Alle Kurdischschulen geschlossen Alibimaßnahme zur Ebnung des türkischen Weges in die EU gescheitert Nick Brauns |
Mit der Schließung aller acht kurdischen Sprachschulen in der Türkei scheiterte Anfang der Woche ein vielbeachtetes Experiment. Bürokratische Schikanen, finanzielle Probleme und mangelndes Interesse hätten die Schließung erzwungen, erklärte Suleymann Yilmaz, der Direktor der Schule in Diyarbakir auf einer Pressekonferenz. Die Zulassung kurdischer Sprachkurse war von der EU entsprechend den »Kopenhagener Kritierien« als Voraussetzung für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei genannt worden. Gesetzesänderungen des türkischen Parlaments im Jahr 2002 ermöglichten in Folge erstmals im türkischen Staat die Eröffnung privater Sprachschulen für Kurdisch. Im Mai 2004 dann feierten 30000 Menschen in der Stadt Batman im Südosten des Landes die Eröffnung der ersten privaten Kurdischschule. Insgesamt besuchten bisher 2027 Menschen in der Türkei Kurdischkurse. 1056 legten einen Abschluß ab. Allerdings blieb für die große Zahl der Bewerber das Hauptproblem unüberwindlich: Die kostenpflichtigen Privatkurse waren für sie zu teuer. »Es ist eine Zumutung für Kurden, daß sie zum Erlernen ihrer Muttersprache Geld zahlen sollen«, kritisierte Nazmi Gur, stellvertretender Vorsitzender der Demokratischen Volkspartei (DEHAP). Seine Partei habe die Eröffnung der Schulen zwar ursprünglich begrüßt, »da mit ihnen ein Tabu in der Türkei gebrochen wurde«. Doch gab es keinerlei Unterstützung durch offizielle Stellen wie dem Kultusministerium. Außerdem seien die Lehrbücher zensiert worden. So durften die Worte »Kurde« und »kurdisch« in den Sprachbüchern nicht vorkommen. Weitere Hindernisse wurden aufgetürmt: Während für die Eröffnung einer normalen Privatschule die Genehmigungen in zwei bis drei Monaten erteilt würden, dauerte dies bei den Kurdischschulen anderthalb Jahre. So wartet die Sprachschule in Agri bis heute auf eine Genehmigung. In Batman hatte sich die Eröffnung um Monate verzögert, da die Türdurchgänge angeblich fünf Zentimeter zu schmal waren. »Die Kurden wollen regulären muttersprachlichen Schulunterricht«, erklärte Yilmaz. Im Namen aller Leiter der geschlossenen kurdischen Sprachinstitute kündigte er an, von nun an die von der DEHAP und anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen inszenierte Kampagne »Ich möchte Ausbildung in meiner Muttersprache« zu unterstützen. Landesweit werden jetzt dafür Unterschriften gesammelt. Von seiten der EU ist noch keine Reaktion auf die Schließung der Sprachschulen bekanntgeworden. Kritiker hatten die privaten Kurdischkurse schon lange als »Alibiveranstaltung« für die EU kritisiert. Daß die Türkei weit entfernt von einer tatsächlichen Gleichberechtigung der kurdischen Sprache ist – und der kurdichen Kultur ingesamt erst recht –, zeigt das jüngste Verbotsverfahren gegen die Lehrergewerkschaft Egitim Sen. Justiz und Militär sehen in der Forderung der Gewerkschaft nach muttersprachlichem Unterricht Separatismus. Dem entsprechend wertete die Ende Juli als erste Frau an die Spitze des türkischen Verfassungsgerichts gewählte Tülay Tugcu kurdischen Unterricht als Gefahr für die nationale Einheit und »den Willen zum Zusammenleben«. Verboten ist Kurdisch nach wie vor auf politischen Veranstaltungen und in staatlichen Behörden. Immer wieder wurden in der Vergangenheit Politiker der DEHAP zu Haftstrafen verurteilt, weil sie auf Wahlkundgebungen kurdisch sprachen. Während
sich EU-Stellen mit den einmal wöchentlich auf Kurdisch ausgestrahlten
halbstündigen Sendungen im staatlichen türkischen Fernsehen
zufrieden gaben, wartet der Privatsender Gün TV in Diyarbakir
seit März 2004 auf eine Sendegenehmigung. Die staatliche Zensurbehörde
hat eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob in der heimlichen
Hauptstadt Kurdistans mit ihren rund eine Million Einwohnern kurdischsprachige
Zuhörer leben. |