Die Robin Hoods  
       von Anatolien

Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft
Kassel und Umgebung im Freien Radio Kassel
vom
3. Juni 1998.

Kurze Ausschnitte der einzelnen Lieder (als MP3-Dateien)
finden sich jetzt auf dieser Seite.

 

Mißachtet von der offiziellen Geschichtsschreibung ge-
hören sie zu der erinnerten Geschichte des Volkes: die
edlen Räuber und Banditen, wie sie in zahllosen Volks-
liedern und Legenden lebendig geblieben sind. 
 

"Außer einigen Ausnahmen war keiner mehr
als dreißig Meilen über seinen Heimatort hin-
aus bekannt, doch war jeder für sein Volk
nicht weniger wichtig als anderswo die Napo-
leons oder Bismarcks; hochstwahrscheinlich
waren sie sogar wichtiger, denn einen Unbe-
deutenden besänge man nicht in so vielen
Liedern. Und es sind sowohl stolze als auch
sehnsüchtige Lieder." (HOBSBAWM) [1] 


 
  Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert

 

Wer wird Bandit?

Banditentum bedeutet Freiheit, doch können in einer bäuerlichen Gesellschaft nur wenige frei
sein. Ihre Unbeweglichkeit macht die Bauern zu Opfern der Obrigkeit und der Zwangsherrschaft.
Verwurzelt mit ihrem Land, gebunden an ihren Hof, sind sie so unbeweglich wie Bäume. Um
Saat und Ernte zu besorgen, müssen die Bauern auf Rebellionen verzichten. [2]
        Die zunehmende Anzahl von Mäulern, die es zu stopfen gilt, führt angesichts karger Bö-
den, zu kleiner Pächtereien oder Landlosigkeit zu stetiger Verarmung. Streitigkeiten um knap-
pes Wasser und Weiden mögen noch dazukommen, wie in jener Geschichte von Çondo, die
sich in Kayseri in den sechziger Jahren abgespielt haben soll.


Çondo'nun Türküsü

(MP3)

Das Lied erzählt von Çondo, der in die Berge ging und Bandit wurde, nachdem er bei
einem Streit um Weide
und Wasser gezwungenermaßen einen seiner Gegner getötet
hatte.

 
                                        Bei Tagesanbruch schien 

                                        Das Mondlicht noch, mein Herr, 

                                        Sie waren in der Überzahl 

                                        Und er war waffenlos 

                                        Von oben fielen sie über ihn her 
                                        Wie ein Gewittersturm 

                                        Wie schwärzten sie ihn an 

                                        Beim Leutnant auf der Wache

                                        In der Quelle sind unsere Hände 
                                        Vorbei am Heimatdort führt unser Weg 

                                        Eine solche Zeit darf es nie wieder geben 

                                        Doppelt schwer wiegt jeder Tod

                                        Das Gras auf dem Hügel soll ihm verdorren
                                        Unkraut soll seine Weide überziehen
                                        Wer die Waffe gegen Dich richtet,
                                        Çondo, sei verflucht!

Daß unter solchen und ähnlichen Bedingungen viele Leute geradezu gezwungen waren, sich
nach anderen Einkommensquellen umzusehen, und daß daß einige von ihnen zu Banditen
wurden, ist nur verständlich. Gegenden wie etwa das kurdische Bergland sind geradezu klas-
sische Gebiete für solche Ausbruchsversuche.

Es gibt aber noch eine andere Gruppe potentieller Banditen. Man gehört ihr aus ganz persön-
lichen und spontanen Gründen an. Dazu gehören Männer, die nicht gewillt sind, die unterwür-
fige und passive Rolle des Bauern zu spielen. Stets gibt es mindestens einige, die sich ange-
sichts einer Ungerechtigkeit, oder wenn man sie verfolgt, nicht demütig der Gewalt beugen
und nachgeben, sondern ganz im Gegenteil den Weg des Widerstandes und der Gesetzlosig-
keit gehen. Die typische Laufbahn des "edlen" Räubers beginnt damit, daß sich einer gegen
Taten der Unterdrücker zur Wehr setzt, [3] wie in der Legende von Alo, ebenfalls einem kurdi-
schen Banditen:


Alo'nun Türküsü
(als MP3)

Alo arbeitete als Tagelöhner bei dem Aga Mulla Hüseyin. Dieser war jedoch sehr grau-
sam und übte gegen jedermann Druck und Gewalt aus. Als der Aga Alo's Mutter von
seinen Leuten vergewaltigen ließ, brachte dies das Faß zum Überlaufen. Alo ging in
die Berge und konnte trotz aller Hetzjagden auf ihn nicht gefaßt werden; im Gegenteil
tötete er dabei zahlreiche Männer des Agas. Eines Tages überfiel Alo Mulla Hüseyin
bei einem Fest in dessen neuem Haus und tötete ihn.

 
Zum Held wurde Alo  
Er herrscht über Stock und Stein  
Sieben tötete er auf einen Streich  
Raben umkreisen das blutige Aas  

Erschossen ist Mulla Hüseyin  
Des Feindes Rückgrat wurde gebrochen  
Seit Alo Bandit wurde  
Stehen die trüben Wasser still  

Bei Binboga war er in Stellung gegangen  
Rache genommen hab' ich, sprach er  
Von Recht und Gesetz erwarte ich nichts  
Ich weiß, wer mein Feind ist


 
Der monumentale Bandit: 
Studie eines Brigantenkopfes von Salvator Rosa
(1619-73)

 

Im Unterschied zu den "gemeinen Räubern" und Plünderern, die in den Bauern eine wohlfeile
Beute sehen und von diesen als Feinde betrachtet werden, bleiben die Sozialbanditen weiterhin
in der bäuerlichen Gesellschaft. Für einen Sozialbanditen wäre es - zumindest im eigenen Terri-
torium - undenkbar, sich an der Ernte der Bauern zu vergreifen, obwohl er die Ernte der Herren
gewiß nicht verschont. Daher sehen Feudalherr und Staat den bäuerlichen Räuber als Verbre-
cher an, das Volk jedoch betrachtet ihn als Held, Retter, Rächer und Kämpfer für die Gerechtig-
keit; vielleicht hält man ihn sogar für einen Führer der Befreiung, auf jeden Fall für einen Mann,
den man zu bewundern hat, dem man Hilfe und Unterstützung gewähren muß. [4]


Ofo'nun Türküsü

(als MP3)

Der Bandit Ofo etwa lebte zur Zeit des Ersten Weltkrieges und war mit zwei Frauen
namens Aso und Iraz verheiratet. Er galt als ein sehr liebenswürdiger und gutaus-
sehender Bandit und erhielt von den Bauern immer Unterstützung; deshalb konnte
er lange Zeit nicht gefaßt werden. Eines Tages jedoch wurde Ofo von den Gendar-
men in die Enge getrieben und schließlich im Kampf getötet.

                                            Laßt uns ein Zelt aufschlagen als Heim für Ofo
                                            Laßt uns einen Schuß abfeuern
                                            Wo finden wir dich, Ofo, Bruder

                                                    Mit Iraz Hand in Hand
                                                    Ging ich hinauf in die Berge

                                             Von fern sieht man Ofo's Heim
                                             Kein Regiment kommt ihm zu nah
                                             Wer ihn verraten, weiß niemand
                                             Nurhakli hat ihn erschossen

Sozialbanditen sind keine zeitlose Erscheinung. In Stammesgesellschaften - wie beispiels-
weise bei den Nomaden Kurdistans - waren Raubzüge zwar an der Tagesordnung, mit so-
zialem Protest und Empörung hatte dies jedoch nichts zu tun. [5]
        Sozialbanditen finden sich aber überall dort, wo eine Gesellschaft auf Landwirtschaft
- oder auch Viehzucht - beruht, und ihr hauptsächlich Bauern und Landarbeiter mit oder oh-
ne eigenen Grund und Boden angehören, die von anderen beherrscht, ausgebeutet und un-
terdrückt werden. [6]

So wurde Ende des vorigen Jahrhunderts in den kurdischen Gebieten die Masse der freien
Stammesleute und freien Bauern mithilfe der örtlichen Verwaltungsbeamten auf kaltem We-
ge zugunsten von einflußreichen Sheiks und Agas enteignet und entrechtet. -  Dies ist der
sozialpolitische Hintergrund von Ince Mehmet, dem "Mageren Mehmet"; der dem berühmten
Roman von Yasar Kemal als Vorlage gedient hat. Hier eines der vielen Lieder über Ince
Mehmet.


Ince Mehmet

(als MP3)


In Scharen kamen sie
Durchlöcherten meine Brust

Warfen meine Leiche auf die Straße

Hilf mir auf, Ince Mehmet, gehen wir in die Berge
Vorherbestimmt ist uns dies Schicksal

Was können wir schon dagegen tun

Laß uns in die Berge gehen

Umzingelt von allen Seiten
Ließ uns der Kugelhagel keine Chance

Von Ankara kam der Schießbefehl

Hilf mir auf, Ince Mehmet, gehen wir in die Berge ....

Vom Weißen Paß ertönte Ince Mehmets Ruf
Sie hörten es mit Staunen

Selbst siebzehn Kugeln konnten ihn nicht töten

Diese Unverwundbarkeit ist eines der Merkmale des "edlen" Räubers. Darin drückt sich der
Wunsch aus, daß man den Helden des Volkes nicht besiegen kann. Stirbt ein solcher Held
dann doch, ist sein Tod stets und ausschließlich die Folge eines Verrates, denn kein an-
ständiger Mensch würde der Obrigkeit gegen ihn beistehen.
Weitere Merkmale des "edlen" Räubers sind:
     - daß er seine Banditenkarriere nicht mit einem Verbrechen beginnt, sondern als Opfer
einer Ungerechtigkeit, oder weil ihn die Obrigkeit für eine Tat verfolgt, die zwar von den Behör-
den als verbrecherisch angesehen wird, den Bräuchen seines Volkes jedoch nicht widerspricht.
    - daß er "begangenes Unrecht wiedergutmacht"
    - daß er "von den Reichen nimmt, um die Armen zu beschenken"
    - daß er "nur zur Selbstverteidigung oder in berechtigter Rache tötet". [7]

Zahlreiche Beispiele dafür finden sich in Yasar Kemals Roman "Mehmet, mein Falke".
 

In dunkler Nacht 
erschossen sie mich 
(als MP3)


Ein schmaler Pfad führt in ferne Lande
 

Auf den Rasen tropft mein Blut 

Wer das Schöne liebt, zu dem kommt der Tod 

In dunkler Nacht erschossen sie mich 
Auf dem Weg zur Liebsten umzingelten sie mich 

Ein schmaler Pfad führt nach Serez 
Sein Taschentuch hing mein Liebling an den Kirschbaum 

Der Tod kommt zu uns, oh weh, der Tod 

In dunkler Nacht erschossen sie mich 
Auf dem Weg zur Liebsten umzingelten sie mich

 

 


Der sentimentale Bandit:
"Apeninnenbandit von Sir Charles Eastlake
(1793-1865)

 

Wieoft dieses "Image" des "edlen" Räubers tatsächlich der Praxis entsprochen hat, ist eine ganz
andere Frage. Vermutlich konnten sich nur die wenigstens Banditen ein solches Maß an Idealis-
mus, Selbstlosigkeit und sozialem Bewußtsein leisten. Manches Mal war wohl das Bedürfnis
nach Helden und heroischen Beschützern so groß, daß man auch unpassende Kandidaten zum
"edlen" Räuber aufrücken ließ, wenn die wirklichen fehlten. [8]

Zeiten der Verarmung und wirtschaftlicher Krisen waren ein Nährboden für die Ausbreitung von
Banditentum. In allen bäuerlichen Gesellschaften der Vergangenheit kam es regelmäßig zu Zei-
ten großer Not. Mißernten und andere Naturereignisse, sowie gelegentlich hereinbrechende Ka-
tastrophen wie Kriege, fremde Besatzer oder der Zusammenbruch des politischen Systems lie-
ßen die Zahl der kräftigen Leute zunehmen, die sich, anstatt zu hungern, das was sie brauchten,
mit Waffengewalt besorgten, insbesondere dann, wenn noch ein staatlicher Steuereintreiber da-
herkam. Als Folge solcher Ereignisse kann sich die eine oder andere Form des Banditentums
stark vermehren.
    Nichtsdestoweniger besteht in bäuerlichen Gesellschaften die Tendenz, daß nach solchen
Störungen des Gleichgewichts der normale Stand der Dinge wieder hergestellt wird und das
Banditentum auf seine übliche Stärke zusammenschrumpft. [9]

 

 

 

 

 

Der grausame Bandit:
einer von mehreren Entwürfen von Francisco Goya y Lucientes (1746-1828)

 

Banditentum kann aber auch den Zusammenbruch einer ganzen Gesellschaft widerspiegeln den
Widerstand einer ganzen Gemeinschaft oder eines ganzen Volkes gegen die Zerstörung seiner
Lebensweise. [10]


Kozanoglu

(als MP3)


Dies ist ein Klagelied für Aga Yusuf Kozanoglu. - Im Jahr 1882 geriet das kurdische
Fürstentum Kozan mit der osmanischen Regierung in Streit; diese schickte ein Heer
gegen das Fürstentum aus, um es zu vernichten. Nach vielen Kämpfen wurde Kozan-
oglu gefangengenommen, er wurde gehängt und sein Stamm wurde zerstreut.

In Erciyes hausen die Generäle
Lange war der Wolf stark wie der Löwe der Berge

Nun haben sich Mekkapilger breitgemacht

Komm, Kozanoglu, die Berge rufen dich
Komm, Kozanoglu, deine Heimat ruft dich

Hinter deinem Zelt die jungen Lämmer
Dein Stamm verlangt nach Deiner Hand

Bedrückt sind die Herzen der Menschen in Kozan

 

Welche Rolle spielen die Banditen bei Veränderungen der Gesellschaft?
Spielen sie dabei überhaupt eine Rolle?

Der einzelne Bandit ist weniger ein politischer oder sozialer Rebell - geschweige denn ein Revo-
lutionär - als vielmehr ein Bauer, der die Unterwerfung verweigert. Oder es sind Leute, die dem
Banditentum, der Ächtung und dem "Verbrechertum" in die Arme getrieben werden. Eigentlich
sind sie nur Symptome der Krisen und Spannungen ihrer Gesellschaft, die von Hunger, Krieg,
Seuchen oder anderen Katastrophen zerrissen wird. So hat das Banditentum in einer Bauern-
gesellschaft nicht die Bedeutung eines Programmes, sondern stellt vielmehr eine Form von
Selbsthilfe dar. [11]

Cin Yusufoglu
(als MP3)


Cin Yusufoglu lebte zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt als Bandit im östlichen
Taurusgebirge. Ein arabischer Bey soll ihn beim damaligen Pascha von Adana denun-
ziert haben. Obwohl Cin Yusufoglu in einem Gasthaus in die Enge getrieben und ge-
fangengenommen wurde, konnte sein Todesurteil nicht vollstreckt werden. Im letzten
Augenblick entwischte er durch eine einfache List. Dies ist sein Lied auf dem Weg in
die Berge von Kozan:

Auf dem Acker drüben säte ich
In der linken Hand hielt ich den Speer

Vielen Wesiren drehte ich einen Strick

Auf dem Rücken meines Fuchses erwischen sie mich nie

Los stürmte mein Fuchs, niemand hielt ihn auf
Das Schwert in meinem Leib konnt' ich nicht packen

Ohne Nachricht ließ ich die hungrigen Wölfe

Auf dem Rücken meines Fuchses erwischen sie mich nie

Im Land der Falken wurde ich groß
Viele Pelze trug ich mit wiegendem Schritt

In einer Bruchbude ertappte man mich

Auf dem Rücken meines Fuchses erwischen sie mich nie

Los stürmte mein Fuchs, trug ich auch Fesseln
Voll Kraft bin ich wie die Bäume der Berge

Den Speer schwingt Cin, Jusufs Sohn

Auf dem Rücken meines Fuchses erwischen sie mich nie

Außer ihrer Entschlossenheit oder Fähigkeit sich nicht zu unterwerfen, haben die Banditen keine
anderen Ideen als die übrige Bauernschaft. Banditen sind Aktivisten und nicht etwa Ideologen
oder Propheten, von denen man sich neue Visionen oder Pläne für soziale und politische Organi-
sation erwarten kann. [12]

        Sofern Banditen überhaupt ein "Programm" haben, geht es ihnen um die Verteidigung oder
um die Wiederherstellung einer traditionellen Ordnung, "so wie sie sein soll", beziehungsweise,
wie sie in einer wirklichen oder mythischen Vergangenheit "einmal war". Sie machen begangenes
Unrecht wieder gut, sie mildern oder rächen Ungerechtigkeiten und richten sich nach einem ganz
allgemeinen Maßstab von gerechten und fairen Beziehungen zwischen den Menschen, insbeson-
dere zwischen Armen und Reichen, Schwachen und Mächtigen. Dieses bescheidene Ziel läßt die
Reichen dann weiterhin die Armen ausnützen und die Mächtigen die Schwachen weiterhin unter-
drücken, jedoch in 'gerechten und billigen' Maßen.  Sozialbanditen sind in diesem Sinn Reforma-
toren und keine Revolutionäre.
        Jedoch ist das Banditentum selbst kein soziale Bewegung. Wenn Bauern solche Helden als
Vorkämpfer bewundern, kann dies ein Ersatz für die mangelnde eigene Rebellion sein. Banditen-
tum kann sogar zum völligen Ersatz für eine Bewegung werden, wenn es z.B. zur Institution wird
und die Entwicklung anderer Kampfmittel tatsächlich verhindert.

Dennoch sind Banditen Teil revolutionärer Bewegungen geworden, wenn es nämlich darum ging,
sich im Namen der traditionellen Ordnung gegen jene Kräfte zur Wehr zu setzen, die diese Ord-
nung auflösen und zerstören. [13]

        So etwa beteiligten sich nach dem Ersten Weltkrieg die Räuberbanden von Urfa am Kampf
gegen die französische Besatzung.


Urfa Çeteleri'nin Türküsü
(als MP3)

Obwohl die Geschichte nicht in ihren Einzelheiten bekannt ist, ist doch offensichtlich,
daß sich dieses Lied auf die Kämpfe der Räuberbanden gegen die französische Besat-
zung bezieht:

                    Vom Dach der Siskoyun sprang ich herab und stürmte los
                    Die Patronen sammelte ich auf und stürmte los

                    Den Feind vor mir legte ich um und stürmte los

                            Los, los, Kommandant, los
                            Deine Banden brechen auf  und kehren nicht zurück

                    Mir gegenüber Tilfins Spital
                    Granaten feuern die gottlosen Franzosen

                    Urfa's Banditen kämpfen mit dem Bajonett

                    Ich schwenkte den Arm, die Kugeln tanzten
                    In Karatasch ging die Bande unter

                    Es lebe Urfa, es ergab sich nicht

Ein weiterer Grund, warum Banditen zu Revolutionären werden, liegt tief in der bäuerlichen Ge-
sellschaft selbst. Sogar jene, die Ausbeutung, Unterdrückung und Unterworfensein als die Norm
eines Menschenlebens anerkennen, träumen von einer Welt, die anders wäre: einer Welt der
Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, einer gänzlich neuen Welt ohne Übel.
        In solchen Momenten werden die Banditen wie jeder andere mitgerissen. Sind sie denn
nicht Teil ihres Volkes? Haben sie nicht - auf ihre beschränkte Art und Weise -  bewiesen, daß
ein Leben unter freiem Himmel jenen, die bereit sind, den Preis der Heimatlosigkeit, der Gefahr
und eines beinahe sicheren Todes zu bezahlen, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bringen
kann? [14]

Der legendäre Volksdichter und Räuber Köroglu wurde im Lauf der Jahrhunderte zu einem Sym-
bol dieses Traums:


Köroglu

(als MP3)


Sohn eines Mannes, dem ein grausamer Machthaber die Augen ausstechen ließ, wurde
er ein berühmter Held in den gewaltigen Bauernaufständen des 16./17. Jahrhunderts.
Sein Ruf verbreitete sich unter dem einfachen Volk über Anatolien hinaus bis zum Bal-
kan, nach Bulgarien, im Kaukasus und sogar im arabischen Jemen. Wohl jedes Volk im
osmanischen Reich steuerte die Geschichten seiner eigenen Helden all den Legenden
und Liedern über jenen Köroglu bei, der Tyrannen und Ausbeuter bekämpfte, Arme und
Schwache schützte, mit den Unterdrückten mitfühlte und ihnen guten Rat gab. Im folgen-
den Lied von Ruhi Su spricht Köroglu mit seinem armenischen Freund:

 

Höre meine Worte, mein Bruder Ayvas, 
Ich greife die Feinde an 

Es gibt kein Zurück 

Mein Ende ist nahe 

........ 

Fügt den Armen kein Leid zu 

Greift die gierigen Reichen an 

....... 

Immer stellte ich mich zum Kampf 

Gut und Schlecht unterscheide ich wohl 

Versagt den Bittenden nicht euer Mitleid 

Um das Leid der Leidenden kümmert euch

 

 

 

Der Bandit als Symbol:

der legendäre "bushranger"
Ned Kelly (1854-1880)  mit sei-
ner selbsverfertigten Rüstung
in einer der  zahlreichen Dar-
stellungen des Australiers 
Sidney Nolan aus dem Jahre
1956

Van Olbracht brachte es folgendermaßen auf den Punkt:

"Der Mensch hat ein unstillbare Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Im Innern
seiner Seele lehnt er sich gegen eine soziale Ordnung auf, die sie ihm ver-
weigert, und in welcher Welt er auch immer leben mag, er klagt entweder
diese soziale Ordnung an oder das gesamte einschlägige Universum der
Ungerechtigkeit. Der Mensch hat den merkwürdigen, beharrlichen Drang,
mit Erinnerungen zu leben, sich etwas auszudenken und die Dinge zu ver-
ändern; und noch dazu hat er den Wunsch zu erlangen, was er nicht erlan-
gen kann - und sei es auch nur in Gestalt eines Märchens. Vielleicht ist das
das Grundmotiv für die Heldensagen aller Zeiten, aller Religionen, aller
Völker und aller Klassen.
"
[15]



(1) Eric J.Hobsbawm, Die Banditen, Frankfurt a.M. 1972, S. 198
(2) vgl. a.a.O., S. 27 
(3) vgl. a.a.O., S. 39 

(4) vgl. a.a.O., S. 11 

(5) vgl. a.a.O., S. 12 

(6) vgl. a.a.O., S. 14 
(7) vgl. a.a.O., S. 48 ff.
(8) vgl. a.a.O., S. 49

(9) vgl. a.a.O., S. 17 f.

(10) vgl. a.a.O., S. 19

(11) vgl. a.a.O., S. 20 
(12) vgl. a.a.O., S. 20 f.
(13) vgl. a.a.O., S. 22 f. 

(14) vgl. a.a.O., S. 24 f. 

 
 
(15) van Olbracht, Berge und Jahrhunderte, Ost-Berlin 1952, S. 113
Sämtliche Abbildungen sind dem Buch von Eric J.Hobsbawm, Die Banditen, entnommen

Die Räuberlieder - mit Ausnahme von Ruhi Su, Köroglu - stammen von der Tonbandkassette
E
şkiya Türküleri von Nurettin Rençber (erschienen bei KALAN, Istanbul), der sie seinerseits
dem Buch E
şkiyalik ve Eşkiya Türküleri von Mehmet Bayrak entnommen hat. - Die Texte
haben wir sinngemäß ins Deutsche übertragen.