" Zur Ehe gezwungen - Frauen flüchten vor ihren Familien" ARD-Doku über Zwangsheirat
VON KATHRIN HARTMANN |
Langsam hebt die Braut in Weiß die Arme, versteinert steht sie im Raum. Ein Mann schlingt ein rotes Band um ihre Hüfte, Symbol der Jungfräulichkeit, als Bruder ist er für ihre Unversehrtheit verantwortlich. Ihren Mann sieht sie zum ersten Mal. Der, den sie heiraten sollte, ist gestorben, sie hat es eben erfahren, jetzt muss sie seinen Bruder heiraten, verlobt heißt unrein, sie weint. Diyarbakir, Ostanatolien. Nein, sagt eine Frau, ihre Tochter wolle freiwillig heiraten. Die Familie ist arm, einen Mund weniger zu füttern ist besser. Das Mädchen, 14 Jahre alt, lächelt traurig. Es trägt ein T-Shirt mit einem Teddybär drauf. In wenigen Wochen wird es in der Hochzeitsnacht mit einem fremden, älteren Mann beweisen, dass sie unschuldig ist, vor der Tür wird ihre Schwiegermutter auf ein blutiges Laken warten. Südostanatolien, ein Grabstein. Totengebet für eine Frau. El Fatike Semse Allak war 35, als ihre Familie sie zu Tode steinigte. Sie hatte die Ehre der Familie verletzt, weil sie ihr nicht die Macht über ihr Leben, ihren Körper und ihre Sexualität überlassen wollte. |
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Drei erschütternde Szenen aus der Dokumentation Zur Ehe gezwungen von Renate Bernhard und Sigrid Dethloff, Szenen, die sich nicht nur in der Türkei oder Nahost abspielen, sondern auch in Deutschland: Nach dem grausamen Ehrenmord an der 23-jährigen Türkin Hatun Sürücü in Berlin Anfang Februar besitzt der Film traurige Aktualität. 5000 Frauen werden weltweit jedes Jahr im Namen der Ehre ermordet. Ohne Berührungsangst haben Bernhard und Sigrid Dethloff recherchiert, einfühlsam haben sie Frauen in Deutschland befragt, die einer Zwangsehe entkommen konnten. Die 17-jährie Zeenat etwa. Als deren Eltern merkten, dass ihre Tochter einen Freund hatte, wollten sie sie an einen Witwer in Pakistan zwangsverheiraten. Sie floh daraufhin in ein Mädchenhaus und ist seither untergetaucht. Oder Aische, von ihrem Mann und seiner Familie wie eine Sklavin gehalten. Allein die Reihung der Schicksale zeigt, wie wenig dies Einzelfälle sind. Jede zweite türkische Frau, sagt die Soziologin Necla Kelek, lebe in einer arrangierten Ehe. Sie hat 100 "Importbräute" für ihr Buch Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland befragt. Im Islam heißt es, die Hälfte der Religion sei die Ehe, eine Alternative gebe es nicht. "Grobe Menschrechtsverletzungen" sagt Kelek, die auch gegen falsche Toleranz gegenüber "kulturellen Unterschieden" kämpft. Wie schwer es ist, das Konstrukt aus Stammestradition, Religion und Patriarchat aufzubrechen, weiß auch Fatma Bläser, Autorin des Buches Hellermond. Sie selbst floh vor einer Zwangsehe, heute recherchiert die 41-Jährige in der Türkei vor allem in den streng religiösen kurdischen Gebieten. Die Autorinnen begleiten Bläser in die Türkei, auch zu Nebahat Akkoc, die das einzige Frauenhaus in Ostanatolien leitet. 23 Frauen trauten sich 2003 in das Haus, zwei davon wurden umgebracht. Der Film lässt nicht offen, dass dies auch ein deutsches Problem ist, auf das sich die Behörden einstellen müssen. So schicken Familien die Jüngeren vor, den Ehrenmord zu begehen, da sie der Jugendstrafe unterstehen. Zwar kann die Polizei eine Frau, die derart bedroht wird, verstecken, auch kann das Jugendamt den Eltern das Sorgerecht entziehen. Aber was, wenn die Mädchen volljährig sind? Wenn Zeenat 18 ist, wird das Jugendamt die Wohnung nicht mehr bezahlen, wenn sie Sozialhlfe beantragt, könnte sie ausgewiesen werden. "Das wäre für mich eine Reise in den Tod", sagt Zeenat. Momentan, sagt sie, könne sie nur hoffen. |
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