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Maulkorb für die Stimme der Armenier Jürgen Gottschlich |
Als der Richter am vorigen Freitag seine Strafe von sechs Monaten auf Bewährung verkündete, konnte Hrant Dink seine Tränen kaum zurückhalten. Er werde dieses Urteil nie akzeptieren. Wenn er seine Meinung nicht mehr sagen könne, werde er auswandern. Dink ist ein impulsiver Mann und machte kein Hehl aus seinem Entsetzen. Der Armenier leitet die armenisch-türkische Wochenzeitung Agos. Als deren Chefredakteur wurde der engagierte Journalist weit über seinen Leserkreis hinaus bekannt. Durch seine Lust an der Debatte und sein emotionales Engagement wurde Dink in den letzten Jahren zu einer zentralen Figur im armenisch-türkischen Dialog. Kaum ein Podium zur Armenienfrage, auf dem er nicht präsent war. Als der Menschenrechtsausschuss des türkischen Parlaments im vorigen Jahr Vertreter der Armenier einlud, ihre Position vorzutragen, war es nicht deren religiöses Oberhaupt, Patriarch Mutafjan, sondern Dink, der über die Ängste und Hoffnungen der Armenier sprach. Obwohl
er dafür plädiert, nach vorn zu schauen, und nicht nur über
die Vergangenheit definiert werden will, kommt Dink nicht um die Frage "Völkermord:
ja oder nein" herum. Auch wenn er die Ermordung hunderttausender
Armenier beklagt, setzt er sich dafür ein, diese Frage nicht ins
Zentrum der Debatte zu stellen. Der 55-Jährige redet lieber über
Menschen als über Begriffe. Auf der Armenien-Konferenz in Istanbul
vor zwei Wochen erzählte er von den Schicksalen mehrerer armenischer
Familien, die während der Deportationen 1915 auseinander gerissen
wurden. Dink möchte Verständnis wecken und fordert mehr Mitgefühl
von der türkischen Mehrheitsgesellschaft. |