Die Welt
12.12.2002

Debatte

Die Türkei und Armenien

Wenn die Türkei zum Westen
gehören will, darf sie den
Genozid von 1915 nicht leugnen

von Hannes Stein

 

Tout le monde streitet (wenigstens in Deutsch-
land) darüber, ob die Türkei Mitglied des ex-
klusiven Klubs der europäischen Staaten wer-
den darf oder soll oder sogar muss. Gehört
  die türkische Republik kulturell zu Europa
oder nicht?
Beginnt Asien nicht gleich hinter
dem Bosporus? Was heißt eigentlich "kultu-
rell"? Und was ist das überhaupt: Europa?
     
Ich schlage vor, die Frage "Gehört die Türkei
zu Europa?" durch eine andere zu ersetzen,
nämlich: "Gehört die Türkei zum Westen"?
Mit "Westen" ist dabei keine geographische
Lage gemeint, auch keine spezifische Kultur
oder Staatsverfassung. Der Westen ist viel-
  mehr durch die Bereitschaft gekennzeichnet,
sich immer wieder und grundsätzlich selbst
infrage zu stellen. "Westlich" verdienen nur
solche Länder genannt zu werden, in denen
so genannte Nestbeschmutzer es zu hohen
Ehren bringen können.
     
Frankreich etwa ist ein westliches Land, weil
dort frei und offen über die Folterungen im Al-
gerienkrieg gesprochen werden kann. Die
USA sind westlich, weil dort jeder bessere
Schüler über die Massaker während der Indi-
anerkriege und das Verbrechen der schwar-
zen Sklaverei Bescheid weiß. "Mögen ande-
re von ihrer Schande reden, ich rede von der
meinen", schrieb Bertolt Brecht. (Nicht, dass
er sich daran gehalten hätte!) Dieser große
  Satz weht unsichtbar als Motto auf der Fah-
ne jedes westlichen Staates. Gewiss beruht
die liberale Demokratie in erster Linie auf
Parlamentswahlen, Gewaltenteilung, Ver-
sammlungsfreiheit. Aber all diese schönen
Dinge sind eine mathematische Funktion der
Fähigkeit, die dunklen, schrecklichen, pein-
lichen und peinigenden Stellen der eigenen
Geschichte auszuleuchten.

     
Für die Türkei ist das besonders bedeutsam,
denn sie versteckt einen Leichenberg im hi-
storischen Keller. 1915 verübten die Osma-
nen den ersten modernen Genozid, dem ein-
einhalb Millionen armenische Männer, Frau-
en und Kinder zum Opfer fielen. Dieser Völ-
kermord ist gut dokumentiert. Es gibt die
Auenzeugenberichte von dem deutschen
Schriftsteller Armin T.Wegener, von dem
amerikanischen Botschafter Henry J.Morgen-
  thau Sen., von dem österreichischen Militär-
gesandten Pomiankowski. Es gibt unzählige
Depeschen und Telegramme, die das Ver-
brechen aus der Sicht der Täter zeigen. Ei-
nige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hat die
Türkei selbst versucht, die Angehörigen des
Regimes zu bestrafen, die den Mord kalt ge-
plant und ausgeführt hatten; bald aber verleg-
te sie sich aufs Leugnen.

     
Im Grunde ist das absurd, denn juristisch ge-
sehen trägt die türkische Republik gar keine
Verantwortung für das, was ihre Vorgänger
angerichtet haben. Trotzdem besteht die offi-
zielle Sprachregelung in der Türkei bis heute
darauf, dass der Genozid an den Armeniern
nie stattgefunden habe. Die regierungsamtli-
che Version geht so: Während des Ersten
  Weltkriegs hätten die Armenier mit russi-
scher Hilfe einen Aufstand unternommen,
der niedergeschlagen worden sei. Massa-
ker? Ja, gewiss gab es Massaker - die Ar-
menier hätten sie an den Türken verübt. So
werden die Opfer durch Lügen im Nachhin-
ein noch einmal getötet.

     
Gehört die Türkei zum Westen? Will die Tür-
kei zum Westen gehören? Wenn ja, dann
muss sie aufhören, sich wie ein Kind zu be-
nehmen, das in dem Glauben, es werde da-
durch unsichtbar, die Hände vor die Augen
schlägt; sie muss endlich den Tatsachen ins
blutige Gesicht sehen. Keine Missverständ-
nisse: Niemand verlangt von der Türkei im
Ernst, den Armeniern einen Gefallen zu tun.
  Es kann ja nicht um Gebietsansprüche oder
substanzielle materielle Entschädigungen
gehen. Die Nachkommen derer, die beim
Morden übrig geblieben sind, haben freilich
ein Recht darauf, dass die Deportierten, die
in die Wüste von Deir-es-Zor Getriebenen,
die Gefolterten, die erschlagenen, verhunger-
ten, ertränkten Kinder endlich in der Wahr-
heit ruhen dürfen.
     
Vor allem aber geht es um das ureigenste
nationale Interesse der Türkei. Gleichgültig,
ob man orthodox freudianisch vom Wieder-
holungszwang oder ob man altmodisch vom
Fluch der bösen Tat spricht: Solange die
Türkei den Völkermord leugnet, wird sie kei-
ne innere Ruhe finden. Gewiss hat dieses
Land ein beeindruckendes Maß an Freiheit
erkämpft - Religion und Staat sind getrennt,
es gibt ein gewähltes Parlament und sogar
  eine halbwegs freie Presse. Aber da der Ge-
nozid
an den Armeniern ein Tabu bleibt, ist
immer die Versuchung da, Minderheitenpro-
bleme mit den Methoden von damals zu lö-
sen. Die Kurden können ein trauriges Lied
davon singen. Wenn die liberale Demokratie
eine Frucht der Anstrengung ist, die eigene
Schande ins Auge zu fassen, dann wird es
in der Türkei bis zur Erntezeit noch eine
Weile dauern.
     
Dies ist ein Artikel in einer deutschen Zei-
tung. Deutschland hat den schlimmsten Völ-
kermord der Geschichte auf dem Gewissen;
aber schon im Ersten Weltkrieg halfen Offi-
ziere des deutschen Kaiserreichs ihren türki
schen Verbündeten, Armenier ins Nichts zu -
  deportieren. Sollte dies für die deutsche
Außenpolitik heute nicht ein Grund sein,
von ihrer eigenen Schande zu reden?
Auch, nein, gerade dann, wenn sie es mit
türkischen Gesprächspartnern zu tun be-
kommt?
     
Die französische Nationalversammlung hat
den Genozid von 1915 längst offiziell verur-
  teilt. Wird es nicht Zeit, dass der deutsche
Bundestag diesem Beispiel folgt?