Frankfurter Rundschau
12.7.2001

Türkei/Armenien

Versöhnungskommission soll Annäherung fördern

 

ISTANBUL/GENF, 11.Juli (afp/FR). Eine tür-
kisch-armenische Versöhnungskommission
soll die Verständigung zwischen den beiden
Völkern fördern und einer Annäherung der
beiden Staaten den Weg bereiten. Die Kom-
mission aus türkischen und armenischen
Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern
wurde nach türkischen und armenischen Me-
dienberichten am Montag in Genf gegründet.
Der Gründung gingen dreimonatige Geheim-
gespräche voraus. Die Kommission will mit
  regelmäßigen Treffen Austausch und Ko-
operation zwischen regierungsunabhängi-
gen Organisationen in beiden Ländern för-
dern und die Zusammenarbeit in Wirtschaft,
Tourismus, Kultur, Bildung, Wissenschaft
und Umwelt unterstützen. Zudem will der
Ausschuss Empfehlungen an beide Regie-
rungen erarbeiten. Das Projekt hat nach An-
gaben der Kommission die indirekte Unter-
stützung der Regierungen.

     
Die Türkei und Armenien unterhalten keine
diplomatischen Beziehungen; umstritten ist
zwischen ihnen vor allem die Bewertung der
Massaker an Armeniern im Osmanischen
Reich von 1915. Armenien wirft den Türken
vor, 1,5 Millionen Armenier gezielt ermordet
  zu haben, und fordert die Anerkennung der
Massaker als Völkermord. Die Türkei räumt
ein, dass damals mindestens 300 000 Ar-
menier ermordet wurden, weist den Vorwurf
des Völkermords aber strikt zurück. Siehe
auch den Kommentar "Armenische Chance"

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Armenische Chance

Eine Versöhnung
zwischen Türken und Armeniern scheint möglich zu werden

Von Karl Grobe

 

Eine Versöhnung zwischen Türken und Ar-
meniern scheint möglich zu werden. Bezeich-
nend ist freilich, dass die jetzt in Genf gestif-
tete Versöhnungskommission beider Seiten
nicht ein Produkt staatlichen Handelns ist,
  sondern das Resultat mehrerer geheim ab-
gehaltener Gesprächsrunden angesehener
Persönlichkeiten aus beiden Völkern, kurz:
von Vertretern der Zivilgesellschaft. Eben
darin liegt die Chance.
     
Gerade hat der türkische Vizepremier Mesut
Yilmaz die Verbesserung der staatlichen Be-
ziehungen mit der Lösung des Konflikts ver-
knüpft, der Armenien und Aserbaidschan ver-
feindet - Berg-Karabach. Die offizielle Türkei
betont die Freundschaft mit (dem sprachlich
und kulturell verwandten) Aserbaidschan;
letzteres besteht auf der Wiederherstellung
  seiner staatlichen Gewalt über Berg-Kara-
bach; die dortige Bevölkerung und das offi-
zielle Armenien wollen dies aus ethnischen
und historischen Gründen nicht. In Ankara
misstraut man zudem dem russischen Ein-
fluss auf Eriwan; doch der armenische Staat
hat keinen anderen möglichen Verbündeten
und Garanten als Russland.
     
Über den mehr als hundertjährigen Konflikt,
dessen tragischer Höhepunkt das Massaker
von 1915 - noch unter dem Osmanischen
Reich - an den Armeniern war, haben sich
auch die Förderer und Gründer der Versöh-
nungskommission nicht einigen können. Die
  Formel, dass es jetzt nicht um die historische
Wahrheit geht, sondern Vertrauen und Zusam-
menarbeit möglich werden müssen, trägt aller-
dings weiter. Aus Eigeninteresse sollten beide
Regierungen sich diese zivilgesellschaftliche
Einsicht rasch zu eigen machen.