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Die
Welt Debatte Die Türkei und Armenien Wenn die Türkei
zum Westen
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| Tout
le monde streitet (wenigstens in Deutsch- land) darüber, ob die Türkei Mitglied des ex- klusiven Klubs der europäischen Staaten wer- den darf oder soll oder sogar muss. Gehört |
die
türkische Republik kulturell zu
Europa oder nicht? Beginnt Asien nicht gleich hinter dem Bosporus? Was heißt eigentlich "kultu- rell"? Und was ist das überhaupt: Europa? |
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| Ich
schlage vor, die Frage "Gehört die Türkei zu Europa?" durch eine andere zu ersetzen, nämlich: "Gehört die Türkei zum Westen"? Mit "Westen" ist dabei keine geographische Lage gemeint, auch keine spezifische Kultur oder Staatsverfassung. Der Westen ist viel- |
mehr
durch die Bereitschaft gekennzeichnet, sich immer wieder und grundsätzlich selbst infrage zu stellen. "Westlich" verdienen nur solche Länder genannt zu werden, in denen so genannte Nestbeschmutzer es zu hohen Ehren bringen können. |
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| Frankreich
etwa ist ein westliches Land, weil dort frei und offen über die Folterungen im Al- gerienkrieg gesprochen werden kann. Die USA sind westlich, weil dort jeder bessere Schüler über die Massaker während der Indi- anerkriege und das Verbrechen der schwar- zen Sklaverei Bescheid weiß. "Mögen ande- re von ihrer Schande reden, ich rede von der meinen", schrieb Bertolt Brecht. (Nicht, dass er sich daran gehalten hätte!) Dieser große |
Satz
weht unsichtbar als Motto auf der Fah- ne jedes westlichen Staates. Gewiss beruht die liberale Demokratie in erster Linie auf Parlamentswahlen, Gewaltenteilung, Ver- sammlungsfreiheit. Aber all diese schönen Dinge sind eine mathematische Funktion der Fähigkeit, die dunklen, schrecklichen, pein- lichen und peinigenden Stellen der eigenen Geschichte auszuleuchten. |
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| Für
die Türkei ist das besonders bedeutsam, denn sie versteckt einen Leichenberg im hi- storischen Keller. 1915 verübten die Osma- nen den ersten modernen Genozid, dem ein- einhalb Millionen armenische Männer, Frau- en und Kinder zum Opfer fielen. Dieser Völ- kermord ist gut dokumentiert. Es gibt die Auenzeugenberichte von dem deutschen Schriftsteller Armin T.Wegener, von dem amerikanischen Botschafter Henry J.Morgen- |
thau
Sen., von dem österreichischen Militär- gesandten Pomiankowski. Es gibt unzählige Depeschen und Telegramme, die das Ver- brechen aus der Sicht der Täter zeigen. Ei- nige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hat die Türkei selbst versucht, die Angehörigen des Regimes zu bestrafen, die den Mord kalt ge- plant und ausgeführt hatten; bald aber verleg- te sie sich aufs Leugnen. |
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| Im
Grunde ist das absurd, denn juristisch ge- sehen trägt die türkische Republik gar keine Verantwortung für das, was ihre Vorgänger angerichtet haben. Trotzdem besteht die offi- zielle Sprachregelung in der Türkei bis heute darauf, dass der Genozid an den Armeniern nie stattgefunden habe. Die regierungsamtli- che Version geht so: Während des Ersten |
Weltkriegs hätten die Armenier mit russi- scher Hilfe einen Aufstand unternommen, der niedergeschlagen worden sei. Massa- ker? Ja, gewiss gab es Massaker - die Ar- menier hätten sie an den Türken verübt. So werden die Opfer durch Lügen im Nachhin- ein noch einmal getötet. |
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| Gehört
die Türkei zum Westen? Will die Tür- kei zum Westen gehören? Wenn ja, dann muss sie aufhören, sich wie ein Kind zu be- nehmen, das in dem Glauben, es werde da- durch unsichtbar, die Hände vor die Augen schlägt; sie muss endlich den Tatsachen ins blutige Gesicht sehen. Keine Missverständ- nisse: Niemand verlangt von der Türkei im Ernst, den Armeniern einen Gefallen zu tun. |
Es
kann ja nicht um Gebietsansprüche oder substanzielle materielle Entschädigungen gehen. Die Nachkommen derer, die beim Morden übrig geblieben sind, haben freilich ein Recht darauf, dass die Deportierten, die in die Wüste von Deir-es-Zor Getriebenen, die Gefolterten, die erschlagenen, verhunger- ten, ertränkten Kinder endlich in der Wahr- heit ruhen dürfen. |
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| Vor
allem aber geht es um das ureigenste nationale Interesse der Türkei. Gleichgültig, ob man orthodox freudianisch vom Wieder- holungszwang oder ob man altmodisch vom Fluch der bösen Tat spricht: Solange die Türkei den Völkermord leugnet, wird sie kei- ne innere Ruhe finden. Gewiss hat dieses Land ein beeindruckendes Maß an Freiheit erkämpft - Religion und Staat sind getrennt, es gibt ein gewähltes Parlament und sogar |
eine
halbwegs freie Presse. Aber da der Ge- nozid an den Armeniern ein Tabu bleibt, ist immer die Versuchung da, Minderheitenpro- bleme mit den Methoden von damals zu lö- sen. Die Kurden können ein trauriges Lied davon singen. Wenn die liberale Demokratie eine Frucht der Anstrengung ist, die eigene Schande ins Auge zu fassen, dann wird es in der Türkei bis zur Erntezeit noch eine Weile dauern. |
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| Dies
ist ein Artikel in einer deutschen Zei- tung. Deutschland hat den schlimmsten Völ- kermord der Geschichte auf dem Gewissen; aber schon im Ersten Weltkrieg halfen Offi- ziere des deutschen Kaiserreichs ihren türki schen Verbündeten, Armenier ins Nichts zu - |
deportieren. Sollte dies für die deutsche
Außenpolitik heute nicht ein Grund sein, von ihrer eigenen Schande zu reden? Auch, nein, gerade dann, wenn sie es mit türkischen Gesprächspartnern zu tun be- kommt? |
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| Die
französische Nationalversammlung hat den Genozid von 1915 längst offiziell verur- |
teilt. Wird es nicht Zeit, dass der deutsche
Bundestag diesem Beispiel folgt? |