DIE FRAUEN VON CIZRE

- Episoden aus dem Alltag der Frauen von Cizre, einer Stadt im kurdischen Teil der Türkei -

Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft Kassel und Umgebung im Freien Radio Kassel am 11.3.1988 (zum Internationalen Frauentag)
nach einer Reportage von Günay Aslan

Leyla Zana,
als Parlamentsabgeordnete der verbotenen kurdischen Partei DEP zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt
- vorgeschlagen für den Friedensnobelpreis -

Die Frauen von Cizre: Ständig beobachtet von den Soldaten, die sie zum Reden zwingen wollen aber nicht zum Reden bringen können; Frauen, deren Väter, Ehemänner, Kinder und sogar Enkel als angebliche PKK-Anhänger verhaftet werden, Frauen, die tagelang gefoltert werden, die gezwungen werden, vor Männern zu tanzen, die "angefaßt" werden... Die kurdischen Frauen von Cizre, die jedoch nicht erzählen wollen, was sie durchmachen mußten, die sich schämen und Angst haben:

Nur mit Frauen, die verhaftet worden waren, wollte ich sprechen. Ich erfuhr sehr bald, daß nahezu alle Frauen in Cizre verhaftet worden waren.

Ich traf mich mit etwa zehn Frauen und Männern im Lebensmittelladen von Abdullah. Sie sollten es unter sich allein abmachen, wer reden wollte und wer nicht. Inzwischen rief ich auf kurdisch beim ersten Haus, auf das ich stieß, durch die weit offene Haustür: "Ist da jemand ?" "Ja doch!" rief eine kräftige Stimme. Eine Frau wie ein Fels kam zum Vorschein. Der Name dieser imposanten und zornigen Frau war Nure Oglak. Ich sagte ihr, daß ich Journalist sei. Aber wie andere kurdische Frauen auch, wußte sie nicht, was ein Journalist ist und wozu er gut sei.

Ich brachte das Gespräch auf ihre Erlebnisse in der Untersuchungshaft. Ich wußte nicht, ob sie verhaftet worden war, aber ich hatte mich nicht geirrt. Frau Nure setzte sich auf eine Matte und begann zu erzählen:

Frau Nure sah stark aus wie ein Fels. Aber während sie erzählte, daß sie in diesen Tagen lieber sterben wollte als zu leben, füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie verstummte. "Frau Nure, warum sprichst du nicht weiter?" fragte ich. Frau Nure blickte auf die Frau ihres Enkels, Leyli, die in der Ecke saß und leise vor sich hinweinte, und erzählte weiter:
   
Am dritten Tag sagten sie zu mir: ‘Dein Enkelsohn ist ein Terrorist geworden und in die Berge gegangen.’ ‘Nein’ sagte ich, ‘Ahmet ist auf Arbeit. Er ist in Antalya.’ Sie hörten mich gar nicht an. Gottseidank haben Nachbarn meinen Ahmet sofort benachrichtigt. Der Junge kam her und sagte den Polizisten: ‘Da bin ich, mit den Partisanen in den Bergen habe ich nichts zu schaffen!’ Danach ließen sie uns frei."
 
Frau Nure verstummte erneut. Ich sah Leyli an, die siebzehnjährige Leyli mit ihren schwarzen Augenbrauen und ihren schwarzen Augen. Ich drängte sie zu sprechen. Zuerst wollte sie nicht: "Wozu soll das gut sein?" Sie willigte dann doch ein, fing aber laut zu schluchzen an und stürzte weinend aus dem Hof und in ihr Zimmer. Ihr Schluchzen aber war immer noch zu hören. - Frau Nure sah nun nicht mehr aus wie ein starker Fels. Zitternd und stockend sagte sie:

 

"Ein Polizist, den sie ‘Onkelchen’ nannten, hat sie auf perverse Art und Weise gefoltert."

 

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In der sengenden Hitze des Augusts breitete sich nicht nur der Geruch glühender Erde aus sondern auch der Geruch von Hunger und Elend. Die Häuser der Brüder Naif, Abdullah und Dursun Imret stehen gleichsam Hand in Hand dicht nebeneinander. Mehr als ein Jahr ist es nun schon her, daß sich Naif und Abdullah der PKK angeschlossen haben. Und fast genauso lange saßen ihre Frauen, Sacide und Kadriye in Untersuchungshaft.

Ich war in dem Haus von Dursun Imret zu Gast, der sich ebenfalls in Untersuchungshaft befand. Seine Frau Aynur hatten sie am Abend zuvor entlassen:
 

"Mein Mann ist Taxifahrer. Als sie ihn mitgenommen haben, haben sie uns auch das Taxi genommen. Wir können keinen Fahrer einstellen. Solange mein Mann im Gefängnis ist, werden wir Hunger leiden."
 
Als ich sie nach ihren Erlebnissen während der Haft fragte, schickte sie mich zu ihrer Schwägerin Kadriye. Kadriye Imret war 25 Jahre alt. Sie hatte drei Kinder:
"Dein Mann ist APO-Anhänger geworden, sagten sie. - Ist er etwa kein Mann? Welcher Mann hier hört schon auf seine Frau? Warum läßt uns die Regierung nicht in Ruhe? Warum lassen sie uns Frauen dafür bezahlen? Sollen sie es doch mit meinem Mann abmachen! Und was haben denn diese kleinen Kinder damit zu tun?

 

Sie haben uns alle in einen Raum eng wie ein Grab gezwängt. Meine Kinder waren verrückt vor Angst. Vor ihren Augen haben sie mich geschlagen und mich an den Haaren gerissen. Sie haben mich mit ihren Ledergürteln ausgepeitscht. Der Arzt im Gesundheitszentrum von Cizre hat die Striemen auf meinem Körper gesehen. Aber trotzdem hat er ein Gesundheitsattest ausgestellt."
 

Die einzige Einkommensquelle der Familie Imret war die Arbeit von Dursun als Taxifahrer. Etwa zwanzig Personen mußten davon leben. Dreißig Tage saß Dursun nun schon in Untersuchungshaft. Aber - wie Aynur Imret es ausdrückte - schickte er "statt Brot nur Sehnsucht nach Hause".

 

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Fünfzig Schritte vom Tigris entfernt und abseits von den anderen Häusern stand das Haus von Daybet Tedal. Es sah aus, als würde es jeden Moment einstürzen. Die drei Töchter von Daybet saßen vor der Haustür und stocherten in der Asche. Mezrihan, die Älteste von ihnen, war 16 Jahre alt. Sie bat mich auf einem Stein im Hof Platz zu nehmen. Hier wartete ich auf ihre Mutter, die zum Brunnen gegangen war. Der Mann von Daybet Tedal, Abdurrahman, war verhaftet worden, weil er angeblich für den Tod zweier Polizisten verantwortlich war:

 

"Mein Mann hat mit dem Tod der Polizisten nichts zu tun. Das haben die auch gewußt. Sie haben meinem Mann einfach eines der unaufgeklärten Verbrechen in die Schuhe geschoben. Ihn haben sie zum Sündenbock gemacht. Als die Polizisten getötet wurden, war mein Mann zuhause. Aber als sie den Täter nicht finden konnten, sind sie gekommen und haben meinen Mann mitgenommen. Sie sind sowieso alle Perlen von der gleichen Gebetskette! ..."
 
Frau Daybet erzählte schonungslos und offen. Ich bat sie, von ihren Erlebnissen während der Untersuchungshaft zu erzählen. Sie nahm mir das Tonbandgerät aus der Hand und hielt es sich dicht vor den Mund: Ich ließ Daybet und ihre drei Töchter in ihrer Welt zurück, die nur noch aus vier Wänden bestand. Ihre Geschichte war jedoch sehr lang ... .

 

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Misri Anlamaz war eines der wenigen Mädchen in Cizre, das zur Schule gegangen war. Ihr Vater gehörte zu den reichen und angesehenen Bürgern der Stadt. In einem der Zimmer, die alle mit Ventilator ausgestattet waren, saßen wir nebeneinander in Sesseln, die wie in einem Kino aufgereiht waren. Sie erzählte mir die Geschichte von Berivan.

 

"Das Leben der Frauen, die zur Schule gegangen sind, ist noch schwieriger und manchmal auch grausamer. Berivan haben sie ganz offiziell erschossen. Das arme Mädchen war auf der Suche nach ihrer Identität. Sie glaubte, ihr Platz sei bei der PKK, und sie ging weg.

 

Ein gebildetes kurdisches Mädchen zu sein, ist nicht leicht. Du begreifst die Welt und du erklärst sie dir. Diese furchtbaren Umstände wollen dich zur Sklavin machen. Du kannst es nicht ertragen. Eine Zeit des Hin- und Herschwankens beginnt. Deine Mutter, deine ältere Schwester, deine Tanten: du hast ihre Lebenswirklichkeit ständig vor Augen. Ein Leben zu führen wie sie - ‘ein Kind im Bauch, ein Stock auf dem Rücken’ - das willst du nicht. Du willst für eine ehrenvolle und bedeutende Sache tätig sein. Dieses Verlangen nagt in dir und diese Wirklichkeit wird immer wieder neue Berivans hervorbringen."

 

Misri gehörte zu den Frauen, die regelmäßig in Untersuchungshaft genommen wurden:

 

"Bei jeder Verhaftung wurde meine Ehre auf schamlose Weise verletzt. Ich hätte mich in einen Banditen verliebt, sagten sie. Was geht das sie an, verdammt noch mal?! Soll ich vielleicht um Erlaubnis bitten, wenn ich mich verliebe?"

 

Ich ließ Misri mit ihrer unerlaubten Liebe zurück. Ihre leidenschaftliche Liebe war von der Art wie die Liebe des Cudi-Gebirges zu Cizre. Sie kennt keine Erlaubnis, kein Hindernis.

 

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Ein Zimmer von zwölf Quadratmetern war meine letzte Station. Ein Bettgestell, eine Wiege aus Holz und eine kleine Gasflasche. Habibe erzählte, daß sie mitgenommen wurde, weil ihr Bruder angeblich PKK-Anhänger sei.
 

"Drei Tage und drei Nächte mußte ich für die Männer tanzen. Ich mußte mich ausziehen und immer wieder zu dem Lied ‘Mein Mädchen aus Konya’ tanzen.

Wenn in Cizre etwas passiert, und die Männer sind nicht da, dann werden wir Frauen mitgenommen. Wenn es so weiter geht, wird mein Mann sich von mir scheiden lassen. Seit meinen Verhaftungen hat sich eine kalte Mauer zwischen uns geschoben. Ich kann meinem Alten nicht mehr ins Gesicht sehen und er mir auch nicht ..."

 

Da sind die Frauen in Cizre - und die Erzählungen der Frauen über ihre Untersuchungshaft. Es gibt Wärme, es gibt Angst und es gibt Elend, Armut und Leid in Cizre.

So waren die Erzählungen der Frauen von Cizre.


Der Wiedergabe des türkischen Textes von Günay Aslan liegt unsere eigene Übersetzung zugrunde.
Fotos: Komela Jinen Demoqrat u Netewi