18. August 2003

Aufruf von KATAGI
(Initiative zur Entwicklung eines Frauenstandpunktes)

Internationale Frauen-Friedens-Initiative
am 4./5. Oktober 2003 in der Türkei

 

Frauen in der Türkei rufen weiter zum Frieden auf

In der Türkei wurden in den vergangenen 20 Jahren Hunderttausende Menschen verletzt und Zehntausende getötet in einem geleugneten Krieg um die noch immer ungelöste kurdische Frage. Millionen von Menschen haben ihre Dörfer verlassen. Dörfer, Häuser, Wälder und Tiere wurden verbrannt. Noch immer sind Tausende Frauen, Männer, Alte, Junge in Gefängnissen. Nicht nur die Region, sondern wir alle tragen Wunden davon, uns allen wurde etwas genommen, jede/r von uns hat geblutet.

Wir wurden zum Krieg verdammt. Schuld daran hat die patriarchale und militaristische Politik, die Waffengewalt als Lösung präsentiert. Bis heute konnte die Stimme der Frauen, im großen Lärm der männlichen Mentalität, nicht gehört werden. Jetzt ist es Zeit für uns feministische Frauen zu sprechen!

Wir sagen: Laßt die Waffen aufhören zu sprechen! Laßt die Gesellschaft sprechen! Stoppt Gewalt und laßt die zivile Gesellschaft wachsen!

Wir müssen unter allen Umständen verhindern, daß die Geschichte sich immer und immer wieder wiederholt; wir müssen verhindern, dass unsere Völker Feinde werden und die Lösung der Konflikte von fremden Interventionen abhängig sind. Wir wollen in Frieden leben, unsere Unterschiede akzeptieren und respektieren.

Deshalb haben wir aufgerufen: "Beteiligt euch an einem runden Tisch zum Dialog", damit wir damit beginnen können, einen gesellschaftlichen Frieden aufzubauen. Die gewalttätige Politik gegen die Kurden, gegen eine ganze Geschichte, gegen die Natur und das Bewußtsein der Menschen muß ersetzt werden durch eine friedliche Kultur. Und wir müssen diese Geschichte in die Hand nehmen, eine Geschichte, die verschwiegen und verdrängt werden soll.

Seit Juni haben wir angefangen Friedensgespräche (*) in verschiedenen Städten der Türkei zu organisieren; angeführt von uns feministischen Gruppen. Wir wollen, dass Frieden und Freiheit in unserem Land wachsen können.

Die Einrichtung der Friedensgespräche in unseren eigenen Städten war erst der Anfang. Wir wußten, daß das nicht ausreichen würde.

Im Mai, nach einem schweren Erdbeben, gab es Konfrontationen zwischen den staatlichen Einheiten und den Menschen der Stadt Bingöl. Diese Konfrontation hält bis heute an und steht im Widerspruch zum sogenannten Frieden. Die staatlichen Einheiten antworteten den Menschen mit Kugeln, als sie nach Zelten zum Ersatz ihrer zerstörten Häuser fragten. Die Einwohner müssen permanent unter Verdächtigungen der städtischen Verwaltung leben und die Anspannung läßt niemals nach. Vertrauen kann so lange nicht etabliert werden, wie wir die Situation nicht mit allen Beteiligten gemeinsam angehen.

In den vergangenen drei Monaten wurden immer wieder Zivilisten in abgelegenen Dörfern von Unbekannten ermordet. Seitdem gibt es bewaffnete Konflikte. Und das alles macht uns Sorgen, da wir nur zu gut wissen, wie zerbrechlich ein Waffenstillstand wirklich ist. Bingöl war bereits einmal in der Vergangenheit durch ein Erdbeben zerstört worden, aber schon viele Male durch Gewalt; daher mußten wir auf unsere Forderung nach Frieden bestehen, und sie in diese von Krieg bedrohte Stadt tragen.

Also entschieden wir uns, unsere Friedensgespräche in diese weit entfernte Stadt zu tragen, wo Frieden am meisten gebraucht wird. Trotz der erstickenden Kultur der Gewalt, haben wir die Friedensgespräche von Adana, Mersin, Diyarbakir, Ankara, Batman, Van, Urfa, Bolu, Elazig und Istanbul hierher gebracht; diese Städte repräsentieren 39 verschiedene NGOs und werden die Stadt Bingöl in die Farben des Friedens tauchen. Wir haben das gemacht, um den großen Lärm, der alle Stimmen überwältigt, zu brechen und um an seine Stelle Lösungen durch nicht-gewalttätige Diskussion zu setzen! Wir führten die Friedensgespräche fort, damit ausgesprochen und sichtbar wird, worüber in Bingöl nicht gesprochen werden kann.

Wie auch immer, es war die Gewalt, die wir dort antrafen. Wir wurden festgenommen, mit Knüppeln geschlagen; gemeinsam mit dem Frieden wurden wir festgenommen. Wir konnten nicht sagen: "Laßt uns jetzt diskutieren, wie wir Frieden erreichen und eine Welt erschaffen können, in der es keine Gewalt gibt, sich alle sicher fühlen und militärische Gewalt aus unserem Leben verschwindet." Sie ließen es nicht zu, dass unsere Stimmen Bingöl erreichten.

Als sei es nicht genug gewesen, uns in der Haft zu beleidigen, zu schikanieren und zu bedrohen, wurden die Nachrichten in den Medien verfälscht. Sie behaupteten, wir seien es, die Krieg anstatt Frieden in unseren Köpfen provozierten, so als ob wir es verdient hätten, so behandelt zu werden.

Wir wurden in Eile vor die Stadtgrenze gebracht und geschlagen, ohne dass wir die Einwohner Bingöls hätten treffen und unser Beileid für das jüngste Erdbeben hätten aussprechen können. Sie haben eine Grenze gezogen, derer wir uns in unserem eigenen Land nicht bewußt waren. Zum wiederholten Male haben wir diese Gewalt gesehen, der die Menschen in diesem Gebiet ihr ganzes Leben lang ausgesetzt sind. Wir mußten sehen, dass das Gesetz in Bingöl anders funktioniert und auf anderen Regeln basiert.

Wir sahen, dass der EU Beitrittsprozess, die Demokratisierung und Gesetze nicht die Handlungen der Staatsgewalt eindämmen können. Wir begannen, die Bingöler Polizei, Oktay Kilic und andere Polizisten der Polizeistation zu verklagen, um ihre gesetzeswidrigen Handlungen aufzudecken. Uns hatten sie gesagt: "Das hier ist Bingol, hier gelten die Gesetze, die ihr kennt nicht".

Wiederholte Male haben wir nach den Erfahrungen in Bingol unsere Friedensgespräche in Adana, Diyarbakir, Istanbul und in Ankara auf den "Peace! Right Now!-Demonstrationen" eingerichtet. Wir werden wiederholen, was wir sagen, bis eine friedliche Kultur öffentlich ausgerufen wird.

Denn:
Die Türkei kann sich nicht ändern, so lange sich in Städten wie Bingöl nichts ändert.

Frieden wird niemals kommen, solange in Städten wie Bingöl ein friedliches Leben nicht möglich ist.

Wir laden Frauen von überall auf der Welt ein, um sich unserm Streben nach Frieden in der Türkei anzuschließen und um Bingöl im Oktober wieder zu besuchen.

Katagi
(Initiative For Development of Women's Position)
(Initiative zur Entwicklung eines Frauenstandpunktes)


(*) Die Friedensgespräche wurden in Form eines symbolischen Friedenstisches, den die Frauen in verschiedene Städte der Türkei trugen initiiert.

Interessierte können sich wenden an:
Susanne Rößling, Berlin: e-mail: susanklarnet@yahoo.de
Britta Wente, Stuttgart: e-mail: b.wente@z.zgs.de