemeinsame Sprache gefunden. Deshalb erschien uns ein diesbezüglicher Kompromiss als die einzig angemessene Lösung. Konkret: 3 x wird's Fleisch geben, in eigenen (!) Behältnissen hergestellt. Was für Fleisch es geben wird, ist noch nicht entschieden, klar ist nur, dass auch diese Frage eine ist, die ggf. Kompromisse erfordert. Der Ergänzung halber sei noch angemerkt, dass uns das bereits erwähnte Argument, wonach veganes Essen de facto am ‚Niedrigschwelligsten' wäre und insofern niemanden ausgrenzen würde, als alternative Kompromissformel nicht überzeugt hat. Denn letztlich ist dieses (eigentlich sehr sympathische!) Argument bereits Bestandteil des sog. Burgfriedens, ist also nur unter Bezugnahme auf diesen plausibel und folglich ebenfalls ‚verbraucht'.
Uns ist klar, dass das viele als Zumutung empfinden werden (die Rede ist schon vom backlash gewesen...), wir denken aber, anders geht's nicht. Die Wirklichkeit ist komplex, also müssen auch unsere Antworten komplex sein! Soviel von unserer Seite, den Rest muss die (politische) Debatte regeln, vielleicht ja auch unter Rückgriff auf diese Erklärung...