zum verhältnis von refugees-nonrefugees
von h. von ag3f - 01.07.2002 17:09
im folgenden einige gedanken, die für die diskussion am 12. april in jena formuliert sind. der text ist -aus dem blickwinkel eines nonrefugees- in ich-form geschrieben, weil die zeit nicht reichte, genauer daran zu diskutieren, um jetzt rechtzeitig ein kollektives ergebnis einzubringen. die einschätzungen und überlegungen kommen allerdings aus langjährigen erfahrungen in einer antirassistischen initiative, in einem flüchtlingscafe und in einer kleinen karawanegruppe.
ein pragmatischer ansatz war beabsichtigt, also das verhältnis von refugees und nonrefugees vor dem hintergrund unmittelbarer erfahrungen zu thematisieren (in gegensatz oder besser in ergänzung zum theoretischeren text "colonial images"). es geht zunächst um fragen von gleichheit und differenz, in einem zweiten teil, der (hoffentlich) demnächst folgen soll, um die sexismusdebatte.
gleichheit und differenz, "wir und sie"
bei einer begleitung auf die ausländerbehörde stellte die behörde meiner
bekannten die frage nach "urlaub mit ihrem ehemann". meine bekannten hatten
bald 5 jahre zusammengelebt, an urlaub war nie zu denken gewesen...
da fiel mir wieder mal auf: ich bin ja kein reisefreak, aber wo ich in den
letzten 5 jahren jeweils einige tolle tage verbracht hatte ...
wir (ag3f, hanau) betreiben seit vielen jahren ein flüchtlingscafe für
direkte "soziale" unterstützung gegenüber den ämtern, wir sind in reichlich
"politische" antirassistische initiativen eingespannt. doch wir können -
theoretisch - morgen aufhören, uns einem anderen "thema" zuwenden oder gar,
wie es oft so nett selbstgerecht heißt, "endlich mal nur für sich selbst
arbeiten oder sich ausbilden".
flüchtlinge und migrantInnen in ungesicherten aufenthaltsverhältnissen
können das nicht, vielleicht nie, weil sie der rassistischen diskriminierung
immer wieder ausgesetzt sind, in dieser oder jenen form.
"wir" hingegen sind diesbezüglich eindeutig privilegiert, "wir haben die
wahl", ob und wieviel wir uns gegen rassistische gewaltverhältnisse stellen
wollen.
insofern ist ein mißtrauen von refugees bezüglich der ernsthaftigkeit von
nonrefugees nicht nur nachvollziehbar sondern in vielen fällen begründet.
jedenfalls sind die ausgangsbedingungen völlig different.
umgekehrt gibt es die regelmäßige, doch auch oft enttäuschende erfahrung,
daß flüchtlinge, die einen ungesicherten status haben oder gar von
abschiebung bedroht sind, zwar gegen dieses unrecht ankämpfen, oft aber nur
solange, bis sie einen besseren status besitzen und sich dann, im gegebenen
(abgestuft diskriminierten) rahmen, hocharbeiten können. jobs und
geldverdienen werden dann immer wichtiger, die frühere "gemeinsame
politische arbeit" verliert an bedeutung, wenn sich nichts alsbald sogar
gänzlich zurückgezogen wird.
wie vielen flüchtlingen geht es letztlich doch auch nur um den "traum vom
mercedes"? also um immer größere, gesicherte teilhabe an einem konsummodell?
nicht zu vergessen: sehr oft wird ja geld an die verwandten in den
herkunftsländern geschickt, was zweifellos auch einen beitrag zur
gerechteren einkommensverteilung darstellt. aber die meist familiär geprägte
motivation beinhaltet kaum mehr eine direktere politische
auseinandersetzung.
die ausbeutungssituation wird, auf einem niedrigeren level durchaus
vergleichbar mit der deutschen durchschnittsbevölkerung, individuell
gemanagt, sich eben eingerichtet in der bestmöglichen situation.
"betroffenheit" von refugees, die ja oft kämpferisch oder sogar radikal
auftritt, bleibt in ihrer längerfristigkeit häufig leider mit vorsicht zu
genießen, ein mißtrauen bezüglich perspektivischer gemeinsamkeiten kommt
dann bei "uns nonrefugees" schon auf ...
doch scheint dabei vergessen oder verdrängt, daß dies bei "uns" oft ganz
ähnlich läuft: politisierung an eigenen, oft kurzfristigen betroffenheiten,
eventuell einige jahre durchlauf durch verschiedenste initiativen, und
danach der mehr oder weniger schnelle rückzug ins private.
migration ist (u.a.) eine soziale aneignungsbewegung, viel existenzieller
aber im grunde doch vergleichbar mit gewerkschaftlichen forderungen oder
auch mit hausbesetzungen, also aneignungen in anderen bereichen.
flüchtlingsproteste tragen insofern zwar potentiell die möglichkeit eines
längerfristigen, umfassenderen und vor allem internationalen kampfes in
sich, werden aber keinesfalls automatisch dazu.
gegenseitige erwartungen sind also schnell gegenseitig enttäuscht,
wenn refugees keine dauerhafte unterstützung bekommen bzw. nicht im
erhofften (manchmal überfordernden) maß.
oder wenn nonrefugees bei den flüchtlingen kein revolutionäres subjekt
finden.
auf politischer ebene fühlen sich im schlechtesten falle beide seiten
funktionalisiert. die nonrefugees als vor den karren gespannte
unterstützerInnen, die mit der opferkarte in die pflicht genommen werden.
die refugees als autonome bewegungsmasse, die die mangelnde verankerung der
linken wettmachen sollen.
von kolonialen "erblasten" war noch gar keine rede (siehe aber den anderen
text über "koloniale bilderwelten.."), nur von alltäglichern politischen
kluften, die allein schon verdeutlichen, daß einfache gleichmacherei den
unterschiedlichen situationen nicht gerecht wird.
"zusammen kämpfen" ist und bleibt ein ziel, aber kein einfacher
ausgangspunkt.
vielleicht gibt es in der differenz kompensierende parallelen bezogen auf
unterdrückungserfahrungen: frauen sind mit sexistischen gewaltverhältnissen
konfrontiert, politische aktivistInnen mit repression, die überwachung,
festnahmen oder gar gefängnis bedeuten kann. solcherlei erfahrungen können
einiges überbrücken aber nichts einebnen.
ich habe kein interesse, trennungslinien nachzuzeichnen und finde eine
vermittlung antirassistischer ansätze in andere gesellschaftliche felder
zentral. doch ich bleibe mißtrauisch, wenn zu schnell von "gleichen
interessen" gesprochen wird. der auseinandersetzungsprozeß erscheint mir
komplexer.
das statement, "wir kämpfen mit flüchtlingen, nicht für sie" ist zwar
richtig, erscheint mir aber häufig vereinfachend und eher
selbstvergewissernd. ich stehe auch zur "supporting-work".
ich verstehe und sehe mich bewußt in einer doppelrolle: als unterstützer
sowie als aktivist! als antirassist, der der situation und den forderungen
von flüchtlingen einen besonderen stellenwert gibt, der (zugespitzt
formuliert) letztlich eine abhängigkeit der antirassistischen bewegung von
der selbstorganisierung der migrantInnen sieht. der aber gleichzeitig
unabhängige initiativen betreibt, im antira-bereich wie darüberhinaus.
ich kämpfe insofern "für" flüchtlinge und "mit" ihnen.
balance ist gefragt zwischen unterstützung oder empowerment gegen die
ungleichen ausgangsbedingungen einerseits und der gleichheitsforderung gegen
die aufspaltungen andererseits.
"differenzdebatte", immer noch, immer wieder, ein bleibendes
spannungsverhältnis, das herausfordert, sich zu bewegen: für "uns
nonrefugees" zwischen unterstützung, "funktionalisieren lassen" bis zu
"positivem rassismus" auf der einen seite, und der entwicklung "ganz eigener
politikformen" und der "verweigerung der differenzen" auf der anderen seite.