| |
ARBIL,
13. Oktober. Ohne Pathos weist der junge kurdische Intellektuelle auf
die Bedeutung des Referendums über die neue irakische Verfassung
hin. Zum ersten Mal überhaupt in ihrer Geschichte hätten
die Kurden an einer Verfassung mitgearbeitet, sagt Nabaz Goran mit
einigem Stolz. Die Verfassung erkenne sie mit ihrem Land und ihrer
Sprache in einem Maße an, daß er nun für die Kurden
eine Zukunft im neuen irakischen Staat sehe. Dennoch arbeiteten die
Kurden weiter an ihrem langfristigen Ziel, einmal unabhängig zu
sein und ihren eigenen Staat zu haben, sagt der Bürochef der unabhängigen
Zeitung "Hawlati" in Arbil, der Hauptstadt der föderalen
Region Irakisch-Kurdistan.
Einen
eigenen Staat wollen nahezu alle Kurden des Iraks. Im Januar 2005 hatte
eine zivilgesellschaftliche Gruppierung parallel zur Parlamentswahl
ein inoffizielles Referendum über die Unabhängigkeit von
Irakisch-Kurdistan veranstaltet. Vor den offiziellen Wahlbüros
gaben die Stimmberechtigten in kleinen Zelten ein zweites Mal ihre
Stimme ab. 98 Prozent stimmten damals gegen das Verbleiben in der Republik
Irak. Einige würden nun bei dem Referendum an diesem Samstag gegen
die Verfassung stimmen, weil sie eben einen eigenen Staat wollen, sagt
Buchari Hidir, Dekan der Politikwissenschaftlichen Fakultät in
Arbil. Hidir erwartet aber, daß vier Fünftel der Kurden
der Empfehlung ihrer politischen Führer Barzani und Talabani folgen
und mit Ja stimmen werden.
Denn
zum einen erfülle diese Verfassung die Mindestanforderungen der
Kurden, zum anderen drohe dem Irak bei einer Ablehnung der Verfassung
ein Bürgerkrieg, argumentiert ein weiterer kurdischer Intellektueller.
Er fürchtet, daß sich dann der Takt der Anschläge beschleunigen
würde und die Strategie des Terroristenführers Zarqawi, einen
Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu entfachen, aufgehe.
Den islamistischen Extremisten sei es bereits gelungen, ihren Aktionsradius über
die Unruheprovinz Anbar mit deren Hauptstadt Ramadi auszudehnen und
in Mossul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, Fuß zu
fassen. Dort hätten sie in den vergangenen zwei Jahren bereits
mehr als die Hälfte der kurdischen Bevölkerung vertrieben,
die traditionell im Ostteil der Stadt gesiedelt hat.
Der Politikwissenschaftler Buchari Hidir würdigt die neue Verfassung als
einen großen Schritt, der den Irak von einer Diktatur zu einer demokratischen
und offenen Gesellschaft führe. Für ihn als Kurden sei wichtig, daß der
Irak kein Zentralstaat mehr sei, sondern weitgehend autonome Regionen zulasse.
Damit könnten die Kurden weiter für ihre Verteidigung auf ihre traditionellen
Milizen, die Peschmerga, zurückgreifen, und sie profitieren erstmals von
den Öleinnahmen des Iraks. Zudem gewährleiste die Verfassung, daß der
Irak eine säkulare Republik sei und kein Gottesstaat.
Goran ist da skeptischer. Aus der nächsten Parlamentswahl, die am 15.
Dezember stattfinden soll, sieht er den islamischen Block gestärkt hervorgehen.
Denn die arabischen Sunniten, die zu einem Großteil der Wahl vom vergangenen
Januar ferngeblieben waren, werden diesmal wählen und ihre Stimme islamistischen
Parteien geben. Die einzige Garantie für den Säkularismus seien die
Kurden, sagt Goran. Eine Zukunft für den säkularen schiitischen Politiker
und früheren Ministerpräsidenten Allawi sieht er nicht. Der habe
bei dem säkularen Teil der Sunniten zuwenig Gewicht, und für die
Schiiten sei er zu säkular. Daher fürchtet Goran, daß bei einer
Teilung des Iraks der neue arabische Staat eine islamische Republik werde.
Für einen eigenen Staat sprechen sich auch Kurden in führenden Positionen
zunehmend offen aus. Die Kurden hätten nichts mit den anderen Teilen des
Iraks gemein, nur die Religion, sagt Muhammad Sadiq, der Rektor der Universität
Salaheddin in Arbil. Diese Religion nähmen die muslimischen Kurden wiederum
nicht so wichtig, um darauf einen Staat zu bauen. "Der Irak ist nicht
von Gott geschaffen, sondern von Winston Churchill", sagt Sadiq. Die Einheit
des Iraks sei nicht heilig, und der Irak könne auseinanderfallen wie die
Sowjetunion. Den Politikern im Ausland wirft Sadiq vor, die irakische Krankheit
falsch zu diagnostizieren und damit dem Land die falsche Medizin zu verschreiben. "Was
wäre falsch, fiele der Irak in drei Staaten auseinander?" fragt er.
Diese drei ehemaligen osmanischen Provinzen seien ja gezwungen worden, miteinander
zu leben. Nur mit einer fremden Macht oder mit der Hand eines Diktators könnten
sie zusammengehalten werden. Falle sie weg, entstünden automatisch diese
drei Staaten. Abdalwahab Ali, führender Kolumnist bei "Chabat",
der auflagenstärksten Zeitung von Arbil, sagt, daß eine Teilung
kommen werde, sobald die Vereinigten Staaten erkennten, daß viele kleinere
Staaten in der Region eher in ihrem Interesse lägen. Überhaupt prognostiziert
er der Region langfristig eine Aufspaltung in viele kleine Staaten.
Die Grundlagen dazu sind im Irak gelegt. Denn auch die arabisch-sunnitische
Minderheit, die bisher herrschte, wird sich nicht mit der schiitischen
Mehrheit abfinden. Zudem haben die Aufständischen mit ihrem Terror
den Kontakt unter den Provinzen auf ein Minimum reduziert, und zuletzt
hat die schwache Zentralregierung von Ministerpräsident Dschaafari,
deren ziviler Arm kaum über Bagdad hinaus greift, ein weiteres getan,
um die zentrifugalen Kräfte zu stärken.
Die Kurden sind zufrieden mit der irakischen Verfassung, weil sie ihnen Autonomie
gewährt. Trotzdem erwarten viele, daß der Irak auseinanderbricht.
|