Le Monde diplomatique
13.7.2001

DIE TÜRKEI
UND DER VÖLKERMORD
AN DEN ARMENIERN

Retter des Vaterlandes

Von TANER AKCAM *


NACH der Resolution der französischen Nationalversammlung, die von einem "Völker-
mord" an den Armeniern sprach, hat der türkische Staat offiziell protestiert und sogar
seine im Ausland lebenden Bürger zu Protesten mobilisiert. Aber warum fühlt sich die
heutige Türkei getroffen, wenn Verbrechen benannt werden, die in die Endphase des
Osmanischen Reichs fallen? Die Antwort liegt auch in einer personellen Kontinuität:
Obwohl sich die kemalistische Türkei als revolutionäre Gründung gegen den Vorgänger-
staat darstellt, dienten in ihrer Armee führende osmanische Militärs, die sich in den Massakern an der armenischen Bevölkerung die Hände schmutzig gemacht hatten.

 

Es wäre naiv, anzunehmen, dass die Ab-
stimmung vom 18.Januar 2001 im französi-
schen Parlament, durch die die Ereignisse
von 1915 als Völkermord eingestuft wurden,
Ausdruck eines tiefen Mitgefühls der Fran-
zosen mit dem Leid der Armenier ist. Eben-
so naiv ist die - in der Türkei populäre - For-
derung, Frankreich solle "erst einmal durch
parlamentarischen Beschluss eingestehen,
  dass es sich in Algerien des Völkermords und
der Verbrechen gegen die Menschlichkeit
schuldig gemacht hat". Was immer man von
diesem Parlamentsbeschluss halten mag, er
sollte jedenfalls nicht dazu herhalten, das Vor-
gehen der osmanischen Regierung gegen die
armenische Bevölkerung in den Jahren 1915
bis 1917 abermals zu verdecken.

     
Es spricht allerdings vieles dafür, dass die
Proteste gegen Frankreich der Verschleie-
rung dieser Tatsache dienen sollen. Das ist
zum Beispiel aus den flammenden Bekennt-
nissen ei nes Zeitungsjournalisten heraus-
zulesen: "Der Weltöffentlichkeit sollte eines
klar sein: Bereits in der Vergangenheit sind
all die ehrlosen Bastarde bestraft worden,
die sich nicht damit begnügten, ihre Profite
aus unserem Land zu ziehen, sondern die
  es auch auf das Hab und Gut, das Leben und
die Ehre der Türken abgesehen hatten. Wir
wissen, dass unsere Väter recht taten, und,
jawohl, auch heute werden wir, sobald sich
solche Gefahren zeigen, ohne Zaudern aber-
mals das Nötige tun."(1) Solche Äußerungen
sind keine Ausnahme, selbst in wissenschaft-
lichen Veröffentlichungen finden sich ähnliche
Formulierungen, sobald das Wort "Genozid"
im Spiel ist.
     
Die Türkei könnte ohne weiteres zugeben,
dass es die Massaker gegeben hat, und zu-
gleich jede Verantwortung von sich weisen.
Schließlich hat der Gründervater der moder-
nen Türkei, Kemal Atatürk, wiederholt die Be-
strafung der Verantwortlichen gefordert, und
die Führer der osmanischen Partei Ittihad ve
Terakki (Einheit und Fortschritt)(2), die für die
Massaker verantwortlich waren, standen 1926
  tatsächlich vor Gericht - wenn auch wegen an-
derer Verbrechen -, und einige von ihnen wur-
den hingerichtet. Die Türkei hätte also ihr Be-
dauern über die an den Armeniern begangenen
Verbrechen ausdrücken und gleichzeitig erklä-
ren können, dass dafür der osmanische Staat
verantwortlich gewesen sei, nicht die türkische
Republik.

     
Eine öffentliche Erörterung dieser Fragen
scheitert vor allem an einer jahrzehntelangen
Amnesie des Geschichtsbewusstseins. Die
Gründer der Republik hatten tatsächlich ver-
sucht, alle Bindungen an die Vergangenheit
zu zerstören. Natürlich ist jeder Nationalstaat
im Augenblick seiner Gründung bemüht, sei-
ne Legitimität durch eigene historische Bezü-
ge zu stützen - notfalls, indem er sie erfindet.
Wie Ernest Renan festgestellt hat: "In der
Herausbildung einer Nation spielen das Ver-
gessen und sogar die falsche Sicht auf die
Geschichte eine wesentliche Rolle." (3) Da-
ran haben sich die Gründer der türkischen
Republik gehalten. Allerdings gab es dabei
ein besonderes Problem: In der Geschichte
des Osmanischen Reichs hatte der Islam
nach und nach alle Spuren einer spezifisch
türkischen Identität ausgelöscht. Also konn-
te man die Wurzeln der neuen Identität nur
in der vorislamischen Zeit suchen - womit
auf einen Schlag 600 Jahre Geschichte in
  der Versenkung verschwanden. Durch eine
Reihe von Reformen - etwa die Einführung ei-
ner neuen Kleiderordnung, die sich an west-
lichen Vorbildern orientierte - versuchten die
neuen Machthaber, alle Spuren dieser uner-
wünschten Vergangenheit zu tilgen, die für
die nachfolgenden Generationen allein schon
durch die Einführung des lateinischen Alpha-
bets (1928) ungreifbar wurde. Ein bedeuten-
der Teil der kollektiven Erinnerung wurde auf
diese Weise gelöscht und durch eine neue,
offizielle und seither allein gültige Version der
Geschichte ersetzt, die bestimmte Wissen-
schaftler im staatlichen Auftrag erstellten. Das
Ergebnis war eine Gesellschaft, der die ge-
schichtlichen Ereignisse in ihrem Land vor
1928 ebenso unbekannt sind wie die theoreti-
schen und literarischen Zeugnisse früherer
Generationen. Der Begriff der Vergangenheit
verblasste, die historischen Erfahrungen re-
duzierten sich auf die individuelle Geschichte
der türkischen Familien.
     
Der Mangel an Geschichtsbewusstsein
reicht allerdings als Erklärung keineswegs
aus. Ent scheidend ist, dass die türkische
Geschichte immer wieder von traumatischen
Erfahrungen geprägt war. Von 1878 bis 1918
musste die osmanische Führung den Verlust
von 85 Prozent des Territoriums und 75 Pro-
zent der Bevölkerung hinnehmen. Und die
letzten hundert Jahre des Osmanischen
Reichs waren eine Folge schwerer militäri-
scher Niederlagen, der nur wenige Siege ge-
genüberstanden. Die Machthaber waren ge-
zwungen, dem Druck der Großmächte nach-
zugeben und äußerst nachteilige Friedens-
abkommen zu schließen. Diese Periode
wurde als eine Zeit der Entehrung und Er-
  niedrigung erlebt. Der Elite des Osmanischen
Reichs, die die Last einer glorreichen Vergan-
genheit mit sich schleppte und zunehmend
den Sinn für die politischen Realitäten einbüß-
te, erschien der Erste Weltkrieg als histori-
sche Gelegenheit, die einstige Größe wieder-
zuerlangen. Doch die Illusion hielt nicht lange
vor. In dieser Situation, die von Engstirnigkeit
und Ressentiments geprägt war, mag der Ent-
schluss zum Genozid als eine Art Racheakt
an einer Bevölkerungsgruppe gesehen werden,
der man die Schuld an der herrschenden Lage
zuschrieb: den Armeniern. Stellvertretend für
die Großmächte und alle christlichen Bevölke-
rungsgruppen des Reichs wurden sie zum
Feind erklärt.
     
Auf dem Rücken der Armenier konnten die
Führer des Osmanischen Reichs Konflikte
austragen, die anderweitig zu lösen sie nicht
imstande waren. So erklärt sich auch die
Hartnäckigkeit, mit der die türkische Republik
als Erneuerung oder gar als radikaler Neube-
  ginn präsentiert wird. Der neuen Führungs-
schicht reichte es nicht, die Geschichte um-
zuschreiben. Sie setzte auch alles daran,
die Erinnerung zum Schweigen zu bringen;
entsprechend wurde alles verfemt, was die
gewollte Amnesie hätte gefährden können.
     
Die Türkei glaubte, die alten Wunden geheilt
und sich ein völlig neues Gesicht gegeben zu
haben. Doch wenn die Verletzungen verheilt
waren - warum durfte man nicht von ihnen
reden? In Wahrheit ist es der türkischen Ge-
sellschaft bis heute nicht gelungen, eine Iden-
tität zu gewinnen, die die alten Traumata über-
  wunden hätte. Dieses "andere Selbst" kann
sie aber kaum entwickeln, wenn sie sich der
Diskussion über den Völkermord an den Ar-
meniern verweigert. Der Staat hat natürlich
ein Interesse daran, das irreale Selbstbild der
Gesellschaft zu erhalten und ihr Bedürfnis
nach einer Welt der Illusionen zu bedienen.
     
Dass der Völkermord an den Armeniern tabu-
isiert wurde, hat auch damit zu tun, dass zwi-
schen den Massakern und der Gründung der
Republik ein Zusammenhang besteht. Füh-
rende Politiker der neuen Republik haben sich
unverblümt zu dieser Frage geäußert. So er-
klärte etwa Halil Mentese, ein populärer Ver-
treter der Partei Ittihad ve Terakki: "Ohne die
Säuberung Ostanatoliens von den armeni-
schen Milizen, die mit den Russen kollabo-
rierten, wäre die Entstehung unserer nationa-
len Republik nicht möglich gewesen."(4) Und
im ersten Parlament der türkischen Republik
gab es sehr aufschlussreiche Debatten mit
Beiträgen wie diesen: "Um das Vaterland zu
  retten, haben wir es auf uns genommen, als
Mörder verschrien zu werden." Oder: "Die Fra-
ge der Deportationen hat bekanntlich weltweit
Aufsehen erregt und uns alle zu Mördern ge-
stempelt. Wir wussten, bevor wir diesen Ent-
schluss trafen, dass wir uns den Zorn und den
Hass der gesamten christlichen Welt zuziehen
würden. Warum also haben wir unseren Namen
beflecken und uns Mörder schimpfen lassen?
Warum haben wir uns dieser ebenso wichtigen
wie schwierigen Aufgabe gestellt? Allein, weil
das Nötige getan werden musste, um den
Glanz und die Zukunft unseres Vaterlands zu
bewahren, das uns heiliger und kostbarer ist
als unser eigenes Leben."
     
Mit der Zeit wurden solche Erklärungen, die
relativ kühn und offen den Standpunkt vertei-
digten, dass der Genozid für die Gründung
der Republik unverzichtbar gewesen sei,
durch die offizielle Geschichtsschreibung er-
setzt. Für die taugten nur der Antiimperialis-
mus und die Verehrung und Achtung der
  Kuvva-i Milliye (der ersten Widerstandsver-
bände im Unabhängigkeitskrieg) als Grund-
lagen der nationalen Identität. Noch in den
1960er-Jahren war für die junge revolutionäre
Generation der Kampfgeist der Kuvva-i Milliye
ein zentraler Bezugspunkt ihrer antiimperia-
listischen Haltung.
     
Auch die Furcht, solche Gewissheiten zu ver-
lieren, spielt eine wichtige Rolle bei der Wei-
gerung der Türkei, sich mit der armenischen
Frage auseinander zu setzen. Doch die ver-
trauten Erklärungsmuster, die bislang das öf-
fentliche Selbstbild der Türkei bestimmten,
müssten über Bord geworfen werden, damit
eine Diskussion über den Völkermord zu der
Einsicht führen könnte, dass der Staat nicht
nur aus dem Kampf gegen die imperialisti-
  schen Mächte hervorgegangen ist, sondern
auch aus einem Krieg gegen einheimische
Minderheiten - die Griechen und Armenier.
Auch deutet einiges darauf hin, dass es un-
ter den Truppen der Kuvva-i Milliye, die unbe-
stritten als Helden gelten, nicht wenige gab,
die am Genozid unmittelbar beteiligt waren
oder sich bei den Plünderungen in den Ar-
meniergebieten bereicherten.

     
Bereits vor dem Ende des Ersten Weltkriegs
waren - für den Fall einer Niederlage - Pläne
für den Rückzug nach Anatolien und die Or-
ganisierung einer nationalen Widerstandsbe-
wegung entworfen worden. Nach 1918 begann
man, diese Pläne umzusetzen. Damals ent-
standen eine Reihe von Vereinigungen zur
Förderung der nationalen Widerstandsbewe-
gung wie Müdafaai Hukuk (Verteidigung der
Rechte) oder Reddi Ilhak (Widerstand gegen
  die Teilung), teils auf direkte Anordnung von
Talat Pascha (Innenminister von 1913 bis
1917) oder Enver Pascha (Verteidigungsmini-
ster während des gleichen Zeitraums), teils
auch auf Veranlassung des "Hochkommissa-
riats"(5), ( )in dem beide eine führende Rolle
spielten. Dabei wurden die neuen Gruppie-
rungen bewusst vor allem dort etabliert, wo
man eine Bedrohung durch Griechen oder
Armenier fürchtete.
     
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Ka-
pitulationsvertrags mit Großbritannien, am 30.
Oktober 1918 im griechischen Moudros, wur-
den die ersten fünf Widerstandskomitees für
den Kampf gegen die Minderheiten ins Leben
gerufen: Drei waren für die Armenier zustän-
dig, zwei für die Griechen. Alle Gründungs-
mitglieder gehörten der Partei Ittihad ve Terak-
ki an - gegen einige Mitglieder der Partei wur-
  den später von den Briten Haftbefehle wegen
ihrer Beteiligung an den Massakern erlassen.
Zu den Aufgaben des "Hochkommissariats"
gehörte es, diese Personen vor Nachstellun-
gen zu schützen und sie in Anatolien zu ver-
stecken. Das Hochkommissariat verkörpert
also den Zusammenhang zwischen dem Wi-
derstand in Anatolien und dem Völkermord
an den Armeniern.
     
Ein weiterer Zusammenhang ergibt sich aus
der Entstehung einer Schicht von Neureichen,
die sich während des Genozids bereichert
hatten und anschließend zur tragenden Säu-
le des nationalen Widerstands wurden. Die-
se Familien, die durch Plünderung zu Reich-
tum und Ansehen gekommen waren, muss-
ten natürlich befürchten, dass die Armenier
zurückkehren könnten, um ihr Eigentum zu-
rückzufordern und Rache zu nehmen. Sol-
che Fälle hat es tatsächlich gegeben: In der
Cukurova (der Region um Adana) kamen
Überlebende der Vertreibung mit den Besat-
zungstruppen, um sich ihr verlorenes Hab
und Gut wieder anzueignen. Die Kriegsge-
winnler hatten also gute Gründe, sich der
  nationalen Befreiungsbewegung anzuschlie-
ßen, zuweilen waren sie die treibende Kraft
bei der Gründung der Widerstandsorganisa-
tionen. Vertreter dieser Schicht gehörten auch
zum engeren Beraterkreis von Mustafa Kemal,
das gilt etwa für Topal Osman, der später
Kommandant von Atatürks Präsidentengarde
wurde. In diesen Zusammenhang gehört auch
die Tatsache, dass die Regierungsdekrete
vom 8.Januar 1920, die die Rückgabe des
Eigentums der vertriebenen Armenier verfüg-
ten, am 14.September 1922 aufgehoben wur-
den: Die neue Regierung in Ankara hatte of-
fenbar begriffen, dass sie die Interessen einer
Schicht, die zur Gründung des Nationalstaats
beigetragen hatte, nicht übergehen konnte.
     
Es gibt noch ein drittes Bindeglied zwischen
dem Völkermord an den Armeniern und der
Gründung der türkischen Republik. Unter den
Gründern und Führungsmitgliedern der be-
rühmten Kuvva-i-Milliye-Truppen in der Regi-
on um das Marmarameer, an der Ägäisküste
und am Schwarzen Meer finden sich Leute,
die wegen ihrer Beteiligung an den Massa-
kern gesucht wurden. Der Staatsgründer Mu-
stafa Kemal hatte der Unterstützung durch
Mitglieder der Ittihad ve Terakki, die auf den
Fahndungslisten standen, viel zu verdanken
und entlohnte sie deshalb mit hohen Posten
  im Staatsapparat. Sukru Kaya zum Beispiel,
Innenminister und Generalsekretär der von
Mustafa Kemal gegründeten Republikani-
schen Volkspartei (CHP), war zur Zeit der
"Deportationen" Leiter der Behörde für die
Ansiedlung von Einwanderern und Nomaden
- in die Zuständigkeit dieses Amts fiel auch
die Durchführung der Zwangsumsiedlung der
Armenier. Deutsche Konsuln, die damals die
Maßnahmen vor Ort verfolgten, kolportierten
eine unmissverständliche Äußerung von Sü-
krü Kaya: "Man muss die armenische Rasse
auslöschen."
     
Ein anderer Politiker von Rang, Mustafa Abd-
ülhalik Renda, war zur Zeit der Massaker Prä-
fekt von Bitlis und später von Halep. Der deut-
sche Konsul Rößler hat ihn als eine Person
beschrieben, die "nichts anderes im Sinn
hatte als die Vernichtung der Armenier". In
seinen 1919 veröffentlichten Erinnerungen
berichtet Vehip Pascha, der frühere Befehls-
haber der 3. Armee, wie Renda während des
Kriegs (ab Februar 1916) Anweisung gegeben
hatte, in der Region von Mus Tausende von
Menschen bei lebendigem Leibe zu verbren-
nen. Renda bekleidete später ein Ministeramt
und war Parlamentspräsident. Arif Fevzi, der
  wegen seiner direkten Beteiligung an den
Massakern in Diyarbakir als Gefangener Nr.
2743 eine Gefängnisstrafe in Malta verbüßte,
war von 1922 bis 1923 türkischer Minister für
Raumordnung, sein Mitgefangener Nr. 2805,
Ali Cenani Bey, verurteilt wegen Bereiche-
rung während des Völkermords, bekleidete
von 1924 bis 1926 den Posten des Handels-
ministers. Und auch Trüstü Aras, einst Mit-
glied der Kommission für Volksgesundheit,
die für die Beerdigung der getöteten Arme-
nier zuständig war, kam zu Amt und Wür-
den und diente 1925 bis 1938 in Ankara als
Außenminister.
     
Für alle mit Haftbefehl gesuchten Mitglieder
der Ittihad ve Terakki, und vor allem für die
Angehörigen der Sonderorganisation für die
Durchführung der Massaker, war es eine
Frage des Überlebens, sich dem Unabhän-
gigkeitskampf anzuschließen. Sie standen
damals vor der Alternative, sich entweder
zu stellen und zu hohen Gefängnisstrafen
oder zum Tode verurteilt zu werden, oder
aber sich in der Organisierung des Wider-
  stands verdient zu machen. Falih Rifki Atay,
ein enger Vertrauter Kemal Atatürks, hat die
Situation eindeutig beschrieben: "Als die Bri-
ten und ihre Verbündeten bei Kriegsende be-
schlossen, die für das Massaker an den Ar-
meniern Verantwortlichen in der Partei Itti-
had ve Terakki zur Rechenschaft zu ziehen,
schlossen sich alle, die in Frage kamen,
dem bewaffneten Widerstand an."(6)

     
Vor diesem Hintergrund begreift man, warum
der Völkermord an den Armeniern in der Tür-
kei zum Tabu erklärt wurde. Es hätte zweifel-
los verheerende Folgen, wenn sich die Nation
eingestehen müsste, dass unter den "Rettern
des Vaterlands" auch einige Mörder und Die-
be waren. Und diejenigen, die jede Initiative
fürchten, die die türkische Selbstgewissheit
in Bezug auf ihre Republik und ihre nationale
 


Identität erschüttern könnte, finden es natür-
lich am einfachsten, alles abzustreiten. Und
doch gibt es eine Alternative: dass sich die
Türkei zu den Werten der Demokratie bekennt
und einen gewissen Abstand zu ihrer Vergan-
genheit gewinnt.



dt. Edgar Peinelt


Fußnoten:

(1) Akir (Istanbul), 12. Februar 2001
(2)
Die 1908 gegründete Bewegung der "Jungtürken"
(3)
Ernest Renan, "Quest-ce quune nation?", Vortrag, gehalten an der Sorbonne, Paris, 11. März 1882
(4)
Zitiert nach Y. H. Bayur, "Türk Inkilabi Tarihi" (Geschichte der türkischen Revolution), Band II, 4. Kapitel, hrsg. vom türkischen Geschichtsinstitut, Ankara 1988
(5)
Dieses Hochkommissariat (türk. Karakol) organisierte den Widerstand, war aber auch damit betraut, allen Personen, die wegen ihrer Beteiligung an den Armenier-Massakern gesucht wurden, zur Flucht zu verhelfen.
(6)
Falih Rifki Atay, "Cankaya, Atatürkün Dogumundan Ölümüne Kadar" (Cankaya - von der Geburt Atatürks bis zu seinem Tod), Istanbul 1980


* Taner Akçam: Türkischer Soziologe und Historiker. Von ihm erschienen "Dialogue across an international divide: Essays towards a Turkish-Armenian dialogue", Toronto (The Zoryan Institute of Canada) 2000, sowie "Ermeni Tabusu Aralanyrken", Ankara (Su Yayyanlary) 2000.

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