Vor
einem Sondergericht in Irak soll heute der Prozeß gegen den
früheren Präsidenten Saddam Hussein beginnen. Wie beurteilen
Sie dieses Verfahren?
Ich
habe schon immer die Position vertreten, daß auch Staatspräsidenten,
Regierungspräsidenten oder Ministerpräsidenten für vergangene
Verbrechen vor Gericht gestellt werden sollten. Dieses Prinzip wird
durch das internationale Strafrecht, das Römische Statut und die
Einrichtung des Weltstrafgerichtes unterstützt.
Findet
das Verfahren in der sogenannten Grünen Zone von Bagdad
aber am richtigen Ort statt?
Nein.
Die Nürnberger Prozesse haben verdeutlicht, daß gewisse
Voraussetzungen notwendig sind. Dazu gehört die absolute Neutralität
des Gerichtes und die Garantie eines fairen Prozesses. Bei dem heute
beginnenden Saddam-Prozeß spielt beides keine Rolle.
Weshalb?
Die »Grüne
Zone« ist nichts anderes als ein Protektorat der Amerikaner.
Auch der Umstand, daß gegen Saddam Hussein eine Art Geheimprozeß geführt
wird, widerspricht internationalen rechtsstaatlichen Standards.
Saddam
Husein steht wegen eines Massakers der Ortschaft Dudschail 1982 vor
Gericht. Im Vorfeld hieß es, die Ankläger sähen
damit die besten Chancen, rasch ein Urteil herbeizuführen. Die
Todesstrafe wird favorisiert. Weshalb wird ein solcher Schauprozeß von
westlichen Regierungen unterstützt?
Gerade
in Anbetracht der Auseinandersetzung um den Internationalen Strafgerichtshof
muß der Westen an solchen Prozessen interessiert sein. Der US-Chefankläger
der Nürnberger Prozesse, Robert Jackson, formulierte das 1946
so: Wir können nur dann die Legitimität solcher Prozesse
beanspruchen, wenn wir bereit sind, den Giftbecher, den wir den anderen
reichen, auch selbst zu trinken.
Gerade
dieses Prinzip der Universalität des Völkerrechtes
wurde aber doch schon durch den Angriff auf Irak ad absurdum geführt.
Setzt sich der konsequente Bruch internationaler Standards also nicht
im Prozeß fort?
Ich
habe hier die gleichen Bedenken, wie schon bei dem Tribunal gegen den
ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Das Verfahren
gegen Saddam Hussein wird wahrscheinlich zur Siegerjustiz ausarten,
Rache, nicht Recht wird im Vordergrund stehen.
Im
Gegensatz zu Milosevic wurde für Saddam Hussein kein Sondergericht
im Ausland geschaffen. Weshalb nicht?
Auf
der einen Seite besteht Washington auf rechtsstaatliche Prozesse. Den
Internationalen Strafgerichtshof, der dies gewährleisten würde,
lehnen die US-Amerikaner aber ab. In Irak, besonders in der sogenannten
Grünen Zone, haben sie sehr viel mehr Einfluß auf Richter
und Rechtsprechung. Ich bin diesem Prozeß gegenüber daher
sehr, sehr skeptisch.
Die
Nachrichtenagentur AP meldete unlängst, »amerikanische
Berater« wollten verhindern, daß sich die Probleme des
Milosevic-Prozesses wiederholten. Dieser ziehe sich seit Jahren hin,
Milosevic habe es zudem geschafft, in Serbien wieder viele Menschen
für sich zu gewinnen. Soll sich Saddam Hussein nicht adäquat
verteidigen dürfen?
Wie
das Milosevic-Tribunal krankt auch der Prozeß gegen Saddam Hussein
an der mangelnden Gleichbehandlung aller Beteiligten. Die NATO mußte
sich in Den Haag nie wegen ihrer Kriegsverbrechen in Jugoslawien verantworten.
Im Fall von Irak nun prognostiziere ich Ihnen, daß die Verantwortung
des Westens für die aktuelle Lage auch keine Rolle spielen wird.
Zum
Beispiel die Waffenlieferungen in den achtziger Jahren, unter anderem
aus der Bundesrepublik Deutschland?
Die
Verteidigung wird auf jeden Fall versuchen, diese Dinge zur Sprache
zu bringen. Ob ihre Plädoyers je an die Öffentlichkeit dringen,
steht auf einem anderen Blatt.
Wo
bleibt der Protest von Völkerrechtlern?
Es
gibt zweifelsohne unabhängige Völkerrechtler, die meine Bedenken
teilen.
Interview:
Rüdiger Göbel / Harald Neuber
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