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Wie
schätzen Sie den Ausgang des Verfahrens ein, rechnen Sie mit
einer Verurteilung?
Vorab muss man
sagen, das üblicherweise bei derartigen Ver-
fahren in der Türkei, d.h. in Verfahren, in denen es darum geht,
dass staatliche Organe verunglimpft oder beleidigt worden sein
sollen, es immer wieder zu Verurteilungen kommt. Andere Leu-
te sollen abgehalten werden, sich ähnlich öffentlich zu äussern.
In diesem Verfahren kann es auch so kommen. Ich denke, es
hängt vom weiteren Verlauf des Verfahrens ab, von der Öffent-
lichkeit, die hergestellt werden kann, insbesondere auch im Aus-
land, und es hängt von der Unterstützung ab. Dann kann es
sein, dass die Türkei Kritik aus dem Ausland vermeiden will,
so dass sie sich vorsehen und es zum Freispruch kommen
kann. Wenn es kaum Öffentlichkeit gibt, kann es gut sein,
dass zumindest symbolisch gegen manche von uns Strafen
ausgesprochen werden.
Erfahren
Sie als Angeklagte aus Istanbul und innerhalb der Türkei
eine breite Unterstützung?
Im Verhältnis zu
ähnlichen Verfahren und Situationen in der
Vergangenheit
muss ich sagen, dass es relativ viel Aufmerk-
samkeit gibt. Wobei, wenn man sich vor Augen hält, welche
Dimension dieses Verfahren hat, läßt die Solidarität zu wün-
schen übrig. Allerdings muss man das im Zusammenhang
mit der generellen politischen Situation in der Türkei sehen.
Wenn wir uns z.B. vor Augen führen: die Angriffe auf die Haft-
anstalten, was an Politik gegen die Gefangene betrieben wird,
oder dass heute in Istanbul wieder Newroz verboten wurde.
[Newroz ist das kurdische Frühlingsfest, es hat einen politi-
schen Hintergrund] Es ist sowieso eine angespannte politi-
sche Situation, deshalb verstehe ich auch, dass wir jetzt nicht
soviel Unterstützung erhalten haben, sondern hauptsächlich
von Frauenkreisen. Man muss beim nächsten Hauptverhand-
lungstermin schauen, wie sich das weiter entwickelt. Aber im
allgemeinen könnte die Unterstützung besser sein.
Gab
es schon einmal Verfahren gegen Frauen die sexuelle Folter
öffentlich angeprangert haben?
Dies ist das erste
Mal, dass ein Strafverfahren in diesem Zu-
sammenhang eingeleitet wurde. Ich persönlich spreche seit
1992 darüber, dass ich gefoltert und unter Folter vergewaltigt
wurde, ich habe sehr oft darüber geredet. Ich bin deswegen
nie angeklagt worden.
Was immer wieder
passiert ist, dass Frauen, die das veröffent-
lichen oder Anzeige erstatten, bedroht, auf der Straße verfolgt
und erneut festgenommen und gefoltert werden, dass es Haus-
durchsuchungen gibt und sie auf diese Art und Weise davon
abgebracht werden sollen zu reden. Aber in Form eines Straf-
verfahrens ist es das erst mal.
Werden
Frauen durch diesen Prozess abgeschreckt oder ermutigt
über sexuelle Folter zu sprechen und Täter anzuzeigen?
Bisher traf die
Repression die Frauen, die sich individuell ge-
wehrt haben. Das jetzige Strafverfahren ist eine organisierte
Form von Einschüchterung. Die Botschaft des Staates ist klar:
alle Frauen und Männer, die es wagen, eine Bestrafung der
Folterer einzufordern und die Verbrechen zur Sprache bringen,
werden ein zweites Mal verletzt, in dem eine Anklage erfolgt.
Es ist eine widersprüchliche Situation. Aber ich denke, dass
dieses Verfahren auch genau das Gegenteil bewirken kann.
Dass es Frauen dazu ermutigen kann, endlich ihr Schweigen
zu brechen und die Bestrafung der Täter einzufordern, dass
es Frauen den Weg aufweisen kann, indem sie sehen, wie wir
uns in diesem Verfahren verhalten.
Es kommt sicherlich
auf den weiteren Verlauf des Verfahrens
an. Insbesondere ob in der Öffentlichkeit eine grosse Unter-
stützung hergestellt wird. Wenn betroffene Frauen, die bis
jetzt noch nicht geredet haben, sehen, sie sind nicht alleine,
andere sind da, die hinter und neben ihnen stehen, hier und
im Ausland, dann kann es das Gegenteil bewirken.
Welche
Erwartungen haben Sie an uns?
Wir finden es insbesondere
wichtig, dass im Ausland Druck
auf die eigene Regierung ausgeübt wird. Diese müssen die
verantwortlichen Stellen in der Türkei kritisieren. Das Ausland
soll nicht immer die staatlichen Stellungnahmen zur Kenntnis
nehmen, sondern das hören, was die Betroffenen von Folter
und Vergewaltigung zu sagen haben. Dies soll zur Grundlage
der Aussenpolitik gemacht werden. Wir hoffen, dass die offi-
ziellen Stellen im Ausland dieses Verfahren beobachten.
Es ist ja nicht
so, dass dies ein einzelner herausragender Pro-
zess ist. Er ist Teil einer Gesamtsituation hier in diesem Land.
Ich erwähnte ja schon die Lage der Menschen, die in Haftan-
stalten und nach wie vor im Hungerstreik sind. Während der
Verlegung in andere Haftanstalten wurden viele schwer gefol-
tert und vergewaltigt. Diese Sachen gehören zusammen. Man
muss sich auch um die Menschen kümmern, die bis jetzt nicht
die Chance hatten, auch nur einen Arzt oder Ärztin zu sehen
und sich das attestieren zu lassen, was ihnen in der Zeit nach
der Erstürmung der Gefängnisse geschehen ist. Auch dazu
sollte im Ausland gearbeitet werden. Wir hoffen auch, das zum
nächsten Prozess eine noch grössere Delegation kommt.
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