Frankfurter Rundschau
26.4.2004

" Du liebst dieses Land, oder du verlässt es"

Fast 90 Jahre nach dem Völkermord bemühen sich armenische Zeitungen in Istanbul um einen Dialog mit den Türken

Von Canan Topçu

 

Gespräche über den Völkermord an den Armeniern sind in der Redaktion von Jamanak nicht erwünscht. Höflich, aber deutlich weist Ara Koçunyan darauf hin. Die Zeitung halte sich aus politischen Diskussionen heraus, gibt der Chefredakteur zu verstehen.

Jamanak, das bedeutet Zeit. So manche schwierige Zeit hat das armenische Blatt erlebt. Angeblich gab es aber keinen einzigen regulären Drucktag, an dem es nicht erschien. Gegründet wurde die Zeitung vor fast 100 Jahren in Istanbul und wird mittlerweile in vierter Generation als Familienunternehmen geführt. "In den Anfangsjahren lag die Auflagenhöhe bei mehr als 15 000", berichtet der Chefredakteur. Heute werden gerade mal 1500 Exemplare gedruckt und hauptsächlich in Istanbuler Stadtteilen mit hohem armenischen Bevölkerungsanteil verkauft. Zu den Lesern, die Jamanak am Kiosk beziehen, kommen einige hundert Abonnenten hinzu; etliche von diesen leben im Ausland und halten über die Zeitung den Kontakt zur armenischen Gemeinde in ihrem Herkunftsland.

Denn Jamanak informiert nicht nur über Ereignisse in Armenien und in der Türkei, sondern vor allem auch über das Leben der armenischen Gesellschaft am Bosporus und auch in anderen Teilen der Welt. Mit Artikeln über kulturelle Veranstaltungen, Feste und Feiern und Anzeigen über Geburten und Todesfälle werden montags bis samstags die vier Seiten gefüllt. "Wir möchten unsere Leser auf armenisch informieren und unterhalten", sagt Ara Koçunyan. Eine bestimmte politische Richtung werde nicht verfolgt, es gehe darum, politische Ereignisse zu dokumentieren, aber nicht, sie zu kommentieren.

Anfangs hatte Jamanak auch viele Leser in den östlichen Provinzen. Aus den Erzählungen seines Großvaters wisse er, so der 31-jährige Koçunyan, dass der Orient-Express nicht losgefahren sei, bevor die Zeitung angeliefert wurde. Einst lebten im Osmanischen Reich schätzungsweise zwei Millionen Armenier. Etwa die Hälfte wurde Opfer der Vertreibung in den Jahren 1915/16. Viele Überlebende der osmanischen Vernichtungspolitik und ihre Nachfahren verließen das Land in späteren Jahrzehnten - insbesondere nach den Ereignissen von 6. und 7. September 1955. In diesen Tagen plünderten Horden im Istanbuler Stadtteil Beyoglu die Geschäfte von Christen und verwüsteten deren Kirchen.

Öffentlichkeit für die Armenier
 

Heute leben in der Türkei Schätzungen zufolge zwischen 60 000 und 80 000 Armenier - der Großteil davon in Istanbul. Dort erscheint neben Jamanak seit 1940 auch Nor Marmara, die ihre Leser ebenfalls auf armenisch über das Gemeindeleben informiert und in ähnlich hoher Auflage gedruckt wird. Die jüngste Publikation in der armenischen Medienlandschaft am Bosporus ist Agos, die seit 1996 verlegt wird. Als Wochenzeitung unterscheidet sie sich von den beiden anderen nicht nur in ihrer Erscheinungweise, sondern auch in ihrem Anspruch.

"Wir möchten vor allem den Dialog zwischen den Armeniern und den Türken fördern", erklärt Chefredakteurin Karin Karakasli. Ziel sei es, einerseits Öffentlichkeit für die Armenier in der Türkei zu schaffen, andererseits aber auch türkischen Lesern die Möglichkeit zu geben, sich über armenisches Leben am Bosporus zu informieren. "Beide Seiten wissen viel zu wenig voneinander", sagt Karakasli. Das Trauma des Genozids habe die Überlebenden und Nachfahren zu einer in sich geschlossen Gemeinschaft geformt. Je weniger über ihr Leben, über ihre Sorgen und Freuden bekannt sei, desto mehr Abwehr entwickle wiederum die türkische Gesellschaft.

Karakasli beobachtet, dass sich in den vergangenen Jahren die Beziehungen positiv entwickeln und führt dies auch auf die Bemühungen von Agos zurück, deren Auflage von 1800 auf inzwischen 5000 gestiegen ist. Nur Transparenz und die Öffnung der armenischen Gemeinde könne dazu beitragen, Feindbilder abzubauen. Sechs der acht Seiten werden auf türkisch gedruckt.

"Agos möchte vor allem auch - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - die Diskussion über lange Zeit in diesem Land verschwiegene Geschichte der Armenier anregen", betont die 32-Jährige. Es sei an der Zeit, dass mittels historischer Quellen und profunder Forschungsergebnisse eine objektive Diskussion geführt werde. Nach wie vor aber weigere sich der türkische Staat als Nachfolger des Osmanischen Reiches, sich öffentlich zum Völkermord zu äußern. "So lange wir nicht gemeinsam - die Nachfahren der Opfer und Täter - über dieses dunkle Kapitel der türkischen Geschichte debattieren und die Türkei keine Rechenschaft über das Tabu-Thema abgelegt, wird dieser Zwist von bestimmten politischen Kräften missbraucht", meint Karakasli.

Erregung um Atatürks Adoptivkind
 

In einer Serie widmet sich Agos der Geschichte der Armenier und bezieht sich dabei auf ausländische Forschungsergebnisse. In regelmäßigen Abständen wurde unter anderem auch über die Enteignungen armenischen Grundbesitzes berichtet. Bekommt das Blatt keine Schwierigkeiten? "Wir haben nicht mehr Probleme mit der Meinungsfreiheit als andere Medien in der Türkei", erklärt Karakasli. Offensichtlich kommt es auf die Wortwahl an - Genozid wird dann eben in Anführungszeichen gesetzt. "Uns ist es eigentlich nicht wichtig, ob der Begriff auftaucht, wir wollen eine selbstkritische Auseinandersetzung anregen und hoffen auf die Anerkennung von Schuld durch den türkischen Staat", sagt Karakasli.

Die Zeitung und ihr Herausgeber Hrant Dink sind türkischen Nationalisten offensichtlich ein Dorn im Auge. Ende Februar demonstrierte eine Gruppe vor der Redaktion und skandierte "Entweder du liebst dieses Land, oder du verlässt es." Der 50-jährige Dink und seine Mitarbeiter erhielten Morddrohungen, weil Agos darüber berichtet hatte, dass die Atatürks Adoptivtochter möglicherweise Armenierin gewesen sei.