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Marschiert
die türkische Armee Die Regierung in Ankara drängt Bagdad seit langem, gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) vorzugehen, die türkische Armee droht sogar mit Invasion in den Nordirak. Während aber Iraks Ministerpräsident al-Maliki praktisch machtlos ist, laufen alle Fäden in Washington zusammen
Kein einfacher Besuch Heute
soll in Ankara eine Erklärung unterschrieben werden, in der
sich der Irak und die Türkei zum gemeinsamen Kampf gegen die PKK
verpflichten aus Istanbul JÜRGEN GOTTSCHLICH |
Es ist für den irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki kein leichter Staatsbesuch, den er gestern und heute in Ankara absolviert. Die türkische Armee droht mit einem Einmarsch im Nordirak, falls die irakische Regierung nicht endlich die Anschläge der kurdischen Guerillaorganisation PKK, die diese von irakischem Staatsgebiet aus in der Türkei verübt, unterbindet. Doch wie soll ausgerechnet al-Maliki dies tun. Noch vor seiner Landung in Ankara wies er gegenüber mitreisenden Journalisten noch einmal den Vorwurf zurück, seine Regierung toleriere die türkisch-kurdische Separatistenorganisation im Irak. "Wir dulden keine Terrororganisation auf unserem Boden", sagte er, und seine Regierung wünsche gut nachbarschaftliche Beziehungen zur Türkei. Möglich, dass die Bagdader Regierung von Nuri al-Maliki die PKK im Nordirak nicht dulden will, doch das hat die PKK bislang nicht weiter gestört. Denn diejenigen, die im Nordirak das Sagen haben, die Kurdenchefs Massud Barsani und Dschelal Talabani, dulden sie durchaus. Zum großen Ärger in Ankara haben sie jedenfalls in den vergangenen zwei Jahren, in denen die PKK die Zahl ihrer Anschläge in der Türkei wieder massiv gesteigert hat, nichts getan, um den Nachschub der PKK aus ihren Rückzugslagern im Nordirak zu unterbinden. Täglich kommen aus dem Nordirak neue Kämpfer, Waffen und Geld für die Guerillakommandos in der Türkei. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan steht deshalb unter massivem Druck seiner Militärs. Schon vor Monaten hat Generalstabschef Yasar Büyükanit seine Truppen an der irakischen Grenze aufgestockt, mittlerweile dürften knapp 200.000 Mann in den drei grenznahen Provinzen stationiert sein. Immer wieder beschießt die Armee vermeintliche oder tatsächliche Stellungen der PKK auf nordirakischem Gelände. Yasar Büyükanit macht darüber hinaus keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass es militärisch geboten sei, die PKK-Camps im Nordirak direkt anzugreifen. Vor der Wahl hatte Erdogan dem Militär den Angriffsbefehl verweigert und stattdessen auf eine diplomatische Lösung gedrängt. Das Ergebnis ist nun der Besuch des irakischen Regierungschefs. Heute soll eine Erklärung unterschrieben werden, in der sich beide Seiten zum gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus verpflichten. Allein dieses Papier wird kaum etwas nützen, wenn die irakischen Kurden nicht mitmachen. Die aber machen bislang wenig Anstalten, dem "Befreiungskampf" ihrer Brüder und Schwestern in der Türkei Hindernisse in den Weg zu legen. Daran ändern können in der Realität nur die USA etwas. Der Groll in Ankara richtet sich denn auch nicht gegen den hilflosen schiitischen Regierungschef al-Maliki, sondern neben Barsani vor allem gegen die Amerikaner. Nicht Maliki toleriert die PKK im Nordirak, sondern das Pentagon und in letzter Konsequenz Präsident George Bush. In Ankara glaubt man auch zu wissen, warum. Einmal, so die weit verbreitete Überzeugung, rächt sich das Pentagon dafür, dass das türkische Parlament zu Kriegsbeginn den US-Truppen den Einmarsch in den Irak über die Türkei verweigerte, und zum zweiten glaubt man, dass die USA, genauer gesagt die CIA, den iranischen Arm der PKK (Pejak) nutzt, um gegen das Mullah-Regime vorzugehen. Die USA hätten demnach gar kein Interesse daran, die PKK aus dem Nordirak zu vertreiben. Um seine eigenen Militärs weiterhin von einem Einmarsch im Nordirak zurückhalten zu können, braucht Erdogan jetzt aber dringend einen diplomatischen Erfolg, der nicht nur auf dem Papier steht. Mit dem Papier, das jetzt von der türkischen und irakischen Regierung unterzeichnet wird, in der Tasche, will Erdogan demnächst nach Washington fliegen, um sich dann von Präsident Bush persönlich Zusagen einzuholen, die garantieren sollen, dass zumindest ein Teil der Maßnahmen gegen die PKK, die jetzt mit al-Maliki vereinbart werden, auch umgesetzt werden. Zweitens will die türkische Regierung erreichen, dass ein Referendum in Kirkuk, bei dem entschieden werden soll, ob die Ölstadt zukünftig zum kurdischen Autonomiegebiet gehören soll oder nicht, verschoben wird. Ankara befürchtet, dass das Öl von Kirkuk zukünftig die ökonomische Basis für einen unabhängigen kurdischen Staat liefern soll und will deshalb unbedingt verhindern, dass die Kurden sich Kirkuk einverleiben. Al-Maliki und Bush sollen dafür sorgen, dass das Referendum wenigstens erst einmal verschoben wird. Wenigstens in dieser Frage scheint Entspannung möglich. Massud Barsani hat bereits angedeutet, dass man aus technischen Gründen das Referendum wahrscheinlich verschieben muss.
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Paradies unter Artilleriebeschuss Die
Menschen im irakisch-kurdischen Grenzgebiet sehnen sich von INGA ROGG |
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DOHUK. Es ist ein ruhiger Tag. Vor uns liegt eine malerische Berglandschaft mit Knorreichen, Pappeln und einer Art Kautschukbaum, aus dem die Kurden ein traditionelles Heilmittel gegen Magenverstimmungen gewinnen. An den Wegrändern blühen hohe Distelgewächse, und die Luft riecht würzig herb. Die Gegend könnte ein Urlaubsparadies für Bergwanderer sein, doch daran ist vorläufig nicht zu denken. Wieder einmal stehen die Zeichen in dieser abgeschiedenen Region an der irakisch-türkischen Grenze im Norden von Dohuk auf Krieg. Beinahe täglich schlagen hier Artilleriegeschosse von der anderen Seite der Grenze ein. Einige Felder sind dadurch in Brand geraten, aber noch haben die Geschosse keine größeren Schäden angerichtet. Doch in Dure, einem kleinen Dorf östlich von Kani Masi, macht sich die Angst vor einem türkischen Einmarsch breit. Die Grenze verläuft direkt über dem Bergkamm oberhalb der Ortschaft. Auf der anderen Seite hat die Türkei im größten Militäreinsatz gegen die türkisch-kurdische Rebellenorganisation PKK seit Jahren mehrere tausend Soldaten stationiert. Immer wieder würden Soldaten auf das Gebiet diesseits der Grenze vordringen, beklagen Dorfbewohner. "Jeder hat Angst", sagt Zaya Dinka Michael. "Wenn sie wirklich einmarschieren, würden wir alles verlieren, was wir so mühsam aufgebaut haben." Dure ist eines der noch wenigen verbliebenen Christen-Dörfer in der Region. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde der Landstrich vom Saddam-Regime im Kampf gegen die aufständischen irakischen Kurden komplett zerstört. Erst im letzten Jahrzehnt konnten sie mit Hilfe der Schweizer Caritas und anderen Hilfsorganisationen wieder aufgebaut werden. "Wir wollen endlich in Frieden leben", sagt Michael. Der Mittfünfziger, der mit seiner blauen Baseballmütze wie ein Sportlehrer aussieht, ist der Dekan und Lehrer in der kleinen Gemeinde. Die PKK und die Türkei sollen ihren Kampf in ihrem Land führen, sagt er ärgerlich. "Das ist unser Land." Sowohl die türkische Armee wie die PKK-Guerilla haben in der Nähe von Dure ihre Basen aufgeschlagen. Auf einem Hügel vor dem Ort sind in Reih und Glied Militärlastwagen und Panzer aufgereiht, die Kanonenrohre sind bedrohlich in Richtung der Bergkette gerichtet. Etwa 1.200 türkische Soldaten sind laut der kurdischen Regierung in Erbil auf vier Basen entlang der rund 370 Kilometer langen Grenze mit der Türkei stationiert. Ins Land geholt hatte die Soldaten aus dem Nachbarland 1997 der heutige Regionalpräsident Massud Barsani von der Demokratischen Partei Kurdistan (KDP) im Kampf gegen die Patriotische Union Kurdistans (PUK), die damals wiederum mit der PKK verbündet war. Heute wollen sich aber weder KDP noch PUK, die in Erbil wie in Bagdad in einer Regierungskoalition vereint sind, in einen Feldzug gegen die PKK einspannen lassen. Wenige Kilometer hinter Dure geht es nur noch über eine Schotterstraße weiter zum Großen Zab, vorbei an einer verlassenen Wohnsiedlung, die wie eine schlechte Kopie einer Ferienanlage am Mittelmeer aussieht. Nur einmal ist eine Frau zu sehen, die einen Hauseingang wischt. Wie aus dem Nichts taucht vor der Brücke über den Großen Sab plötzlich ein PKK-Kämpfer auf, am Gürtel hat er eine Handgranate befestigt, um seine Schulter hängt eine alte Kalaschnikow. Hin- und hergerissen zwischen kurdischer Höflichkeit und dem Misstrauen des Guerillakämpfers erzählt er, dass er schon mit zwölf Jahren zur PKK ging und seit zehn Jahren nichts anderes kennt als den eisernen Guerilladrill, politische Indoktrination und Krieg. "Ich bin hier, weil ich für Apo und die Freiheit kämpfe", sagt der 22-Jährige. Für ihn wie für fast alle PKK-Kämpfer ist Abdullah Öcalan "Apo" nicht nur Schutzpatron der Benachteiligten und Entrechteten, Vorkämpfer für Frauenrechte und Umweltschutz, großer Staatsmann, Sportler und Militärstratege, sondern auch der größte Philosoph seit Sokrates. Nach und nach tauchen aus einem Schlupfwinkel auf der anderen Seite der Brücke weitere Kämpfer auf. Nervosität macht sich breit. Hier sei militärisches Sperrgebiet, sagt einer, der offenbar zu den Chefs der Truppe zählt. Die Durchfahrt könnten sie uns nicht genehmigen, auch einen Besuch in ihrem Camp nicht. Angeblich hat die Türkei Selbstmordattentäter losgeschickt, die sich als Journalisten getarnt Zugang zur PKK-Führung verschaffen wollen, sechs oder sieben seien bereits festgenommen worden. Fernab der Hauptstädte fürchtet der Dekan Michael in Dure, dass
sich eine Eskalation des Konflikts nicht verhindern lässt. "Wenn
die Türkei einmarschiert, müssten wir schon wieder fliehen",
sagt Michael. Von der ehemals 400 Familien großen Gemeinde sind ohnehin
nur 28 wieder in die Einsamkeit des Bergdorfs zurückgekehrt. Diese
wolle er nicht verlieren. "Es wäre das Ende für uns
Christen hier." |
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