![]() |
|
Rufe
nach Enttabuisierung
|
Athen • 28. Februar • öhl • Angesichts der deutschen Diskussion über das Massaker an den Armeniern vor 90 Jahren mehren sich auch in der Türkei die Stimmen, die dazu raten, die damaligen Vorgänge aufzuarbeiten. Der angesehene türkische Kolumnist Mehmet Ali Birand warnte: "Ein riesiger Tsunami rollt auf uns zu, der armenische Tsunami". Das Thema zu leugnen, reiche nicht mehr, mahnte Birand. Das Land solle daher seine Zustimmung geben, dass eine UN-Expertenkommission die Frage untersuche. Gleichwohl steht für Birand schon jetzt fest: "Die Türkei ist im Recht, niemand kann von einem Völkermord sprechen. Auch Professor Yusuf Halacoglu, Präsident der Türkischen Historischen Gesellschaft, plädierte für die Einsetzung einer internationalen Historikerkommission, der Vertreter aus der Türkei, Armenien, den USA, Frankreich und Großbritannien angehören sollten. Halacoglu unterstützt ebenfalls die offizielle Sicht: In den fraglichen Jahren seien allenfalls 300 000 Armenier ums Leben gekommen - durch Krankheit. Es gibt kaum Stimmen, die von dieser Linie abweichen. So sagte der Schriftsteller Orhan Pamuk kürzlich in einem Interview, 30000 Kurden und eine Million Armenier seien damals getötet worden. Aber "fast niemand außer mir wagt das auszusprechen". Pamuk droht nun eine Anklage wegen Volksverhetzung und "Beleidigung von Staatsorganen". Einer der wenigen Wissenschaftler, die Pamuk beistehen, ist Professor Halil Berktay von der privaten Sabanci-Universität: "In den Jahren 1915/16 wurden mit Sicherheit 800 000 bis eine Million Armenier getötet." |
|
|
|
Rund 60 000 Armenier türkischer Staatsangehörigkeit leben heute noch in der Türkei, überwiegend in Istanbul; eine kleine, eingeschüchterte Gemeinde, die Konflikte vermeiden und die Vergangenheit ruhen lassen will. Von den Verfolgungen ihrer Vorfahren sprechen sie deshalb nicht. Im November 2004 eröffneten sie in Istanbul ein Armenier-Museum. Das Massaker wird in der Ausstellung ausgespart. Noch ist die Grenze zur benachbarten Republik Armenien geschlossen, diplomatische Beziehungen unterhält Ankara mit Eriwan nicht. Doch dabei wird es im Verlauf der bevorstehenden EU-Beitrittsverhandlungen nicht bleiben. Armenien dringt bereits auf eine Öffnung der Grenze, auf Handelsverbindungen - und auf eine vorbehaltlose Bewältigung der Vergangenheit. |
|