Zur Diskussion um die Verhältnisse zwischen refugees und nonrefugees
von h., AG3F - 01.07.2002 16:55
einige anmerkungen und fragen aus dem ersten treffen für die zweite runde
gegenseitiger lernprozeß...
es gibt zwar weder die homogene gruppe der refugees noch die der
nonrefugees, vielmehr bestehen jeweils reichlich differenzen, die ein "wir"
und "ihr" letztlich in frage stellen.
dennoch können und müssen wir für die jeweiligen sozialen realitäten, für
die entsprechenden prioritäten interessen und ziele sowie für die
herangehensweisen und organisierungsformen von refugees und nonrefugees die
existierenden unterschiede reflektieren.
dies muß ein kontinuierlicher, gegenseitiger lernprozeß sein, den wir mit
den extrameetings und dem kommenden camp in jena verstärken können aber
sicher nicht beenden werden ... "this is not a summer revolution!"
1. who supports whom?!?
einige nonrefugees: "wir sehen uns bisweilen in einer argumentation
funktionalisiert als dumme unterstützerInnen, die ihre schuld für 500 jahre
kolonialismus und den bestehenden rassismus abzutragen und deshalb den
vorgaben und kampagnen der opfer, also der betroffenen flüchtlinge, zu
folgen haben...".
einige refugees: "wir unterstützen euch tagtäglich gegen die rassistischen
strukturen in deutschland, im aufbau für eine offene gesellschaft, und
werden oftmals als vorzeigeflüchtlinge in euren kampagnen instrumentalisiert
..."
wir brauchen mehr zeit für offene und ehrliche auseinandersetzungen um
jeweilige taktische kampagnen und längerfristige ziele (siehe punkt 4), wie
wir uns aufeinander beziehen können und wollen ...
((erfahrungen/analyse bieten die karawane (1 und jetzt 2), die grenzcamps,
die residenzpflichtkampagne, antiabschiebekampagnen (einzelfallkampagnen und
stop deportation class..), die von kanak attak nun nochmal in die debatte
gebrachte legalisierungskampagne ...))
2. identitäten ... wie organisieren?
"wenn du mit mir sprichts, vergiß, daß ich jude bin ... und wenn du mit mir sprichst, vergiß nie, daß ich jude bin..." - dies wurde auf dem letzten
extrameeting zitiert, um die ambivalenz der identitäten selbst sowie des
umgangs damit deutlich zu machen.
die selbstorganisierung von "betroffenen"-gruppen ist nötig und wichtig, um
die jeweiligen unterdrückungen klar benennen und spezielle forderungen und
kämpfe dagegen entwickeln zu können.
z.b. organisieren sich schwarze oder kurdInnen oder flüchtlinge, weil sie
ihre berechtigten interessen im allgemeinen kampf für eine bessere
gesellschaft nicht ausreichend wiederfinden bzw. weil z.b. weiße, türkInnen
oder nichtflüchtlinge die strukturen dominieren und ihre interessen zumeist
an die erste stelle setzen.
gruppenspezifische, "identitäre" organisierung im sinne von selfempowerment
bildet eine grundlage für die herausbildung eines umfassenden blickwinkels
im kampf um emanzipation und befreiung. doch diese organisierungen können in
neue dominanzen, nationalismen und reine partikularinteressen abdriften,
wenn nicht der blick und das ziel gleichzeitig auf interessens- und
identitätsübergreifende schritte gelegt werden.
gegenseitiges interesse und offenheit einerseits, transparenz und
vermittlung der jeweiligen organisierungen andererseits könnten diesen
doppelförmigen, ambivalenten prozeß in der balance halten.
also raum und zeit (eigene treffen, eigene organisierung ...) für
spezifische interessen eröffnen bzw. respektieren, zum anderen immer wieder
schnittpunkte schaffen und fragen nach möglichen übergreifenden perspektiven
aufmachen.
geht es dann -in unserem kontext- letztlich um eine multiethnische
organisierung?
oder -weitergefaßt- um das zusammenkommen in einer multitude, einer
horizontal vernetzten struktur, in der die autonomien der jeweiligen ansätze
respektiert und davon ausgehend gemeinsamkeiten entwickelt werden?
und/oder was ist mit transidentitärem prozeß gemeint?
3. ein beispiel zu rassismus und geschlechterbeziehungen ...
das weiß-rote flatterband zur abgrenzung eines frauen-lesben-bereichs beim
letzten camp in frankfurt brachte die auseinandersetzung neu auf den tisch:
- einige refugees kritisierten diese "neue ausgrenzungsform" in einem camp,
das doch den anspruch in sich trifft, die grenzen abbauen zu wollen. und die
vorstellung, daß auch andere gruppen in einem nobordercamp ihre zelte
"abgrenzen", würde sicherlich ein befremdendes bild ergeben.
- andere (frauen und männer) verteidigen bzw. rechtfertigen diesen schritt
der (in erster linie weißen) frauen als schutzraum, als kleinen bereich,
wohin überhaupt keine männer zugang haben, um deren dominanzen und alle
potentiellen sexistischen belästigungen oder Übergriffe auszuschließen.
die unter punkt 3 benannten ambivalenzen können in ähnlicher form auch auf
dieses auseinandersetzungsbeispiel im geschlechterverhältnis übertragen
werden.
insofern wäre respekt gegenüber der entscheidung der frauen gefordert, die
diesen "identitären schutzraum" für sich wünschen und/oder brauchen. und daß
die frauen/lesben in einem geschlechtlich gemischten camp mitzuwirken,
drückt ja das grundsätzliche interesse nach schnittpunkten oder gemeinsamer
praxis aus.
andererseits wäre es gut, wenn diese einrichtung eines extrabereichs besser
vermittelt würde, eine größere transparenz dieser erfahrung und entscheidung
vor allem gegenüber denjenigen geschaffen würde, die mit den
dahinterstehenden auseinandersetzungen nicht vertraut sind.
zudem wäre es sicher notwendig und hilfreich, wenn eine debatte um die frage
(weiter)geführt würde, welche erfahrungen mit solchen sexistischen
belästigungen oder übergriffen gemacht wurden, wie damit, am besten
präventiv, umzugehen wäre, wie also auch darüber transparenz geschaffen und
auseinandersetzung in gang gebracht wird.
4. gemeinsame fernziele und die taktische kampagnen und aktionsformen
"globale gerechtigkeit und die abschaffung aller unterdrückungs- und
ausbeutungsformen..." ließe sich wohl als gemeinsames, wenn auch abstraktes
fernziel definieren, dabei sei dahingestellt, ob ein basisdemokratisches,
ein kommunistisches oder ein anarchistisches weltbild dahintersteht.
wesentlicher für die erfahrungen der letzten jahre und die kommende zeit
waren und sind allerdings fragen an taktische kampagnen, an damit verbundene
forderungen und deren praktische ausgestaltung.
gerade im hinblick auf das kommende camp erscheint es sinnvoll, an einer
konkreten kampagne, nämlich der gegen die residenzpflicht diese debatte zu
vertiefen und an konkreten fragestellungen zu reden, die ja leicht auch auf
viele andere kampagnen zu übertragen sind:
- wie war diese kampagne entstanden, was waren/sind die zentralen
bestimmungen? (flüchtlinge als trägerInnen, skandalisierung und
menschenrechtsbezug, apartheidsbegriff als verbindung zu
herkunftsländern...???...)
- welche rolle wurde/wird unterstützungsgruppen darin gegeben, welche
erwartungen bestanden/bestehen?
- war eine (taktische) breite in reformistische/lobbyistische
initiativen/parteien vorgesehen?
- gab/gibt es eine konkrete erfolgserwartung oder ist die kampagne eher ein
weg, ein prozeß für die (selbst)organisierung?
- war/ist freedom of movement die "revolutionäre fortschreibung" der doch
beschränkteren forderung nach abschaffung des residenzpflichtgesetzes?
- welches verhältnis/welcher stellenwert besteht zu anderen
antirassistischen kampagnen? als ergänzung/teil der vielfalt oder eher als
zentraler focus?
- welche aktionsformen wurden/werden favorisiert bzw. was sind
erfahrungen/überlegungen zur ausweitung des zivilen ungehorsams?
- wie würde die bilanz insgesamt aussehen nach etwa zwei jahren der
kampagne? wo sind die grenzen, wo und wie geht es weiter (nach dem camp)?
24.05.2002