24.8.2003

Die religiöse Landschaft der Kurden

von Sukriye Dogan und Eva Savelsberg

 

 

 

Kurden sind Angehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften. Die überwiegende Mehrheit von ihnen - zwei Drittel bis drei Viertel - sind Sunniten. Im Gegensatz zu ihren türkischen und arabischen Nachbarn gehören sie meist der schafiitischen und nicht der hanafitischen Rechtsschule an - eine Unterscheidung, die allerdings für viele kaum von Bedeutung ist.

Neben dieser wichtigsten orthodoxen Ausprägung des Islam finden sich religiöse Gruppierungen, deren Glaubenslehren und Rituale einerseits vom Islam geprägt sind, die andererseits aber auch Elemente präislamischer Religionen aufweisen. Zu ihnen gehört auch die zweitgrößte Gruppe nach den Sunniten, die der Aleviten. Ihr Herkunftsgebiet liegt ausschließlich in der Türkei, dort machen sie etwa ein Viertel der Bevölkerung aus, unter ihren Mitgliedern sind sowohl ethnische Türken als auch Kurden. Weiter zu nennen ist das Yezidentum, dem ausschließlich Kurden angehören. Die traditionellen Siedlungsgebiete der Yeziden liegen in den vorwiegend kurdisch besiedelten Teilen der Türkei, des Irak und Syriens sowie in Armenien und Georgien.

Es gibt noch weitere Religionsgemeinschaften, denen kurdische Gläubige angehören, allerdings spielen sie im Gegensatz zu Sunniten, Aleviten und Yeziden in der (deutschen) Diaspora weder zahlenmäßig eine Rolle, noch treten sie hier auf andere Weise besonders in Erscheinung. So überwiegen etwa im Süden des kurdischen Siedlungsgebiets - in der iranischen Provinz Kermanschah, in den irakischen Städten Khanaqin und Mandali sowie in Teilen der Provinzen Kirkuk und Arbil - Kurden, die der Zwölfer-Schia anhängen, dem offiziellen Glauben des Iran seit dem 16. Jahrhundert. Eine weitere Gruppe sind die Ahl-i Haqq, ihre traditionellen Siedlungsgebiete liegen in den kurdisch besiedelten Teilen des Iran und des Irak, ihre Anhänger sind neben Kurden auch Luren, Azeri, Perser im Iran und Turkmenen im Irak. In Israel leben darüber hinaus Kurden jüdischen Glaubens.

Sunniten  
 

Der Koran stellt die Grundlage des Islam dar, die fünf Säulen des Glaubens - Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Armensteuer und Pilgerfahrt - sind für alle Sunniten verbindlich. Wer den Satz "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet" vor anderen Muslimen ausspricht, gilt fortan ebenfalls als Muslim. Für ihn sind die täglichen fünf Gebete verpflichtend, die Richtung Mekka gewandt und nach genau vorgeschriebenen rituellen Waschungen vollzogen werden müssen. So wie das Morgengebet zwischen Morgendämmerung und Sonnenaufgang zu verrichten ist, sind auch für die anderen vier Gebete genaue Zeitspannen festgelegt, innerhalb derer sie vollzogen werden müssen. Im Fastenmonat Ramadan darf dreißig Tage lang zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht geraucht, getrunken, gegessen und kein Geschlechtsverkehr ausgeübt werden. Der Gläubige soll sich ganz auf den Koran und auf Gott konzentrieren. Die Abende werden oft mit gemeinsamen Festessen verbracht. Am Ende des Ramadan steht das Zuckerfest, das Fest des Fastenbrechens, das drei Tage lang dauert. Die Verpflichtung zur Abgabe der Armensteuer sieht vor, dass jeder Gläubige den vierzigsten Teil seines Vermögens an Bedürftige gibt. Schließlich soll jeder Gläubige mindestens einmal im Leben nach Mekka (Saudi-Arabien) pilgern.

Weitere Vorschriften im Koran regeln praktische Bereiche des Lebens, am bekanntesten dürfte das Verbot sein, Schweinefleisch zu essen. Eine wichtige Tradition ist die Beschneidung von jungen beim Übergang zwischen Kind und Mann, die allerdings im Koran nicht explizit erwähnt ist.

Die Frauenbeschneidung ist bei Kurden nicht üblich, sie wird lediglich aus einem sehr begrenzten Gebiet an der irakisch-iranischen Grenze berichtet. Viele Kurden haben selbst nie gehört, dass dieser Brauch dort praktiziert werden soll und sind entsprechend entsetzt. Bezüglich der Bekleidungsvorschriften für Frauen sind unter kurdischen Sunnitinnen sehr unterschiedliche Moden zu beobachten: Während viele Frauen im Nordirak, insbesondere in der Provinz Arbil und in der Gegend um Halabja außer Haus den Tschador tragen - ein schwarzes Gewand, das den gesamten Körper verhüllt - ist diese Art der Bekleidung beispielsweise in der Türkei oder in Syrien kaum verbreitet. Während vor allem ältere kurdische Frauen oft ein einfaches weißes Kopftuch aus dünner Baumwolle tragen, variiert die Art der Kopfbedeckung bei jungen Kurdinnen stark, insbesondere in Deutschland verzichten viele auch vollständig auf ein Kopftuch.

Aleviten  
 

Aus religionswissenschaftlicher Sicht stehen die Aleviten den Schiiten nahe. Sunniten und Schiiten trennt die Frage nach der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Mohammed. Im Zentrum des alevitischen wie schiitischen Glaubens steht Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten, den seine Anhänger als dessen legitimen Nachfolger begreifen.

Die Aleviten erkennen weder die Scharia (das islamische Recht) noch die fünf Säulen des Islam an. Anders als Sunniten und Schiiten ist ihnen der Alkoholgenuss erlaubt und es besteht keine Verschleierungsvorschrift für Frauen. Dementsprechend werden die Aleviten von der islamischen Geistlichkeit als Ketzer betrachtet, bis heute haftet ihnen das Stigma der Unmoral an.

Das Alevitentum ist ursprünglich eine endogame Geheimreligion, seine Abschottung nach außen korrespondierte mit der Ausgrenzung der Aleviten aus der sunnitisch-osmanischen bzw. sunnitisch-türkischen Mehrheitsgesellschaft. Die Aleviten sind entlang eines erblichen Kastensystems organisiert: Verantwortlich für die religiöse und soziale Leitung der Gemeinschaft sind die männlichen Mitglieder (Dede, Pir) bestimmter, als heilig angesehener Familien (ocak). Ihre Legitimation beziehen sie aus ihrer - fiktiven - Abstammung von Ali bzw. dessen Nachkommen, den zwölf Imamen. Die Mehrheit der Aleviten gehört der Kaste der Laien (talib) an.

Da die Aleviten nicht über eine schriftlich fixierte Dogmatik verfügen - das religiöse Wissen wurde über Jahrhunderte durch die heiligen Familien mündlich überliefert - unterscheiden sich religiöse Praktiken sowohl regional als auch ethnisch. Die Aleviten verfügen nicht über Moscheen oder vergleichbare Gebetshäuser: Im Zentrum der Religion steht vielmehr das cem, eine festliche Zeremonie, während der von Männern und Frauen gemeinsam rituelle Handlungen wie Tanz, Gebet und Musik ausgeführt werden. In den überschaubaren, geschlossenen Dorfgemeinschaften, in denen die Aleviten bis Anfang/Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts lebten, fungierten die cem darüber hinaus als Kontroll- und Richtinstanz.

Ende der 1950er Jahre setzte infolge der Landflucht vieler Aleviten in die türkischen Metropolen eine »strukturelle Säkularisation« des Alevitentums ein, wichtige Bereiche des sozialen Lebens wurden dem Einfluss religiöser Würdenträger entzogen. In den 1960erjahren wurden kaum noch religiöse Zeremonien abgehalten und es wuchs eine Generation heran, die alevitische Bräuche nicht mehr aus eigener Anschauung kannte. Im Zuge der Politisierung der alevitischen Jugend in den 1960er und 1970er Jahren, insbesondere an türkischen Universitäten, setzte zusätzlich eine »subjektive Säkularisation« ein, d.h., Religion verlor zunehmend an Bedeutung für das individuelle Denken und Handeln.

Seit den 1980er Jahren findet eine Revitalisierung des Alevitentums statt, die eng mit den enttäuschten Hoffnungen zusammenhängt, die in neue Ideologien wie Sozialismus und Internationalismus gesetzt worden waren. Hinzu kamen die Opfererfahrungen der vorangegangenen Jahre: 1978 wurden rund zweitausend Aleviten von sunnitischen Muslimen in Mara umgebracht, 1980 kam es zu weiteren Überfällen in Corum, Tokat und Sivas. Diese Erfahrungen setzten sich auch in den 1990er Jahren fort: 1993 wurden bei einem Anschlag auf einen alevitischen Kongress in Sivas siebenunddreißig Schriftsteller und andere Künstler getötet, 1995 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in Istanbul, im Zuge derer Vorbehalte gegenüber kurdisch-alevitischen Gruppen geschürt wurden.

Den cem kommt im Prozess der Revitalisierung erneut eine wichtige Funktion zu: Sie sind offensiver Ausdruck von Zugehörigkeit zur alevitischen Gemeinschaft und eine Art Anschauungsunterricht in alevitischer Tradition für die jüngeren Generationen. Wurde der alevitische Glaube bis dahin eher geheim gehalten, bezeichnen sich nun mehr und mehr Personen explizit als Aleviten. Im Zusammenhang mit den cem entwickelte sich eine säkulare und dennoch explizit als alevitisch bezeichnete Musik.

Gleichzeitig begreifen viele Aleviten das Alevitentum nicht mehr als Religion im strengen Sinne, sondern als eine besondere Kultur, deren zentrale Elemente Toleranz, Menschenliebe und Fortschritt sind. Wie bereits erwähnt, gibt es sowohl türkische als auch kurdische Aleviten, wobei Erstere die Mehrheit bilden. Einerseits besteht eine starke Tendenz innerhalb dieser Gruppe, sich nicht ethnisch, sondern über die religiöse Zugehörigkeit zu definieren. Andererseits hat es seit Gründung der Republik Türkei eine Strömung gegeben, die das Alevitentum als »türkischen Islam« bezeichnet hat. Diese Strömung verweist u.a. darauf, dass die Kultsprache der Aleviten das Türkische ist.

Der kurdische Nationalismus wiederum hat auch die kurdischen Aleviten beeinflusst und ihr »Kurdischsein« in den Vordergrund gerückt. Doch es sind noch weitere Differenzierungen erforderlich: Ein Teil derjenigen Aleviten, die nicht wie die sunnitischen Kurden der Türkei Kurmanci sprechen, sondern Zaza bzw. Dimili, grenzt sich bewusst von den Kurden ab und versteht sich als Zaza, als eigenständige ethnische Gruppe. Der größere Teil der Zazasprecher hingegen bezeichnet sich selbst als kurdisch.

Yeziden

 
 

Ebenso wie das Alevitentum ist auch die yezidische Religion keine Schriftreligion, sondern lebt in erster Linie von der mündlichen Überlieferung. Darüber hinaus gibt es zwei heilige Bücher, das Kitab al-Jilwa, das Buch der Offenbarung und das Meshafa Rasch, das Schwarze Buch. Auch bei ihnen handelt es sich um ursprünglich mündlich überlieferte Texte, die in mehreren, z.T. voneinander abweichenden Versionen und von unterschiedlichen Autoren Ende des 17. Jahrhunderts verfasst wurden. Sie berichten über die Schöpfung der Welt, der Engel sowie der Menschen und enthalten Gebote und Tabus.

Ein zentrales Element der yezidischen Religion ist der Glaube an sieben Engel, denen Gott die Zuständigkeit für alle irdischen Angelegenheiten übertragen hat. Der höchste dieser Engel ist der Tausi Melek, der Engel Pfau. Tausi Melek ist für alles verantwortlich, was auf der Welt geschieht, das Gute wie das Böse. Diese ambivalente Position hat mit dazu geführt, dass er von vielen Muslimen ebenso wie von Christen als Personifizierung des Bösen betrachtet wurde und Angehörige des yezidischen Glaubens als Teufelsanbeter stigmatisiert worden sind.

Yezidischem Glauben nach soll Tausi Melek als Scheich Adi ibn Musafir (geboren zwischen 1073 und 1078) weltliche Gestalt angenommen haben. Er war ein orthodoxer Sufischeich und erst nach seinem Tod haben seine Anhänger begonnen, sich von islamischen Normen abzuwenden und Elemente präislamischer Religionen in ihren Glauben zu integrieren. Die relative Abgeschiedenheit des religiösen Zentrums in Lalisch (Nordirak) erlaubte eine extreme Verehrung Scheich Adis und anderer Führungspersonen, ohne dass islarnische Autoritäten hätten eingreifen können. Mit der Zeit wurde Scheich Adi zur einzigen Quelle religiöser Autorität und auch die auf präislamische Mythologie zurückgehenden Anteile des Yezidentums wurden ihm zugerechnet. Viele Yeziden lehnen diese Theorie allerdings aufgrund des darin implizierten isiamischen Ursprungs ihres Glaubens ab.

Die yezidische Gesellschaft ist in ein komplexes System von Kasten aufgeteilt, das sich durch Endogamiegebote auf unterschiedlichen Ebenen auszeichnet. Die höchste säkulare wie religiöse Instanz ist der Mir, der einer der Scheichfamilien angehört und dieses Amt auf Lebenszeit innehat. Als höchste geistige Instanz wird von vielen Yeziden jedoch der Baba Scheich angesehen, der aus einer anderen Scheichfamilie stammt und als Führer der Scheichs gilt.

Insgesamt gibt es drei Kasten: Die Scheichs, die Pirs und die Muriden (Laien). Die Aufgabe der Scheichs besteht in der spirituellen Führung der ihnen zugeordneten Muriden, sie nehmen für sie an bestimmten Geburts-, Hochzeits- und Bestattungsriten teil. Dafür erhalten sie jedes Jahr eine bestimmte Geldsumme von ihren Muriden und haben Anspruch auf besondere Hochachtung. Die Pirs können in Abwesenheit der Scheichs die meisten ihrer Aufgaben übernehmen. Die Mehrzahl der Yeziden gehört der Laienkaste an.

Zusätzlich zu den Kasten besteht ein Netz ritualverwandtschaftlicher Beziehungen durch festgelegte Institutionen wie Jenseitsverschwisterung - jeder Yezide wählt einen Bruder/eine Schwester für das jenseits aus einer Scheichfamilie - und Beschneidungspatenschaften, die auch mit Muslimen oder Christen eingegangen werden können.

Im Yezidentum ist keine Konversion oder Bekehrung möglich, ein Verstoß gegen Heiratsregeln hat den Ausschluss aus der Gemeinschaft zur Folge. Yeziden dürfen nur Yeziden heiraten, die derselben Kaste angehören, Scheichs sind auf ihren eigenen Clan begrenzt. Die Einforderung eines - teilweise extrem hohen - Brautpreises ist in vielen yezidischen Familien nach wie vor üblich. Da das Yezidentum nur kurdische Anhänger hat, glauben viele Kurden, dass ursprünglich alle Kurden yezidischen Glaubens waren.

Der Zeitschrift Denge Ezidiyan zufolge ist die Anzahl der in der Türkei lebenden Yeziden von ehemals um die 20000 auf 150 Mitglieder geschrumpft. Yeziden werden in der Türkei als »Ungläubige« betrachtet; Muslime konnten sich yezidische Ländereien aneignen ohne juristische Sanktionen befürchten zu müssen. Viele yezidische Dorfbewohner gerieten darüber hinaus in eine schwierige Situation, weil sie sich weigerten, sich vom Staat bewaffnen zu lassen und als Dorfschützer gegen die PKK zu kämpfen. Infolgedessen sind seit 1987 die meisten Yeziden aus ihren Dörfern in der Türkei nach Deutschland geflohen.

In den von der Zentralregierung verwalteten Gebieten des Irak gelten die Yeziden als Muslime, die sich vom Islam entfernt haben und (re-)arabisiert werden müssen. Seit 1965 fanden Zwangsumsiedlungen, Enteignungen und Vertreibungen von Yeziden in großem Ausmaß statt.

In Syrien lebt eine kleine yezidische Minderheit, deren Anzahl 15000 nicht übersteigen soll. Staatsbürgerrechte sind ihnen, ähnlich wie den 1962 ausgebürgerten Kurden, mehrheitlich versagt, die yezidische Religion gilt auch hier als islamische Sekte und wird nicht als eigenständig anerkannt.

Zahlen  
 

Genaue und gesicherte Angaben zur Anzahl sunnitischer, alevitischer und yezidischer Kurden in der Bundesrepublik und Berlin liegen ebensowenig vor wie Zahlen zu kurdischen Migranten allgemein. Das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten schätzt die Zahl der gegenwärtig in Deutschland lebenden Aleviten auf 700.000, ihre Zahl in Berlin wird mit rund 50.000 angegeben. Unabhängig davon, ob diese Zahlen zutreffen, dürfte ein Viertel bis ein Drittel von ihnen kurdischer Herkunft bzw. Zaza sein.

Auch zu yezidischen Gläubigen gibt es keine verläßlichen Statistiken, insgesamt werden etwa 20.000 bis 30.000 Yeziden, überwiegend aus der Türkei, in der Bundesrepublik vermutet. Diese verteilen sich hauptsächlich auf die Bundesländer Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In Berlin gibt es nach Einschätzung des yezidischen Scheichs Djengizkhan Hasso nur etwa 120 yezidische Haushalte.

 

Sunnitischer und alevitischer Religionsunterricht in Berlin
 


Ein wichtiger Diskussionspunkt hinsichtlich der Gleichstellung und Integration von Migranten aus muslimischen Ländern war lange Zeit die Frage, ob es wünschenswert ist, dass muslimische Kinder in der Schule islamischen Religionsunterricht erhalten bzw. wie ein solcher islamischer Religionsunterricht zu organisieren sei. Zum einen wird befürchtet, dass der islamische Religionsunterricht missbraucht werden könnte, um fundamentalistische Einstellungen bei Kindern und jugendlichen zu fördern. Zum anderen stellt die spezifische Struktur des Islam ein Problem dar: Der Begriff »Islarn« umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Glaubensrichtungen und Schulen, denen es an einer zentralen Instanz in Glaubensfragen ebenso mangelt wie an einer alle umfassenden Organisation.

Die Anträge verschiedener Zusammenschlüsse islamischer Vereine, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, wurden jahrelang von den Kultusbehörden der einzelnen Bundesländer zurückgewiesen: Entscheidend war dabei in der Regel, dass der jeweils antragstellende Verein von konkurrierenden Gruppierungen abgelehnt wurde und nach Ansicht der Behörden daher nicht für sich beanspruchen konnte, »den« Islam zu vertreten.

Das OVG Berlin hat sich in seinem Urteil vom 4. November 1998 diese Argumentation nicht zu Eigen gemacht und der Islamischen Föderation Berlin den Status einer Religionsgemeinschaft im Sinne von § 23 des Berliner Schulgesetzes zuerkannt. Nach behördlicher Prüfung der Lehrpläne hat sie somit einen Anspruch auf Erteilung islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen in Berlin. AM 23. Februar 2000 wurde dieses Urteil vom 6. Senat des Bundesverwaltungsgerichts bestätigt.

Seit September 2002 bietet die Islamische Föderation an zwei Grundschulen islamischen Religionsunterricht an: An der Rudolf-Wissell-Grundschule im Wedding nahmen nach ihren Angaben achtundvierzig Schüler aus verschiedenen Nationen teil, an der Fichtelgebirge-Grundschule in Kreuzberg elf. Zu Beginn des Schuljahres 2002/2003 sollte der Unterricht auf sechzehn Grundschulen in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Spandau und Mitte ausgedehnt werden.

Zweifel, inwieweit gerade die Islamische Föderation ein geeigneter Dachverband ist, blieben jedoch bestehen: Vertreter von Yekmal - Verein der Eltern aus Kurdistan e.V. kritisierten diese Entscheidung vor allem wegen der ihrer Meinung nach türkisch-nationalistischen Ausrichtung des Verbands. Darüber hinaus vertraten Personen wie der Europaabgeordnete Ozan Ceyhun die Meinung, dass die Islamische Föderation Beziehungen zur türkischen Organisation Milli Görüs unterhält, die vom deutschen Verfassungsschutz als extremistisch charakterisiert wird. Die Islamische Föderation dementiert derartige Verbindungen und geht gerichtlich gegen sie vor.

In Reaktion auf die Zulassung sunnitischen Religionsunterrichts wurde von alevitischer Seite die Einführung alevitischen Religionsunterrichts gefordert. Schließlich wurde das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten in Berlin von Schulsenator Klaus Böger als Träger eines solchen Angebots zugelassen. Alevitischer Religionsunterricht wird seit August 2002 an sieben Grundschulen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf angeboten.

Yezidischen Religionsunterricht gibt es an deutschen bzw. Berliner Schulen (noch) nicht, und angesichts des sich immer weiter ausdifferenzierenden Spektrums an zu berücksichtigenden Religionen wird von Gruppierungen wie der GEW Berlin die Frage gestellt, ob nicht letztlich die Einführung von Religionskundeunterricht, der Kinder aller Konfessionen mit den unterschiedlichen Religionen vertraut macht, angemessener wäre.

Abgesehen von Yekmal hat sich kein kurdischer Verein öffentlich an der Debatte um die Einführung von sunnitischem/alevitischem Religionsunterricht beteiligt. Das gilt auch für andere »religionsspezifische« Themen wie etwa die »Kopftuchdebatte«. Hier liegt ein deutlicher Unterschied zu vielen türkischen Vereinen, die ebenfalls keine dezidiert »religiöse« Ausrichtung haben, sich aber in diesen Angelegenheiten öffentlich zu Wort melden. Ganz offensichtlich sind diese Themen für kurdische Vereine kaum von Relevanz.

Aus dem geringen Interesse kurdischer »Vereinseliten« an religiösen Fragen kann jedoch nicht gefolgert werden, dass Religion für die kurdische Bevölkerung weniger bedeutsam wäre als für andere Migranten. Vermutlich werden auch kurdische Vereine sich stärker religiösen Themen zuwenden, wenn die Probleme ethnischer Anerkennung und Gleichberechtigung in den Hintergrund treten. Bislang scheint die Gründung kurdischer Vereine mit religiöser Ausrichtung wie z.B. der Föderation der Aleviten Kurdistans (FEK) eher der Gewinnung einer religiösen Klientel zu dienen.


Aus: Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie e.V.:
"Das kurdische Berlin"
hrsg. von der Ausländerbeauftragten des Senats, Berlin, März 2003