Neue Kampfmethoden, neue Ziele der PKK Die kurdische
Rebellenbewegung nimmt nun das Militär, Von JAN KEETMAN |
ISTANBUL. Jahrelang war die kurdische PKK nur noch in ein paar Lagern im Nordirak aktiv. Dort hat sie aber offenbar dazugelernt. Nachdem sie vor gut einem Jahr den bewaffneten Kampf gegen die Türkei wieder aufgenommen hat, macht sie nun zunehmend mit Minen und fern gezündeten Bomben den türkischen Sicherheitskräften das Leben schwer. Jüngster Erfolg von Abdullah Öcalans Anhängern ist die Sprengung eines Postzuges bei Bingöl (Osttürkei). Fünf Sicherheitsbeamte starben, 13 Menschen wurden verletzt. Auch ein Zug mit Helfern, der zur Unglücksstelle unterwegs war, wurde durch eine Bombe zum Entgleisen gebracht. Nicht nur ihre Methoden, auch ihre taktischen Ziele hat die PKK geändert. Früher waren "Kollaborateure", insbesondere die Dorfmilizen und deren Familien Opfer von Überfällen. Damit ähnelte der Kampf der PKK in den neunziger Jahren manchmal eher einem kurdischen Bürgerkrieg als einem Kampf zwischen Separatisten und Staatsschützern. Doch inzwischen konzentrieren die Rebellen ihre Angriffe auf das Militär, die Polizei und wichtige Infrastruktur-Einrichtungen wie Zugverbindungen oder Ölanlagen. Beerdigungen gefallener Kämpfer werden von der PKK in Demonstrationen für ihren gefangenen Führer Öcalan verwandelt. Um dies zu verhindern, hat die Staatsanwaltschaft jüngst angeordnet, zwei im Kampf getötete PKK-Kämpfer einfach ohne Einwilligung ihrer Familien zu begraben. Darauf brachen in der Kleinstadt bei Van, aus der die Rebellen stammten, Unruhen aus, in deren Verlauf ein 19-jähriger Demonstrant erschossen wurde. Eine andere Maßnahme hat die Bevölkerung noch mehr aufgebracht. Nachdem im Gebiet von Dogubeyazit im äußersten Nordosten der Türkei eine Mine explodiert war und zwei Soldaten getötet hatte, befahl der dortige Gouverneur der Bevölkerung, ihre Tiere von den Sommerweiden zu treiben. So sollte verhindert werden, dass sich PKK-Rebellen unter den Hirten verstecken und von ihnen Verpflegung bekommen. Auf den Weiden befanden sich etwa 200.000 Tiere, die die Lebensgrundlage für 30.000 Menschen bilden. Die Bauern befürchteten Seuchen, wenn sie die Tiere von den kühlen und saftigen Hochweiden im Gebiet des Ararat jetzt in die heißen Dörfer treiben. Klagen der Bauern ließ Gouverneur Yusuf Yavascan abprallen. Türkische Medien zitierten ihn so: "Diese Landsleute helfen uns nicht. Sie helfen denen, die unsere Soldaten töten." Die Vorfälle im Osten geraten mittlerweile auch ins Blickfeld Ankaras. Premier Tayyip Erdogan beschuldigt einige europäische Staaten, die PKK indirekt zu unterstützen. Gemeinden, die von der prokurdischen Partei Dehap geführt würden, hätten Unterstützung aus Deutschland und aus skandinavischen Ländern bekommen, zürnte der Regierungschef. Europäer und Türken interpretieren die Ursachen des PKK-Terrorismus völlig verschieden: Nach europäischer Auffassung wird die PKK durch die Unterdrückung der kulturellen Identität der Kurden in der Türkei stark gemacht. Nach türkischer Auffassung hingegen ist alles, was dazu beiträgt, Kurden von Türken abzugrenzen, eine Unterstützung für die PKK. Zugleich
zeigt der Ausfall des Premiers, dass die türkisch-europäischen
Beziehungen in eine kritische Phase eintreten. Zuletzt wurden ausschließlich
die USA kritisiert, weil sie Reste der PKK im Nordirak gewähren
ließen. Nun könnte die Türkei die Rebellion im Osten
zum Anlass nehmen, schon eingeleitete Liberalisierungen wieder zurückzunehmen.
Dies hängt aber wohl auch davon ab, wie realistisch man in der
Türkei die europäische Perspektive noch sieht. |
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