NZZ (CH)
16.12.2003

Nationalrat anerkennt
Völkermord an Armeniern im Jahr 1915

Vor erschwertem Dialog mit Türkei gewarnt

Der Nationalrat anerkennt den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915. Nach einer hitzigen Debatte hiess die Grosse Kammer am Dienstag gegen den Widerstand der Rechtsbürgerlichen und von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey mit 107 zu 67 Stimmen ein entsprechendes Postulat gut.

 

(ap) Die Zeit könne nicht alle Wunden heilen,
erklärte Dominique de Buman (cvp., Freiburg),
der das Postulat vom abgewählten Jean-
Claude Vaudroz (cvp., Genf) übernommen hat-
te. Es gehe nicht darum, gegenüber der heuti-
  gen Türkei Polemik zu betreiben. Auf dem
Spiel stehe die geschichtliche Wahrheit und
deshalb müsse der Völkermord anerkannt
werden. Unterstützung erhielt er von der Lin-
ken und von den Grünen.
     
Indem die Schweiz den Völkermord anerken-
ne, bekräftige sie die humanitäre Tradition und
setze ein Zeichen für Wahrheit und Gerechtig-
keit, sagte der Zuger Jo Lang im Namen der
Grünen. Auch die Vereinten Nationen hätten
  den Völkermordbereits 1985 anerkannt, führ-
te Jean-Claude Rennwald (sp., Jura) aus.
"Nicht anerkennen heisst eine zweite Tö-
tung", ergänzte sein Schaffhauser Partei-
kollege Hans-Jürg Fehr.
     
Solche Schuldzuweisungen seien wenig hilf-
reich, entgegnete Johann Schneider-Ammann
(fdp., Bern). Die Beurteilung der Geschehnis-
se müsse den Historikern überlassen werden.
Der Präsident der Schweizer Maschinen-,
Elektro- und Metallindustrie warnte davor,
dass mit einer Anerkennung des Völkermor-
  des der Wirtschaftsstandort Schweiz ge-
schwächt werde. Es sei klar, dass die Men-
schenrechtsfrage hochgehalten werden müs-
se. "Wir sollen aber nicht Musterschüler sein
und nicht von hier aus Aufgaben anderer Län-
der lösen wollen", sagte Schneider-Ammann.

     
Unterstützung erhielt er von der SVP. Es sei
eine merkwürdig ausgewählte Moral, sagte
Ulrich Schlüer (svp., Zürich). Die Schweizer
  Politik müsse dazu beitragen, dass sich Men-
schen wieder fänden. Es gehe nicht darum,
Gräben aufzureissen.
     
Warnung Calmy-Reys    
     
Auch Aussenministerin Micheline Calmy-Rey
sprach sich gegen das Postulat aus. Der Bun-
desrat habe bereits mehrmals im Zusammen-
hang mit parlamentarischen Vorstössen die
Massaker verurteilt. Es sei ein heikles und
  trauriges Kapitelin der Geschichte der Türkei.
Es sei sehr wichtig für jeden Staat, auch sei-
ne dunklen Kapitel aufzuarbeiten, wie es die
Schweiz vor kurzem gemacht habe.

     
Der Bundesrat wolle den Dialog fördern mit
der Türkei. Sie warnte davor, dass mit dem
Druck von aussen die Gefahr bestehe, dass
sich die Türkei einigle. Zudem könnte das
Ganze kontraproduktiv sein und die Emotio-
nen weiter aufheizen. Sie spielte damit auf ih-
ren von der Türkei Ende September kurzfristig
  abgesagten Besuch an. Begründet worden
war die Absage damals damit, dass das
Waadtländer Kantonsparlament zuvor einen
ähnlichen Vorstoss zum Völkermord in Ar-
menien angenommen hatte. Im Nationalrat
waren bereits mehrmals solche Vorstösse
gescheitert, letztmals im März 2001.

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NZZ
16.12.2003

Scharfe Rüge aus der Türkei

 

(ap) Das türkische Aussenministerium hat
die Anerkennung des Völkermords in Arme-
  nien durch den Nationalrat scharf verurteilt
und zurückgewiesen.
     
Es sei inakzeptabel, die Ereignisse einseitig
als Genozid hinzustellen. Diese seien in der
besonderen Situation im Ersten Weltkrieg be-
gründet gewesen und hätten Türken und Ar-
meniern grosse Schmerzen zugefügt, heisst
es in einer schriftlichen Stellungnahme vom
Dienstagabend. Das Parlament habe die Ent-
 

scheidung ausinnenpolitischen Gründen ge-
troffen und die Beziehungen zwischen der
Türkei und der Schweiz sowie die Gefühle
der Türken in der Schweiz missachtet. "Es
trägt die Verantwortung für die negativen Kon-
sequenzen, die die Entscheidung haben kann",
erklärte das türkische Aussenministerium.