Genozid an Armeniern wieder im Lehrplan In Brandenburg wird nun doch wieder über den türkischen Völkermord während des Ersten Weltkrieges gelehrt
Nick Brauns |
Die Behandlung des türkischen Genozids an über einer Million Armeniern während des Ersten Weltkrieges wird in Brandenburg wieder Teil des Geschichtsunterrichts. Das versicherte Ministerpräsident Matthias Platzeck am Dienstag der armenischen Botschafterin Karine Kazinian. Zuvor hatten sich bereits die Landesfraktionsvorstände der Regierungsparteien CDU und SPD darauf verständigt, das Thema wieder in den Lehrplan aufzunehmen. Brandenburg hatte im Jahr 2002 als einziges Bundesland den Armenier-Genozid in den Lehrplan für Geschichte der neunten und zehnten Klasse als Beispiel eines Völkermords verbindlich vorgeschrieben. Nach Protesten des türkischen Generalkonsuls Aydin Durosoy hatte die Staatskanzlei zu Jahresbeginn den entsprechenden Halbsatz im Lehrplan tilgen lassen. Er habe nicht auf politischen Druck der Türkei gehandelt, versicherte Platzeck gegenüber der Berliner Zeitung. Es sei aber »historisch nicht korrekt« gewesen, Armenien als einziges Beispiel eines Völkermordes zu behandeln. Bis zum Sommer soll nun ein qualifiziertes Lehrbuch für Geschichtslehrer ausgearbeitet werden, das den Armenier-Genozid zusammen mit weiteren Beispielen aus Ruanda und Kambodscha behandelt. Bei der türkischen Botschaft stieß der erneute Sinneswandel der Potsdamer Staatskanzlei auf Befremden. Es habe 1915/16 in Anatolien weder einen Völkermord noch eine ethnische Säuberung gegeben, sondern lediglich tragische Kriegsereignisse durch die Deportationen einer Bevölkerungsgruppe aus dem Kriegsgebiet, bekräftigte die Botschaft den bis heute gültigen offiziellen Standpunkt der Republik Türkei. Der Zentralrat der Armenier forderte den Bundestag auf, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen und die »Leugnungspolitik der Türkei« nicht weiter zu unterstützen. Ein Land wie die Türkei, »das seine Geschichte leugnet oder sogar fälscht«, dürfe nicht in die EU kommen. Auch andere Bundesländer sollen jetzt aufgefordert werden, den Genozid in ihre Lehrpläne aufzunehmen. »Die türkischen Kinder sollten in Deutschland die Wahrheit über diesen Völkermord erfahren«, erklärte Sossy Scheier vom Vorstand des Zentralrats der Armenier in Deutschland. Für Aufregung sorgt die türkische Leugnung des Genozids auch in Frankreich, wo die größte Gruppe von Armeniern außerhalb Armeniens lebt. »Ich wußte nicht, daß in Frankreich 400000 Armenier ein Referendum zum Fall bringen können«, hatte Recep Tayyip Erdogan gegenüber einer französischen Parlamentarierdelegation in bezug auf eine Volksabstimmung zum türkischen EU-Beitritt erklärt. »Ich war überrascht von der Brutalität der Antwort des türkischen Regierungschefs«, erklärte der armenischstämmige französische Industrieminister Patrick Devedjian am Sonntag gegenüber dem Sender France Inter. »Denn gewissermaßen scheint er zu bedauern, daß es noch 400000 überlebende Armenier in Frankreich gibt. Ebenso wie die deutschen Unionsparteien lehnen die konservativen französischen Regierungsparteien einen EU-Beitritt der Türkei ab und bemühen dafür auch deren Leugnung des Genozids an den Armeniern.
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