taz, 5.11.2007

Einmarsch erlaubt

 

aus Istanbul JÜRGEN GOTTSCHLICH

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Montag in Washington sich mit dem US-Präsidenten George W. Bush trifft, werden sie einen Punkt von ihrer ursprünglichen Themenliste streichen können: das Schicksal der acht türkischen Soldaten nämlich, die die separatistische PKK zwei Wochen lang in ihrer Gewalt gehalten hatte.

Am Sonntagmorgen wurden sie von der türkisch-kurdischen PKK-Guerilla an die kurdische Autonomieregierung im Nordirak übergeben. Noch im Laufe des Tages sollten sie in der Türkei ausgeflogen werden. Zuvor waren noch drei Abgeordnete der prokurdischen DTP in den Nordirak gereist, um eine schnellere Freilassung der Soldaten in die Wege zu leiten.

Doch mit der wird sich Erdogan kaum zufrieden geben. Für die Türkei geht es darum, wie künftig von irakischem Territorium ausgehende Angriffe der PKK verhindert werden können. In den vergangenen Tagen hat Erdogan mehrfach deutlich gemacht, dass er von den USA nicht nur verbale, sondern auch eine praktische Unterstützung bei der Bekämpfung der PKK im Nordirak erwarte.

Der drohende Einmarsch der türkischen Armee in den Irak war auch das dominierende Thema am Rande der Irak-Nachbarschaftskonferenz, die am Freitag und Samstag in Istanbul stattfand. Am Rande dieser Konferenz, an der Vertreter aller Nachbarländer des Irak, aber auch der fünf ständigen Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates, der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sowie die Außenminister der G-8-Staaten teilnahmen, traf sich US-Außenministerin Condoleezza Rice mit ihren türkischen und irakischen Kollegen, Ali Babacan und Hoschiar Sebari, um angesichts der widerstreitenden Interessen der Türkei und der irakischen Kurden zu vermitteln.

Die Türkei fordert ultimativ, dass die Lager der PKK im Nordirak geschlossen und die führenden PKK-Kader ausgeliefert werden, damit sie in der Türkei vor Gericht gestellt werden können. Während die irakischen Kurden zunächst eine Kooperation gegen die PKK kategorisch ablehnten, begannen sie unter dem starken Druck der USA, ihren Standpunkt zu ändern: Nun heißt es, dass es zwar auch für sie nicht akzeptabel sei, dass die PKK aus dem Nordirak heraus die Türkei angreife, aber sie seien militärisch nicht in der Lage, die PKK zu entwaffnen und ihre Anführer auszuliefern. Immerhin wurden am Samstag als Geste des guten Willens zwei Büros PKK-naher Organisationen im Nordirak geschlossen.

Türkische Konferenzteilnehmer interpretierten die Summe der Gespräche, die Babacan und Erdogan auf der Konferenz geführten hatten, wie folgt: Alle Gesprächspartner hätten Verständnis für mögliche Maßnahmen der Türkei gezeigt und zugleich darum gebeten, das Militär in so geringem Maße wie möglich einzusetzen.

Darum wird es wohl auch am Montag in Washington gehen. In der Türkei rechnet man damit, dass Bush einer Militäroperation zustimmt, sofern diese eng begrenzt bleibt und Zusammenstöße zwischen türkischen Truppen und Milizen der nordirakischen Autonomieregierung vermieden werden.