Lehrplan aus Ankara diktiert Der Völkermord
an den Armeniern
Nick Brauns |
Als einziges Bundesland behandelte Brandenburg seit 2002 im Geschichtsunterricht den türkischen Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges. Auf Druck der türkischen Regierung wurde die entsprechende Stelle im Lehrplan jetzt gestrichen. Nach Informationen des Tagesspiegel hatte der türkische Generalkonsul Aydin Durusoy sich in einem Brief an Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) über die Benennung des Genozids im Lehrplan beschwert und dabei auf rassistische Übergriffe von Neonazis gegen Türken in Brandenburg hingewiesen. Nach einem Treffen zwischen Platzeck, Durusoy und dem parteilosen Bildungsminister Holger Rupprecht wurde nach einem Bericht der Tageszeitung Die Welt die Streichung eines Halbsatzes zum Armenier-Genozid verfügt. »Es gab leider eine Menge Völkermorde«, erklärte Platzeck am Dienstag abend. Es handele sich also um kein Einknicken vor der Türkei, sondern um die Einsicht, daß die Reduktion auf ein Beispiel dem Thema nicht gerecht werde. Jetzt droht eine zweihundert Seiten starke Handreichung für Geschichtslehrer ins Altpapier zu wandern. Die Studie sei abbestellt worden, dafür werde eine neue Leitlinie ausgearbeitet, in der der Themenkomplex an mehreren Beispielen erläutert werde, so der Sprecher des Kulturministeriums Thomas Hainz. Der Völkermord an den Armeniern solle darin natürlich nicht geleugnet werden. Die mit der SPD in Brandenburg koalierende CDU und die PDS fordern die Rückkehr des Themas in den Lehrplan. Der CDU wird es dabei wohl vor allem um Argumente gegen einen EU-Beitritt der Türkei gehen. Die Türkei bestreitet bis heute den Völkermord, bei dem bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier im Osmanischen Reich in den Jahren 1915 und 1916 auf Geheiß der jungtürkischen Militärjunta ermordet wurden. Entsprechende Äußerungen stehen in der Türkei unter Strafe. Nach offizieller, auch auf der Homepage der türkischen Botschaft nachzulesender Deutung hätten vielmehr die Armenier sich als Vaterlandsverräter mit dem russischen Kriegsgegner verbündet und Terrorakte gegen die türkische Armee unternommen. Damit hätten sie ihre »Umsiedlung« selbst zu verantworten. Die Hälfte der Armenier kam bei Pogromen in ihren Siedlungsorten um, die anderen wurden in Todeszügen in die mesopotamischen Wüsten deportiert, wo sie vor Hunger, Durst und Hitze starben. 1500 christliche Kirchen wurden zerstört. Deutsche Offiziere, die seit 1913 im Rahmen einer Militärmission die Türkei als Waffenbruder für den Weltkrieg aufzurüsten halfen, gehörten zu den Vordenkern, Planern und Gehilfen des Völkermordes. Erste Deportationspläne für die Armenier stammten von Colmar Freiherr von der Goltz, der seit 1883 als deutscher Militärausbilder im Osmanischen Reich tätig war. Zehntausende Armenier wurden als Zwangsarbeiter zum Bau der deutschen Bagdadbahn eingesetzt und anschließend mit allen Zügen deportiert.
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