|
junge
Welt
17.05.2002
Sexuelle
Folter in der Türkei:
Warum Prozesse gegen Opfer?
jW sprach mit
der Prozeßbeobachterin Wanda Lass
Vor
zwei Jahren wurde in der Türkei ein Kongreß über sexuelle Gewalt in dortigen
Gefängnissen abgehalten.19 damalige Teilnehmer stehen seit vergangenem
Mitt-
woch vor Gericht. Ihnen wird Beleidigung des türkischen Militärs vorgeworfen.
Un-
ter den Angeklagten sind auch Anwältinnen eines türkischen Rechtshilfeprojekts,
das betroffenen Frauen unter anderem juristische Hilfe bietet.
Wie
verlief der erste Prozeßtag am Mittwoch?
Wanda Lass:
Es waren drei der angeklagten Frauen anwesend, von zweien wurden nur
die Personalien aufgenommen. Die dritte, eine 27jährige Studentin, die
in
Athen wohnt, erklärte, an dem Kongreß teilgenommen zu haben, um von
eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch Polizisten zu berich-
ten. Sie erklärte, nie den Staat beleidigt, sondern nur davon gesprochen
zu haben, was sie erlebt hat.
Wie
groß war das Interesse der Öffentlichkeit?
Wanda Lass:
Es waren nur fünf Personen anwesend, davon zwei Prozeßbeobachterin-
nen aus Deutschland und zwei türkische Journalistinnen.
Gehen Sie davon aus, daß das Gericht den Prozeß absichtlich verschleppen
will?
Wanda Lass:
Es ist ein normaler Vorgang in der Türkei, daß während des Prozesses
Personalien aufgenommen werden und ermittelt wird. Von daher ist es
eher üblich, daß der Prozeß immer wieder vertagt wird.
Der
Prozeß begann schon vor einem Jahr. Die türkische Staatsanwaltschaft hat
in der
Zwischenzeit noch weitere Prozesse eröffnet, in denen unter anderem auch
zwei Anwäl-
tinnen des türkischen Rechtshilfeprojekts angeklagt sind. Warum diese
Prozeßwelle?
Wanda Lass:
Wir hatten Mitte der Woche die Gelegenheit, mit einer Mitarbeiterin
des
türkischen Rechtshilfeprojekts zu sprechen. Noch während unseres Ge-
sprächs ging eine neue Anklage gegen die Anwältin Eren Keskin per Fax
ein. Sie ist wegen einer Rede am 8. März in Köln angeklagt. Man bemer-
ke: wegen einer Rede in Deutschland! Die Mitarbeiterin geht davon aus,
daß sich der türkische Staat durch diese öffentliche Anklage gestört
fühlt.
Vergewaltigung ist eine der schlimmsten Foltermethoden - und das soll
verschwiegen werden.
Diese
Rede Keskins in Deutschland hatte auch eine Hetzkampagne in türkischen
Me-
dien zur Folge. Der Journalist Fatih Altayli beschimpfte Eren Keskin massiv
und drohte
ihr sogar sexuelle Gewalt an. Was bedeutet das für die Betroffene?
Wanda Lass:
Eren Keskin hat auch einen gewissen Rückhalt in der Öffentlichkeit.
Es gibt Journalistinnen und Journalisten, die Fatih Altayli mehrmals
da-
zu auf- gefordert haben, sich bei Eren Keskin zu entschuldigen. Sie
be-
kommt sehr viele Solidaritätsbriefe. Auch Claudia Roth, die Parteivor-
sitzende von Bündnis 90/Die Grünen, war vor kurzem in Istanbul und hat
eine Presseerklärung dazu verlesen. Man muß wissen, daß das Militär
in der türkischen Gesellschaft einen hohen Stand hat. Fatih Altayli
hat
sich inzwischen mit der Professorin Nesle Arat weibliche Unterstützung
geholt. Sie ist mit einem General verheiratet und attackiert Eren Keskin
für ihr Engagement gegen sexuelle Gewalt. Für Eren Keskin ist die Lage
inzwischen äußerst schwierig, denn sie kann nach der neuen Anklage
jederzeit inhaftiert werden. Damit wäre ihre Arbeit für das Rechtshilfepro-
jekt bis auf weiteres unmöglich gemacht.
Interview:
Andrea Schanz
|