|
taz, 24.1.2001 Türkei beginnt Frankreich-Boykott Ankara ergreift Vergeltungsmaßnahmen gegen französische Resolution zum Völkermord an den Armeniern
|
|
| ISTANBUL
taz Das türkische Massenblatt Hür- riyet ist wie immer vorneweg. Statt über Sinn oder Unsinn eines Boykotts französischer Wa- ren zu diskutieren, veröffentlicht der Kolumnist Fatih Altayli, einer der größten Chauvinisten des Blattes, eine Liste französischer Waren, die der gute Türke künftig nicht mehr kauft. Die |
türkische
Bevölkerung, so der Tenor fast aller Medien, sei getroffen von der Anmaßung der französischen Nationalversammlung, die in der letzten Woche den "Völkermord am armeni- schen Volk im früheren Osmanischen Reich" verurteilt hatte. |
|
| Am Wochenende
verbrannten Demonstranten vor der französichen Botschaft Fahnen. Es gibt Aufrufe, Elf- und Total-Tankstellen zu meiden und Reisen nach Frankreich zu stornieren. Die türkische Regierung äußerte ihr Befremden da- rüber, von einem ausländischen Parlament für einen Vorfall verurteilt zu werden, der laut Mini- sterpräsident Bulent Ecevit "so nie stattgefun- den hat". Er forderte Frankreich auf, die Reso- |
lution
zurückzunehmen und drohte mit Ver- geltungsmaßnahmen. Gestern war es dann so weit: Verteidigungsminister Sabahattin Cakmakoglu kündigte einen 149-Millionen- Dollar- Vertrag für einen Aufklärungssatelli- ten mit der französischen Firma Alcatel und drohte, Frankreich von einem geplanten Pan- zergeschäft auszuschließen. |
|
| Handelsboykotte
schaden immer beiden Sei- ten, doch der größte Schaden für die Türkei ist ihre zunehmende Isolation. Denn auch das europäische, italienische, griechische und russische Parlament hatten ähnliche Ar- menier-Resolutionen verabschiedet. Im US- Präsidentschaftswahlkampf forderten die Re- publikaner, Schulen zu verpflichten, über den |
Genozid
an den Armeniern zu informieren. In Israel gab es eine Debatte, neben des Holo- caust auch des Völkermords an den Armeni- ern zu gedenken. Bald werden das britische Unterhaus und andere europäische Parlamen- te debattieren, was den Armeniern im Osma- nischen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts angetan wurde. |
|
| In der
Türkei stößt dies bis in die Reihen der kritischen Intelligenz auf Unverständnis. "Die sollen doch erst einmal zugeben, was sie in Algerien angestellt haben", heißt es im Falle Frankreichs. Die Deportation, Vertreibung und Ermordung hunderttausender Armenier zwischen 1915 und 1920 sind aus offizieller Sicht Teil des Krieges, den das Osmanische Reich damals an der Seite Deutschlands und Österreichs gegen Russland führte. Man habe armenische Aufständische im Grenzbereich zu Russland eben deportieren müssen - da könne doch von Völkermord keine Rede sein. |
Eine Überprüfung
dieser These will man nicht zulassen. Für Historiker, die der offiziellen Po- sition kritisch gegenüberstehen, sind die os- manischen Archive de facto geschlossen. Und wer von Völkermord spricht, wird strafrechtlich verfolgt. Stattdessen klagt Ankara lieber über die einflussreiche armenische Lobby. Die finde überall dort, wo man gegen eine Annäherung der Türkei an die EU sei, offene Ohren. Nur we- nige Politiker und Publizisten schlagen vor, endlich die Aussöhnung mit den armenischen Nachbarn einzuleiten. |