Welt am Sonntag, 2.10.2005

Von den Opfern zu den Tätern

Etwa 3000 Kurdinnen kämpfen gegen das türkische Militär.
Sie verstricken sich in Gewalt und Terrorismus.
Was treibt sie an?

von Freia Peters

 
 

Wenn sie etwas sagt, was ihr besonders wichtig ist, streckt sie den rechten Zeigefinger aus und sticht in die Luft. "Die kurdischen Frauen sind fortschrittlicher als manche türkischen und als die irakischen. Und das ist nicht zuletzt auch das Verdienst der PKK." Was sie so leidenschaftlich vorträgt, ist das Bekenntnis zu einer terroristischen Organisation. Warum wählt eine junge Frau den bewaffneten Kampf, um gegen Unterdrückung zu kämpfen? Weshalb wählt sie Mord und Totschlag statt friedlichen Widerstands wie Mahatma Ghandi oder Nelson Mandela?

Beritan Avasin* sitzt auf dem Sofa einer kurdischen Familie im Amsterdamer Migrantenviertel Indische Buurt. Bevor sie in die Niederlande kam, war sie elf Jahre eine kurdische Guerillera in den Bergen des Nordirak. Mit der Presse redet sie jetzt zum ersten Mal. Sie trug eine Waffe und eine Uniform in Camouflage, und wenn es keine "außergewöhnliche Situation" gab, wie sie es nennt und damit Gefechte mit dem türkischen Militär meint, habe sie sich mit ihren Kameradinnen in die Natur zurückgezogen. "In den Bergen wirst du dir bewußt über deine eigene Kraft", sagt Avasin.

Gewalt habe sie als einzige Möglichkeit gesehen, gegen die Unterdrückung durch die Türkei zu kämpfen, sagt sie. In ihre Stirn graben sich zwei Falten. Dahinter sitzt die Erinnerung. Als sie 18 Jahre alt war, wurde Avasin von einem Sonderkommando der türkischen Polizei verhaftet, drei Tage festgehalten und nach eigenen Aussagen gefoltert. Sie habe das kurdische Neujahrsfest feiern wollen, doch die Kultur ihres Volkes war in der Türkei lange Zeit verboten und ist es teilweise noch. "Nach der Entlassung hatte ich zwei Möglichkeiten: als Spitzel für die türkische Polizei zu arbeiten - oder Flucht." Avasin ging über die südtürkische Grenze in den Irak.

Ihre Eltern und sechs Geschwister seien stolz gewesen, daß sie "in die Berge" ging, ein kämpfendes Mitglied der PKK wurde, der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei. Daß sie selbst würde töten müssen, habe man sogar als gerechte Rache empfunden.

Während des 15jährigen Konfliktes, der 1999 mit der Ausrufung der Waffenruhe seitens der PKK endete, starben etwa 37 000 Menschen. Die Feuerpause ist seit vergangenem Sommer beendet, und wie Avasin es damals tat, treten dieser Tage wieder vermehrt Männer, doch vor allem Frauen der kurdischen Freiheitsbewegung bei. Etwa 10 000 gehören der Guerilla an, mindestens 30 Prozent der Kämpfer seien Frauen, schätzt Avasin. Diese kämpften nicht nur gegen türkische Soldaten, sondern auch gegen die Unterdrückung der Frauen. In der südöstlichen Türkei leiden sie unter dem Patriarchat. Es ginge ihnen weniger darum, den Geschlechterkampf mit Waffen auszutragen. Vielmehr habe sie die Gleichberechtigung in der PKK geschätzt, sagt Avasin.

Die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beflügeln die Hoffnung, daß es auf friedlichem Weg zur Anerkennung der kurdischen Identität kommt. Zwar hat die Regierung in Ankara, teilweise unter Druck der Europäischen Union, die Todesstrafe abgeschafft und versucht, auch in ländlichen Gebieten mit Traditionen wie Zwangsverheiratungen zu brechen. Doch die Reformen touchierten nur am Rand die kurdische Frage. Noch immer werden Sprachkurse geschlossen, Konzerte abgebrochen und kurdische Säuglingsnamen abgewiesen.

Doch statt darauf friedlich und politisch zu reagieren, lieferte sich die PKK jüngst neue Gefechte und mordete mit Anschlägen - eine Art Standgericht gegen Unschuldige wegen abgebrochener Konzerte und gestrichener Sprachkurse. Das letzte Attentat auf einen Touristenbus forderte im Juli in der Ägäis-Stadt Kusadasi fünf Tote und 13 Verletzte. Es ist bis heute nicht aufgeklärt. Frauen wie Avasin könnten zu den Tätern gehören. Sie rechtfertigt das so: "Wir wollen, daß unsere Identität akzeptiert wird und daß die Kurden als Gesprächspartner ernst genommen werden." Und dafür nehmen die kurdischen Kämpfer den Tod türkischer Soldaten und Touristen in Kauf? "Wir, die kurdischen Frauen, sind gegen den Krieg. Zu viele Mütter weinen - türkische und kurdische. Aber wenn die Türken uns umbringen wollen, verteidigen wir unser Recht zu leben."

Im Moment schweigen die Waffen, offiziell noch bis morgen, dem 3. Oktober. "Wir tragen eine ebenso große Verantwortung, daß es nicht erneut zu Blutvergießen kommt, wie die Europäische Union", sagt Avasin. Von ihr erhofft sie sich weiteren Druck, die kurdische Frage zu lösen. Der türkische Ministerpräsident Erdogan räumte im vergangenen Monat das erste Mal in seiner Amtszeit ein, daß es "ein kurdisches Problem" gebe. "Können Sie sich das vorstellen? Da hat im 21. Jahrhundert das erste Mal ein türkischer Staatsmann zugegeben, daß wir existieren."

Avasin arbeitet in Den Haag im Verband kurdischer Frauen Europas. Zehntausende von Frauen sind Mitglied ähnlicher Verbände. Sie begehren auf gegen tödliche Traditionen wie Ehrenmorde. Letztes Jahr erstach in Diyarbakir ein Mann seine Schwester. Das 15jährige Mädchen erwartete ein Kind von seinem Vergewaltiger, der Bruder wollte die Ehre der Familie retten. Hunderte von Frauen versammelten sich, wuschen das tote Mädchen und trugen es quer durch die Stadt. "Die Prozession kam einem Frauenaufstand gleich", sagt Avasin. "Und kein Mann wagte es, sich zu nähern."

* Name geändert