- Episoden aus dem Alltag der Frauen von Cizre, einer Stadt im kurdischen Teil der Türkei -
Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft
Kassel und Umgebung im Freien Radio Kassel am 11.3.1988 (zum Internationalen
Frauentag)
nach einer Reportage von Günay Aslan

Die Frauen von Cizre: Ständig beobachtet von den Soldaten, die sie zum Reden zwingen wollen aber nicht zum Reden bringen können; Frauen, deren Väter, Ehemänner, Kinder und sogar Enkel als angebliche PKK-Anhänger verhaftet werden, Frauen, die tagelang gefoltert werden, die gezwungen werden, vor Männern zu tanzen, die "angefaßt" werden... Die kurdischen Frauen von Cizre, die jedoch nicht erzählen wollen, was sie durchmachen mußten, die sich schämen und Angst haben:
Nur mit Frauen, die verhaftet worden waren, wollte ich sprechen. Ich erfuhr sehr bald, daß nahezu alle Frauen in Cizre verhaftet worden waren.
Ich traf mich mit etwa zehn Frauen und Männern im Lebensmittelladen von Abdullah. Sie sollten es unter sich allein abmachen, wer reden wollte und wer nicht. Inzwischen rief ich auf kurdisch beim ersten Haus, auf das ich stieß, durch die weit offene Haustür: "Ist da jemand ?" "Ja doch!" rief eine kräftige Stimme. Eine Frau wie ein Fels kam zum Vorschein. Der Name dieser imposanten und zornigen Frau war Nure Oglak. Ich sagte ihr, daß ich Journalist sei. Aber wie andere kurdische Frauen auch, wußte sie nicht, was ein Journalist ist und wozu er gut sei.
Ich brachte das Gespräch auf ihre Erlebnisse in der Untersuchungshaft. Ich wußte nicht, ob sie verhaftet worden war, aber ich hatte mich nicht geirrt. Frau Nure setzte sich auf eine Matte und begann zu erzählen:

Eines Nachts haben sie unsere Tür aufgebrochen, und sind bei uns eingedrungen, Soldaten, Polizei und andere Männer. Ich schlief mit Leyli, der Frau meines Enkels in einem Raum. Sie versetzten uns Fußtritte und schlugen uns ins Gesicht. Dann haben sie uns die Augen verbunden und uns in ihr Militärauto geworfen. Wir durften uns nicht einmal etwas überziehen. Ich weiß immer noch nicht, warum sie uns weggeschleppt haben.
Wir mußten uns mit dem Gesicht nach unten
auf den Boden legen. Immer wieder haben sie uns Fußtritte versetzt.
Unsere Augen waren verbunden. Immer wieder haben sie uns hochgezerrt und
auf den Boden geworfen. Dabei fiel ich auf den Kopf; das Blut strömte
nur so aus meinen Wunden."
In der sengenden Hitze des Augusts breitete sich nicht nur der Geruch glühender Erde aus sondern auch der Geruch von Hunger und Elend. Die Häuser der Brüder Naif, Abdullah und Dursun Imret stehen gleichsam Hand in Hand dicht nebeneinander. Mehr als ein Jahr ist es nun schon her, daß sich Naif und Abdullah der PKK angeschlossen haben. Und fast genauso lange saßen ihre Frauen, Sacide und Kadriye in Untersuchungshaft.
Ich war in dem Haus von Dursun Imret zu Gast, der
sich ebenfalls in Untersuchungshaft befand. Seine Frau Aynur hatten sie
am Abend zuvor entlassen:

Sie haben uns alle in einen Raum eng wie ein Grab
gezwängt. Meine Kinder waren verrückt vor Angst. Vor ihren Augen
haben sie mich geschlagen und mich an den Haaren gerissen. Sie haben mich
mit ihren Ledergürteln ausgepeitscht. Der Arzt im Gesundheitszentrum
von Cizre hat die Striemen auf meinem Körper gesehen. Aber trotzdem
hat er ein Gesundheitsattest ausgestellt."
Fünfzig Schritte vom Tigris entfernt und abseits von den anderen Häusern stand das Haus von Daybet Tedal. Es sah aus, als würde es jeden Moment einstürzen. Die drei Töchter von Daybet saßen vor der Haustür und stocherten in der Asche. Mezrihan, die Älteste von ihnen, war 16 Jahre alt. Sie bat mich auf einem Stein im Hof Platz zu nehmen. Hier wartete ich auf ihre Mutter, die zum Brunnen gegangen war. Der Mann von Daybet Tedal, Abdurrahman, war verhaftet worden, weil er angeblich für den Tod zweier Polizisten verantwortlich war:
Sie gaben mir Stromstöße, sie übergossen mich mit kaltem Wasser. Sie fingerten überall an mir herum. Meinen Mann hatten sie schon vorher weggeschleppt. Als er die Schuld am Tod der Polizisten nicht zugab, nahmen sie auch mich und die Kinder mit, um uns zum ‘Singen’ zu bringen. Mein Mann verlor fast den Verstand, als er davon erfahren hat. Er gab alles zu. Um die Ehre zu retten, nahm er ein Verbrechen auf sich, das er nicht begangen hatte. Eines Tages wird es sich herausstellen, das er unschuldig ist. Aber bis dahin ... ?"
Misri Anlamaz war eines der wenigen Mädchen in Cizre, das zur Schule gegangen war. Ihr Vater gehörte zu den reichen und angesehenen Bürgern der Stadt. In einem der Zimmer, die alle mit Ventilator ausgestattet waren, saßen wir nebeneinander in Sesseln, die wie in einem Kino aufgereiht waren. Sie erzählte mir die Geschichte von Berivan.
Ein gebildetes kurdisches Mädchen zu sein, ist nicht leicht. Du begreifst die Welt und du erklärst sie dir. Diese furchtbaren Umstände wollen dich zur Sklavin machen. Du kannst es nicht ertragen. Eine Zeit des Hin- und Herschwankens beginnt. Deine Mutter, deine ältere Schwester, deine Tanten: du hast ihre Lebenswirklichkeit ständig vor Augen. Ein Leben zu führen wie sie - ‘ein Kind im Bauch, ein Stock auf dem Rücken’ - das willst du nicht. Du willst für eine ehrenvolle und bedeutende Sache tätig sein. Dieses Verlangen nagt in dir und diese Wirklichkeit wird immer wieder neue Berivans hervorbringen."
Ein Zimmer von zwölf Quadratmetern war meine
letzte Station. Ein Bettgestell, eine Wiege aus Holz und eine kleine Gasflasche.
Habibe erzählte, daß sie mitgenommen wurde, weil ihr Bruder
angeblich PKK-Anhänger sei.

Wenn in Cizre etwas passiert, und die Männer sind nicht da, dann werden wir Frauen mitgenommen. Wenn es so weiter geht, wird mein Mann sich von mir scheiden lassen. Seit meinen Verhaftungen hat sich eine kalte Mauer zwischen uns geschoben. Ich kann meinem Alten nicht mehr ins Gesicht sehen und er mir auch nicht ..."
So waren die Erzählungen der Frauen von Cizre.