Über
das schwierige Verhältnis Von Günter Seufert |
Wofür
steht Orhan Pamuk eigentlich, der am kommenden Sonntag in der Paulskirche
den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen wird? Diese
Frage stellen nicht etwa Deutsche, andere Europäer oder Amerikaner,
sondern politische Aktivisten der Türkei. Dem Ausland hingegen
scheint das politische Profil des Preisträgers klar zu sein: Der
bislang erfolgreichste türkische Autor, dessen Romane in über
dreißig Sprachen übersetzt sind, ist Demokrat. Seit mehr
als fünfzehn Jahren prangert er in seiner Heimat die Verletzung
von Menschenrechten an. "Keiner mag es aussprechen, doch auf diesem
Boden haben eine Million Armenier und dreißig Tausend Kurden
den Tod gefunden", sagte Pamuk im März gegenüber dem
Reporter einer Schweizer Zeitung und wies damit auf das dunkelste Kapitel
der türkischen Geschichte hin.
Gegen Pamuk wurde daraufhin ein Prozess vor dem Istanbuler Bezirksgerichts Sisli angestrengt, nachdem die für Pressevergehen zuständige Staatsanwaltschaft Istanbul in der gleichen Sache auf eine Anklage verzichtet hatte (vgl. FR, 2. September 2005). Pamuk ist wegen Beleidigung des Türkentums angeklagt, ein beliebig auslegbarer Straftatbestand. Trotz der Reform des Strafgesetzbuches vor einem Jahr zeigt sich, dass das Strafrecht nicht von Gesinnungsparagraphen gesäubert worden ist. Der erste Verhandlungstag ist auf den 16. Dezember festgesetzt, der Staatsanwalt fordert drei Jahre Haft. In der Türkei fällt die Einschätzung Orhan Pamuks widersprüchlich aus. Dass Nationalisten und Staatstreue aller Couleur den Autor wegen seiner Äußerung beschimpfen und als Agenten des Westens geißeln würden, stand zu erwarten. Doch auch die Linke tut sich schwer, Pamuk zu verteidigen. Die parlamentarische Opposition der Republikanischen Volkspartei, viele Gewerkschaften und Veteranen der 68er-Studentenbewegung werfen ihm vor, Staat und Nation im Ausland anzuschwärzen. Liebedienerisch schmeichele er sich bei der internationalen Öffentlichkeit ein, und tue alles, um eines Tages den Nobelpreis zu ergattern. Selbst viele derer, die gegen die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen Pamuk protestieren, wollen das nicht als Unterstützung seiner Person und als Anerkennung seiner Positionen verstanden wissen. Allein von der Armenierfrage kann diese Distanz zu Pamuk nicht herrühren, der ebenfalls in der Türkei als der meistgelesene Romancier aller Zeiten gilt. Denn anders als es Pamuks "Schweizer Formulierung" nahe legt, kratzen auch Historiker und Journalisten seit Jahren vorsichtig, aber stetig an diesem letzten Tabu des Landes, und die Türken gewöhnen sich langsam daran, Dinge kontrovers zu diskutieren. Das Unbehagen der Öffentlichkeit an Pamuk rührt an tiefere Schichten und hat viel mit der politischen und literarischen Kultur der Türkei zu tun. Weder rechts noch links Seit Staatsgründer Kemal Atatürk das Land auf Europa ausrichtete und modernisierte, verläuft die politische Grenze nur scheinbar zwischen links und rechts. Denn in der Türkei steht "links" weniger für die Arbeiterbewegung, die Rechte sozial Ausgegrenzter, für Minderheiten und Forderungen nach politischer Beteiligung. "Links" steht vielmehr für einen Fortschritt, der dadurch erreicht werden soll, dass der Staat und seine Bürokraten das Land verwestlichen und turkisieren. Linke Politik hieß deshalb lange, die Masse der Bevölkerung mit sanftem Zwang von Religion und Tradition zu trennen und nichttürkische Minderheiten zur türkischen Nation zu bekehren, wozu bisweilen größerer Zwang nötig war. Diesem linken Elitismus stand ein "rechter" Populismus gegenüber. Zwar war dieser Populismus, ähnlich wie in Europa, religiös-konservativ, doch forderte er andererseits die Ausweitung politischer Partizipation und damit mehr Demokratie. Rechte Demokratie sollte freilich weniger dem Individuum als der Moral zugute kommen, und während linke Verwestlicher eine einheitlich fortschrittliche Nation aufbauen wollten, klebten rechte Traditionalisten an der Idee der gläubigen Volksgemeinschaft. Sowohl Rechte als auch Linke beschwörten deshalb Kollektive, also in sich geschlossene Identitäten, die sich wiederum gegenseitig ausschlossen und oft unversöhnlich gegenüberstanden. Das hatte weitreichende Folgen: Der Alltag der Menschen, Kleidung und Sprache, Lebensentwürfe und Kultur, Gefühl und Phantasie wurden zu Feldern der politischen Auseinandersetzung. Entweder fromm oder fortschrittlich heißt es noch heute, weshalb Frauen mit Kopftuch nicht studieren können und Generäle sich in der Moschee nicht blicken lassen. Politik verkommt zum kulturellen Stellungskrieg; inBürokratie und Wirtschaft, in Bildung und Kultur wird eigenes Terrain verteidigt. Eine solche Politik signalisiert den Menschen, dass sie nur in den Gattern eines kulturellen Laufstalls glücklich werden sollen - ein selbstbestimmter, individueller Mix von Tradition und Moderne gilt ausgeschlossen. Es bedarf keiner besonderen Phantasie, um zu sehen, dass dieses Schwarzweiß-Modell kultureller Zugehörigkeit auch auf die Kurdenfrage und die ablehnende Haltung der türkischen Nationalisten zu Europa starken Einfluss haben muss. Kontinuität ist sein Anliegen Orhan Pamuk und seine Bücher stehen derart quer zu dieser Art von Politik und ihrem Menschenbild, dass man seine oft zitierten Zurückweisungen von politischer Literatur in der Türkei gar nicht anführen muss. Die Verwestlicher feiern den Bruch mit den Osmanen und die Stunde Null des republikanischen Neuanfangs. Die Traditionalisten idealisieren die Vergangenheit. Pamuk dagegen erzählt von Kontinuitäten. Bereits in seinem ersten Buch, der Drei-Generationen-Saga Cevdet Bey und seine Söhne schlägt er die Brücke zwischen Alt und Neu, zeigt Übergänge, Verwandtschaften, Abhängigkeiten und einen Formwandel auf, wo andere nur Gegensätze sehen. Sein zweiter Roman Das stille Haus führt die absurde Auseinandersetzung der 70er Jahre vor, als sich städtische Mittelschichtsjugendliche im Namen des Sozialismus und Jugendliche der Provinz im Namen des Nationalismus gegenseitig an die Kehle gingen. Distanziert schildert der Roman zudem die Sprachlosigkeit zwischen staatlichen Reformen und Bevölkerung. Mit seinem dritten Buch Die weiße Festung verabschiedete sich Pamuk endgültig von der republikanischen Rhetorik und deren Antagonismen Alt und Neu, Ost und West, des Eigenen und des Fremden. Die Geschichte spielt im 17. Jahrhundert und thematisiert die Beziehung zweier Männer, eines osmanischen Gelehrten und seines italienischen Sklaven. Anfänglich ganz in der eigenen Welt verhaftet, versucht der Osmane, sich die naturwissenschaftlichen Kenntnisse des Sklaven anzueignen und für die Kriegszüge des Sultans einzusetzen. Doch die von beiden konstruierte Wunderwaffe bleibt vor einer weißen Festung im Schlamme Polens stecken. Folgenreicher als der Versuch, das Wissen "der Anderen" gegen sie zu nutzen, gestaltet sich der intellektuelle und emotionale Austausch der Männer, die beide nach persönlicher Weiterentwicklung streben und sie über die Integration des jeweils anderen in die eigene Persönlichkeit erreichen. Schließlich reist der Osmane in den Kleidern des Italieners nach Venedig, und der Italiener wird Osmane. Der Ausgang ist damit das genaue Gegenteil der politischen Literatur nationalistischer oder sozialistischer Provenienz, in denen der Held stets als Prototyp ideologischer Ausrichtung fungiert. Mitte der neunziger Jahr gelang Pamuk mit seinem Roman Das schwarze Buch der internationale Durchbruch. Auch in der Türkei schlägt die als Kriminalroman getarnte Geschichte einer Persönlichkeitsverwandlung alle Verkaufsrekorde, trotz erheblich langer Sätze, extravagantem Wechsel der Perspektiven und einem Labyrinth an Nebenhandlungen. Das Schwarze Buch hat Pamuk zum meistgekauften Autor gemacht, zum Vertreter des Mainstream und gleichzeitig zu einem Avantgardisten mit einem unerhörten Stil. Rechte und die Linke verrissen das Buch; die Leser aber fanden Gefallen daran, wie der Held in allen Schriften, in mystischen Lehren und in der Vergangenheit Istanbuls zu sich selber findet. Im ideologisch überhitzten Klima der Türkei entfalten Pamuks Romane eine enorme politische Wirkung, weil sie an fest einbetonierten Identitäten sägen. Er selbst bezeichnet nur eines seiner Bücher als politisch: Schnee, den zuletzt erschienenen Roman (vgl. Literatur-Rundschau, 16. März 2005). Tatsächlich werden in Schnee allerlei politisch brisante Themen verarbeitet: die Kurden, das Kopftuch, das Militär, die Islamisten. Doch auch hier bleibt Pamuk seiner Linie treu. Keiner seiner Akteure fühlt sich recht wohl in seiner Haut, und das harte politische Kleid ist ihnen allen auf Dauer viel zu eng. Sie sehnen sich nach Austausch und Verwandlung, nach Aneignung von Fremdem, und manche wechseln gar die Fronten. Das ärgert Säkularisten, Nationalisten und Islamisten gleichermaßen und liegt genau auf der Linie, auf der Pamuk auch bisher Politik gemacht hat. Er weist staatliche Auszeichnungen zurück, solidarisiert sich mit den Herausgebern verbotener Bücher und erhebt seine Stimme gegen Menschenrechtsverletzungen. Verteidigung der Rechte des Einzelnen, nichts weiter. Aber das ist viel. Der
Autor lebt als Publizist und freier Schriftsteller in Istanbul. |
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