ILISU NEWS
6.5.2001

Acht Staudämme
am Fluss Munzur

Die abschließende
Zerstörung von Dersim

von Ercan Ayboga

 

Der türkische Staat arbeitet schon seit Jah-
ren daran, in der kurdischen Provinz Dersim
acht Staudämme am Fluss Munzur zu er-
richten. Bei näherer Betrachtung ist jedoch
eindeutig erkennbar, dass dafür nicht die an-
geblichen ökonomischen, sondern haupt-
sächlich politische Gründe ausschlaggebend
  sind. Denn die Staudämme haben langfristig
weder für die Region noch für die türkische
Wirtschaft einen nennenswerten Nutzen. Da-
raus lässt sich der Hintergrund ableiten: Diese
Provinz mit ihrer atemberaubend wilden Natur
und ihren seit Jahrhunderten opponierenden
Menschen soll endgültig 'gebändigt' werden.
     
Bevor wir auf die Staudämme eingehen, wol-
len wir einen Einblick in die Geschichte, Ge-
  sellschaft und Landschaft von Dersim geben,
um den Kontext besser verstehen zu können.
     

Rückblick in die Geschichte

 


Seyit Riza,
der Anführer
der
Aufständs
von Dersim

 
     
Unter osmanisch-türkischer Herrschaft wur-
de die Provinz Dersim in Nordwest-Kurdistan
vom Staat niemals in irgendeiner Weise wirt-
schaftlich oder politisch gefördert. Im Gegen-
teil: Weil Dersim sich immer Steuern und der
  Rekrutierung von Soldaten widersetzte und
auf der eigenen Souveränität beharrte, war es
seit einem Jahrhundert immer intensiveren An-
griffen der Zentralregierung in Istanbul bzw.
Ankara ausgesetzt.
     
Als die kurdischen Aufstände im 19.Jahrhun-
dert vom Osmanischen Reich unterdrückt
und die kurdischen Fürstentümer zerschla-
gen wurden, blieb Dersim davon relativ un-
  berührt. Auch beteiligte es sich anschließend
nicht an der Bildung der Hamidiye-Regimenter
(mit dem Staat kollaborierende aus KurdInnen
zusammengesetzte militärische Einheiten).
     
Nach einer gewissen Zeit der Ruhe began-
nen um 1908 die ersten Angriffe gegen Der-
sim. Schon damals befehligte der kurdische
Anführer Seyit Riza die Kämpfer in Dersim.
Vor dem ersten Weltkrieg gab es mehrere
solche Angriffe, die abgewehrt wurden.
Auch im ersten Weltkrieg, als die russische
Armee in die Nähe von Dersim gelangte,
stellten sich die Dersim-KurdInnen nicht auf
  die Seite des osmanischen Staates. Auch beim
,türkischen Befreiungskrieg' von 1919-1922 hielt
sich Dersim zurück, während andere kurdische
Provinzen tatkräftig Unterstützung leisteten.
1921 unterstützte Dersim materiell den ersten
kurdischen Aufstand gegen M.Kemal Atatürk in
Kocgiri (Sivas), der aber schnell zerschlagen
wurde.

     
In den Gründungsjahren der Türkischen Re-
publik gehörte Dersim zu den kurdischen
Provinzen, die relativ früh nationale Rechte
für die KurdInnen einforderten. Bis 1930, als
Aufstände in anderen Provinzen begannen
und unterdrückt wurden, spielte Dersim kei-
ne aktive Rolle. Durch Taktieren und indem
er die Widersprüche der kurdischen Gesell-
  schaft ausnutzte, gelang es dem Staat, nie
alle kurdischen Provinzen gleichzeitig gegen
sich aufzubringen. Dersim wurde für zuletzt
,aufgehoben'. Auch hierin unterschied sich
Dersim von den anderen kurdischen Provin-
zen, die ebenfalls Angriffen, Massakern und
Assimilation ausgesetzt waren.

     
1935 jedoch wurde für Dersim ein Sonderge-
setz erlassen (Tunceli Kanunu, Dez. 1935);
damit wurden die Weichen für das Massaker
von 1937/38 gestellt, bei dem etwa 50.000
bis 80.000 Menschen massakriert wurden.
Während dieses Gesetz unter Kurdinnen
und Kurden relativ bekannt ist, wird ein 1931
von den türkischen Militärs erstellter Bericht
an die Regierung nur selten erwähnt. Ent-
  sprechend diesem Bericht sollten u.a. zur Li-
quidierung und Auslöschung Dersims die Täler
mit Wasser überflutet werden. Hieraus wird er-
sichtlich, dass die Region Dersim mit Sonder-
gesetzen regiert wurde und wird. Denn nach
wie vor steht Dersim heute zusammen mit drei
weiteren kurdische Provinzen unter Ausnahme-
zustand.

     
Die heutige Vorgehensweise des türkischen
Staates beruht praktisch auf diesem Bericht
von 1931, auch wenn dies nicht offiziell zu-
gegeben wird. Denn nach dem Massaker von
1937/38, bei dem der Widerstand endgültig
gebrochen wurde, wuchs ab den 70er Jahren
der Widerstand gegen die türkische Herr-
schaft wieder an. Schließlich hat die ganze
Assimilationspolitik nach 1940 im Endeffekt
  nicht das erbracht, was sich die Türkei davon
erhofft hatte. Aus Dersim kommen heute viele
führende und ideologische Köpfe der kurdischen
Freiheitsbewegung. Eine weitere Besonderheit
Dersims ist die Tatsache, dass auch in den
anderen türkischen und kurdischen oppositio-
nellen Bewegungen viele Menschen aus Der-
sim eine nicht zu unterschätzende Stellung
einnehmen.
     

 

Die Provinz Dersim
und der Fluss Munzur

 

Das
Mercan-
Gebirge

 

     
Dersim liegt an einer Stelle, wo sich das
anatolische Hochland, das Hochland von
Ararat, Ober-Mesopotamien und die Berge
des Schwarzen Meeres treffen. Nord-nord-
westlich von Dersim fließt aus dem Osten
kommend der Fluss Euphrat in Richtung
  Südwesten an Dersim vorbei. Der Süden von
Dersim wird vom Fluss Murat begrenzt. Süd-
westlich von Dersim liegt der Keban-Stau-
damm; auf diese Weise ist der gesamte Murat
südlich von Dersim in einen Stausee umgewan-
delt.
     
Dersim ist ein sehr bergiges Gebiet. Hier
verlaufen die nördlichsten Ausläufer des
Osttaurus-Gebirges von West nach Ost
und treffen hier auf die südlichen Ausläufer
der Schwarzmeer-Berge. Im Norden von
Dersim erhebt sich die unbewaldete Berg-
kette Munzur bis zu einer Höhe von mehr
als 3300 Metern. Das Gestein ist durch
Metamorphose enstanden und vulkanischen
  Ursprungs. An vielen Stellen treten Felsen
zutage. In den höchsten Lagen liegt sogar im
Sommer noch Schnee. Nach Süden hin sind
die Berge zerklüfteter, niedriger und bewaldet.
Besonders in den Flusstälern gibt es viel
Waldbewuchs. Früher gab es in Dersim viel
mehr Wälder als heute. In Kurdistan gehört
Dersim zu den Regionen mit den meisten
Wäldern.
     
Die Provinzhauptstadt Dersim liegt genau dort,
wo der Harcik-Fluss von Nordosten kommend
in den von Nordwesten kommenden Munzur-
Fluss mündet. Der Munzur hat bis zur Mün-
dung in den Keban-Stausee eine Gesamtlän-
ge von etwa 144 km, der Harcik dagegen ei-
ne Länge von etwa 69 km. Der Munzur ist ein
  sehr sauberer Fluss. Selbst die Einwohner der
Stadt Dersim holen sich Trinkwasser aus dem
Fluss.
Im Munzur-Fluss gibt es mehrere Arten
von Fischen. Vor allem die (rotgefleckten) Fo-
rellen, die zu den schönsten ihrer Art auf der
Welt gehören, sind hier zahlreich anzutreffen.

     
Auf den Gipfeln, an den Hängen und in den
Tälern dieser Berge befindet sich eine der
reichhaltigsten wildwachsenden Pflanzen-
und Tierwelten des Nahen Ostens. Bergzie-
gen, Bergschafe, Bären, Wildschweine, Wöl-
fe, Schakale, Füchse; Hasen, Steinmarder,
Stinktiere, Dachse, graue Eichhörnchen, Igel,
verschiedenste Kriechtiere (Eidechsen,
  Schlangen usw.), Luchse, Fischotter, Schild-
kröte, Frösche. Unter den Flügeltieren sind
Falken, Wanderfalken, Wachteln, Sperber,
Geier, Adler, Eulen, Rebhühner, Kranich,
Storch, Tauben, Gänse, Papageien, Nachti-
gall, Schwalben, Spechte, Wiedehopfe, Am-
sel, Raben und Fledermäuse anzutreffen.

     
Darüber hinaus sind die Berge mit Hunderten
Arten von verschiedenen Pflanzen und Blumen
bedeckt: Tulpe, Hyazinthe, Narzisse, gemei-
nes Schneeglöckchen, echte Kamille, Veil-
chen, wohlriechender Gänsefuß, Anafatma,
Tragant, wilder Thymian usw. Auch gibt es
  überall Hagebutten, wildwachsende Äpfel und
Birnen, Pflaumen, sowie Walnüsse. An Baum-
arten gibt es in Dersim: Eiche, Buche, Weide,
Pappel, Walloneneiche, Spitzahorn, Birke,
Nadelbaum, Schwarzerle, Zeder usw.

     

In Dersim leben hauptsächlich alewitische
KurdInnen. Einige - meist hochgelegene -
Orte sind für die Bevölkerung heilig, wie
z.B.: Dûzgîn Bava, Munzur Bava, Sultan
Bava, Arap kizi.
Heute beträgt die Zivilbevölkerung gerade
mal ca. 70.000 Menschen, halb soviel wie
vor dem Beginn des Spezialkrieges des
türkischen Staates seit 1992.

Semah,
ein ritueller Tanz
der Alewiten

 
     
Die Provinz Dersim eignet sich besonders für
Viehwirtschaft und Landwirtschaft, Obst- und
  Gemüseanbau ist hingegen nur in den südliche-
ren Teilen ertragreich.
     
Das GAP-Projekt und Dersim    
     
Die Provinz Dersim (mit heutigen offiziellen
Namen "Tunceli") ist nicht in das Südost-
anatolienprojekt GAP (türk.: Güneydogu-
anadolu Projesi) einbezogen. Dennoch tref-
fen die Überlegungen, die wir beispielsweise
in Bezug auf den Ilisu-Staudamm am Fluss
  Tigris angestellt haben, teilweise auch auf
Dersim zu. Es ist in etwa die gleiche Strate-
gie, jedoch ist zu betonen, dass die politi-
sche Absicht des Vorhabens beim Bau der
Staudämme in Dersim noch offenkundiger
ist.
     
Der Fluss Munzur und sein Nebenarm Harcik
münden in den Fluss Murat, der seinerseits
zwischen Malatya und Elazig in den Euphrat
mündet. Hier wurde im Jahre 1974 der zweit-
größte türkische Staudamm Keban errichtet.
  Danach kommt am Euphrat der Karakaya-
Staudamm und der größte Staudamm, der
Atatürk-Staudamm. Daher besteht ein direk-
ter Zusammenhang mit dem GAP-Projekt.

     
Das GAP-Projekt wurde 1984 von der Türkei
in Angriff genommen. Es ist zur Zeit das gi-
gantischste Wasserkraftwerks- und Bewäs-
serungsprojekt seiner Art. Es sieht vor, die
Flüsse Euphrat und Tigris mit Hilfe von Dut-
zenden von Dämmen zu stauen und 17.600
Qadratkilometer Land zu bewässern. Allein
  am Tigris sind 23 Dämme geplant; sieben da-
von sind bereits im Bau. Insgesamt sollen
19 Kraftwerke an den beiden Flüssen 27.300
GWh Strom - gut ein Viertel des heutigen
Energiebedarfs der Türkei - erzeugen. Die Ge-
samtkosten des GAP werden auf 32 Mrd. Dol-
lar geschätzt.
     
Hauptentwicklungsziele von GAP sind die Er-
höhung des regionalen Einkommensniveaus,
Devisenbewirtschaftung durch exportorientier-
te Landwirtschaft und Sicherung der nationa-
len Elektroenergieversorgung aus Wasser-
  kraftwerken. Schon allein diese Ziele dürften
kaum zu realisieren sein, während weitere
Ansprüche an eine nachhaltige Regionalent-
wicklung von vorneherein außen vor bleiben.

     
Einkommenssteigerungen sind vor allem für
die am Projekt beteiligten Firmen, die türki-
schen Eliten und regionale Großgrundbesit-
zer zu erwarten. Die breite Masse der Be-
völkerung der Region wird durch das Projekt
ihre ökonomische Situation nicht verbessern
können. Die durch GAP geförderte Industria-
lisierung bietet nur für einen Bruchteil der in
die großen Städte geflüchteten Landbevölke-
  rung Arbeitsplätze.Viele der neu entstehen-
den Stellen werden mit besser qualifizierten
Arbeitskräften aus der Westtürkei besetzt.
Die Elektroerzeugung durch Wasserkraft ist
relativ teuer und daher von unsicherer Renta-
bilität. Es ist zu bezweifeln, ob der prognosti-
zierte Anstieg der Energiebedarfs eintreffen
wird, da die ökonomische Lage schwer ein-
zuschätzen ist.
     
Besonders die Nichtbeachtung ökologischer
und sozialer Folgekosten durch Umweltschä-
den und erzwungene Migration macht das
Projekt ökonomisch höchst riskant. Eine
nachhaltige Entwicklung im Sinne einer dau-
  erhaft verträglichen Nutzung der regionalen
Ressourcen und der Verbesserung der ökono-
mischen Situation breiter Bevölkerungsgruppen,
besonders der unterprivilegierten, und eine Mit-
bestimmung der Betroffenen findet nicht statt.
     
Mit dem GAP-Projekt erhält die Türkei die Kon-
trolle über die beiden größten Flüsse des Na-
hen Ostens, Tigris und Euphrat; damit kann
sie schon jetzt jederzeit den südlichen Nach-
barn, Syrien und Irak, das Wasser abstellen
und sie damit politisch erpressen. Wasser,
das zukünftige Öl, wird als strategische Waffe
eingesetzt. Gleichzeitig werden Verträge mit
dem strategischen Partner im Nahen Osten,
  Israel, abgeschlossen, das sich dadurch ge-
nügend Trinkwasser sichern will. Es liegen
also handfeste strategische Interessen vor.
Kurz gesagt: Der türkische Staat bereitet
sich mit der Ökowaffe Wasser auf eine neue,
aktivere und aggressivere Rolle in der Region
im Sinne der von den USA vorangetriebenen
,Neuen Weltordnung' vor.

     
Das GAP-Projekt verstößt in wesentlichen
Teilen gegen die UN-Konvention über die nicht
schiffbare Nutzung internationaler Wasserwege
  vom 21.5.1997 und die UN-Konvention über
den Schutz und die Nutzung grenzübergreifen-
der Wasserwege und internationaler Seen.
     
Die Staudämme
in Dersim
am Fluss Munzur
     
In Dersim sollen insgesamt acht Staudämme
gebaut werden, wovon zwei schon praktisch
fertiggestellt sind und in Kürze in Betrieb ge-
nommen werden können. Mit dem Bau der
  anderen sechs Staudämme kann jederzeit
begonnen werden, die Planungen dafür sind
im großen Ganzen abgeschlossen.

     
Der Fluss Munzur führt durchschnittlich 87
Kubikmeter Wasser pro Sekunde (87 qm/s).
Im April hat er mit 398 qm/s den größten, im
Oktober dagegen mit 44 qm/s den geringsten
Durchfluss. Dies ist gegenüber dem Tigris oder
  Euphrat relativ gesehen ein sehr geringer
Durchfluss; trotz großer Fallhöhen lässt sich
daraus wenig Energie gewinnen (Energieaus-
beute hängt in erster Linie von der Fallhöhe
und vom Durchfluss ab).
     
Die Staudämme im Einzelnen    
     
Zwei der Dämme werden am Munzur-Neben-
arm Mercan errichtet, der kurz hinter der nord-
westlichen Kreisstadt Pulur (Ovacik) in den
Munzur mündet. Der erstere hat eine Höhe
  von 198 m; allerdings führt der Fluss Mercan
sehr wenig Wasser, so dass hier nur 19 MW
produziert werden können.

     
Danach kommt einer der größeren Dämme,
der Konaktepe 1, der eine Höhe von 111,4 m
hat und 90 MW Strom erzeugen soll. Dieser
ist am Fluss Munzur bei km 36 geplant und
wird sich bis zur Kreisstadt Pulur auswirken.
Anschließend folgt der Konaktepe 2-Stau-
  damm mit einer Höhe von 112 m und einer Energieerzeugung von 50 MW. Von Konak-
tepe 1 bis Konaktepe 2 wird ein Kanal das
Wasser führen und das Wasser aus dem
ursprünglichen Flussbett abziehen.

     
Nach den beiden Konaktepe-Staudämmen
folgt 7 km vor Dersim der Kaletepe-Staudamm,
der eine Höhe von 60 m und einen mutmaßli-
chen Stromgewinn von 60 MW aufweisen soll.
  Einen Kilometer vor Dersim soll den Planun-
gen zufolge zusätzlich der Bozkaya-Stau-
damm mit einer Höhe von 30 m und einer
Stromausbeute von 30 MW gebaut werden.
     
Ein weiterer Damm soll kurz vor der Stadt Der-
sim am Nebenarm Harcik, der aus der nordöst-
lichen Kreisstadt Pülümür kommt und im Zen-
trum der Provinzhauptstadt Dersim in den
  Fluss Munzur mündet, errichtet werden. Er
heißt Kocakoc (Harcik)-Staudamm und hat
eine Fallhöhe von 50 Metern mit einer ge-
planten Energieerzeugung von 6 MW.
     
Der Staudamm Uzuncayir 18 km flussabwärts
von der Stadt Dersim ist fast schon fertig. Die-
ser Damm wird mit seinen 55 m Höhe von al-
len acht Staudämmen mit 100 MW den mei-
sten Strom liefern. Trotz trotz geringerer Fall-
höhe liefert dieser Stadamm etwas mehr
Strom als die anderen, weil die Wassermas-
  sen infolge des Einmündung des Nebenarms
Harcik hier größer sind.
Die insgesamte Energie soll nach diesen An-
gaben bei knapp 362 MW liegen. Zum Ver-
gleich: Der Ilisu-Staudamm (135 m Fallhöhe)
am Fluss Tigris soll etwa 1200 MW Strom produzieren.
     
Finanzierung    
     
Am Bau der Staudämme werden sich neben
den zwei türkischen Firmen Ata Insaat Sana-
yi A.Sü. und Soyak Uluslararasi Insaat ve Ya-
tirim A.Sü. folgende ausländische Firmen be-
teiligen: Stone Webster (USA), Va Texh Elin
  (USA) und Strabag AG (Österreich). Feder-
führende Firma ist Stone Webster. Die aus-
ländischen Firmen lassen sich, wie so oft,
das Risiko bei dem Bauvorhaben mit Export-
kreditversicherungen durch die eigenen Re-
gierungen abdecken.
     
Das gesamte Vorhaben kostet den türkischen
Staat schätzungsweise knapp 2 Mrd. Dollar.
  Das GAP-Projekt kostet hingegen den tür-
kischen Staat etwa 32 Mrd. Dollar.
     

Offizielle wirtschaftliche Gründe
dieses Bauvorhabens

Der
Keban-Staudamm
bei Pertek

Ein Staudamm wird in der Regel aus
folgenden Gründen errichtet:
1) Energieerzeugung
2) Bewässerung
3) Hochwasserschutz.

 
     
Im Fall von Munzur und Dersim treffen die
Gründe zwei und drei nicht zu: In der Region
wird Regenfeldanbau betrieben; die Nieder-
schläge reichen normalerweise aus, außer-
dem ist der Boden im Vergleich mit den süd-
licheren ebeneren Gebieten nicht besonders
  ertragreich. Daher erscheint eine Bewässerung weder sinnvoll noch notwendig. In Dersim steigt
im April und Mai das Wasser, aber es gefährdet
die Siedlungen nicht, Hochwasserzerstörungen
gibt es keine.

     
Allenfalls kommt hier die Energieerzeugung
in Betracht: Die acht Staudämme sollen pro
Jahr 362 MW Energie erzeugen. Dies ist an-
gesichts der Gesamtenergieerzeugung in der
Türkei 1999 von 37.079 MW im Landesver-
gleich eine sehr geringe Menge, sie würde
  demnach bei 0,97 % liegen. An dieser Stelle
stellt sich die Frage, ob diese Energieproduk-
tion allein aus wirtschaftlichen Gründen not-
wendig ist. Noch weniger sinnvoller erscheint
sie in Bezug auf andere Aspekte (Natur, Tier-
und Pflanzenwelt etc.).
     
Ein weiterer wirtschaftlicher Grund für den Bau
dieser Dämme dürfte darin liegen, dass die Se-
dimentierung [Bildung von Ablagerungen] des
Keban-Stausees zwar nicht vermieden, aber
hinausgeschoben werden soll. Der 1974 fertig-
gestellte Keban-Staudamm und sein Stausee
füllt sich in hoher Geschwindigkeit, er wird
  nicht mehr lange betriebswirtschaftlich ge-
winnbringend sein. Der Munzur ist ein Fluss
mit großer Gesteinserosion, denn er kommt
aus sehr bergigem Gebiet. Vor dem Mün-
dungsbereich in den Murat bzw. Keban-Stau-
see sind die Folgen des Sedimenttransportes
deutlich zu erkennen.
     
Verhindert werden kann die Verfüllung des Ke-
ban-Stausees mit Sedimenten im Endeffekt
nicht, aber durch die acht Staudämme soll der
Keban einige Jahre länger Strom produzieren.
Stattdessen werden jedoch die Staudämme
am Munzur im Laufe der Zeit mit Sedimenten
  angefüllt werden. Es ist zu erwarten, dass
in wenigen Jahrzehnten (20-40 Jahre) die
vorgelagerten Stauseen verfüllt sein werden.
Ein Lösungsansatz, wie dies begrenzt wer-
den soll, liegt seitens des türkischen Staa-
tes nicht vor.
     
Eine konsequente Bilanzierung des volkswirt-
schaftlichen Nutzen und der Kosten liegt hier,
  wie auch bei den Staudämmen des GAP-
Projekts, nicht vor.
     
Fehlende Einbeziehung der Bevölkerung
     
Wie auch bei den vielen schon durchgeführ-
ten Bauvorhaben im Rahmen des GAP-Pro-
jekts wird die Zivilbevölkerung von Dersim in
den Bau der Staudämme nicht einbezogen.
In keiner Weise fragte der Staat nach der
Meinung der Menschen. Im Gegenteil - er
  versuchte die Planung so lange wie möglich
zu verheimlichen, um einen eventuellen Pro-
test zu vermeiden. Im vorigen Jahr wurde sie
schließlich im letzten Jahr ganz allmählich
bekannt gegeben, um die Menschen vor voll-
endete Tatsachen zu stellen.
     
Dersim ist eine Provinz, in der seit 1984 der
Krieg zwischen der kurdischen Guerilla und
dem türkischen Staat von beiden Seiten in-
tensiv geführt wurde. Der türkische Staat zer-
störte und entvölkerte in Dersim etwa die
  Hälfte der Dörfer. Statt 140.000 leben heute
nur noch knapp 70.000 Zivilpersonen in Der-
sim. Unter solchen Umständen war eine
Meinungsbefragung auch kaum zu erwarten.

FOLGEN

 

 

 

     
Dersim hat eine außergewöhnlich wunderbare
Naturlandschaft; die Zerstörung dieser ein-
maligen, atemberaubenden Natur fällt jedem
auf, der diese Region zuvor gesehen hat.
Die
Folgen dieser geplanten Staudämme sind in
Dersim enorm und schwerwiegend, besonders
  in ökologischer Hinsicht. Die ökologische Viel-
falt wird verloren gehen. Im Vergleich zu den zu
erwartenden Schäden und Nachteilen für die
Bevölkerung, die Gesellschaft und Gesamtwirt-
schaft wird der Nutzen dieser Vorhaben lang-
fristig betrachtet kaum nennenswert sein.
     

Konsequenzen für Umwelt und Natur

    • Eine Gesamt-Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) fand weder für
      das GAP-Projekt noch für die einzelnen Staudammvorhaben statt.
      Die wenigen bisher durchgeführten Umweltverträglichkeitsprüfungen
      sind sehr dürftig und oberflächlich und entsprechen nicht den wis-
      senschaftlichen Standards. Zwar wird derzeit eine UVP für die
      Dämme am Munzur vorbereitet, doch ist zu erwarten, dass auch
      hier viele Tatsachen nicht berücksichtigt werden und die Lage be-
      schönigt wird.

    • Weder existiert eine systematische Aufnahme des ökologischen Zu-
      standes der Region, noch wurden die zu erwartenden Änderungen
      der Ökosysteme analysiert. Durch die acht Staudämme wird der
      Munzur seinen natürlichen Verlauf komplett verlieren, nur noch auf
      den ersten 10 km wird er seinen natürlichen Verlauf haben.

    • Durch den Bau der Staudämme sollen insgesamt 720 Millionen
      Kubikmeter Erde und Felsen bewegt werden. Dies ist im Vergleich
      zu anderen Projekten ein ganz erhebliches Volumen. Die Folgen
      für Umwelt und Natur werden dadurch zusätzlich verschärft.

    • Mit der Fertigstellung der Dämme am Munzur wird sich das Klima
      erheblich verändern. Es wird, wie im Falle des Keban-Staudammes,
      wärmer werden und dies wird sich in Niederschlag, Temperatur, bio-
      topische Vielfältigkeit usw. auswirken. Weniger Niederschlag würde
      auch zu einer Verringerung des Wassers an den Munzurquellen bei
      Pulur führen. Insgesamt würden die Wasserquellen in Dersim weniger
      Wasser abgeben und dies würde den Prozess der Verödung be-
      schleunigen.

    • Durch die entstehenden künstlichen Seen fehlt die Selbstreinigungs-
      kraft des Flusses. In Pulur und besonders in Dersim werden Abwäs-
      ser ungeklärt in den Munzur gelassen, da es keine Kläranlagen in
      Dersim gibt (es sind auch keine in Planung). In dem stehenden Ge-
      wässer werden sich Fäkalien und Schadstoffe anreichern. Dadurch
      wird sowohl die Bevölkerung in der Umgebung der Stauseen gefähr-
      det als auch die Wasserqualität beeinträchtigt. Die Entstehung gro-
      ßer Wasserflächen führt zur Ausbreitung von in der Region bisher
      seltenen Krankheiten wie Malaria.

    • Die Staudämme würden massive Auswirkungen auf den Sediment-
      haushalt haben. Direkt unter den Dämmen würde eine Tieferlegung
      des Flussbettes stattfinden und das Grundwasser würde in diesen
      Gebieten absinken. Die Landwirtschaft wäre dadurch ebenso gefähr-
      det wie die natürlichen Ökosysteme.

    • Im Allgemeinen könnte die Erosion u.a. durch Aufforsten begrenzt
      werden. Statt dessen wurden in Dersim seit 1993 systematisch alle
      Wälder durch türkische Staatskräfte niedergebrannt. Die größte
      Waldzerstörung in den 90er Jahren infolge des Spezialkrieges der
      Türkei fand in Dersim statt. Es gibt kein Waldstück, dass nicht an-
      gezündet wurde. Dadurch verringert sich die Qualität des Waldes;
      seine Bodenqualität verringert sich und dies führt zu einer vermehr-
      ten Erosion.

    • Fischtreppen - Standard in Europa - sind nirgends anzutreffen. Da-
      durch können Fische nicht saisonbedingt wandern. Die Stauseen
      haben unterschiedliche ökologische Bedingungen; dies führt zu
      einer Fragmentierung [Zerstückelung] des Lebensraumes.

    • Die Pflanzen- und Tierwelt direkt am Flussufer wird durch die Stau-
      ung zerstört. An den neuen Ufern des jetzt stehenden Gewässers
      wird sich eine neue Pflanzen- und Tierwelt ansiedeln, die in ihrem
      Artenreichtum ärmer sein wird. Dieser Prozess wird sich allerdings
      nur langsam, über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg vollziehen.

    • In dem Gebiet zwischen dem Staudamm Konaktepe 1 und Konak-
      tepe 2, in dem das Wasser mit Hilfe von Tunneln und Bohrungen
      transportiert werden soll, wird die Artenvielfalt größtenteils aus-
      sterben, da viele Tiere und Pflanzen auf das Wasser angewiesen
      sind. Eine verödete Landschaft wäre hier die Folge.
     

Die Zerstörung des
Nationalparks Munzur

 

Im Nationalpark
in der Nähe der
Munzur-Quelle

 
     
Am 21. Dezember 1971 wurde auf Grund des
Gesetzes Nr. 6831 eine Landschaft zum "Na-
tionalpark Munzur " erklärt, die kurz vor der
Stadt Dersim beginnt und sich entlang des
  Munzur in Richtung Pulur (Ovacik) über meh-
rere Dutzende Kilometer erstreckt. Mit 42.000
Hektar ist er der größte Nationalpark der Türki-
schen Republik.
     
Entsprechend dem Gesetz über Nationalparks
darf das ökologische und natürliche Gleichge-
wicht (Ökosystem) in keinem Fall gestört oder
zerstört werden. Das natürliche Leben im
  Nationalpark darf demnach ebenfalls nicht be-
einträchtigt werden. Jedes Vorhaben, das sich
mit diesen Zielen nicht vereinbaren lässt, ist
zu untersagen.
     
Als das Nationalpark Munzur entstand, wur-
den alle Tiere bis auf den Wolf, Schakal, Ra-
ben und das Wildschwein unter besonderen
  Schutz gestellt. Einige Vögel dürfen zu be-
stimmten Jahreszeiten gejagt werden, die
restlichen überhaupt nicht.
     
Im Munzur sind pflanzliche- und biotopische
Lebensformen vorzufinden, die sonst nirgends
auf der Welt existieren. Die meisten der 1518
Pflanzenarten in der Türkei und Kurdistan be-
finden sich sind im Munzurtal. Fast alle der
277 seltenen Arten sind hier anzutreffen. 43
Arten existieren nur am Munzur und sonst nir-
gendwo auf der Welt. Auch würden den rotge-
  fleckten Forellen, die anderswo kaum vorkom-
men, die Lebensbasis entzogen werden. Durch
die Staudämme würden viele dieser Lebensfor-
men für immer verschwinden. Allein aus ökolo-
gischen Aspekten dürfte solch ein Staudamm
nicht errichtet werden - unabhängig davon, ob
er wirtschaftlich ist oder nicht. Der Verlust des
Munzur Nationalparks wäre unersetzlich.
     
Es lässt sich klar feststellen, dass die türki-
sche Regierung mit diesen Staudämmen ein-
deutig gegen ihre eigenen Gesetze verstößt.
Dies wäre nicht der erste Fall: die geplante
Zerstörung der historischen Stätte Hasankeyf
  verstößt ebenfalls gegen ähnliche Paragraphen.
Vom "Komitee der Solidarität mit Dersim" wur-
de gegen diese acht Staudämme inzwischen
eine Klage beim Verfassungsgericht erhoben,
über die noch entschieden werden muss.
     

Der "heilige" Fluss Munzur

 

Der Fluss Munzur und sein Tal hat für die
Region Dersim eine überragende Bedeutung.
Neben der Versorgung mit Wasser, der Fi-
scherei und anderen wirtschaftlichen Aspek-
ten hat der Munzur in den Augen der Men-
schen den Stellenwert von etwas "Heiligem".
Er nahm und nimmt über Jahrhunderte hin-
weg eine herausragende Stellung im kulturell-
religiösen Leben ein. Er wird mit fast allen
Mythologien, Sagen und Überlieferungen in
Dersim in direkte Verbindung gebracht. Die
Munzur-Sage gehört zusammen mit der Dûz-
gîn Bava Sage zu den bekanntesten Erzäh-
lungen. Viele heilige Stätten der bekannten
Sagen und Erzählungen in Dersim werden
unter den Wassermassen für immer ver-
schwinden.

Im Leben der Menschen in Dersim nimmt
der Munzur weit mehr als einen bloß mate-
riellen Stellenwert ein. Daher sind die Der-
sim-KurdInnen wegen dieser Planung auch
aufgebracht.

 

 

Die Munzur-Quelle

Isolation der einzelnen Städte und Regionen voneinander
     
Durch die Errichtung der Dämme und der
Entstehung der Stauseen werden mehrere
Städte und Regionen abgeschnitten werden.
Da die Straßen in Dersim sich zumeist an
den Flussläufen orientieren und diese Ge-
biete überflutet werden sollen, wird die Stadt
Dersim von einigen anderen Regionen abge-
  schnitten werden, sie wäre danach eine Halb-
insel und würde ihre Bedeutung für die Provinz
verlieren. Auch wären die verschiedenen Ge-
biete in Dersim voneinander abgeschnitten. So
zum Beispiel müsste jeder, der von Dersim
nach Pulur und umgekehrt gelangen möchte,
die doppelte Strecke zurücklegen.
     
Durch die natürlichen Gegebenheiten sind die
Verkehrswege ohnehin sehr eingeschränkt.
Jetzt würde es noch mühevoller sein, andere
  Orte zu erreichen. Damit würden wir noch er-
schwertere Lebensbedingungen in Dersim ha-
ben. Die Lebensqualität würde abnehmen.
     

Umsiedlung von Menschen und
Änderung der demographischen
Struktur

 

Yayla:
Weidewirtschaft
im Sommer

 
     
Die geplanten acht Staudämme werden in
Dersim zwar keine größere Ortschaften, je-
doch zahlreiche Dörfer unter Wasser setzen.
Die Zahl der zu umsiedelnden Menschen liegt
schätzungsweise bei einigen Tausenden. Sie
ist gegenüber anderen Staudammprojekten in
Kurdistan zwar relativ gering; dies ändert je-
  doch nichts an der Tatsache, dass diese Men-
schen sich mit der geringen Summe an Geld,
das sie vom Staat erhalten werden, kaum eine
menschliche neue Zukunft aufbauen können
und in Städten wie Elazig oder Istanbul in Ar-
mut leben werden.

     
Bekanntlich haben in den letzten Jahren auf
Grund der staatlichen Unterdrückungspolitik
mehrere 10.000 Menschen Dersim verlassen.
Die jetzt geplanten Staudämme werden ver-
hindern, dass diese Menschen zurückkehren
können. Gerade seit dem Frühling 2000 -
  nach der Einstellung des bewaffneten Kamp-
fes seitens der Guerilla - begannen die ersten
Menschen, wieder in ihre Dörfer zurückzukeh-
ren und verlassene Landschaften wieder land-
wirtschaftlich und viehwirtschaftlich zu nutzen.

     
Seit 1940 - nach der Niederschlagung des gro-
ßen Aufstandes - betreibt der türkische Staat
eine systematische Vertreibungspolitik, wo-
durch die Region niemals mehr als 150.000
Menschen beherbergte. Da Dersim militärisch
und strategisch eine bedeutende Stellung hat,
  musste die Entwicklung unter Kontrolle ge-
halten werden. Dazu gehörte die bewusste
wirtschaftliche Stagnation der Provinz. Es
wurde keine eigene, an die Besonderheiten
der Provinz angepasste, unabhängige und leistungsfähige Wirtschaftsstruktur aufgebaut.
     
Durch die jetzige Staudamm-Politik steht zu
erwarten, dass die örtliche Bevölkerung auf
lange Sicht ganz abwandert und statt dessen
staatstreue Menschen aus dem Westen ange-
siedelt werden sollen. Damit würde dem jahr-
  hundertelang währenden Charakter der Region
die Basis entzogen. Dersim wird oft mit Wider-
stand, Opposition und Rebellion in Verbindung
gebracht. Das soll jetzt nie wieder mehr der
Fall sein.
     
Alternativen der Energieversorgung    
     
Wenn die 2 Mrd. Dollar, die für alle acht Stau-
dämme veranschlagt sind, auf eine andere ef-
fektivere Weise ausgegeben werden, kann der
  volkswirtschaftliche Nutzen für das ganze
Land und Dersim erhöht werden.

     
Dieses Geld könnte zum einen in Sonnen-
energie gesteckt werden. Mit nur 60 Million
Dollar Investition in Sonnenenergie könnte
der gesamte Energiebedarf von Dersim ge-
deckt werden. Auch an Windenergie wäre
zu denken, da es sich um höher liegende
Gebiete mit viel Wind handelt. Mit nur einem
kleinen Teil dieses Geld könnten alle Flächen
  am Munzur, am Keban-Stausee und auch
am Murat bewaldet werden; dadurch würde
die Erosion erheblich abnehmen und der Ke-
ban- Stausee könte länger erhalten werden.
Wenn dieses Geld allein in Gaskraftwerke
investiert werden würde, würde die produzier-
te Energie das Mehrfache der geplanten 362
MW betragen.
     
Eine Verbesserung der bestehenden Ener-
gieleitungen würde zu erheblich weniger Ver-
lusten beim Transport führen (das Doppelte
der derzeitigen Energieausbeute wäre zu er-
  warten), wenn wir berücksichtigen, dass die
Leitungen seit ihrem Jahrzehnte zurückliegen-
den Bau teilweise nicht mehr modernisiert
wurden.
     
Allein aufgrund der oben aufgeführten Argu-
menten lässt sich klar aufzeigen, dass die
Stau- dämme allein schon aus wirtschaftli-
  cher Sicht nicht verträglich und vernünftig sind:
Also müssen politische Ziele dahinter stecken,
eine andere Erklärung gibt es dafür nicht.
     

Staudammpolitik der Türkei
und mögliche Alternativen

 

Der Munzur
bei Ovacik

 
     
Unbestreitbar haben diese Staudämme in
Kurdistan wirtschaftliche Funktionen (wie
Bewässerung und Energieproduktion), doch
die Dimension des Bauvorhabens ist nicht
sinnvoll. Die Türkei will hier nicht aus den
Fehlern anderer Länder lernen. Große Däm-
me bringen auf Dauer mehr wirtschaftlichen
Schaden als Nutzen. So hat man in den
  USA schon umgedacht und die hohen Dämme
werden inzwischen langsam wieder abgebaut.
Die negativen Folgen sind auf Dauer nicht in
den Griff zu bekommen. Während z.B. einer-
seits neue Flächen bewässert werden, gehen
andererseits andere Flächen verloren und die
neuen Ackerflächen versalzen mit der Zeit.
     
In Anbetracht der Energiebedarfs und Bewäs-
serung wären kleine Staudämme und Wehre
an geeigneten Stellen sinnvoller. Dadurch
  werden kaum Natur und Kulturlandschaften
unter Wasser gesetzt.

     
    • Dadurch gehen keine historische Orte wie Hasankeyf, Samsat
      in Semsur (Adiyaman) und Zeugma (bei Birecik) verloren. Die
      Archäologie könnte ihre Arbeiten zur Erforschung der Mensch-
      heitsgeschichte in Obermesopotamien - hier nahm die ersten
      Hochkulturen ihren Anfang - fortsetzen.

    • Atemberaubende Naturlandschaften wie in Dersim könnten er-
      halten bleiben. Bewässerung könnte lokal erfolgen; dies ist auch
      wirtschaftlich sinnvoller.

    • Die sehr ertragsreichen Landschaften an den Flussläufen könn-
      ten weiterhin bewirtschaftet werden.

    • Starke Erosionserscheinungen könnten vermieden werden und
      der Grundwasserspiegel erhalten bleiben.

    • Regionen und Städte würden nicht voneinander abgeschnitten.

    • Der angeblichen Energienot könnte mit lokaler Energieproduktion
      sehr viel entgegengesetzt werden. In Westeuropa wird dieser Weg
      eingeschlagen.

    • Fische könnten ihre saisonale Wanderung fortsetzen. Artenreich-
      tum in den Flüssen bleibt erhalten.

    • Eventuell könnten mehrere Flüsse in Ober-Mesopotamien für die
      Schifffahrt geöffnet werden; die würde einen weiteren alternativen
      Verkehrsweg darstellen.

    • Die Ausgaben für die Errichtung der Dämme wären relativ gesehen
      gering. Die Kosten könnten aufgeteilt werden.

    • Hunderttausende Menschen müssten nicht evakuiert werden; dies
      würde weitere Kosten für die Volkswirtschaft einsparen und auf-
      kommende soziale Probleme in den Städten mindern.

    • Das Klima würde seinen ursprünglichen Zustand beibehalten. Eine
      Erwärmung und Austrocknung der Wasserquellen würde verhindert
      werden.

Kampagnen und Bemühungen
gegen die Staudammpolitik der Türkei in Dersim

     
Im letzten Jahr hat sich ein "Solidaritätsko-
mitee mit Dersim" gebildet, das sich zumeist
aus Mitglieder der verschiedenen "Vereine der
Solidarität mit Tunceli" zusammensetzt. Der
Sprecher dieses Komitees ist Celal Turna, der
  sichAnfang des Jahres in Europa aufhielt und
an mehreren Veranstaltungen und Aktivitäten
teilnahm, die sich gegen die Staudämme am
Munzur richteten.

     
Die Sensibilität der Menschen in Kurdistan/
Türkei und in Europa hat seit letztem Sommer
und besonders seit Anfang des Jahres zuge-
nommen. In Europa bemüht sich der Verband
  der StudentInnen aus Kurdistan (YXK), wie im
Falle von Hasankeyf/Ilisu-Staudamm, eine
Kampagne gegen die Staudammpolitik der Tür-
kei zu führen.
     
Fazit    
     
Die Staudämme in Nord-Kurdistan führen ein-
deutig zu einem vermehrten Potential für even-
tuelle politische Spannungen in der Region.
Die Türkei denkt nicht daran, das Wasser
  gleichmäßig in der Region zu verteilen, sondern
hat die Absicht, das Wasser als Waffe einzuset-
zen. Diese Staudammpolitik steht einer friedli-
chen Entwicklung in der Region entgegen.
     
Im Fall von Dersim sind die Tatsachen klarer
als in jedem anderen Fall der Staudammpro-
jekte der Türkei: Die Türkei versucht mit aller
Macht, mit Hilfe von Staudämmen ihre strate-
gischen und wirtschaftlichen Interessen in
Kurdistan und im Nahen Osten durchzuset-
zen. Dazu nimmt sie jedes noch so unwirt-
schaftliche und sinnlose Projekt in Angriff.
Stück für Stück werden die Regionen Kurdi-
stans um die Flüsse Euphrat und Tigris über-
  flutet. Diese Staudämme können wir zweifels-
ohne als einen Bestandteil des Spezialkrie-
ges der Türkei gegen die kurdische Bevölke-
rung und ihren Freiheitskampf sehen. Gerade
als der Freiheitskampf der KurdInnen 1984 be-
gann, wurden die schon länger geplanten Stau-
dämme in Angriff genommen. Viele Menschen
vermuten nicht ohne Grund, dass diese Däm-
me auch gegen die Guerilla gerichtet sind.

     
In wirtschaftlicher Hinsicht wird Dersim zwei-
fellos mit den unsinnigsten Staudämmen in
seinem Wesen vernichtet werden. Alles, was
diese Region einmal ausmachte, soll der Ge-
schichte angehören: Ihre Geschichte, die
vom ständigen Widerstand geprägt war und
ist, ihre wunderbare Landschaft, ihre religiö-
sen und historischen Stätten, ihre Tier- und
Pflanzenwelt, die einheimische Bevölkerung.
Diese Staudämme müssen als ein Angriff
gegen die gesamte Bevölkerung von Dersim
und Kurdistan verstanden werden. Auch geht
der Menschheit etwas sehr Wertvolles, Ein-
maliges verloren, wenn sie diesem Vorhaben
nicht bald etwas entgegensetzt. 1937/38
wurde fast die Hälfte der Bevölkerung aus-
gemerzt, im Anschluss assimiliert, in den
90er Jahren die Siedlungen und Landschaft
systematisch zerstört und danach die Men-
schen vertrieben. Jetzt soll diese umfas-
sende Liquidation abgeschlossen werden.
 

 

 

Tilek

     
Jetzt ist die Bevölkerung in Dersim und auch
außerhalb dazu aufgerufen, sich gegen diese
neue Vernichtung zu vereinigen. Erstmals ist
die Basis dafür entstanden, dass praktisch
alle Dersim-KurdInnen, auch diejenigen, die
sich in den letzten Jahren zurückgehalten ha-
ben, gemeinsam für eine Sache kämpfen. Es
  ist auch die Gelegenheit dazu, zur eigentlichen
Kultur und Identität, die über Jahrzehnte hinweg
aus dem Gedächtnis ausgemerzt wurde, zu-
rückzufinden und sie auf der Basis der revolu-
tionären Bewegung der letzten Jahre fortzu-
entwickeln. - Wenn Dersim auch dieses Mal
verliert, verliert es endgültig.
     

Quellen:

Michel, Stefan; Die Waffe Wasser: das Südostanatolienprojekt, 2000
Turna, Celal, Interview von Özgür Politka, 2000
Ucar, Cemal und Polat, Savas; 2. Dersim Katliami, Özgür Politika, 2000
YXK, Der Ilisu-Staudamm und die Zerstörung von Hasankeyf, 2000


Dieser Artikel wurde von uns mit eigenen Fotos und mit Fotos aus dem leider nicht mehr zugänglichen Dersim-net illustriert. Deutsch-kurdische Gesellschaft Kassel und Umgebung