Iraks
einstiger Diktator ist verantwortlich für den Tod von von Boris Kalnoky |
Istanbul - Saddam Hussein al-Madschid al-Tikriti begann seine politische Laufbahn als gemeiner Auftragsmörder im Dienste der Baath-Partei. Es mag sein Verständnis von Politik geprägt haben. Als Student entdeckte er Stalin und prahlte, er werde eines Tages den Irak in ein stalinistisches Land verwandeln. Der Killer und Möchtegern-Stalin verwirklichte seine Phantasien. Er marterte sein eigenes Land wie die Nachbarländer 35 Jahre lang, davon zehn Jahre als "Säuberer" der Partei und 24 Jahre als Staatschef. Heute fragen sich die Familienangehörigen von annähernd zwei Millionen Todesopfern, wie ihr Leben wohl ausgesehen hätte, wenn Saddam Hussein nicht gewesen wäre - und warten auf Gerechtigkeit. Wo anfangen? Das ist wohl auch die Frage, die sich die Richter des Sondertribunals stellten, angesichts der Unzahl und der Gewaltigkeit der zu klärenden Verbrechen. Wenn Saddam heute vor Gericht steht, wird es zunächst nur um einen verhältnismäßig nebensächlichen Fall gehen, das Massaker an rund 150 Schiiten in einem Dorf namens Dudschail. Sie wurden kollektiv bestraft, weil Saddam dort in einen Hinterhalt geraten war. Das Verbrechen ist weder das größte noch das grausamste seiner langen Laufbahn, es ist nur am einfachsten zu beweisen. Wollte jemand wirklich versuchen, alle seine Greueltaten nachzuweisen, Saddam wäre bis zum Ende des Verfahrens längst gestorben - an Altersschwäche. Ein Richter, der solches leisten wollte, müßte acht große Untergruppen von Schandtaten abhandeln, in wahrscheinlich mehr als 500 Anklagepunkte untergliedert. 1. Der Angriffskrieg gegen den Iran und darin besonders der Einsatz chemischer Waffen. Laut amtlichen iranischen Quellen, die auch von den US-Behörden als glaubwürdig akzeptiert worden sind, starben rund 5000 iranische Soldaten durch irakische Giftgasgranaten. Britische Quellen gehen von 10 000 Opfern aus. Der Einsatz chemischer Waffen ist seit dem Chemiewaffen-Vertrag von 1925 ein Kriegsverbrechen. Viele Grundstoffe für diese Waffen kaufte das Regime peinlicherweise im Westen, auch in den USA, und es gibt Stimmen, die meinen, dies sei mit stillschweigender Duldung Washingtons geschehen, weil man dort den Irak als Bollwerk gegen den Iran des Ayatollah Khomeini sah. Im November 1983, nachdem die Vereinten Nationen den irakischen Einsatz von Giftgas gerügt und die USA am 5. März des Jahres Saddams Gebrauch von Giftgas bestätigt hatten, nahm Washington diplomatische Beziehungen mit Bagdad auf und begann, auf taktischer Ebene Hilfe im Krieg gegen den Iran zu leisten. Ein weiteres irakisches Verbrechen in diesem Krieg war die Ermordung Tausender iranischer Kriegsgefangener. Das verstößt gegen die Genfer Konvention von 1949. Der Krieg selbst kostete zwischen 150 000 und 340 000 Iraker das Leben, und mehr als 700 000 Iraner starben. 2. Die "Anfal"-Kampagne gegen die irakischen Kurden. Bei diesem Versuch, vor allem die Kurden des Talabani-Klans zu vertreiben, starben laut Human Rights Watch (Iraqs Crime of Genocide, 1995) 50 000 bis 100 000 Kurden. Zum Auftakt des Massentötens ließ Saddam 8000 kurdische Männer im Alter von 13 bis 60 Jahren verhaften und umbringen. Ihre Familien wurden getrennt deportiert und dann niedergeschossen und in Massengräbern verscharrt. Insgesamt wurden rund 4000 kurdische Dörfer entvölkert und zerstört. 3. Halabdscha: "Anfal" hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß die Kurden im Krieg gegen den Iran auf der iranischen Seite kämpften. Als die gemeinsam mit iranischen Truppen im März 1988 die Ortschaft Halabdscha einnahmen, ließ Saddam den Ort mit Giftgas bombardieren. 5000 Zivilisten starben. Halabdscha war aber kein Einzelfall: Die Organisation Human Rights Watch hat nicht weniger als 40 Giftgasangriffe gegen Kurden dokumentiert. All dies ändert wenig an den noch guten Beziehungen mit Washington. 4. Die Invasion Kuwaits 1990. Der Angriffskrieg selbst, die Ermordung von annähernd 1000 Kuwaitern und die Verschleppung vieler anderer, die Zerstörung der kuwaitischen Ölquellen, all dies kann als Kriegsverbrechen gewertet werden. Die meisten Opfer waren die Gefallenen der irakischen Armee während der anschließenden Befreiung Kuwaits durch eine internationale Koalition. Bis zu 100 000 Iraker sollen ums Leben gekommen sein, genau wird man es wohl nie wissen. 5. Die Massaker nach dem Aufstand der Kurden und Schiiten 1991. Im März und April 1991 brachten die nach dem Golfkrieg noch brauchbaren Armeeeinheiten Saddam Husseins Zehntausende von Zivilisten um, vor allem im schiitischen Süden des Landes. Das war die Strafe dafür, daß sie sich gegen das Regime erhoben hatten - nachdem die amerikanische Regierung sie ausdrücklich dazu ermutigt hatte, dann aber im Stich ließ. Weniger beachtet war ein zweites Blutbad 1999. Nachdem Saddam den führenden schiitischen Geistlichen Ayat Allah al-Sayyid Mohammed Sadiq al-Sadr ermorden ließ - sein Sohn Muktada al-Sadr stiftet heute als radikaler Schiitenführer Unruhe -, kam es zu einem schiitischen Aufstand, der blutig niedergeschlagen wurde. Mehrere hundert, vielleicht bis zu 1500 Schiiten kamen ums Leben. 6. Die Zerstörung der südlichen Sümpfe. Ebenfalls nach dem Aufstand von 1991 begann das Regime, die Sumpflandschaft des Schatt al-Arab trockenzulegen. Zuvor hatten dort schiitische Stämme mehrere irakische Einheiten aufgerieben, die versucht hatten, in die Sümpfe vorzudringen. Die Trockenlegung der Sümpfe zerstörte eine der ältesten Agrarlandschaften der Geschichte - diese Region ist möglicherweise das Vorbild für den biblischen "Garten Eden" - und raubte Zehntausenden Menschen ihre Lebensgrundlage. 7. Weitere "ethnische Säuberungen": Schon Anfang der achtziger Jahre deportierte Saddam viele Schiiten in den Iran, nachdem religiös inspirierte Schiiten versucht hatten, Mitglieder seiner Regierung zu ermorden. Ayatollah Khomeini hatte überdies zum Sturz des irakischen Regimes aufgerufen. Dies war das Vorspiel zum iranisch-irakischen Krieg. Auch die Arabisierung der kurdischen Ölmetropole Kirkuk und die damit einhergehende zwangsweise Vertreibung der Kurden ab 1997 müssen als Verbrechen betrachtet werden. 8. Die permanente Folterung und Ermordung politischer Gegner, Dissidenten, Aktivisten mißliebiger politischer Organisationen, Geistlicher, die Hinrichtung von Militärs und Parteikadern, denen Saddam mißtraute, die Vergewaltigung von Frauen und Töchtern, um ihre Väter und Ehemänner zu bestrafen. Die Anzahl der Todesopfer dieses alltäglichen Terrors ist schwer zu schätzen, dürfte jedoch bei mehreren zehntausend Opfern liegen. Allein 1984 beispielsweise ließ Saddam 4000 Häftlinge im berüchtigten Gefängnis Abu Ghraib massakrieren. Im Mahdschar-Gefängnis sollen 1993 bis 1998 etwa 3000 Häftlinge hingerichtet worden sein und 1997 weitere 2500 während einer landesweiten "Säuberungsaktion" in den irakischen Gefängnissen. War Saddam nur das? Eine blutdürstige Bestie, der Vergewaltiger und Zerstörer seines eigenen Landes? Seine Methoden waren brutal, aber nicht immer auf Zerstörung ausgerichtet. Heute ist nur noch schwer vorstellbar, daß er 1976 einen Preis der Unesco bekam. Er hatte allen Irakern binnen kürzester Zeit erfolgreich das Lesen und Schreiben beibringen lassen - in typisch Husseinscher Manier. Wer sich weigerte, am Unterricht teilzunehmen, kam für drei Jahre ins Gefängnis. Die Bilanz seines
Lebens sind jedoch drei Jahrzehnte Terror. Die Stimmen der Opfer fordern
sein Blut, und es ist unwahrscheinlich, daß Saddam Hussein Gnade
widerfahren wird. Er selbst mag sich vor Augen halten, daß er
in den Zeiten seiner Macht auch nie zögerte, Todesurteile zu fällen. |