Bremer Nachrichten, 20.10.2005

Die Gewalt in der Türkei eskaliert wieder

Kurdische Kämpfer tragen den Konflikt vom Südosten
in den Westen des Landes / Erdogan unter Druck

Von Susanne Güsten

 
 

ISTANBUL. Niemand achtete auf die Männer, die am Wochenende an einer Tankstelle im Istanbuler Stadtteil Maslak ein Auto abstellten und sich davonmachten. Wenige Minute explodierte in dem Wagen eine Bombe, die mehrere Menschen schwer verletzte und einen Großteil der Dachkonstruktion der Tankstelle einriss. Nach Ermittlungen der Polizei hatten die Täter eine Ladung Plastiksprengstoff in dem Auto ferngezündet und waren dann mit einem Taxi geflohen. Eine kurdische Splittergruppe bekannte sich zu der Gewalttat.

In Istanbul geht nun neue Terror-Angst um, denn die radikalen Kurden haben weitere Anschläge angekündigt. Die Bombe an der Tankstelle geht auf das Konto der "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK), einer Unterorganisation der Kurdengruppe PKK, die zuletzt im Sommer mit Anschlägen auf Urlauber von sich reden gemacht hatte. Die PKK hat sich zwar von den "Freiheitsfalken" distanziert. Doch die türkischen Behörden und auch westliche Sicherheitsexperten nehmen an, dass PKK-Bombenleger immer dann unter dem Namen TAK Anschläge verüben, wenn absehbar ist, dass die Gewalttaten von der internationalen Gemeinschaft verdammt werden. Tatsächlich haben sich die "Falken" bisher vorwiegend zu Anschlägen auf zivile Ziele außerhalb des türkischen Kurdengebietes bekannt. "Noch größere Operationen" würden folgen, kündigte TAK an. Die Türkei solle "unbewohnbar" gemacht werden. Die Polizei geht davon aus, dass dies keine leere Drohungen sind. In den vergangenen Monaten haben radikale Kurden nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden große Mengen Plastiksprengstoff aus Lagern der PKK im Nordirak in die Türkei gebracht. Die TAK steht nach Meinung der türkischen Behörden unter dem Befehl des PKK-Hardliners Murat Karayilan, der vom Nordirak aus die Aktionen in der Türkei lenkt.

Dass militante Kurden nun die Gewalt in die großen Städte im Westen der Türkei tragen, setzt die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unter Druck. Angesichts fast täglicher Kämpfe zwischen Einheiten der Armee und PKK-Trupps im Südosten des Landes ist die Kritik an Ankara ohnehin gewachsen. Erdogan hatte im August erstmals die Existenz eines "Kurdenproblems" eingeräumt und eine demokratische Lösung in Aussicht gestellt. Die PKK antwortete mit einer sechswöchigen Waffenruhe, die Anfang Oktober abgelaufen ist. Seitdem eskalieren die Kämpfe wieder. Die PKK verlangt eine Generalamnestie für ihre 5000 Kämpfer und eine politische Rolle für ihren inhaftierten Chef Abdullah Öcalan. Nationalisten und die türkische Armee werfen Erdogan vor, er habe mit seinem Entgegenkommen kurdische Extremisten ermuntert. Das will der Regierungschef nicht auf sich sitzen lassen. Wenn es in der Türkei immer mehr Trauerfeiern für Soldaten gebe, die von der PKK getötet wurden, könne niemand von Ankara noch Geduld verlangen, sagte Erdogan gestern. Er kritisierte, dass die PKK nach wie vor vom Nordirak aus agieren kann - eine deutliche Warnung an die USA, die als Besatzungsmacht im Irak bisher ein militärisches Vorgehen gegen die PKK abgelehnt haben. Erdogan deutete an, dass die Türkei selbst im Nordirak aktiv werden will, wenn die Amerikaner nicht bald etwas gegen die PKK unternehmen. Ähnliche Warnungen hatte er bereits in den vergangenen Monaten an die USA gerichtet.