Frankfurter Rundschau
28.11.2001

Die Zukunft der deutsch-armenischen
Gedenkstätte ist noch ungewiss

Das Potsdamer Lepsius-Haus soll saniert werden / Türkei hatte vor "Terroristen" gewarnt / Archiv über Vertreibung geplant

 

Von Yvonne Jennerjahn (Potsdam/epd)

 

Am Fuß des Potsdamer Pfingstberges ver-
fällt ein Haus. Die Fenster der Villa des ehe-
maligen Pfarrers Johannes Lepsius sind mit
Brettern versperrt. Zur Sicherung der Ruine
hat die Eigentümerin, die Stiftung Preußische
  Schlösser und Gärten, nun zunächst 100 000
Mark bereitgestellt. Die Arbeiten am Lepsius-
Haus sollen im Frühjahr beginnen, doch die
weitere Zukunft ist ungewiss.

     
1,6 Millionen Mark soll die gesamte Sanie-
rung kosten. Bisher fehlen dem Förderverein
noch Sponsoren. Mit der Villa, die zum
Unesco-Weltkulturerbe gehört, hat der Verein
dennoch große Pläne: Eine deutsch-armeni-
sche Forschungs- und Gedenkstätte soll ent-
  stehen. Auch das Lepsius-Archiv der Univer-
sität Halle-Wittenberg mit mehr als 40 000
Dokumenten über Verfolgung und Völkermord
an den Armeniern in der Türkei soll hier unter-
gebracht werden.

     
Von 1907 bis zu seinem Tod 1926 lebte der
evangelische Theologe Johannes Lepsius in
der Villa. 1895 gründete er die Deutsche
Orientmission, 1896 brach er zur ersten
Orientreise auf und wurde Zeuge der Verfol-
gung der Armenier. Auf sein Betreiben hin
entstanden das Armenische Hilfswerk, Kran-
kenhäuser, Schulen, Waisenhäuser und Ma-
  nufakturen für die Überlebenden. Weil die Kir-
chenleitung aus Rücksicht auf außenpoliti-
sche Vorgaben des Reichskanzlers sein En-
gagement nicht förderte, legte er aus Protest
das Pfarramt nieder. Der Schriftsteller Franz
Werfel hat den Armeniern und Johannes Lep-
sius 1933 mit dem Werk "Die 40 Tage des
Musa Dagh" ein Denkmal gesetzt.
     
Werfel schildert eine Unterredung des Theo-
logen mit dem türkischen Kriegsminister
Enver Pascha über die Vertreibungen 1915.
"Die Ortsbehörden richten die Deportation so
ein, dass die Elenden schon während der er-
  sten acht Tagesmärsche durch Hunger,
Durst, Krankheit umkommen", lässt er Lep-
sius berichten. Es handele sich um die "plan-
volle Ausrottung einer anderen Nation".

     
Jahrzehnte später ist der Mord an den Arme-
niern weiter ein brisantes Thema. Der Hallen-
ser Theologieprofessor Hermann Goltz, der
auch dem Vorstand des Fördervereins Lep-
sius-Haus angehört, berichtet von der Über-
prüfung des Vereins und seines Vorsitzenden,
  des evangelischen Generalsuperintendenten
HansUlrich Schulz, durch den brandenburgi-
schen Verfassungsschutz. Von türkischer
Seite war die Befürchtung geäußert worden,
das Lepsius-Haus könne von armenischen
Terroristen genutzt werden.