Frauen
in der Türkei rufen weiter zum Frieden auf
In
der Türkei wurden in den vergangenen 20 Jahren Hunderttausende
Menschen verletzt und Zehntausende getötet in einem geleugneten
Krieg um die noch immer ungelöste kurdische Frage. Millionen von
Menschen haben ihre Dörfer verlassen. Dörfer, Häuser, Wälder und
Tiere wurden verbrannt. Noch immer sind Tausende Frauen, Männer,
Alte, Junge in Gefängnissen. Nicht nur die Region, sondern wir
alle tragen Wunden davon, uns allen wurde etwas genommen, jede/r
von uns hat geblutet.
Wir
wurden zum Krieg verdammt. Schuld daran hat die patriarchale und
militaristische Politik, die Waffengewalt als Lösung präsentiert.
Bis heute konnte die Stimme der Frauen, im großen Lärm der männlichen
Mentalität, nicht gehört werden. Jetzt ist es Zeit für uns feministische
Frauen zu sprechen!
Wir
sagen: Laßt die Waffen aufhören zu sprechen! Laßt die Gesellschaft
sprechen! Stoppt Gewalt und laßt die zivile Gesellschaft wachsen!
Wir
müssen unter allen Umständen verhindern, daß die Geschichte sich
immer und immer wieder wiederholt; wir müssen verhindern, dass
unsere Völker Feinde werden und die Lösung der Konflikte von fremden
Interventionen abhängig sind. Wir wollen in Frieden leben, unsere
Unterschiede akzeptieren und respektieren.
Deshalb
haben wir aufgerufen: "Beteiligt euch an einem runden Tisch zum
Dialog", damit wir damit beginnen können, einen gesellschaftlichen
Frieden aufzubauen. Die gewalttätige Politik gegen die Kurden,
gegen eine ganze Geschichte, gegen die Natur und das Bewußtsein
der Menschen muß ersetzt werden durch eine friedliche Kultur.
Und wir müssen diese Geschichte in die Hand nehmen, eine Geschichte,
die verschwiegen und verdrängt werden soll.
Seit
Juni haben wir angefangen Friedensgespräche (*) in verschiedenen
Städten der Türkei zu organisieren; angeführt von uns feministischen
Gruppen. Wir wollen, dass Frieden und Freiheit in unserem Land
wachsen können.
Die
Einrichtung der Friedensgespräche in unseren eigenen Städten war
erst der Anfang. Wir wußten, daß das nicht ausreichen würde.
Im
Mai, nach einem schweren Erdbeben, gab es Konfrontationen zwischen
den staatlichen Einheiten und den Menschen der Stadt Bingöl. Diese
Konfrontation hält bis heute an und steht im Widerspruch zum sogenannten
Frieden. Die staatlichen Einheiten antworteten den Menschen mit
Kugeln, als sie nach Zelten zum Ersatz ihrer zerstörten Häuser
fragten. Die Einwohner müssen permanent unter Verdächtigungen
der städtischen Verwaltung leben und die Anspannung läßt niemals
nach. Vertrauen kann so lange nicht etabliert werden, wie wir
die Situation nicht mit allen Beteiligten gemeinsam angehen.
In
den vergangenen drei Monaten wurden immer wieder Zivilisten in
abgelegenen Dörfern von Unbekannten ermordet. Seitdem gibt es
bewaffnete Konflikte. Und das alles macht uns Sorgen, da wir nur
zu gut wissen, wie zerbrechlich ein Waffenstillstand wirklich
ist. Bingöl war bereits einmal in der Vergangenheit durch ein
Erdbeben zerstört worden, aber schon viele Male durch Gewalt;
daher mußten wir auf unsere Forderung nach Frieden bestehen, und
sie in diese von Krieg bedrohte Stadt tragen.
Also
entschieden wir uns, unsere Friedensgespräche in diese weit entfernte
Stadt zu tragen, wo Frieden am meisten gebraucht wird. Trotz der
erstickenden Kultur der Gewalt, haben wir die Friedensgespräche
von Adana, Mersin, Diyarbakir, Ankara, Batman, Van, Urfa, Bolu,
Elazig und Istanbul hierher gebracht; diese Städte repräsentieren
39 verschiedene NGOs und werden die Stadt Bingöl in die Farben
des Friedens tauchen. Wir haben das gemacht, um den großen Lärm,
der alle Stimmen überwältigt, zu brechen und um an seine Stelle
Lösungen durch nicht-gewalttätige Diskussion zu setzen! Wir führten
die Friedensgespräche fort, damit ausgesprochen und sichtbar wird,
worüber in Bingöl nicht gesprochen werden kann.
Wie
auch immer, es war die Gewalt, die wir dort antrafen. Wir wurden
festgenommen, mit Knüppeln geschlagen; gemeinsam mit dem Frieden
wurden wir festgenommen. Wir konnten nicht sagen: "Laßt uns jetzt
diskutieren, wie wir Frieden erreichen und eine Welt erschaffen
können, in der es keine Gewalt gibt, sich alle sicher fühlen und
militärische Gewalt aus unserem Leben verschwindet." Sie ließen
es nicht zu, dass unsere Stimmen Bingöl erreichten.
Als
sei es nicht genug gewesen, uns in der Haft zu beleidigen, zu
schikanieren und zu bedrohen, wurden die Nachrichten in den Medien
verfälscht. Sie behaupteten, wir seien es, die Krieg anstatt Frieden
in unseren Köpfen provozierten, so als ob wir es verdient hätten,
so behandelt zu werden.
Wir
wurden in Eile vor die Stadtgrenze gebracht und geschlagen, ohne
dass wir die Einwohner Bingöls hätten treffen und unser Beileid
für das jüngste Erdbeben hätten aussprechen können. Sie haben
eine Grenze gezogen, derer wir uns in unserem eigenen Land nicht
bewußt waren. Zum wiederholten Male haben wir diese Gewalt gesehen,
der die Menschen in diesem Gebiet ihr ganzes Leben lang ausgesetzt
sind. Wir mußten sehen, dass das Gesetz in Bingöl anders funktioniert
und auf anderen Regeln basiert.
Wir
sahen, dass der EU Beitrittsprozess, die Demokratisierung und
Gesetze nicht die Handlungen der Staatsgewalt eindämmen können.
Wir begannen, die Bingöler Polizei, Oktay Kilic und andere Polizisten
der Polizeistation zu verklagen, um ihre gesetzeswidrigen Handlungen
aufzudecken. Uns hatten sie gesagt: "Das hier ist Bingol, hier
gelten die Gesetze, die ihr kennt nicht".
Wiederholte
Male haben wir nach den Erfahrungen in Bingol unsere Friedensgespräche
in Adana, Diyarbakir, Istanbul und in Ankara auf den "Peace! Right
Now!-Demonstrationen" eingerichtet. Wir werden wiederholen, was
wir sagen, bis eine friedliche Kultur öffentlich ausgerufen wird.
Denn:
Die Türkei kann sich nicht ändern, so lange sich in Städten wie
Bingöl nichts ändert.
Frieden
wird niemals kommen, solange in Städten wie Bingöl ein friedliches
Leben nicht möglich ist.
Wir
laden Frauen von überall auf der Welt ein, um sich unserm Streben
nach Frieden in der Türkei anzuschließen und um Bingöl im Oktober
wieder zu besuchen.
Katagi
(Initiative For Development of Women's Position)
(Initiative zur Entwicklung eines Frauenstandpunktes)
(*) Die Friedensgespräche
wurden in Form eines symbolischen Friedenstisches, den die Frauen
in verschiedene Städte der Türkei trugen initiiert.
Interessierte
können sich wenden an:
Susanne Rößling, Berlin: e-mail: susanklarnet@yahoo.de
Britta Wente, Stuttgart: e-mail: b.wente@z.zgs.de