"FREMDE TÜREN" 

-   Lieder, Gedichte und  
    ein paar Hintergründe zur 
    kurdischen Arbeitsmigration - 

Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft Kassel und Umgebung
im Freien Radio Kassel
vom 6. Mai 1998.

  
        Der Mond geht auf, der Vollmond  
        Der Wind weht sacht, ganz sacht  
        Hämisch grinsen fremde Türen, 
                                             eine wie die andere  
        Fremde Türen, Türen der Knechtschaft  
        Zum Knecht wird der Tapfere, zum Knecht  
        .......  
                                    [von Hasan Hüseyin Korkmazgil] 

 

        Lohnarbeit ist in der kurdischen Geschichte 
        vielfach verbunden mit Arbeit in der Fremde, 
        mit 'fremden Türen', mit Trennung von der 
        Heimat, mit Trennung von der Familie. 

 

 
         
 
Welchen Verlauf die osmanische Geschichte auch nahm, immer wurde - so oder so - die Herrschaft der alteingesessenen kurdischen Machteliten gegenüber den Bauern weiter gefestigt.
 
        So etwa sollte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mithilfe einer Bodenreform die Macht der kurdischen Großgrundbesitzer gebrochen und das gesamte bebaubare Land denjenigen gegeben werden, die es bearbeiteten. Jedoch gelang es städtischer Oberschicht, Sheikhs und Stammeschefs durch ihre traditionell gut funktionierende Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden häufig, ganze Landstriche und Dörfer auf ihren Namen eintragen zu lassen, ohne daß die tatsächlichen Bebauer des Landes überhaupt von ihren Rechten erfuhren. So wurden aus freien Stammesleuten mit gemeinschaftlichem Weideland rechtlose Habenichtse auf dem Grundbesitz des Stammeschefs und aus alteingesessenen Bauern landlose Pächter.

       Auf diese Weise wurde durch Armut erzwungene Saisonarbeit - weitab von den heimatlichen Bergen - zur Normalität kurdischer Lohnarbeit, sei es auf den Reisfeldern der Großgrundbesitzer in Karacadag (westlich von Diyarbakir), sei es in den malariaverseuchten Baumwollplantagen Çukurova’s bei Adana, oder gar in den staatlichen Tabakfabriken Cibali’s in Istanbul.
- Davon spricht Ahmed Arif in seinem Gedicht

       
„Einsam sind wir nicht“
(1):
 
        Zu einem Horizont gelangten wir, Liebste,  
        So daß wir nicht mehr einsam sind. 
        Ist die Nacht auch lang, Ist die Nacht auch finster, 
        Fern ist doch alle Angst. 
        Liebe ist es, so zu leben, 
        Allein auf sich gestellt 
        Vom Tod nur einen Atemzug entfernt, 
        Allein auf sich gestellt 
        Im Kerker sogar 
        Doch nicht einsam zu bleiben. 
 
        Ich bin es, der frühmorgens fischen geht 
        In fließendem, in stehendem Gewässer, 
        Ich bin es, der die Arbeit ruhen läßt an all den Werkbänken 
        An einem Frühlingsabend. 
        Ich bin nicht eingeschlossen in vier Wände, 
        Ich bin im Reis, in Baumwolle und Tabak, 
        In Karacadag, Çukurova und Cibali. 
 
        Voll Sumpffieber 
        Und giftigen Schlangen, 
        Auf Menschenjagd bei Tag und Nacht , 
        Sind die Reisfelder in Karacadag. 
        Tropfen für Tropfen hell wird der Reis, 
        Wie Tränen eines kleinen Mädchens 
        - Mit blauem Talisman am Fußgelenk, 
        Mit einem Amulett links an der Schulter, 
        Vergessen oben auf dem Berge friert 
        Das Mädchen eines winzigkleinen Stamms - 
        Mit Lastkraftwagen, Maultierkarawanen 
        Begeben sich die Herrn zu Tisch ... 
 
       
        Mein Çukurova,  
        Unser Windeltuch, unser Leichentuch.  
        Dunkel sein Blut, sein Ruf unbefleckt.  
        In dieser Hitze bricht selbst Stein, 
        Das Herz des Arbeiters bricht nicht.  
        So gibt es denn Baumwolle  
        Weißer als Wolken, weicher als Schaum.  
        Hitzig und streitlustig ist der Tollkopf,  
        In Anatoliens berühmten Gefängnissen  
        Sitzen so viele aus Çukurova.  
        So dem Freund seine Wunde zu zeigen,  
        Selbst einer Weide noch Wasser zu geben,  
        So aus dem Herzen  
        So tief empfunden  
        Zu singen und zu fluchen  
        Ist typisch für einen aus Çukurova ...  

  
         Kennst du den Tabak? 
        "Mädchenhaar" sagen die Zeybeken, 
        Er trinkt nicht jedes Wasser, 
        Bescheidet sich nicht mit jedem Platz, 
        Er fröstelt, 
        Ziert sich, 
        Ist schnell verstimmt, 
        Feingeschnitten zwischen zwei Blättern 
        Ist ein Teil meines Herzens, 
        In dünnes, weißes Papier gewickelt, 
        Brennt er auch in schlechten Zeiten und überläßt sich 
        Den schweigenden Lippen des Freundes ... 

        Von ihren Gassen, 
        Ihren Ufern, 
        Dem Himmelsblau, 
        Von ihrem Brot, 
        Von ihrem Teuersten getrennt, 
        Der Last, dem Gift 
        All ihrer Sehnsucht wehrlos ausgesetzt, 
        Kommt wie ein Engel zu Hilfe der erste Zug 
        Der Zigarette, gedreht in Cibali ... 
 
        Tabakarbeiterinnen sind arm, 
        Tabakarbeiterinnen sind müde, 
        Doch tapfer, 
        Blitzblank ist ihr Ruf. 
        Ihr Name reicht weit übers Meer 
        Eine Hoffnung meiner Heimat ... 

Vor allem Frauen und Kinder aus den kurdischen Gebieten waren und sind es, die in den Tabakbetrieben Cibali in Istanbul arbeiten. - An dieser Situation waren auch die westeuropäischen Staaten nicht unschuldig:

        Tabak war eines der wichtigsten Produkte in Kurdistan. Durch den Krimkrieg in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte sich die osmanische Regierung jedoch bei den westeuropäischen Banken so stark verschuldet, daß dies 1875 schließlich zum Staatsbankrott führte und Staatseinkünfte, wie etwa das sehr ertragreiche Monopol auf Tabak, an die britischen und französischen Gläubiger abgetreten werden mußten. Bald überzog eine Art privater Steuerbehörde das ganze Reich; die Einkünfte flossen direkt an die Schuldscheinbesitzer an der Pariser und Londoner Börse. In Kurdistan mußten Hunderte kleiner Tabakfabriken von Staats wegen zugunsten großer Fabriken unter europäischer Regie schließen. Selbstverständlich nutzten die europäischen Aufkäufer ihre Monopolstellung, um die Erzeugerpreise drastisch zu drücken und den Bauern die Eigenversorgung mit Tabak zu verbieten. (2)

 * * * * * * *
So führten der Einbruch des Weltmarktes und quasi feudalistische Grundbesitzverhältnisse Ende des letzten Jahrhunderts zu einer ersten großen Abwanderungswelle aus Kurdistan.
        Auf der Suche nach Arbeit verließen viele Dorfbewohner in Richtung Westen. Zu Tausenden fanden sie sich wieder in den Slums von Istanbul und verdingten sich vor allem als Lastenträger.
* * * * * * * *
Der Erste Weltkrieg brachte für die kurdische Gesellschaft radikale Veränderungen:

        Die Region war streckenweise völlig entvölkert; die muslimischen Überlebenden standen vor den Trümmern ihrer Existenz: Die Häuser waren zerstört, die kostbaren Dachbalken von den verschiedenen Armeen verheizt, die Tiere geschlachtet, das Saatgut geraubt, die Bewässerungskanäle und Äcker verwüstet. In der Hoffnung auf Lebensmittelzuteilungen durch die Regierung oder die Siegermächte floh die Landbevölkerung in Massen in die größeren Städte. (3)

        Vor allem aber fehlten aufgrund der konsequenten Vernichtung des gesamten christlichen Teils der kurdischen Gesellschaft - der Armenier - plötzlich Leute, die die Kunst beherrschten, Bewässerungskanäle zu bauern, Leute, die die reichen Obst- und Weingärten und die Bergwege mit ihren Brücken und Abstützungen angelegt und unterhalten hatten. Es fehlten die Handwerker, die die Wolle der Nomaden zu feinen Stoffen verarbeitet hatten, die Händler, die für den Absatz der Produkte aus der Viehhaltung gesorgt hatten und schließlich jene Bauern, auf deren Winterfuttervorräte die Hochland-Nomaden angewiesen waren. Die Wirtschaft in den kurdischen Regionen fiel zurück auf den Stand weitgehender Selbstversorgung der einzelnen Dörfer. (4)
 
        Einen weiteren Schlag erhielt die traditionelle Wanderweidewirtschaft der Nomaden in den kurdischen Regionen durch die Gründung von territorialen Nationalstaaten nach dem Ersten Weltkrieg. Mit einem Mal durchzogen die Landesgrenzen von Iran, Irak, Syrien, Armenien und der neuen Republik Türkei die Wanderungsgebiete der Nomaden und schnitten die Menschen von einem wesentlichen Teil ihrer natürlichen Lebensgrundlagen ab.
 

* * * * * * * *
Die Assimilationspolitik der neuen Türkischen Republik gegenüber der kurdischen Bevölkerung führte in den zwanziger und dreißer Jahre zu zahlreichen Aufständen, gefolgt von Massendeportationen in den Westen der Türkei und Zwangsumsiedlungen in türkisch dominierte Provinzen.

        Die Mechanisierung der Landwirtschaft auf den Latifundien der Großgrundbesitzer in den vierziger Jahren schließlich raubte vielen Menschen in der kurdischen Region die letzte Verdienstmöglichkeit als Saisonarbeiter und -arbeiterinnen. In großer Zahl mußten die Männer Arbeit in den Kohleminen - etwa von Zonguldak-  suchen.

In seinem Gedicht „Welch ein Opfer“ bezieht sich Ahmed Arif auf einen Ausspruch des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, als dieser sagte „Wer wollte sich nicht aufopfern für das Paradies dieser Heimat?“. Einige Zeilen aus diesem Gedicht:

            ......
            Hinter den Bergen, den Bergen, ist es entsetzlich.
            .......
            Wer macht seinen Schnitt am Ende des Tages?
            Wer zieht den Profit aus dem Segen der Wolken?
            Ein artiges Kind ist die Maschine
            Was für eine Bestie wird aus ihr!
            Wurm und Ameise ernährt die Erde,
            Wie leicht ist sie zu verführen,
            Sie schenkt keinen Blick dem lahmen Ochsen,
            Nimmt an die Brust nicht den plumpen Pflug.
            .....
            Mein Sepetçioglu ist Kohlearbeiter,
            Nicht mehr das Gewehr, die Schippe hält Nazif aus Urfa.
            Versteigert wird sein Hab und Gut,
            Das Leben, ein Markt, ein Markt.
            ....
            Heißhungrige Mäuler, um sie zu stillen,
            Ist er bis zur Unkenntlichkeit heruntergekommen ...
 
            Hinter den Bergen, den Bergen,
            Wie soll ich's beschreiben ...
            Ohne Bäume, ohne Vögel, ohne Schatten.
            Splitternackt,
            Welch ein Opfer ...
            "Wer wollte sich nicht aufopfern für das Paradies dieser Heimat."
            ......

Als dann in den sechziger und siebziger Jahren die bundesrepublikanische Wirtschaft billige Arbeitskräfte aus dem Ausland holten, ließen sich auch viele Frauen und Männer aus dem anhaltend wirtschaftlich unterentwickelten kurdisch besiedelten Teil der Türkei für die Arbeit in Kohlegruben, in der Bauindustrie, in den großen Automobilwerken und anderswo anwerben.
- Und sie blieben, teilweise nun schon seit dreißig Jahren.
 
 
Lied der Heizer  

Was ist das  
Was da in dem Eisenkessel brennt?  
Mein Herz ist das, Kumpel,  
Nicht die Kohle.  
Wir kommen aus allen vier Winden,  
Gezwungen in gleich welche Ferne.  
Nicht das Feuer, Unser Durst macht uns fertig.  
  
Verbrannt bin ich auf dem Meer,  
Oi, verbrannt.  
Das Brot der Hitze habe ich  
In meinen Schweiß getunkt.  
  
Wir kommen aus der Türkei,  
Gezwungen in gleich welche Ferne.  
Nicht die Fremde,  
Unser Heimweh macht uns fertig. 

Deutschland, bittere Heimat  
                                                                            (1) 
Deutschland, bittere Heimat,  
Nichts zu lachen gibt es für die Menschen,  
Ich weiß nicht warum, aber  
Manche kehren nicht zurück.  
Drei Töchter und zwei Söhne  
Hast du mir überlassen  
Und bist gegangen  
Über ein so schönes Zuhause  
Hast du Unglück gebracht  
Und bist gegangen  
Nach Deutschland bist du gegangen  
Man sagt, du hast dort geheiratet  
Sieben Jahre schon  
Bist du nicht nachhause gekommen  
Du schickst etwas Geld  
Aber wozu soll es nützen  
All deine fünf Kinder  
Vermissen Dich 

                       [von  Haydar Gedikoglu AkÇaabat]

Ballade der Gebliebenen  

Komm, steh auf, gehen wir los von hier  
Aber wohin?  
Das Land unserer Väter ist fremd geworden  
Hier oder da, ist egal  
Wir verkaufen unseren Schweiß sowieso zu billig  
...........  
Ich bin über fünfzig Jahre  
Wie lange es noch geht, weiß man nicht  
Wir sind mit viel Hoffnung  
Eingestiegen in den Zug der Zukunft  
Hier oder da, ist egal  
Wir verkaufen unseren Schweiß sowieso zu billig  
.......  
                                                            [von Fuat Saka]

Der ‘Zug in die Zukunft’ fährt nicht zurück, im Gegenteil: Nach dem Militärputsch von 1980 und insbesondere mit der tausendfachen Dorfzerstörung durch die türkische Armee in ihrem Kampf gegen die PKK, gibt es noch weniger eine Perspektive auf Rückkehr als je zuvor. - Wenn einige der Vertriebenen auf Suche nach einer menschenwürdigen Existenz in Europa, in Deutschland ankommen, sind das dann ‘Wirtschaftsflüchtlinge’?

Ein an uns Deutsche gerichtete Worte von Aras Ören:
 
Heute Nacht vor eurer Tür:  
„Wer hat da solchen Lärm gemacht?“  
Das bin ich wohl gewesen,  
In meiner Kehle alle Lieder Hadschi Arefs  
Und zwischen meinen Beinen dieser Vogel,  
Der laut zwitscherte und garnicht fliegen wollte.  
Ich hatte wohl zu tief ins Glas geschaut.  
Verzeiht!  
Was haben jene alten Tage  
So spät noch in eurer Ruhe zu suchen?  

Nomadenzelte, rotwangige Knaben,  
Die Frauen breit gebaut und stark,  
Der krumme Dolch nur in der Scheide friedlich,  
Die Kesselpauke schlägt,  
Die Federbüsche wippen im Wind,  
Die Hufe klappern,  
Nach Westen, nur nach Westen geht der Sturm,  
Ein Liebesrausch, der uns an diese Wand genagelt hat.  
Doch immer noch tun uns vom Laufen die Füße weh,  
Auch wenn wir uns nicht von der Stelle rühren.  
Und die Laute hört nicht auf zu spielen.  
Verzeiht!  
Was haben jene alten Tage  
So spät noch vor eurer Tür zu suchen?  

Es war eine Hoffnung,  
Ein wenig von fern,  
Ein wenig von früher,  
Aber immer von neuem.  
Die Müdigkeit hing in unserem Schnurrbart,  
Wir brachen auf und wanderten weiter,  
Ohne zu wissen, daß Zeit vergeht.  
Wir glaubten, das sind nur wir,  
Ein Duft von Fladenbrot, von Kebap aus der Steppe.  
Verzeiht!  
Was hat ein ferner Erdteil hier vor eurer Tür zu suchen?  

Zu dieser Stunde dieser Lärm!  
Und ihr wolltet schon einschlafen.  
Auch wir sind mit dem Vorgefundenen nicht zufrieden,  
Wie wenn man Kindern einen Lutscher kauft  
Und sie zur Ruhe bringt,  
So halten wir ein Stückchen bunte Hoffnung in der Hand  
Und wollen immer mehr.  
Was fehlt uns denn?  
Das Bewußtsein, ein Volk zu sein?  
„Was haben wir damit zu schaffen“, werdet ihr sagen,  
„Der Bauch ist voll, der Rücken grade,  
Auch wenn nicht alles vollkommen ist.“  
Verzeiht!  
Was hat dieser Lärm hier vor eurer Tür zu suchen?  
Dieser Lärm, dieser Erdteil, diese alten Tage,  
Was haben sie vor eurer Tür zu suchen?  

Ihr Nachbarn, alle zusammen,  
Verzeiht mir! 



(1)    eigene Übersetzung aus dem Türkischen

(2)    vgl. Günther Behrendt, Nationalismus in Kurdistan, Hamburg 1993, S.226 fff.

(3)    vgl. ders., S.311 f.

(4)    vgl. Wolf-Dieter Hütteroth, Bergnomaden und Halbnomaden im mittleren kurdischen Taurus, Dissertation, Marburg 1959