junge Welt, 21.10.2005

Interview

»Vorwürfe waren aus der Luft gegriffen«

Kurdische Zeitung Özgür Politika darf wieder erscheinen.
Bauchlandung für amtierenden Bundesinnenminister Otto Schily (SPD).
Ein Gespräch mit Cemal Ucar

* Cemal Ucar ist Gesellschafter der kurdischen Tageszeitung Özgür Politika (»Freie Politik«),
die in Frankfurt am Main in türkischer Sprache erschien und Anfang September vom Bundes-
innenministerium verboten worden war.

 
 

Das Bundesverwaltungsgericht hat den Sofortvollzug des Verbots von Özgür Politika aufgehoben. Wie geht es weiter?

Innenministerium und Bundesverwaltungsamt verhandeln nun über die Rückgabe unseres Inventars und die Überweisung des beschlagnahmten Vermögens. Das wird hoffentlich am Dienstag geschehen. Allerdings wird es nicht einfach, sofort weiterzumachen, denn unsere Mitarbeiter sind inzwischen arbeitslos, alle PCs, das Archiv, Unterlagen und die Bücherei wurden beschlagnahmt. Das alles wieder einzurichten und neu zu organisieren dauert seine Zeit, daher wissen wir noch nicht, wann wir wieder herauskommen werden.

Nun handelt es sich um ein Eilverfahren. In der ausstehenden Hauptverhandlung könnte herauskommen, daß das Verbot doch noch bestätigt wird. Was dann?

Das glaube ich nicht. Wir gehen davon aus, daß unsere Klage gegen das Verbot Erfolg haben wird. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung unserer Klage ausdrücklich damit begründet, daß sie voraussichtlich erfolgreich sein wird.

Was halten Sie von den Vorwürfen des Innenministeriums, Özgür Politika sei in die Kommandostrukturen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK eingebunden?

Der Vorwurf ist absurd und aus der Luft gegriffen. Auch das Bundesverwaltungsgericht ist davon ausgegangen, daß der Vorwurf des Innenministeriums unbegründet ist. Der Bundesinnenminister meint, unsere Zeitung und unser Verlag seien eine Gefahr für die Bundesrepublik Deutschland, doch das Gericht hat diesen Vorwurf in der Luft zerrissen. Richtig ist, daß wir uns als eine kurdische Tageszeitung verstehen, die Kurden in Europa informieren will. Uns ist eine engagierte Berichterstattung über die Ereignisse in Kurdistan wichtig. Das betrifft das militärische, aber auch das kulturelle und politische Geschehen. Aber es ist eine ganz normale Berichterstattung, die unsere Leser sehr interessiert. Daran ist nichts Staatsgefährdendes, auch wenn sie vielleicht einigen Leuten nicht gefällt. Ich fühle mich dem Interesse unserer Leser verpflichtet, die zum Beispiel über die Gefechte zwischen der PKK und dem türkischen Militär informiert werden wollen, oder über den Gesundheitszustand von Abdullah Öcalan, dem PKK-Vorsitzenden, der in türkischer Haft sitzt und schon seit vier Monaten keinen Besuch bekommen darf.

Linke Kritiker werfen Özgür Politika vor, sie habe den Krieg der USA gegen den Irak befürwortet.

Man muß in einer Tageszeitung zwischen Artikeln und Kommentar unterscheiden. Wir waren der Ansicht, daß alle Meinungen über diesen Krieg in der Zeitung vertreten sein müssen. Daher hat es Autoren und Schriftsteller gegeben, die sich in Kommentaren in Özgür Politika für diesen Krieg ausgesprochen haben. Aber es hat auch viele gegeben, auch Kollegen aus der Redaktion, die gesagt haben: Dieser Krieg ist nicht richtig. Ich bin zum Beispiel als Journalist vor Ort gewesen und habe versucht, die negativen und die positiven Seiten darzustellen. Es stimmt allerdings nicht, daß wir den Krieg unterstützt haben. Die Aufgabe einer Tageszeitung ist es, Pro und Contra deutlich zu machen.

Was sind denn die positiven Seiten dieses Krieges?

Positiv ist – das ist meine private Meinung –, daß das Regime von Saddam Hussein weg ist, das vielen tausend Kurden, Arabern und Schiiten das Leben gekostet hat. Die Iraker haben nun die Möglichkeit, eine offene, demokratische und soziale Gesellschaft aufzubauen. Negativ ist, daß der Krieg sehr viele Menschenleben gekostet hat und noch immer kostet. Es gibt immer noch keine Demokratie, die Menschen können sich nicht frei bewegen und ihre Meinung offen äußern. Aus eigener Anschauung weiß ich außerdem, daß die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen, zwischen Kurden und Arabern, zwischen Sunniten und Schiiten, zunehmen. Statt Vertrauen wächst das Mißtrauen.

Interview: Wolfgang Pomrehn