junge Welt, 26.10.2005

Journalistengewerkschaft dju fordert Aufhebung
des Verbots der kurdischen Tageszeitung Özgür Politika

 
 

 

Die »Deutsche JournalistInnen-Union« (dju) in der Gewerkschaft ver.di fordert von der neuen Bundesregierung die Aufhebung des Verbots der kurdischen Tageszeitung Özgür Politika:

Am 5. September 2005 haben Beamte des Bundeskriminalamtes die Verlags- und Redaktionsräume der in Neu-Isenburg erscheinenden türkisch- und z.T. kurdischsprachigen Zeitung Özgür Politika durchsucht. Die Zeitung wurde geschlossen und von dem damaligen Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) verboten. Ebenfalls durchsucht wurden die Privatwohnungen leitender Mitarbeiter des Blattes. Von der Schließung der Zeitung sind rund 20 Beschäftigte betroffen, die dadurch arbeitslos wurden.

Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Eilverfahren zwischenzeitlich die Schließung aufgehoben.

Gemäß Polizeiangaben lautete der Grund für den Schließungsbeschluß »Verstöße gegen das Vereinsrecht«. Die Maßnahmen werden mit einer angeblich nachweislichen Einbindung der Zeitung »in die Gesamtorganisation der PKK« begründet. Der Redaktion wird vorgeworfen, sie habe die Anhänger der PKK in Europa mit Informationen und Vorgaben der Führung der in Deutschland verbotenen Kurdenpartei versorgt.

Für den Landesvorstand der Deutschen JournalistInnen-Union in ver.di Baden-Württemberg ist das eine mehr als fragwürdige Begründung. Die Zeitung habe zwar politische Grundsatzpositionen der kurdischen PKK dokumentiert. Dies sei jedoch nicht gleichzusetzen mit der Einbindung in eine Befehl- und Kommandostruktur der Bewegung. Es dränge sich vielmehr die Frage auf, ob Bundesinnenminister Schily vor der Bundestagswahl seinen Ruf als sicherheitspolitischer Hardliner festigen wollte.

Polizeiliche Aktionen gegen eine Redaktion sind aus Sicht der dju besonders zu beobachten und zu beurteilen, da sie immer den grundgesetzlich garantierten Schutz der Presse und den Vertrauensschutz von Informanten gegenüber der Presse beeinträchtigen.

Der Vorstand verurteilt das Vorgehen der deutschen Behörden als einen schwerwiegenden Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Özgür Politika berichtete als einzige kurdische Tageszeitung in Europa über die Ereignisse in der Türkei und dem Mittleren Osten und gab der kurdischen Bevölkerung eine Stimme. Die Zeitung aufgrund einer kritischen und nicht mit der türkischen Regierungsmeinung übereinstimmenden Berichterstattung zu verbieten, widerspricht nach Ansicht der dju auch demokratischen Grundrechten und Gepflogenheiten.

Offensichtlich diene das Zeitungsverbot nur der Regierung in Ankara, der Özgür Politika schon lange ein Dorn im Auge war. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß die Türkeiausgabe weiter erscheinen könne und Özgür Politika nur in Deutschland verboten sei!
Es drängt sich der Verdacht auf, daß sich die deutschen Behörden zum Handlanger der türkischen Regierung machen ließen.

Die dju in ver.di hält das Verbot gegen Özgür Politika für nicht gerechtfertigt und fordert den designierten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble auf, dieses aufzuheben und die anhängigen Ermittlungsverfahren einzustellen.