Frankfurter Rundschau, 8.3.2005

 

Haukari lehrt Lesen und Schreiben

Ein deutsches Hilfsprojekt für allein stehende
recht- und schutzlose Frauen im Norden Iraks

VON ERWIN DECKER (SULEMANIYA)

 

 
 

In der Übergangsverfassung des Irak steht, dass mindestens jeder vierte Abgeordnete eine Frau sein muss. Die Wirklichkeit, insbesondere außerhalb der Städte, sieht ganz anders aus. Allein stehende Frauen, Witwen etwa, oder Verstoßene, sind nahezu recht- und schutzlos. Wenn der Ehemann stirbt, wird die Frau entweder von dessen Bruder als Zweit- oder Drittfrau genommen, oder sie lebt geduldet am äußeren Rand der Familie. Schlimmer sieht es aus, wenn eine alleinstehende Frau Besuch von einem Mann bekommt. Jedermann kann sie wegen Prostitution anzeigen. Solche Frauen werden unweigerlich von der Polizei in Untersuchungshaft genommen und dort kümmert sich so gut wie niemand mehr um sie.

In der nordirakischen Stadt Sulemaniya hilft die kleine Frankfurter Hilfsorganisation Haukari diesen vergessenen Frauen. Die Gründe für ihre Inhaftierung sind für westliche Verhältnisse oft nicht nach vollziehbar. Meist sind es Delikte, die nur in der islamischen und traditionellen orientalischen Gesellschaft geahndet werden: Prostitution, Ehebruch, Kuppelei. Selten ist es Diebstahl oder gar ein Schwerverbrechen. Das Band der Familie, das im ganzen Land die Clans zusammenhält hält, existiert in diesem Fall nicht mehr. Die Frauen sind verstoßen und auf sich allein gestellt. Und damit ohne jede Chance. Haukari (www.haukari.de) hat dieses Projekt schon seit 1996 in Kurdistan. Sie organisieren einen Rechtsbeistand, helfen bei medizinischen Problemen."

Außerdem bekommen die inhaftierten Frauen von uns auch so selbstverständliche Dinge wie Shampoo, Kleidung oder eine Zeitung. Was aber noch viel wichtiger ist, wir versuchen den abgerissenen Kontakt zur Familie wieder herzustellen. Und versuchen eine Rückkehr zur Familie ohne dass gegen die Frauen Gewalt angewendet wird auszuhandeln", sagt die Haukari-Projektleiterin in Kurdistan, Karin Mlodoch. Das Frauenzentrum Khanzat ist die erste von den großen kurdischen Parteien unabhängige Anlaufstelle für Frauen in Sulemaniya.

Hier wird nicht nur Frauen im Gefängnis geholfen, hier wird in der Hauptsache Bildungsprogramme geleistet. Im vergangenen Jahr holten mehr als 150 Kurdinnen ihren Grundschulabschluss bei Khanzat nach. Khanzat bietet auch Computerkurse und sogar eine Fahrschule für Frauen an. Der einzige Mann in dem Gebäude ist der Wächter mit der Kalaschnikow im Pförtnerhaus. Pro Jahr kommen etwa 9000 Frauen die zu Khanzat.

Finanziert wird Khanzat aus Spenden. "Wir wollen von der kurdischen Regierung kein Geld um wirklich unabhängig arbeiten zu können. Bei uns spielt Politik und Religion keine Rolle", sagt Karin Mlodoch. Aber weil nach dem Krieg das Leben in Kurdistan immer teurer wird, hat Khanzat inzwischen große finanzielle Probleme.