NEVROZ ATEÞI (Newrozfeuer) - Sazkomposition von Haydocan 1998 (REALAUDIO)
 
Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft Kassel und Umgebung im Freien Radio Kassel vom 25. Maerz 1998.

Newroz ist ..... 

..... das Neujahrsfest der iranischen Völker  

..... der kurdische Nationalfeiertag 

..... ein Tag für Massaker
      an der kurdischen Bevölkerung
in der Türkei 
 

..... ein Tag der Krawalle auf deutschen Straßen 

..... ein 'türkischer Staatsfeiertag'
 
 
Newroz hat viele Facetten  
 

  
 

..... Neujahrsfest der iranischen Völker

NEWROZ, "der neue Tag", wird bei allen iranischen Völkern - bei Persern, Tadschiken, Afghanen, Belutschen und Kurden - als Beginn des Frühling, als Beginn des neuen Jahres gefeiert, wenn die Tage länger werden als die Nacht: nämlich am 21. März

Newroz symbolisiert den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, den Sieg des Guten über das Böse. Nach langem harten Winter schmelzen Eis und Schnee in der Wärme der Frühlingssonne, neues Leben strömt in Halme und Zweige, das Leben entfaltete wieder seine volle Kraft; Tiere und Menschen sind bereit für einen Neubeginn.
 
Newroz ist ein Fest der Freude. 
    Heute ist Newroz 
    Frohes Fest, mein Mädchen 
    Gib mir ein Küßchen! 
    Frohes Fest! 

    (aus einem Newroz-Lied)

Zur Feier von Newroz werden oft spezielle Gerichte auf
den Tisch gebracht und das Haus mit Weidenkätzchen,
blühenden Quittenzweigen oder Narzissen, Tulpen und
Hyazinthen geschmückt. Man trägt neue Kleider, und
mancherorts zerbricht man altes Geschirr - das soll
Glück bringen. 

In einigen Gegenden wird das Fest mehrere Tage lang
gefeiert. In dieser Zeit besucht man Verwandte, versucht
Mißstimmigkeiten aus dem vergangenen Jahr ins Reine
zu bringen und sich wieder zu versöhnen, und es gibt
Geschenke für die Jüngeren. In manchen Landesteilen
geht die städtische Bevölkerung am letzten Tag der New-
roz-Feierlichkeiten mit der ganzen Familie aufs Land und
verbringt den ganzen Tag von Sonnenaufgang bis Sonnen-
untergang in freier Natur.

Foto: Frits Meyst / Hollandse Hoogte

 

 

 

 

Schicht um Schicht findet sich die vielfältige Kulturgeschichte dieses geographischen Raumes in den Newroz-Bräuchen wieder, schließlich hat dieses Fest eine Tradition von Tausenden von Jahren. Die muslimischen Schiiten etwa feiern dieses Fest als Geburtstag ihres Propheten Ali, einem der Nachfolger von Mohammed. Einige Riten der Yeziden - einer von den Muslimen verfolgten Glaubensgemeinschaft - dagegen gehen zurück auf den Kult der Sonnen- beziehungsweise Feueranbeter der Mithras, andere auf uralte Symbole von Feuer und Reinigung aus der Überlieferung Zarathustras.
 

..... Newroz, d e r  kurdische Nationalfeiertag

Überhaupt spielt das Feuer bei den Newroz-Feierlichkeiten ein zentrale Rolle; besonders auch in der kurdischen Version der zahlreichen Legenden vom Ursprung des Newroz-Festes:
 
 
    Vor vielen tausend Jahren herrschte über das Volk der Meder ein assyrischer Herrscher mit Namen Dahak.  

    Nachdem er seinen eigenen Vater ermordet
     hatte, wuchsen ihm eines Tages zwei Schlangen aus den Schultern. Diese Schlangen mußten täglich mit den Hirnen von zwei Knaben gefüttert werden. Auf  diese Weise verloren viele Familien ihre Söhne. Das Volk konnte die Grausamkeit des Tyrannen nicht mehr ertragen. 

    Zwei Wächter Dehaks gaben den Schlangen insgeheim Schafhirn statt Menschenhirm zu fressen und brachten die jungen Menschen in die Berge und Feridun, der Tapfere, lehrte sie den Kampf. 
     

    Viele Jahre vergingen, bis eines Nachts - in der Nacht von 20. auf den 21. März - überall auf den Bergen als Signal Feuer entfacht wurde. Die Kämpfer kamen unter der Führung Feriduns von den Bergen und vereinten sich mit dem Volk mit Kawa, dem Schmied, an seiner Spitze. Sie griffen Dahaks Palast an und Kawa erschlug mit seinem Hammer den despotischen Herrscher.
     

    Ein riesiges Feuer wurde entzündet und Dahak hineingeworfen. Auf den Gipfeln der Berge wurden Feuer entfacht, um im ganzen Land die Freudenbotschaft vom Tod des Tyrannen und der neuen Freiheit zu verkünden. 
     

    Seit diesem Tag ist Newroz der Tag der Befreiung und der Freiheit.

     

     


Beide Fotos: Jürgen Otto
aus dem Buch:
Nazif Telek:
Newroz für uns alle - hepimizin icin
(Düsseldorf 1989)

                      
   


Trotz der unterschiedlichen Fassungen, in der diese Legende erzählt wird, bleibt ihre Aussage gleich: der Widerstand gegen Unterdrückung und Tyrannei. Und gerade wieder in der Neuzeit wird zum Ausdruck der wachsenden Sehnsucht des kurdischen Volkes nach Frieden und Freiheit, nach einem menschenwürdigen Leben.

Ein Gedicht von Cîgerxwîn

1923 verbot der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk zusammen mit der islamischen Feier des Jahreswechsels auch das kurdische Neujahrsfest.
Nach dem blutigen Militärputsch von 1980 aber, als Tausende von Menschen in den türkischen Gefängnissen auf unvorstellbare Weise gefoltert und ermordet wurden, verbrannte sich  - zum Zeichen des Widerstandes - im Gefängnis von Diyarbakir Mazlum Dogan selbst als lebende Newroz-Fackel.

 
Die großen Gefängnisaufstände jener Zeit hatten
große Auswirkung auf die Wiederbelebung der
Newroz-Traditionen im Zuge der Entstehung einer
kurdischen Nationalbewegung. Die Feierlichkeiten
wurden zunehmend zu Protestkundgebungen ge-
gen das türkische Militärregime, erst recht, als
Mitte der Achziger Jahre die PKK den bewaffne-
ten Kampf aufnahm und sich - verursacht durch
den willkürlichen Staatsterror gegen die kurdische 
Zivilbevölkerung - immer mehr Menschen mit ihr
solidarisierten.
 

Foto: Kurdistan Report
Februar/März 1995

 

..... die Newroz-Massaker 1992 

1992 erreichte die Konfrontation einen Höhepunkt:
Die neue Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Demirel, die mit emokratisierungsversprechen an die Macht gekommen war und von der ‘Anerkennung der kurdischen Realität’ sprach, hatte erstmals Newroz-Festlichkeiten erlaubt. Die PKK rief für diesen Tag zum ‘Volksaufstand’ auf. Schon im Vorfeld der Feiern ließ die Regierung mehrere kurdische Städte von Panzern umstellen. -  Zwei Tage später las man in deutschen Zeitungen folgende Kurzmeldung:

Auch in verschiedenen Großstädten der Türkei kam es zu blutigen Vorfällen.

Der türkische Innenminister verteidigte das staatliche Vorgehen: 

„Wir haben alles Er-
denkliche getan, damit
das Newroz-Fest ge-
feiert werden kann.
Doch die Militanten
der kurdischen PKK,
die nicht wollen, daß
Staat und Bevölke-
rung eins sind, haben
die Vorfälle zu verant-
worten. .... Unsere Po-
lizei hat sich außer-
ordentlich bemüht,
damit die Vorfälle
nicht außer Kontrolle
geraten.“

  Die kurdischen 
Abgeordneten 

der sozial-
demokratischen Koalitionspartei 
waren entsetzt; so der Abgeordnete Sirri Sakak: 

„Wir haben dem Ministerpräsiden-
ten  Blumen ge-
bracht  und als
Dank Kugeln 
erhalten. Was
jetzt vonstatten
geht, ist ein
Massaker“ 

 

  Die kurdische Partei HEP,
die sich wochenlang 
bemüht hatte, es am
Newroz-Tag nicht zu
einem Blutbad kommen 
zu lassen, machte die
Regierung für die Ereig-
nisse verantwortlich,
denn sie habe ver-
sprochen, nicht zu inter-
venieren: 

„Der Staat hat nicht einmal seine eigenen Sicherheitskräfte unter Kontrolle. Überall wurde das Feuer auf die Bürger eröffnet.“ 

  PKK-
Führer 

Abdullah
Öcalan 
drohte
weitere 
Ausein-
ander-
setzungen
an: 

„Ab jetzt
ist  jeder
Tag
Newroz“. 

 

 

..... Newroz-Krawalle auf deutschen Straßen
 

Anläßlich der Massaker in Türkisch-Kurdistan 1992 wurde
der Vorwurf an die deutsche Bundesregierung als wichtige
Waffenlieferantin an die Türkei immer lauter. 

Filmaufnahmen des Fernsehsenders Sat 1 hatten eindeutig
erwiesen, daß von Deutschland geliefertes Rüstungs-
material, insbesondere Schützenpanzer aus Beständen der
früheren DDR, bei den Einsätzen gegen die Kurden im Süd-
osten der Türkei benutzt worden waren. 

Außenminister Genscher mußte einen vorläufigen Stopp
weiterer Rüstungslieferungen verhängen. 
Eigentlich aber
wollte und will man von der Komplicenschaft der deutschen
Regierung nichts hören: 

Seit dem Verbot der PKK und zahlreicher kurdischer Orga-
nisationen 1993 und 94 gehen auch in Deutschland Polizei
und Behörden auf Geheiß des Innenministeriums rigoros
gegen Demonstrationen und Veranstaltungen zu Newroz vor. 

 

 

 

 

 

..... ein 'türkischer Staatsfeiertag'

Nachdem die strikte Verbotspolitik jahrelang nichts gefruchtet hatte, versucht die türkische Regierung, Newroz zu vereinnahmen. In den Medien wird den Türken erklärt, was sie bis jetzt über ihre eigene Geschichte nicht wußten, daß Newroz nämlich ein uraltes „türkisches Fest“ sei. An den Schulen wird den Schülerinnen und Schülern die neue Version des Newrozfestes eingehämmert und offizielle Newroz-Zeremonien werden abgehalten. Der Polizeichef von Izmir verkündete [1996]:

Freilich hindert dies die türkische Regierung - welche Koalition auch gerade 'an der Macht' ist - nicht daran, alljährlich vor dem Newroz-Fest Sondereinheiten des Militärs und der Polizei in Stärke von weit über 100.000 Mann in den Südosten der Türkei zu verlegen.


"Das Neue Jahr beharrt auf einer Lösung
auf der Grundlage der Brüderlichkeit der Völker und
der Freiheit der Arbeit"