DAS MASSAKER VON DEN DREIUNDDREISSIG KUGELN

Eine Sendung der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft Kassel und Umgebung im Freien Radio Kassel vom 11.02.1998
nach dem Gedicht und den Erinnerungen von Ahmed Arif und nach der Reportage von Günay Aslan
 
Es ist das Jahr 1946. Nach dem Aufstand von Dersim 1938 war auch die letzte Rebellion in Blut erstickt worden. Nun gibt weder Aufstand noch Widerstand. Die Kurden sind brav und stumm. Ein Gedicht geht von Hand zu Hand, heimlich; es ist nirgends veröffentlicht.

Dies ist der Berg Mengene
Dort bricht der Morgen an in Van
Dieser Berg ist Nemrut, sein Sproß
Dem Morgen blickt Nemrut entgegen
Eine Seite bedeckt tiefer Schnee, am Horizont der Kaukasus
Die andere der Gebetsteppich, persischer Boden
Auf den Gipfeln Gletscherzapfen
Scheue Tauben an seinen Quellen
Und ein Rudel Rehe,
Eine Schar Rebhühner ...

 
Nemrut  
Mut ist ihnen nicht abzustreiten
Seit tausend Jahren wurden die hiesigen Burschen
Mann gegen Mann nie besiegt
Wie soll man nur davon berichten
Keine Schar Kraniche ist dies
Kein Sternbild am Himmel
Dreiunddreißig Kugeln im Herzen
Dreiunddreißig Quellen von Blut
Fließen nicht mehr
Ein See ist entstanden auf diesem Berg ...
 
Was war geschehen? - In der Kreisstadt Saray, nahe an der türkischen Grenze zum Iran, waren sämtliche Rinder gestohlen worden. Die Täter sind nicht zu finden. Etwa hundert Menschen aus den umliegenden Dörfern werden verhaftet - aufgrund persönlicher Feindschaften angeschwärzt von einem Straßenschreiber, dem Anführer einer Bande, und von einem Geheimdienstler.

Die Staatsanwalt trennt die Guten von den Schlechten. Es sind Leute darunter, die kleine Delikte begangen haben; sie hatten z.B. die Straßensteuer nicht bezahlen können -darauf stand Zwangsarbeit im Straßenbau oder Gefängnis-. Es sind kleine Diebe darunter. Diese Beschuldigten werden aussortiert. Sie kommen ins Gefängnis und werden nach Absitzen ihrer Strafe freigelassen. Von den übrigen dreiunddreißig hat niemand etwas mit dem Gericht, der Polizei oder der Gendarmerie zu tun. Gegen keinen von ihnen gibt es auch nur einen Verdacht. Das Gericht spricht sie frei. Auf Befehl des Kommandanten des Grenzbataillons werden sie in Viehställen weiterhin festgehalten. Die Anschuldigung lautet nun "Spionage für Rußland". Ein Telegramm ordnet ihre Überführung in die Bezirksstadt Erzurum an.

Auf dem Weg dorthin wurden ihnen am frühen Morgen des 28. Augusts 1943 am Sefo-Bach die Hände auf den Rücken gebunden; sie mußten niederknien und wurden der Reihe nach erschossen.

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45 Jahre später gelingt es dem Reporter Günay Aslan, mit Ismail Çolak, einem der Soldaten des Erschießungskommandos, Kontakt aufzunehmen.

"In der Nacht dieses Vorfalls weckte mich mein Unteroffizier mit einem Stoß. Er sagte zu mir: 'Zieh dich an, mach keinen Lärm und komm raus, der Kommandant wartet'... Nach kurzer Zeit waren dreißig Mann von uns beisammen. Der Leutnant sagte zu uns: 'Jeder soll sein Pferd fertigmachen und Proviant für sechs Tage mitnehmen; wir werden die Verhafteten nach Erzurum bringen.'... Wir machten uns sofort auf den Weg. Wir waren zu Pferd, die Dorfleute gingen zu Fuß. Keinem von uns kam in den Sinn, daß sie erschossen werden sollten.

Manche von ihnen waren so alt, daß sie nicht imstande waren zu marschieren. Die anderen nahmen sie abwechselnd auf den Rücken. ... Als wir zum Sefo-Bach kamen ... hieß es 'Absitzen'. Erst, als der Oberleutnant 'Fesseln' sagte, begriffen wir, daß wir diese Menschen töten sollten. In zwei Gruppen fesselten wir sie aneinander ... und brachten sie ... hinunter an den Bach.

Dabei wurde mir plötzlich übel und ich sagte ... , daß ich nicht imstande sei, den Befehl auszuführen, man solle mich als Reserve zurücklassen. ... Der Oberleutnant wurde wütend. ... Er versetzte mir ein paar Peitschenhiebe. Wir gingen. ... hinunter an den Bach. Die Menschen hatten sich niedergekniet. ... Viele beteten laut, andere schrien und fluchten.

Beim Feuer-Kommando schloß ich die Augen. Ich habe wohl unwillkürlich abgedrückt. Meine Patrone war schon abgeschossen und ich stand immer noch in Schießstellung. Durch die Fußtritte des Oberleutnants fiel ich zu Boden. Er sagte zu mir: 'Binde diese Leute los'. Ich band sie alle los. Ich sah, daß einer noch am Leben war. Unsere Blicke begegneten sich. Ich kann nicht beschreiben, wie mir zumute war. ... es war unerträglich. ... Inzwischen hatte man die Infanterie-Soldaten Gruben ausheben lassen. Wir brachten die Leute einzeln zu den Gruben, den verwundeten Mann nahm ich auf den Rücken und brachte ihn weg. Dann kehrten wir nach Saray zurück; unterwegs sangen wir das patriotische Marschlied ‘Nebel liegt auf den Bergen’. ..."

Günay Aslan fragt den ehemaligen Soldaten: "Wenn Sie jetzt wieder in der gleichen Situation wären, würden Sie wieder das Gleiche tun?" Çolak reagiert verärgert: "Das verstehst du nicht, Bruder. Wenn diese Ereignisse nicht gewesen wären, hätte ich ein schönes Leben gehabt. Nicht wir waren es, die den Finger am Abzug hatten. Auch wir sind Kinder des Volkes. Unsere Körper haben das getan, nicht unsere Seelen. Ich bin geflohen, jahrelang bin ich vor mir als Mensch geflohen. Seit jenem Tag empfinde ich schon Abscheu, wenn ich nur eine Spielzeugwaffe sehe, und mein Magen dreht sich um, ich schäme mich vor mir als Mensch...." Der Kommandeur des Erschießungskommandos meldet Ablauf und Ergebnis des Vorfalls folgendermaßen: "Wir übernahmen vom Landratsamt die dreiunddreißig Personen, die wegen Hehlerei für die iranischen Räuber als Schuldige in Haft gehalten wurden, damit sie uns die Übergangsstellen an der Grenze zeigen sollten, welche die Banditen benutzen. Sie zeigten uns einige Stellen, die wir schon kannten. Als wir zum Sefo-Bach in der Gegend von Çilli kamen, wurde von der iranischen Seite der Grenze aus das Feuer auf uns eröffnet. Jene dreiunddreißig Personen wollten nun, teils mit unseren Kavallerie-Pferden, teils zu Fuß, zur anderen Seite der Grenze fliehen. Dabei gerieten sie zwischen das Feuer, das sowohl von der anderen Seite, als auch von unseren Truppen eröffnet worden war, und wurden nach einiger Zeit vollständig aufgerieben. Dies teile ich Ihnen als vorgesetzter Stelle höflichst mit ..." Unter den Erschossenen waren alte Menschen, auch junge Männer, die eben vom Militärdienst zurückgekommen waren, und es waren unschuldige Kinder darunter. Einige waren verlobt, einige jung verheiratet.

Was mag so einem jungen Mann -den Tod vor Augen- wohl durch den Kopf gegangen sein?

Am Abhang unten ist ein Hase aufgeschreckt
Sein Rücken ist scheckig
Sein Bauch milchweiß
Ein armer trächtiger Berghase
Dem Hilfslosen schlägt das Herz bis zur Kehle
Mitleid erregt er
Einsam, ganz einsam war die Tageszeit
Ein makelloser, blitzblanker Morgen
 
 
Umher blickte einer der Dreiunddreißig
Quälenden Hunger im leeren Bauch
Haare und Bart wirr durcheinander
Läuse am Kragen,
Ein junger Mann mit brennendem Herzen,
Mit gefesselten Armen erblickte
Einen armen Hasen,
Hinter sich.
 

Er dachte an die geliebte Flinte,
Zurückgeblieben unter dem Kissen,
Er dachte an das Fohlen von Harrans Weide
Mit blauer Perle in der Mähne,
Eine Blesse auf der Stirn,
Mit drei weißen Fesseln
Wie leicht war der Gang
Der rotbraunen Stute!
Wie flogen sie über Hozat hinweg!

 
 

So wehrlos jetzt und gefesselt,
Wäre nicht
Dieser kalte Gewehrlauf in seinem Rücken
Bergaufwärts könnte er fliehen ...
Diese Berge, vertraute Berge, kennen sein Geschick,
Bei Allah, keine Schande machen ihm seine Hände,
Die Asche der brennenden Zigarette,
Die im Sonnenlicht funkelnde
Natternzunge
Beim ersten Schuß zerstäuben
Die geschickten Hände ...
 

Diese Augen tappten nie in Falle
Drohende Lawinen über den Tälern
Sanfte Falschheit verschneiter
Schluchten
Erkannten seine Augen gleich ...
Wehrlos
Würde er erschossen,
Fest stand der Befehl,
Schlangen würden nun seine Augen,
Sein Herz Aasvögel fressen ...

 

Ein Einziger entkam dem Massaker. Seine Mutter erinnert sich: "Mein Sohn Ibrahim wird schon bei der ersten Salve verwundet und fällt zu Boden. Die anderen fallen auf ihn. Man glaubt, daß er tot ist, und läßt ihn liegen. Mein Sohn bleibt stundenlang zwischen unseren Toten liegen. Als es dann Nacht geworden ist, richtet er sich mühsam auf. Er selbst hat es so erzählt. In dieser Nacht gab es nur einen einzigen Stern am Himmel. Und von diesem Stern tropfte das Licht herunter, als würde der Stern weinen. Das Licht hat ihm den Weg gewiesen.

Er ging über die Grenze und suchte Zuflucht im Iran. Dort kam er bei unseren Verwandten unter. Wir glauben, daß unser Sohn tot ist. Wir trauern um ihn...

Nach einem Jahr bringen Verwandte aus dem Iran die Freudenbotschaft, daß mein Sohn lebt. Am nächsten Tag gingen wir mit der ganzen Familie in den Iran hinüber. Du kannst dir garnicht vorstellen, wie ich meinen Sohn umarmte. Was für eine Freude. Ich habe geweint, nicht, als wäre mein Sohn neugeboren, sondern, als wäre er noch einmal gestorben; denn er war nur noch Haut und Knochen. Jener Ibrahim war fortgegangen, an seiner Stelle war ein anderer gekommen. ...

Kurz darauf bemerkten wir seinen wahren Zustand. Nachts wacht er schreiend auf; er weint bei jeder Gelegenheit; manchmal verstummt er ganz und versinkt in Gedanken. Ohne Gefühl, wie aus Stein war er geworden. Ein Toter, der einatmet und ausatmet, umhergeht, sieht und spricht, war mein Sohn. Sein Herz hat es nicht lange ausgehalten. Drei Jahre später starb er wirklich ..."

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Erschossen bin ich
In einsamer Bergschlucht
Zur Stunde des Morgengebets
Liege ich da
Ausgestreckt, voller Blut, ...
Erschossen bin ich
Mein Traum ist schwärzer als die Nacht
Kein gutes Omen liegt darin
Das Leben nimmt man mir vor der Zeit
Die Worte fehlen mir dafür
Chiffrierter Befehl eines Generals
Erschossen bin ich, ohne Gehör, ohne Urteil.
Gevatter, schreib so über mein Geschick
Für ein Märchen hält man's vielleicht
Rosen waren es nicht
Die Dumdum-Kugel
Riß meinen Mund in Stücke ...

 

Ibrahim Öztürk erzählte seiner Mutter Cazê von der Haft: "Nachdem man uns in den Viehställ gebracht hatte, kam niemand zu uns, obwohl inzwischen schon zwei Tage vergangen waren. Am Abend des dritten Tages sagte man uns, daß der Major kommen werde. Alle waren wir in dem Stall eingesperrt; unsere Kleider hatte man uns weggenommen; man ließ uns im Hemd zurück. Im Stall versuchten wir, mit trockenem Brot und Wasser auszukommen. Unser Bedürfnis verrichteten wir ebenfalls im Stall. Der Major ließ uns vor sich strammstehen und beschimpfte auf üble Art unsere Mütter und Frauen; dann sagte er: 'Ihr alle seid Landesverräter. Für Rußland betreibt ihr Spionage. Ihr geht in den Iran und berichtet dort den Russen, was wir an Streitkräften und Militärausrüstung haben. Deshalb hält euch der Staat hier fest.' Nach diesen Worten des Majors waren wir alle wie gelähmt. Wir hatten geglaubt, wir würden wegen der gestohlenen Rinder von Saray festgehalten. Die Absicht dieser Männer war böse, und es war für uns unmöglich, aus ihren Händen zu entkommen. ...

Zwanzig Tage blieben wir in dem Stall. Nicht einen einzigen Tag ließen sie uns raus. Die Älteren wären beinahe erstickt. Gottseidank hatten wir ein Loch in die Wand gemacht. Nachts zogen wir den Stein heraus und holten einer nach dem anderen an dem Loch frische Luft. Das Loch blieb bis zum Morgen offen. Wir überlegten, ob wir dieses kleine Loch für die Flucht vergrößern sollten. Es war unmöglich, um den Stall herum waren Tag und Nacht Posten. ..."

Was hatte es mit dem Vorwurf der Spionage auf sich? - In dem Gedicht von Ahmed Arif heißt es dazu: Gevattern, Brüder sind wir, blutsverwandt
Mit den Dörfern drüben, mit den Nomaden
Verschwägert jahrhundertelang.
Nachbarn sind wir, Seite an Seite
Im Wechsel mischen sich unsere Hühner
Nicht aus Unkenntnis,
Aus Armut
Werden wir mit dem Paß nicht warm
Für dies Vergehen massakriert man uns
Nun sind wir zu Banditen gestempelt
Zu Schmugglern
Zu Räubern
Zu Verrätern ...

 

Gevatter, schreib so über mein Geschick
Für ein Märchen hält man's vielleicht
Rosen waren es nicht
Die Dumdum-Kugel
Riß meinen Mund in Stücke...
 
[Anmerkung: Geographisch festgelegte Landesgrenzen sind in den kurdischen Gebieten erst eine ‘Errungenschaft’ dieses Jahrhunderts. Die Grenzen der neu entstandenen Nationalstaaten durchschneiden nun plötzlich die Wanderungsgebiete der Nomaden und Halbnomaden, auf denen sie sich jahrhundertelang frei bewegen konnten und mußten; denn das Klima dieser Bergwelt zwingt zu einem ständigen Wechsel der Weiden. So schneidet diese Grenzziehung die Menschen mit ihrer Weidewirtschaft von einem wesentlichen Teil ihrer natürlichen Lebensgrundlagen ab; ihre gewohnte Lebensweise wird zu einer Kette ganz neuer Delikte, die von ‘Schmuggel bis zu ‘unerlaubtem Grenzübertritt’ oder gar sogenannter ‘Spionage’ reichen.]
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Nachdem nun ein Überlebender des Massakers aufgetaucht war, spiegelte sich dieser Vorfall -mit drei Jahren Verspätung- auch in der Presse wieder; die Tageszeitung Hürriyet etwa brachte eine ganzseitige Reportage.

Politische Umstände begünstigten die Aufklärung des wahren Sachverhaltes und seiner Hintergründe: Nach dem Ausbruch des Kalten Krieges erschien der Türkei eine Annäherung an den Westen wünschenswert. Eine gewisse Demokratisierung der bisherigen Ein-Parteien-Diktatur Inönü’s war damit unvermeidlich geworden. Für die neuzugelassene Demokratie-Partei war die Angelegenheit eine willkommene Möglichkeit, sich für die anstehenden Wahlen profilieren. Ihre Abgeordneten machen sich zum Sprachrohr der Empörung in der Öffentlichkeit und erreichen die Einleitung von Untersuchungen.

Sieben nach dem Massaker Jahren kommt es dann schließlich zum Prozeß. Mit zitternder Hand unterschrieb Abdurrahman Keskin, zur Zeit des Vorfalls Militärdienstleistender beim Grenzbatallion von Saray, sein Aussageprotokoll vor Gericht:

"Nachdem die Dorfbewohner verhaftet worden waren, gab es für uns ziemlich viel Arbeit. Als ob die ständige Herumrennerei tagsüber nicht schon gereicht hätte, mußten wir nachts mit Pferdesätteln, ... in die Ställe gehen, die als Gewahrsam benutzt wurden. Wir warfen die Sättel jenen Dorfbewohnern auf den Rücken, legten ihnen auch noch die Kandare in den Mund und ritten auf ihnen. Der Befehl verlangte dies so... Ich selbst habe die Abscheulichkeit von dem, was damals geschah, erst begriffen, als ich wieder Zivilist war. Dort ist man wie ein Roboter. Im Zivilleben fing ich an, mich selbst als einen Verbrecher, als eine Bestie anzusehen. Es gibt beim Militär weder Menschlichkeit, noch Ehr und Glauben, noch Gewissen ..."
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Den Totesbefehl führten sie aus,
Den blauen Bergnebel,
Den schlaftrunkenen Morgenwind
Besudelten sie mit Strömen von Blut.
Dann stellten sie gleich die Gewehre zusammen
Tasteten mich ab, sacht, ganz sacht,
Durchsuchten mich
Faser für Faser
Mein rotes Schärpentuch,
Gebetskette, Tabakdose nahmen sie mit
All das waren Geschenke der Perser...

 

Diese Zeilen aus Ahmed Arifs Gedicht liest Günay Aslan dem ehemaligen Soldaten Ismail Çolak vor. "Habt ihr diese Leute ausgeplündert, nachdem ihr sie getötet hattet." "Nein. So etwas haben wir nicht getan. Nach der Hinrichtung haben wir die Leichen bei den Gruben, die von den Infanterie-Soldaten ausgehoben worden waren, ... liegengelassen und sind zurückgekehrt. Die Infanterie-Soldaten blieben dort. Ob sie die Leichen geplündert haben oder nicht, weiß ich nicht." Mehr sagt Ismail Çolak nicht dazu. Bei diesem Punkt fühlt er sich offenbar unwohl. Dem damaligen Infanterie-Soldaten Abdurahman Keskin stellt der Reporter diegleiche Frage: "Habt ihr diese Leute ausgeplündert, nachdem ihr sie getötet hattet?" "Ich weiß es nicht. Es gab jedoch einige Soldaten, denen jede Menschlichkeit fehlte. Kann sein, daß sie ein paar Sachen genommen haben. Tatsache ist, daß in der Tasche eines entlassenen Soldaten ein violetter Tausend-Lira-Schein auftauchte, der von einer Kugel durchbohrt war. Er sagte, er habe ihn einem der Erschossenen weggenommen. Er kam zwei Tage lang in Arrest und wurde dann wieder freigelassen. Als die Kavallerie-Soldaten von dieser Sache hörten, wurden sie wütend. Einige sagten: ‘Wir waren es, die sie erschossen haben, es wäre unser Recht gewesen’, aber jetzt ist nichts mehr daran zu machen."
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Günay Aslan ging auch dem Schicksal der Angehörigen dieser dreiunddreißig Menschen nach. So befragte er -45 Jahre nach dem Massaker- Mutter Latife, die damals 19 Jahre alt und mit einem der Ermordeten gerade 15 Tage verheiratet war.

"Am Abend des fünfzehnten Tages hieß es, daß Gendarmen das Dorf umzingelt hätten und viele Leute mitnehmen würden. Wir hatten Angst und verschlossen die Türen. Aus den Häusern in der Nachbarschaft hörten wir Schreien und Weinen. Dann kamen wir an die Reihe. Sie klopften an unsere Tür. Mein Mann öffnete. Sie lasen den Namen meines Schwiegervaters und meines Mannes vor. Beide gingen hinaus. Ich wußte, man würde sie in den Tod führen. Wir konnten jedoch nichts tun, außer zu weinen .... Ich schrie und weinte; ich zerkratzte mir Gesicht und Augen; halb ohnmächtig brach ich zusammen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war. Als ich die Augen aufschlug, saß meine Schwiegermutter neben mir und sang die Totenklage .... Zwanzig Tage danach erhielten wir die Todesnachricht. In diesen Tagen suchte ich lange nach Gott - auf Erden, im Himmel, in den dunklen Nächten: nichts, nichts, nichts ... Von Menschen gab es ohnehin keine Hoffnung für uns. Gott gab es auch nicht." Mutter Latife weint still und lautlos. ... Wieder fängt sie an zu erzählen. Sie erzählt von ihrer ‘Witwen’schaft, die am fünfzehnten Tag ihrer Ehe begonnen hatte. Sie erzählt von den althergebrachten Sitten und Gebräuchen, die verlangen, daß sie Jahre nach dem Massaker mit dem dreizehnjährigen Bruder des Ermordeten verheiratet wird: "Ob der Tod nicht besser ist als diese Sitten, weiß ich nicht. - Wenn man stirbt, ist man am Ende befreit." Günay Aslan bittet auch den jetzt etwa sechzigjährigen Ehemann Ali Han von damals zu erzählen. "An zwei Dinge von damals erinnere ich mich. Zum einen an die Hochzeit meines Bruders und zum anderen, wie man ihn, meinen Vater und meinen Onkel in den Tod geführt hat. Mein Bruder war zu dieser Zeit Soldat. Als ich zehn alt war, kam er auf Urlaub zu uns. Er kam auf Urlaub und ging in den Tod, das ist daraus geworden. ... Bei der Hochzeit hatte mein Vater mich mit der Tochter unseres Gevatters aus dem Iran verlobt." Die Augen von Ali füllen sich mit Tränen, er kann nicht mehr weiterreden. Erst nach geraumer Zeit spricht er weiter: "Es ging gegen Abend an diesem unseligen Tag. Ich lasse unsere Lämmer grasen. Mit fünf bis sechs Lämmerherden kamen wir gerade ins Dorf und lauschen dabei dem Klang der Flöte von Onkel Celo; er konnte mit seiner Flöte Berg und Stein erweichen. Am Dorfeingang versperrte uns die Gendarmerie den Weg. Celo konnte nicht einmal Luft holen. Sie nahmen den armen Mann mit, versetzten ihm mit der Hirtenflöte fortwährend Schläge auf den Hintern und trieben ihn so vor sich her. Weinend lief ich nachhause. Als ich das Hoftor erreicht hatte, sah ich, daß eine Katastrophe unser Haus bis auf den Grund erschüttert hatte. Latife hatte sich Gesicht und Augen zerkratzt und weinte mit gellend lauter Stimme. Meine Mutter hatte eine Totenklage angestimmt und schlug sich auf die Knie. Als meine Mutter sagte, daß die Gendarmen meinen Vater und meinen großen Bruder mitgenommen hatten, spürte ich, wie etwas in mir zerriß. ... Ich kauerte mich an der Wand auf den Boden. Ich konnte kein Wort herausbringen und weinen konnte ich auch nicht ..." Nachdem drei Jahre vergangen waren, sollte Ali Han heiraten. Die Frau, mit der er im Alter von dreizehn Jahren in der Hochzeitsnacht zusammenkam, war jedoch nicht seine Verlobte aus dem Iran, sondern seine Schwägerin Latife. "Es ist ein Gebot der Ehre. Hätte man sie einem Hund vorgeworfen, der Hund hätte sie nicht gefressen. Ich habe sie genommen, ich war verpflichtet, sie zu nehmen. Man denkt, man ist schlimmer dran als ein Hund, aber so ist es Sitte." Ali Han war nicht der einzige, der seine Schwägerin heiratete. In diesem Landstrich waren es Zehntausende. Dies war in jener Zeit ein ungeschriebenes Gesetz, gegen das man nicht ankonnte, ein "auf die Stirn geschriebenes Schicksal".
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Von jedem der Dreiunddreißig gäbe es eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte eines lebendigen Menschen, mit seinen Leiden und seinen Hoffnungen, und auch die Geschichte seiner Angehörigen.

Ein gerade erst Verlobter war unter den Erschossenen, seine Braut verliert den Verstand, als sie die Nachricht erhält.

Meme Özay aus dem Dorf Runêxar im Kreis Özalp ist der Sohn von Sultan Özay, des Ältesten von den Dreiunddreißig; er wurde im Alter von einundachzig Jahren erschossen:

"Mein Vater war ein sehr frommer Mann.... Er mischte sich nie in anderer Leute Angelegenheiten. Er war ein Mann, dem jeder Liebe und Achtung erwies. Lange Jahre konnte er keine Kinder haben. Von unserer Familie erschossen sie sieben Personen. Meinen Vater, meinen Onkel und Verwandte von mir... Meine Mutter hat nicht mehr geheiratet. Sie drückte ihre sechs Kinder an die Brust und blieb allein. ...

Auch ich habe meinen Militärdienst abgeleistet. Diese Zeit war die bitterste Zeit meines Lebens. Ich starb jeden Tag, jede Stunde, ich starb immer wieder aufs Neue. Sehr viel Leid habe ich durchgemacht, und es hörte nie auf."

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Nach dem Massaker wird in der Kreisstadt der Ausnahmezustand verhängt. Vor fast jedem Haus steht ein Soldat. Tag und Nacht halten sie Wache. Die Verwandten der Getöteten wenden sich an das Gericht. Der Richter..., der die Untersuchung einleitet, wird noch in derselben Nacht zur Militärbehörde in Van gebracht. Sofort nach seiner Rückkehr legt er sein Amt nieder und geht fort. Später berichtet er darüber: "In Van schrien sie mir ins Gesicht, daß man mich umbringen würde, wenn ich mein Amt nicht niederlegen und den Vorfall schleunigst vergessen würde."

Unter den Ermordeten waren auch zwei Soldaten, die auf Urlaub in ihre Heimatdörfer gekommen waren... Die Kommandanten ihrer Kompanien erkundigten sich, warum diese Soldaten ... nicht zu ihren Einheiten zurückgekehrt seien. Da der Chef der Kreismilitärbehörde in Saray in seinem Antwort-Telegramm ... die Formulierung "sie wurden erschossen" verwendet hatte, wurde er verhaftet und ... kam in das Militärgefängnis von Van.

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Die Verwandten der Erschossenen berichten von ihren Anstrengungen um die Herausgabe der Leichen:
 
 

"Wir wußten, daß man sie erschießen würde, wollten aber nicht daran glauben. Es gab auch keine offizielle Erklärung. Die Behörden verbreiteten unter der Hand, daß unser Angehörigen erschossen worden waren. Unsere erste Reaktion war, die Herausgabe der Leichen zu verlangen. Man hat sie nicht herausgegeben. Wir schickten ein Telegramm nach dem anderen los. Wir schickten Männer nach Ankara; es war vergeblich. Dem Geruch nach waren die Leichen inzwischen schon am Verwesen. Zu Hunderten versammelten wir uns. Wir setzten uns in einer Reihe vor die Kommandantur des Bataillons. Man schickte Soldaten auf uns los und drohte, uns zu töten; trotzdem hielten wir durch; zwei Tage und zwei Nächte warteten wir so, ohne Essen. Dann marschierten wir, Frauen und Männer, Alt und Jung, über tausend Menschen, in Richtung Sefo-Bach. Wir wollten, daß sie auch uns töten sollten.

Es waren noch vier Kilometer bis zu dem Bach, als sie mit Bajonetten auf uns losgingen. Die Kavallerie-Soldaten drängten sich mit ihren Pferden zwischen uns; drei Kinder blieben unter den Pferdehufen und wurden zertrampelt. Einige Frauen warfen ihre Kinder eigenhändig vor die Pferde, damit sie sich vielleicht erbarmen und nicht auf sie treten würden, aber weit gefehlt!"

"Sie ließen vor unseren Füßen einen Kugelhagel niedergehen. Kurz gesagt, wir sahen, daß sie uns alle töten würden; wir blieben da, wo wir saßen, mit unserem Leid und unseren Tränen mutterseelenallein. Seit dieser Zeit schicke ich regelmäßig jedes Jahr an das Innenministerium und an die Nationalversammlung Eingaben, daß wenigstens das Zutrittsverbot aufgehoben wird, damit wir die Leichen bestatten können, wie es unser Glaube verlangt, und die Verstorbenen endlich Ruhe finden können. - Niemand hat sich auch nur die Mühe gemacht, darauf zu antworten. ..."

Erst als die Beweise vor Gericht erdrückend sind, gibt der für den Schießbefehl verantwortliche General Mu?lal? seine Schuld zu und entschuldigt sich folgendermaßen: "In jenen Jahren war der Iran -mit Unterstützung Amerikas und Englands- von den Russen besetzt. Die Russen hatten in Mahabat eine kurdische Republik gegründet mit Scheich Gazi Mehmet als Präsidenten. ... Die Kurden betrieben freiwillig Spionage für die Russen. Aus diesem Grund war es nicht möglich, Vorfälle, die sich auf Kurden bezogen, an normalen Maßstäben und an einem normalen Staatsverständnis zu messen." General Mu?lal? wurde verurteilt, und -da man nun einen Schuldigen hatte- wurden die Untersuchungen nach den Hintermännern dieses und anderer ähnlicher Massaker im Osten der Türkei, darunter z.B. der damalige Staatspräsidenten Inönü, erstickt.

Damals wurden die Schuldigen noch zur Rechenschaft gezogen, gegen die Verantwortlichen der heutigen Massaker dagegen wird -trotz aller Floskeln von "Demokratisierung" und "Rückkehr zur zivilen Ordnung"- kein Prozeß eröffnet, ganz im Gegenteil, sie werden noch befördert!

 

Mit bitterem Ton erinnert Ahmed am Ende seines Gedichtes an die Opfer, die die kurdische Bevölkerung zur Zeit des Befreiungskrieges gebracht hat.

Schieß doch, Kerl,
Schieß,
Ich sterbe nicht so leicht.
Glut bin ich unter der Asche meines Heims,
Im Bauch brennt mir ein Wort,
An den, der davon weiß.
Seine Augen ließ mein Vater vor Urfa
Und drei liebe Brüder
Drei schlanke Bäume
Voller Leben, drei Felsen.
Von Türmen, Höhen, Minaretten
Erhoben sich Gevatter, Verwandte, die Kinder der Berge
Gegen die Belagrung der Franzosen im Widerstand.

 
 

Eben erst wuchs ihm ein Schnurrbart
Meinem jungen Onkel Nazif
Gut sah er aus,
Leichten Mutes
Ein guter Reiter
Schieß Bruder, sagte er
Ein Ehrentag ist es heut
Und steigen ließ er sein Roß.
 

Gevatter, schreib so über mein Geschick
Ein Märchen sei's, glaubt man vielleicht
Rosen sind es nicht
Die Dumdum-Kugel
Riß meinen Mund in Stücke ...

 

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Ahmed Arif wurde wegen dieses Gedichtes verhaftet und schwer gefoltert.

Günay Aslan wurde wegen seiner Recherchen über dieses Massaker, die er unter dem Titel "Die Geschichte trägt Trauer" veröffentlichte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und sein Buch beschlagnahmt.

 
Die Wiedergabe der türkischen Texte von Ahmed Arif und Günay Aslan folgt unsere eigenen Übersetzungen