Berliner Zeitung
3.5.2001

ARMENIEN

Ein Gottesdienst,
eine Lüge und
die türkischen Medien

 

Sigrid Averesch

 

BERLIN, 2. Mai. Die Tagung in Mülheim an
der Ruhr stellte ein Novum dar. Erstmals tra-
fen sich Ende März türkische und armenische Wissenschaftler, um über ein dunkles Kapitel
ihrer gemeinsamen Geschichte zu reden, über
die Deportation von Armeniern durch das Os-
  manische Reich, bei der 2,5 Millionen Arme-
nier umgebracht wurden. Die Tagung sollte
zur Versöhnung beider Völker beitragen. Doch
diese Erwartung erfüllte sich nicht. Türkische
Nationalisten belagerten den Kongress, es
kam zu Tumulten.
     
Doch die Gegner einer Aussöhnung belassen
es nicht bei solchen Störaktionen. Weitge-
hend unbemerkt von der deutschen Öffentlich-
keit findet in den Europa-Ausgaben türkischer
Zeitungen eine Kampagne gegen in Deutsch-
land lebende, türkischstämmige Politiker und
Forscher statt, die sich in die Diskussion um
den Völkermord an den Armeniern eingeschal-
tet haben, den die Türkei bis heute nicht aner-
kennt. "Ich bin erschrocken, dass sich diese
Diskussion so zuspitzt", sagt der grüne Bun-
  destags-Abgeordnete Cem Özdemir. Er geriet
ebenfalls in die Kritik der Zeitungen "Hürriyet",
"Millyet" und "Türkiye", nachdem er an einem
armenischen Gottesdienst in Köln teilgenom-
men hatte. Ihm wird vorgeworfen, er habe dem
Priester die Hand geküsst, was nach türki-
schem Verständnis eine Unterwerfung bedeu-
tet. "Eine Lüge" nennt Özdemir diese Darstel-
lungen, in denen er eine "Kampfblattmanier"
aufleben sieht. Er will sich juristisch dagegen
wehren.
     
Özdemir berichtet aber auch von dem in Ham-
burg lebenden türkischstämmigen Forscher
Taner Akcam, dem in der Türkei sogar mit
Repressalien gedroht wurde. Darüber hinaus
sei in der Zeitung "Dünya" ein Eskalations-
szenario entworfen worden. Die Deutschen
müssten sich in der Armenien-Debatte ent-
scheiden, wer ihnen wichtiger sei - die 35
  Tausend in Deutschland lebenden Armenier
oder die 2,5 Millionen Türken. Eine "unglaub-
liche Drohung gegen den sozialen Frieden in
Deutschland" nennt Özdemir diesen Artikel.
Er appelliert an die Politik, sich solidarisch
mit den Wissenschaftlern zu zeigen, die auf
Grund der Armenien-Debatte angegriffen wer-
den.
     
Doch die Kampagne in den türkischen Me-
dien offenbart nach Özdemirs Ansicht ein
grundlegendes Problem. "Sollen sich die
türkischen Emigranten in Deutschland über
die Europa-Ausgaben, die im Ton aggressi-
ver sind als die Ausgaben in der Türkei, vor-
  schreiben lassen, was sie zu sagen haben?"
fragt Özdemir. Für ihn sind interkulturelle Me-
dien, etwa ein deutsch-türkisches Fernsehen,
eine Alternative zu den einseitigen, türkischen
Medien.

     
Özdemir verweist auf ein weiteres Problem.
So gebe es deutsche Politiker und Wissen-
schaftler, die unterschiedliche Meinungen
vertreten - je nachdem, ob sie sich gegen-
über einer deutschen, türkischen oder kur-
dischen Zeitung äußern. Ein Verhalten, das
in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahr-
  genommen wird. "Dieses Spiel sollten wir nicht
durchgehen lassen", fordert Özdemir. Der Grü-
nen-Politiker regt deshalb an, dass die türki-
sche Presse stärker beobachtet und ausge-
wertet wird. "Viele wären erschrocken darüber,
was dort zu lesen ist", zeigt er sich überzeugt.