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Frankfurter
Rundschau Tage, die kein Ende nehmen Zwischen Anerkennung und Abschiebung, beladen mit Erinnerungen - seit fünf Jahren wartet eine sexuell gefolterte Kurdin auf das Ende ihres Asylverfahrens
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| Manche
Tage sind endlos. Ayse Celik steht am Wohnzimmerfenster und sieht auf den Häuserblock gegenüber. 70er-Jahre-Platten- bau, fünfstöckig. Es nieselt. Das Licht, das |
durch die
Stores ins Zimmer fällt, ist fahl."Hier sind so wenig Menschen auf der Straße", sagt Celik (Name von der Redaktion geändert) über die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern. |
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| Celik
lebt nicht hier, sie wartet. Die Asylan- träge von ihr und ihrem Mann wurden abge- lehnt. Beide haben dagegen geklagt - vor über fünf Jahren. Seitdem warten sie auf die |
mündliche
Verhandlung vor dem Verwaltungs- gericht. Zwei Kinder hat Celik in dieser Zeit auf die Welt gebracht. |
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| Als
sie in Deutschland um Asyl bat, war Ce- lik sechzehn und seit kurzem verheiratet, ei- ne Kurdin aus einem Dorf im Osten der Tür- kei. Ihre Mutter hatte die Hochzeit früh arran- giert, weil keine Männer im Haus waren. Der Vater war tot, einer der Brüder beim Militär, |
der
andere ging
tagsüber arbeiten. In dem von Kurden bewohnten Gebiet herrschte Ausnahme- zustand. Es waren viele türkische Militärs und Sondereinheiten in der Gegend. "Meine Mutter dachte, die Heirat sei der beste Schutz. Aber dann ist es mir doch passiert." |
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| Sexuelle
Folter durch Staatsdiener ist keine Seltenheit in der Türkei. Nach Berichten von Amnesty International werden Männer und Frauen besonders häufig nach Festnahmen und in Polizeigewahrsam missbraucht. Als Täter werden Militärangehörige, Gendarmen oder Polizisten benannt. Die Schilderungen der Opfer gleichen sich. "Ihre Augen werden |
verbunden,
sie werden mit Gewalt ausgezogen und nackt aufgehängt. Es sind mehrere Männer anwesend: Sie spotten, sie drohen. Sie traktie- ren die Geschlechtsteile ihrer Opfer mit Elektro- schocks und vergewaltigen sie manchmal mit Gegenständen, Polizeiknüppeln oder Wasser- schläuchen." |
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| Die
Berliner Anwältin Jutta Hermanns kennt einzelne Fälle. Ihr "Frauenrechtsbüro gegen sexuelle Folter" ist Anlaufstelle für türkische und kurdische Frauen, die inzwischen in Deutschland leben. Zusammen mit ihrer kur- dischen Kollegin Eren Keskin hat Hermanns ein ähnliches Projekt in Istanbul gegründet. Die Mitarbeiterinnen dokumentieren Fälle se- xueller Folter, vermitteln Therapien und zie- |
hen
für die Frauen vor Gericht. Von
den rund 40 Frauen, die sich bisher an das Berliner Projekt gewandt haben, trauten sich nur drei, ihre Peiniger anzuzeigen. In den meisten Fäl- len laufen die Asylverfahren noch, verbunden mit der Angst vor Abschiebung: "In so einem unsicheren Status kann man nicht leben und nicht sterben und erst recht nicht prozessie- ren", sagt Hermanns. |
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| Celiks
Wohnung ist aufgeräumt, blanke Ti- sche, staubfreie Regale. In den dämmrigen, mit Teppichen gepolsterten Räumen verbringt sie viel Zeit. Sie hat keine Ausbildung und lebt von Sozialhilfe. Tagsüber sind die Kinder im Kindergarten, ihr Mann hilft in einer Imbiss- bude aus. Wenn sie Besuch hat, läuft Celik zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, deckt den Tisch, räumt ihn ab, deckt ihn |
wieder.
Sobald sie sitzt, klemmt sie die Hän- de zwischen die Oberschenkel, als friere sie: "Ich fühle mich hier nicht wohl", sagt sie. Ihre Nachbarn aus dem Wohnblock hat sie einmal eingeladen, die Gegeneinladung blieb aus. Im Briefkasten hat sie schon Kondome gefunden und einmal eine Schlinge. Sie versteht es als Aufforderung, sich hier bloß nicht niederzulas- sen. |
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| Wegen
Vergewaltigung und sexueller Folter Asyl in Deutschland zu bekommen, ist nicht selbstverständlich. Mit dem neuen Zuwande- rungsgesetz steigen für Opfer geschlechtspe- zifischer und nichtstaatlicher Verfolgung die |
Chancen,
als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt zu werden. Aber sie müssen den deutschen Behörden selbstver- ständlich erzählen, was ihnen passiert ist. |
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| Ayse
Celik hat das nicht getan. Sie redet nicht über die Razzia, als Uniformierte in ihr Haus kamen. Auf der Suche nach ihrem Mann, der nicht zu Hause war. Sie spricht in Andeutungen. Die Männer schickten die Schwiegermutter weg, in einen anderen Raum. Celik war schwanger. Sie verlor ihr Kind, aber sie redet nicht von "sexueller Fol- ter", sie sagt: "Sie haben mein Kind auf dem |
Gewissen."
Das Asylverfahren
berücksichtigt nicht die Situation von Menschen, die auf dra- stische Weise Gewalt erfahren haben. Fehlen die Beweise - und im Falle einer Vergewalti- gung bleiben selten Belege -, muss die Frau ihre Erlebnisse glaubhaft machen. Sie muss bei der Anhörung nicht nur exakte Orts- und Zeitangaben machen, sondern auch jedes Detail erwähnen. Viele tun das nicht. |
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| "Die
meisten reden überhaupt nicht darüber", sagt der Frankfurter Anwalt Ludwig Müller- Volck. Er vertritt Flüchtlinge im Asylverfahren, darunter viele Kurden. Wenn seine Mandantin- nen Andeutungen machten, sei das schon viel. Eher senden sie Signale, auf der Suche |
nach
einem Empfänger. "Dann sitzen sie da und jammern über Belangloses oder zeigen eine Heidenangst, abgeschoben zu werden. Bei mir selbst hat es ewig gedauert, bis ich überhaupt mitbekommen habe, was das be- deuten kann." |
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| Manche
Frau bricht bei der mündlichen Ver- handlung zusammen. Für eine Anerkennung ist es dann fast zu spät. Wer zu lange wartet, wirkt auf die Behörden unglaubhaft. Aber Fol- teropfern hat es die Sprache verschlagen. Sie haben gelernt zu verdrängen, um psychisch zu überleben. Für viele türkische und kurdische Frauen ist sexuelle Gewalt ohnehin ein Tabu. |
Sie
schweigen nicht nur aus Scham. Wenn sie reden, riskieren sie den Ausschluss aus der Familie, die nur so ihre Ehre retten kann. Eine Frau, die über das, was ihr angetan wur- de, nicht einmal mit dem Ehemann oder der Mutter spricht, wird sich auch fremden Beam- ten nicht anvertrauen. |
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| Celiks
Schwiegermutter sagte, das Paar müs- se weg aus dem Dorf. In Istanbul besorgte ih- nen ein Fluchthelfer Papiere, zwei Wochen später landeten Celik und ihr Mann in Deutsch- land. Und jetzt redet Celik nicht viel über die |
Vergangenheit.
Sie erzählt, dass sie nachts nicht schlafen kann, weil sie an die Familie zu Hause denkt, dass sie sich oft krank fühlt. Sie klagt über Kopfschmerzen. |
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| Und
sie macht sich Sorgen, weil sie immer vergesslicher wird. "Ich lese etwas in der Zei- tung, dann hole ich mir ein Glas Wasser, |
und
wenn ich zurückkomme,
habe ich alles vergessen." |
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| Seit
kurzem geht sie einmal im Monat zur Therapie. Ihr Mann war zuerst dagegen. "Er hatte Angst, sie könnten uns die Kinder weg- nehmen, weil ich in Behandlung bin." Die The- rapeutin habe ihr anfangs geraten, aktiv zu werden, Ausflüge zu machen, in die Groß- stadt. Celik musste ihr erst erklären, dass sie sich nur im Umkreis von 30 Kilometern um ih- |
re
Wohnung bewegen darf. Celik hat nie ei- nen Sprachkurs besucht. Auch ihrer Thera- peutin kann sie sich nur in gebrochenem Deutsch mitteilen. Es gibt im Osten Deutsch- lands kaum Einrichtungen, die Opfer von Fol- ter betreuen und geschulte Dolmetscher ein- setzen. Und Celik kann sich im laufenden Asyl- verfahren nicht aussuchen, wo und wie sie lebt. |
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| Als
Ayse Celik vor fünf Jahren nach Deutsch- land kam, musste sie kurz nach der Einreise ihre Fluchtgründe vortragen. Die Anhörung dauerte mehrere Stunden. Celik hatte nichts zu trinken mit und stand unter Stress. Späte- re Fotos zeigen sie mit wunden Lippen - auf- gebissen, vor Aufregung. Sie erzählt, der An- hörer habe Fragen gestellt "wie ein Kommis- sar". Er wollte jedes Detail wissen: Wer hat |
wem
wann die Tür aufgemacht? Was für Klei- der trugen die Beteiligten? Manchmal habe er durcheinander gefragt, als läge er auf der Lau- er, sie bei Widersprüchen zu ertappen. "Der Staatsanwalt dachte, ich lüge." Celik sagt nicht "Anhörer", sie redet vom "Staatsanwalt". Dann fragt sie plötzlich, ob sie noch Tee ho- len soll, geht in die Küche und setzt Wasser auf. |
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| Celik
hat dem "Staatsanwalt" gesagt, dass sie wegen der Verfolgung ein Kind verloren hat. Von der sexuellen Gewalt hat sie nichts |
erzählt.
Sie hätte beantragen können, dass eine Frau sie anhört. "Geht das?", fragt Celik, fünf Jahre später. |
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| m
Nachmittag holt Ayse Celik ihre Kinder aus dem Kindergarten. Es nieselt, die Stra- ßen sind leer. Die Jungs halten die Hände ihrer Mutter fest, den ganzen Weg zurück. Celik hat die Kinder kurz nacheinander be- kommen, im Asylbewerberheim. Zwei Jahre |
wohnte
sie dort mit ihrem Mann und den Ba- bys in einem Zimmer. "Die meisten Fotos von damals habe ich zerrissen", sagt Celik. Sie ekelte sich vor den Gemeinschaftstoilet- ten und hatte Angst vor dem Hausmeister. |
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| Vom
Münzfernsprecher im Heim waren keine Auslandsgespräche möglich. Wenn sie mit Verwandten reden wollte, musste sie in den Ort laufen, der drei Kilometer entfernt war. Sie hatten einen alten Fernseher, aber keine Sa- tellitenschüssel. "Du gehst wegen der Politik dort weg. Du kommst hierher und willst dich |
austauschen.
Aber dann kannst du nicht ein- mal Nachrichten hören", sagt Celik. "Ich möchte mich gern politisch engagieren", fügt sie hinzu und schenkt Tee nach. Wenn sie zu kurdischen Festivals fahren will, bekommt sie den kleinen Zettel nicht, der ihr erlaubt, den Landkreis zu verlassen. |
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| Celiks
Kinder liegen auf dem Teppich und durchblättern die Özgür Politika auf der Su- che nach Autobildern. Der Große malt mit dem Kuli einen kleinen Kreis auf die Zeitung, versieht ihn mit zwei Strichen und erklärt: |
"Mutti
hat die Augen zu." Sie quengeln nicht sie lassen ihre Mutter in Ruhe, aber sie bleiben immer beieinander. Nebeneinander sitzen sie am Tisch und essen einen Teller Suppe. Geht der eine zur Toilette, muss der andere auch. |
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| Fünf
Jahre wartet die Familie auf ein Ja oder ein Nein. Fünf Jahre zwischen Anerkennung und Abschiebung. Für Asylverfahren ist das |
normal.
Für Ayse Celik sind es Jahre mit Ta- gen, die nie vorbeigehen. Für ihre Kinder ist das das Leben. |