In der Türkei gefährden Terroranschläge Ankaras EU-Bewerbung Von Susanne Güsten |
ISTANBUL•CESME. Nach dem Anschlag im westtürkischen Cesme müssen sich Türken und Touristen auf weitere Gewalttaten gefasst machen. Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von Abdullah Öcalan droht mit neuen Anschlägen. Auf eine breite Unterstützung der kurdischen Bevölkerung kann sich die PKK dabei allerdings nicht stützen - zumal hinter der Gewaltwelle kein herausragendes politisches Ziel erkennbar ist. Fest steht dagegen, dass die Bomben die EU-Bewerbung der Türkei gefährden. Während die PKK bei Gewalttaten im Osten der Türkei unter ihrem eigenen Namen auftritt, agieren bei Bombenanschlägen in den Touristengegenden die "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK) als eine Art blutiger "Subunternehmer" der Öcalan-Truppe. Mit dieser Namensverwirrung will die PKK vermeiden, sich in Westeuropa noch mehr Sympathien zu verderben. Dennoch steht fest, dass PKK und TAK zusammengehören. Die TAK benutzt PKK-Medien, um sich zu Anschlägen zu bekennen. Wäre der PKK an Distanz zu den "Freiheitsfalken" gelegen, würde sie das nicht zulassen. Erstmals in Erscheinung trat die TAK im Sommer vergangenen Jahres. Damals beendete die PKK ihren nach 15 Jahren Krieg mit Ankara 1999 ausgerufenen Waffenstillstand und begann wieder mit Anschlägen auf türkischem Boden. Inzwischen hat die PKK ihre Angriffe im kurdischen Südosten erheblich verstärkt. Sie will nach Mitteilung ihres bewaffneten Arms allein im Juni 141 türkische Soldaten getötet haben. Anfang Juli kamen bei einem PKK-Anschlag auf einen Zug in Südostanatolien fünf Wachleute der türkischen Bahngesellschaft ums Leben. Als TAK greifen die Kurdenkämpfer touristische Ziele im Westen des Landes an. Der Anschlag von Cesme am Sonntag, bei dem 20 Menschen verletzt wurden, war offenbar Teil einer Eskalationsstrategie. Cesme ist vor allem bei türkischen Urlaubern beliebt, die von westlichen Touristen bevorzugten Gebiete um Bodrum an der südlichen Ägäis und Antalya an der türkischen Riviera blieben bisher verschont. Die TAK kündigte aber weitere Anschläge in den Feriengebieten an. Die unausgesprochene Drohung lautete: Beim nächsten Mal könnten noch mehr Ausländer unter den Opfern sein. Das könnte zu einer Abreisewelle und einer Stornierungsflut führen. Eine Generalamnestie
für alle 5000 Kurdenkämpfer und die Freilassung ihres inhaftierten
Chefs Öcalan verlangt die PKK. In jüngster Zeit wurden auch
Forderungen nach einer innerstaatlichen Autonomie für die türkischen
Kurden laut, was einen Umbau des gesamten türkischen Staatswesens
erfordern würde. Alle drei Forderungen werden von Ankara abgelehnt.
Selbst viele Kurden fragen sich, was die neue Gewalt soll. Im Rahmen
der EU-Reformen in den vergangenen Jahren waren viele alte Forderungen
der Kurden wie die nach mehr kulturellen Rechten erfüllt worden.
Die wahren Probleme der Kurden seien Arbeitslosigkeit, Bildungsnotstand
und Armut, sagte der kurdische Intellektuelle Enver Sezgin gestern
der türkischen Zeitung "Radikal" - und diese Probleme
seien nicht mit Bomben zu lösen. Derzeit unternehme die PKK gewollt
oder ungewollt alles, um die türkische EU-Bewerbung zu sabotieren,
sagte Sezgin. |