Internationaler Verein für Menschenrechte der Kurden - IMK

23.2.2001

Genozid
am armenischen Volk
und die Haltung der Türkei


 

Französisches Parlament verabschiedet Gesetz
Schwere Krise zwischen Ankara und Paris

 

Das französische Parlament verabschiedete
am 18.Januar ein Gesetz, in dem die Massen-
tötung von Armeniern im Osmanischen Reich
vom 1915 bis 1918 offiziell als Völkermord be-
  zeichnet wird. "Frankreich erkennt öffentlich
den Völkermord an den Armeniern an", heißt
es in dem von der Nationalversammlung in
Paris einstimmig verabschiedeten Gesetz.
     
Im ersten Weltkrieg hatte das mit Deutschland
verbündete Osmanische Reich mehrere Millio-
nen Armenier deportiert und Hunderttausende
töten lassen. Verschiedene armenische und
andere ausländische Quellen sprechen von
 

1 bis 1,5 Millionen Toten und ebenso vielen aus
Anatolien in die arabische Wüste deportierten
Armeniern. Die Türkei dagegen spricht von 300
bis 500 Tausend Todesopfer während der Depor-
tation.

     
Die französische Nationalversammlung stimm-
te in letzter Lesung für den Text, der von der
französischen Regierung mit großer Zurück-
haltung aufgenommen wurde. Die Pariser Re-
gierung befürchtete durch den Vorstoß der Par-
lamentarier eine Verschlechterung der diploma-
tischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit
der Türkei, dem heutigen Nachfolger des Os-
manischen Reiches. Der verabschiedete Text
  wird von manchen Kritikern als wahltaktisches
Manöver im Vorfeld der Kommunalwahlen im
März 2001 kritisiert. In Frankreich lebt seit
dem größten Genozid Anfang des zwanzig-
sten Jahrhunderts eine bedeutende und ein-
flussreiche armenische Diaspora, die sich für
die internationale Anerkennung dieses Völker-
mordes einsetzt.

     

Die türkische Regierung wies die Entschei-
dung umgehend zurück und forderte von der
Regierung in Paris, sie solle dafür sorgen,
dass der Parlamentsbeschluss annulliert wer-
de. Das Votum der Parlamentarier werde die
türkisch-französischen Beziehungen "ernst-

  haft und dauerhaft beschädigen", erklärte ein
türkischer Regierungssprecher. Der türkische
Botschafter in Paris wurde aus Protest gegen
das Parlamentsvotum zu Konsultationen in die
Türkei zurückbeordert.

     
Die türkische Regierung hat schon Wochen
vor der Entscheidung offen mit politischen
und wirtschaftlichen Maßnahmen gedroht.
Gleichzeitig hat sie mit einer lancierten Kam-
pagne, hauptsächlich in den beiden größten
türkischen Zeitungen Hürriyet und Sabah, ih-
re Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, auf die
Initiative des französischen Parlamentes zu
reagieren. Unter Angabe von Telefon- und
Faxnummern sowie E-Mail-Adressen von fran-
zösischen Abgeordneten und wichtigen Politi-
kern riefen die türkischen Medien ihre Leserin-
nen und Leser auf, mit einem Massenprotest
  die Abgeordneten im französischen Parlament
zu zwingen, gegen die Gesetzesinitiative zu
stimmen. Parallel dazu versuchten die türki-
schen Unternehmer, Verbände und Organisa-
tionen mit ganzseitigen Anzeigen in den gro-
ßen französischen Zeitungen den Druck zu
erhöhen. Wiederum initiiert von der türkischen
Regierung, entsandte das türkische Parla-
ment eine Parlamentarierdelegation nach Pa-
ris, um mit einflussreichen französischen Par-
lamentariern Gespräche zu führen und sie im
Sinne der türkischen Seite zu überzeugen.

     
Alle Versuche und Drohungen haben das fran-
zösische Parlament nicht überzeugen können.
14 Tage nach der Entscheidung des französi-
schen Parlamentes hat Präsident Chirac das
  Gesetz unterzeichnet. So hat noch ein Staat
innerhalb der EU und NATO den Völkermord
an Armeniern anerkannt.

     
Reaktionen der türkischen Seite
     

Nach dem es der türkischen Seite nicht ge-
lang, die Gesetzesinitiative scheitern zu las-
sen, entfachte sie in der Türkei sofort nach
der Verabschiedung des Gesetzes durch das
französische Parlament eine groß angelegte
Medienkampagne. Durch Äußerungen von
einflussreichen türkischen Politikern, Militärs,
Unternehmern, Wissenschaftlern und zahlrei-
chen Kolumnisten wurde die Bevölkerung auf-
gerufen, gegen Frankreich zu protestieren

  und alles Französische zu boykottieren. Einen
Tag nach der Entscheidung in Frankreich de-
monstrierten mehrere Hundert Menschen vor
der französischen Botschaft in Ankara. Sie leg-
ten einen schwarzen Kranz nieder und riefen
Slogans wie "Kenne Deine Grenzen, Frank-
reich". Auch vor dem französischen Kultur-
institut in Istanbul gab es Demonstrationen.
(Quelle: afp, dpa, Hürriyet, Sabah 18.1.01,
19.1.01)
     
Während der tagelang andauernden Proteste
gingen hauptsächlich nationalistisch-rassis-
tisch gesonnene MHP-Anhänger, kemalisti-
sche Organisationen sowie Kriegsveteranen-
verbände auf die Straße. Mit einer Überschrift
'Hassregen' schrieb die Zeitung Sabah am
28.Januar, dass wie in anderen Städten der
Türkei auch in Manisa die zivilen gesellschaft-
liche Organisationen gegen das französische
  Parlament protestiert haben. Auch in EU-Mit-
gliedsstaaten wie in Deutschland, Frankreich
und Belgien riefen die türkischen Migranten-
organisationen und Wirtschaftsverbände ihre
türkischstämmigen Mitbürger auf, an den De-
monstrationen gegen Frankreich teilzunehmen,
die von den türkischen Auslandsvertretungen
unterstützt wurden. (Quelle: Sabah, Hürriyet,
4.2.2001)
     
"Boykottiert alles Französische"    
     
Die Hürriyet rief - als Stimme der Nation - wie-
der einmal zum Boykott auf. Einer der größten
chauvinistischen Kolumnisten dieses Blattes,
Fatih Altayli, veröffentlichte in seiner Kolumne
  eine Liste französischer Waren, die der gute
Türke künftig nicht mehr kaufen sollte. Der ein-
geleitete Boykott des Französischen hat zahl-
reiche Facetten:
     
a) Sprachverbot    
     
Hochschulprofessoren diskutieren über das
Verbot der französischen Sprache an den
Schulen und Hochschulen. Französisch wird
als Schulfach gestrichen. Hürriyet meldete in
ihrer Ausgabe vom 21. Januar 2001 auf der er-
sten Seite: "Mit Beschluss des Senats der
Universität Ankara wurde nicht nur Franzö-
sisch als Fremdsprache gestrichen, sondern
auch sämtliche wissenschaftliche Kontakte
zu Frankreich gekappt". So kann die Welt-
  sprache Französisch z.B. auch an der Univer-
sität von Kars, das nahe der Grenze zu Arme-
nien und Iran liegt, nicht mehr erlernt werden.
Reihenweise haben türkische Kultureinrichtun-
gen und Universitäten ihre Kontakte zu franzö-
sischen Partnern abgebrochen. Auch die staat-
liche Radio- und Fernsehanstalt TRT brach ihre
Zusammenarbeit mit Canal France International
CFE einseitig ab. (Sabah, 23.1.2001)

     
Während die meisten Hochschulprofessoren
für das Verbot sind, sprechen sich zahlreiche
Wissenschaftler und Kolumnisten gegen das
Verbot der französischen Sprache und gegen
den Abbruch der Kontakte zu wissenschaftli-
chen Konferenzen aus. So argumentieren bei-
spielsweise Prof. Dr. Yildizhan Yayla, Prof. Dr.
Erdogan Tezic und Prof. Dr. Yasar Sütbeyaz,
dass "Französisch eine Weltsprache sei und
mit dem Boykott gegen Frankreich insofern
nichts tun habe. Proteste dürfen unsere Inter-
essen nicht schaden. Eine Fremdsprache wird
  nicht gelehrt, um ein Land zufrieden zu stellen
sondern um den Generationen das Fenster zur
Welt stärker zu öffnen. Sollte in naher Zukunft
ein ähnliches Gesetz in den USA verabschie-
det werden, werden wir als Reaktion die engli-
sche Sprache verbieten?" (Quelle Sabah,
23.1.2001)
Dieser Argumentation schlossen sich einige
türkische Kommentatoren an und forderten auf,
"die Sache nicht zu übertreiben". Am Wochen-
ende verbrannten Demonstranten vor der fran-
zösischen Botschaft Fahnen.
     
Auch die Kolumnistin von der Tageszeitung
SABAH, Gülay Göktürk, warnte in ihrer Kolum-
ne vom 23. Januar vor einem "Lumpennationa-
lismus". Sie schrieb, einige Wissenschaftler
hätten bei ihren Protesten ein Transparent ge-
tragen, auf dem "Weltfranzose - der unver-
schämte von Europa" gestanden habe. Weiter
schrieb sie: "Wie kommt es dazu, dass ange-
fangen von Hochschuldozenten als Wissen-
schaftler bis zu den Händlern eine ganze Ge-
sellschaft sich plötzlich wie eine Anhänger-
schaft einer Fußballmannschaft verhält, die ein
Fußballspiel verloren hat? Wir erkennen plötz-
lich keine Grenzen, es gelten auch keine Re-
geln des Anstandes und der Achtung. Wir ver-
lassen all diese Regeln und werden zu Lumpen.
  Wenn Sie sich daran erinnern, haben wir das
gleiche Verhalten gegenüber Italien zu Tage ge-
legt. Tagelang haben wir italienische Flaggen
zertreten und ihre Waren verbrannt, gegen das
italienische Volk erniedrigende Slogans ausge-
sprochen und herausgeschrien. Wenn es so
weiter geht, werden wir möglicherweise bald
auch gegen Großbritannien so verfahren. Wenn
man den Nachrichten glaubt, wird nach Frank-
reich bald auch die britische Regierung das
Thema 'Völkermord an Armeniern' auf die Ta-
gesordnung setzen. Falls es in diesem Jahr
auch zu einem Beschluss kommt, müssen wir
dann nicht nur die englische Sprache, sondern
auch alles was Englisch ist verbieten?"

     
b) Waren- und Reiseboykott    
     
Händler warfen französische Äpfel auf die Stra-
ße. Das Ministerium für Landwirtschaft und
Nahrung hat den Import für unzählige Lebens-
mittelsorten aus Frankreich per Dekret ge-
stoppt. Betroffen sind jährliche Importe aus
  Frankreich in Höhe von ca. 3 Milliarden US-
Dollar. Es gab Aufrufe, Elf- und Total-Tank-
stellen zu meiden und Reisen nach Frank-
reich zu stornieren. (Sabah, 27.1.2001)

     
c) Ausschluss der französischen Firmen von Verteidigungsprojekten  
     
Auf der Liste stehen an erster Stelle Verteidi-
gungsprojekte der Türkei, aus denen Frank-
reich ausgeschlossen werden soll. Dazu zäh-
len die Produktion von 1000 Panzern in Wert
von 7 Milliarden Dollar, ein Raketenabwehrsys-
tem für Hubschrauber, Herstellung der Anti-
panzerrakete Erix in Höhe von 500 Millionen
  Francs, das elektronische Kampfsystem für
F-16- Kampfflugzeuge im Wert von ca. 200 Mio.
US- Dollar, ein Verteidigungssatellit in Höhe
von ca. 200 Mio. US-Dollar, ein Unterwasser-
Abwehrsystem im Wert von 300 Mio. US-Dol-
lar. (Sabah, 23.1.2001)

     
d) Boykott von französischen Produktionen in der Türkei  
     
Betroffen sind auch Jointventure Verträge so-
wie Produktionen französischer Firmen in der
Türkei. Dazu zählen die Automobilindustrie,
  der Maschinenbau, die Elektronik sowie Pro-
duktionen im Bereich der Chemie, Arzneimit-
tel, Optik und Stahl.
     
Gegen diese Boykottmaßnahmen wandten
sich einige Großunternehmer der Türkei. Sie
betonten, dass durch solche unüberlegten
Maßnahmen mittelfristig nicht Frankreich,
sondern die Türkei und türkische Firmen die
  Verlierer sein würden. Denn solche Maßnah-
men würden zu zahlreichen Firmenzusammen-
brüchen in der Türkei führen und Zehntausende
Menschen würden ihre Arbeit verlieren.
(Quelle: Sabah, 23.01.2001)
     

Politische Stellungnahmen und Kommentare


a) Verhalten der Ecevit-Regierung

Die türkische Regierung äußerte ihr Befrem-
den darüber, von einem ausländischen Parla-
ment für einen Vorfall verurteilt zu werden, der
laut Ministerpräsident Bülent Ecevit "so nie
stattgefunden hat". Er forderte Frankreich auf,
die Resolution zurückzunehmen und drohte
mit Vergeltungsmaßnahmen.

Am 23.Januar kündigte Verteidigungsminister
Sabahattin Cakmakoglu einen 149-Millionen-
Dollar-Vertrag für einen Aufklärungssatelliten
mit der französischen Firma Alcatel und droh-

 


te, Frankreich von dem geplanten Panzerge-
schäft auszuschließen.
     
Der im Westen als 'demokratiefreundlich' und
'offen' geltende türkische Außenminister Is-
mail Cem legte diesbezüglich das größte Ei.
Er bezeichnete das französische Vorgehen
als 'postmodernen Faschismus'. Nach der Un-
terzeichnung des Gesetzes durch Staatsprä-
sidenten Chirac gab Cem gegenüber türki-
schen Zeitungen eine Stellungnahme ab. Da-
rin sagte er, dass "der postmoderne Faschis-
mus sich in den westeuropäischen Staaten,
hauptsächlich in Österreich, Belgien, Däne-
mark, Deutschland und Frankreich breit ma-
che." Er versuchte seine Aussage vom post-
  modernen Faschismus zu untermauern: Die-
ses Vorgehen sei ein Zeichen für Fremden-,
Türken- und Islamfeindlichkeit. Der französi-
sche Präsident habe dieses Gesetz aus fol-
genden Gründen unterzeichnet: Falls er das
Verfassungsgericht eingeschaltet hätte, wäre
dieses Gesetz für verfassungswidrig erklärt
worden. Chirac habe nicht gewollt, dass die
französische Barbarei in Algerien in der Öf-
fentlichkeit diskutiert wird. Die reichen Arme-
nier, die ihren Reichtum im Nahen Osten ge-
stohlen hätte, würden mit diesem Geld Druck
auf die Politiker ausüben.
     

Ministerpräsident Ecevit übte nach der Unter-
zeichnung des Gesetzes heftige Kritik an der
französischen Seite. Er beschuldigte Frank-
reich, mit Doppelstandards zu operieren und
die Rechtstaatlichkeit ausgeschaltet zu ha-

  benund sagte "daher prüfen wir nicht nur unse-
re politische, sondern auch die wirtschaftliche
Zusammenarbeit mit Frankreich."
(Quelle: Sabah, 31.01.2001)

     
b) Reaktionen des Staatspräsidenten Sezer und
vom Präsidenten des Kassationsgerichtshofes Sami Selcuk
     
Zu den Protestierenden gesellten sich auch
die als 'Demokraten' und 'Liberale' geltenden
Sezer und Selcuk. Selcuk protestierte gegen
die Unterzeichnung des Gesetzes durch
  Staatspräsidenten Chirac und schrieb ihm,
das Thema den Historikern zu überlassen.
(Quelle: Hürriyet, Sabah, 20. und 30.1.2001)

     
c) Einige türkische Stimmen im Ausland    
     
Interessant ist die Herangehensweise der tür-
kischen Intellektuellen und Persönlichkeiten.
Fast keiner von ihnen machte sich die Mühe,
sich mit dieser Materie auseinander zu setzen
und zu hinterfragen, was zwischen 1876 und
  1918 sowohl mit den Armeniern als auch mit
den Assyrern und Kurden passiert ist. Auch
sie weisen die Schuldfrage der Osmanen bzw.
Jungtürken gemäß der offiziellen Staatspolitik
der Türkei weit von sich.
     
Prof. Hakki Keskin, Vorsitzender der Türki-
schen Gemeinde in Deutschland, protestier-
te gegen den Beschluss der französischen
Nationalversammlung und unterstrich: "Bei
einem Thema, das historisch noch nicht ge-
nügend untersucht und deren Wahrheitsge-
halt per Dokumente nicht bewiesen wurde,
aus kommunalwahltaktischen Gründen einen
  solchen Beschluss zu fassen, finde ich äußerst
bedauerlich und ich protestiere einen solchen
Beschluss." Ähnlich urteilte auch der Vorsitzen-
de des Verbandes der Kemalistischen Gedan-
ken und Ideen (AADD) in Deutschland, Dursun
Atilgan, und der Vorsitzende der Türk-Födera-
tion in Deutschland, Cemal Cetin.
(Sabah, 21.1.2001)
     

d) Der Generalstab der
türkischen Streitkräfte

Die tatsächlichen Herrscher der Türkei, der
Generalstab und die Generäle, hielten sich
mit öffentlichen Erklärungen und Stellung-
nahmen auffallend zurück. Allerdings kann
man auf den Webseiten des Generalstabs
interessante Thesen und Behauptungen über
dieses Thema lesen.

Nach Meinung des Generalstabs "gab es im
Osmanischen Reich bis zum letzten Drittel
des 19.Jahrhunderts keine armenische Frage
und damit keine Auseinandersetzungen der
armenischen Untertanen mit dem Reich". Erst
nachdem die europäischen Mächte das Os-
manische Reich durch Interventionen schwä-
chen und teilen wollten, habe sich auch das
türkisch-armenische Verhältnis verschlechtert.
Die Armenier-Frage sei mit dem Ausbruch der
Osmanisch-Russischen Kriege zwischen 1877
und 1878 auf die Tagesordnung gekommen.
Die Armenier seien von Russen und Briten ver-
einnahmt und für ihre Zwecke benutzt worden.

 


Gerade die Russen benutzten die Armenier
als ihre Vorposten in Ostanatolien. Die Ver-
einnahmung der Armenier durch die Russen
und Briten sei im Grunde genommen eine im-
perialistische Politik, die die Zerstörung bzw.
Teilung des Osmanischen Reiches bezweckte.

     

Die Armenier hätten während des ersten Welt-
krieges durch ihren Massenmord an der Zivil-
bevölkerung dem türkischen Volk den größten
Schaden zugefügt. Sie hätten für Russen spio-
niert, seien aus der Armee desertiert und mit
ihren Waffen zu den Russen übergelaufen. Da-

  mit hätten sie als Volk 'Verrat an der Heimat
geübt'. Bewaffnete armenische Banden hätten
schon zu Beginn des ersten Weltkrieges die
türkischen Dörfer überfallen und der Zivilbevöl-
kerung großen Schaden zugefügt.

     
Trotz des großen Entgegenkommens und der
Toleranz der Osmanischen Regierung gegen-
über Armeniern, hätten sich die Ereignisse auf
der Seite der Armenier sprunghaft entwickelt,
die türkischen Frauen und Kinder seien Opfer
der bewaffneten Angriffe geworden. Da die Ar-
mee an mehreren Fronten kämpfte, hätten im
Hinterland Maßnahmen ergriffen werden müs-
  sen, um die Ausweitung der regionalen Auf-
stände unter Kontrolle zu bringen und deren
Entwicklung zum nationalen Verrat zu ver-
hindern. Aus diesem Grunde, nämlich 'wegen
Aktivitäten gegen den Staat', seien am 24.Ap-
ril 1915 die Armenischen Komitees verboten
und 2345 Führungspersönlichkeiten verhaftet
worden.
     
Das Verbot der Komitees und die Verhaftung
ihrer Führung und mancher Terroristen habe
die gespannte Situation noch verschärft. Um
vorzubeugen, verabschiedete die osmanische
Regierung als letzte humanitäre Handlung am
25.Mai 1915 ein Gesetz mit dem Namen 'Sevk
ve Iskan' (Deportation und Siedlung).Gemäß
  diesem Gesetz sollte sich die im Kriegsge-
biet aufhaltende Bevölkerung und diejenigen,
die sich durch Spionage und Verrat am Staat
schuldig gemacht haben, Einzeln oder in Ge-
meinschaft in Gebiete, die sich außerhalb der
Kriegszone befanden, transportiert und dort
angesiedelt werden.
     
Nach den Statistiken der osmanischen Regie-
rung von 1914 lebten 1.234.671 Armenier auf
osmanischem Staatsgebiet. Gemäß den An-
gaben des armenischen Patriarchats waren es
2,5 Millionen und die armenische Delegation
an der Lausanner Konferenz nannte die Zahl
2,2 Millionen.
Demnach seien maximal
  700.000 Armenier von der Deportation betroffen
und nicht, wie die armenische Seite behauptet,
2 bis 3 Millionen, die umgebracht wurden. Un-
abhängig davon, wenn der osmanische Staat
seine armenischen Untertanen loswerden woll-
te, hätte er dies durch Assimilation erreichen
können ..."
     
Nach der These des Generalstabes der Türkei
"haben die armenische Bevölkerungsgruppen
in verschiedenen Staaten ab Mitte der sechzi-
ger Jahren systematisch eine Kampagne ge-
gen die Türkei eingeleitet, um die sogenannte
Armenierfrage zu lancieren, die sich ab 1973
zu einem 'blutigen armenischen Terrorismus'
entwickelte. Ab diesem Datum seien die ar-
menischen Aktivitäten im Rahmen eines ' vier
T-Plans' organisiert und entwickelt worden. Ge-
mäß dieses Plans sollte durch TERROR welt-
  weit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf
die Armenierfrage gelenkt werden, der auch
den Völkermord ins Bewusstsein rufen sollte.
Danach sollte die TÜRKEI durch internationa-
len Druck den sogenannten Völkermord aner-
kennen und Entschädigung an Armenier zah-
len (im Türkischen wird die Entschädigung mit
TAZMINAT beschrieben). Als nächster Schritt
sollte Gebietsansprüche der Armenier in Dias-
pora an die TÜRKEI folgen."

     
Der Generalstab versucht mit einer solchen
'Analyse' die Tatsachen bzw. die Rolle der da-
maligen osmanischen Armeen zu vertuschen.
Die Führung hatten damals die jungtürkischen
Offiziere, insbesondere Enver Pascha und Ta-
lat Pascha. Beide waren Führer der pantura-
  nistischen Partei Ittihad-Terakki (Partei für Ein-
heit und Fortschritt), die ab 1908 die Macht in
Istanbul übernommen und eine nationalistisch-
rassistische Ideologie gegenüber anderen Völ-
kern im Osmanischen Reich vertreten haben.

     
Gerade diese Partei und deren Offiziere waren
die Hauptverantwortlichen des Genozids. Un-
ter der Führung von Talat Pascha wurde der
Deportations- bzw. Vernichtungsplan ausge-
arbeitet und die dazu notwendigen Gesetze
sowie Erlasse verabschiedet. Die Armeen führ-
ten unter den jungtürkischen Offizieren den
Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier und
  andere Völker in Kleinasien. Die Offiziere der
Ittihad-Terakki-Partei , wie Mustafa Kemal
(Atatürk), Ismet Inönü, Kazim Karabekir, und
der letzte Marschall der türkischen Streitkräfte
in der Republikzeit, Fevzi Cakmak, waren auch
die Gründer der Republik Türkei. Ihre Devise
"eine Nation - ein Staat" gilt noch heute.

     
Einige 'kritische Stimmen'
     
In diesem ganzen Chaos gibt es in der türki-
schen Öffentlichkeit einige kritische Stimmen,
die die Haltung des Staates gegenüber dieser
Frage kritisieren. Ihre Kritik richtet sich gegen
den Staat, nicht, weil sie den Genozid an Ar-
meniern nicht anerkennen, sondern weil der
Staat die riesigen osmanischen Archive für die
  inländischen und ausländischen Wissenschaft-
ler und Historiker nicht freigibt. Ihrer Überzeu-
gung nach würde im Falle einer Freigabe dieser
Archiven die 'Völkermord-These' in sich zusam-
menstürzen, weil sie ähnlich wie der General-
stab argumentieren.
     
Auch ihrer Meinung nach hat das Osmanische
Reich das Notwendige getan und zur Beruhi-
gung der Situation Hunderttausende oder Mil-
lionen von Armeniern in die arabische Wüste
deportiert. Während dieser Deportationen sei-
en eben mehrere Hunderttausend Armenier
ums Leben gekommen. Dabei brauchen sie
lediglich den Roman von Franz Werfel, Vierzig
  Tage Musa Dag, zu lesen, der auf der Grund-
lage von authentischen Berichten geschrieben
wurde. Danach wurde eine systematische Ver-
nichtung der armenischen Bevölkerung in Klein-
asien planmäßig betrieben und zu Ende ge-
führt, und zwar mit Wissen der westlichen im-
perialen Mächten wie Frankreich, Großbritan-
nien und Deutschland sowie von Russland.
     
Die Türkei hat bisher nicht einmal ein Drittel
des osmanischen Archivs zur wissenschaftli-
chen Untersuchung freigegeben. Mehrere na-
tionalistische Wissenschaftler wie Prof. Dr.
Ilber Oltayli und Prof. Dr. Halil Inalcik sind der
Überzeugung, wenn der Staat diese Archive
freigeben würde, dann würden die Völkermord-
thesen wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Sie beschreiben die Handhabung der Archive
folgendermaßen: "100 Millionen Dokumente
der Osmanen sind noch nicht nach Themen
archiviert worden und das meiste davon ist
nicht zugänglich. Die Prozedur für den Zugang
zum Archiv ist sehr langwierig. Nach einem
  formellen Antrag und Vorlage des Ausweises
oder des Passes kann der Antragsteller erst
nach einem Tag die Erlaubnis zum Zugang
zu den Archive erhalten, und zwar an den Werk-
tagen zwischen 8.30 und 16.00 Uhr. Während
dieser Zeit hat er die Möglichkeit die Dokumen-
te einzusehen. Allerdings kann der Antragstel-
ler auf Grund eines Erlasses des Ministerrates
von 1989 lediglich ein Drittel des Archivordners
zur Durchsicht bzw. zum Studium erhalten."
Dies bedeutet, dass der Wissenschaftler oder
Historiker keine Möglichkeit besitzt, an alle Do-
kumente heranzukommen.

     

Fand ein Genozid
an Armeniern statt?

 

Das Vorgehen der Jungtürken gegen das ar-
menische Volk und damit den Völkermord
auf die Zeit zwischen 1915 und 1918 einzu-
schränken, reicht nicht, um diese Frage bzw.
die Hintergründe völlig zu klären

 
     
Auch nach unserer Überzeugung hat der größ-
te Völkermord am Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts an dem armenischen Volk statt-
gefunden, und zwar mit Hilfe und Instrumenta-
lisierung der Kurden. Dabei ist es nicht wich-
tig, ob 300.000 oder eine Million Armenier ver-
nichtet wurden oder über 700.000 oder 1,5 Mi-
llionen aus ihrer angestammten Heimat in die
arabische Wüste deportiert wurden, ohne einen Neuansiedlungsplan und ohne Entschädigung
von Hunderttausenden Menschen. Die wahre
  Absicht, die christlichen Armenien aus Klein-
asien zu Zwangsdeportieren bzw. vollständig
auszusiedeln, hätte naturgemäß nicht ohne
den Widerstand der Betroffenen stattfinden
können. Der gegen die nichtmuslimischen
Minderheiten, insbesondere gegen die damals
am besten organisierten Armenier aufgesta-
chelte Mob auf den Straßen der Großstädte
plünderte Häuser und Geschäfte der Armenier,
tötete jeden, den er erwischen konnte.

     
Die Absicht der osmanischen Regierung, das Armenierproblem endgültig zu lösen, wird
durch die Aussage des heutigen Generalstabs
bestätigt. Sie wollte die Armenier loswerden,
weil dieses Volk motiviert durch andere christ-
lich-nationale Bewegungen auf dem Balkan
seine Freiheit erlangen und losgelöst vom zer-
  fallenden Osmanischen Reich einen eigenen
Staat gründen wollte. Auch die Weigerung des
heutigen türkischen Staates die osmanischen
Archive für die Wissenschaft zu öffnen, macht
die Angst des Regimes deutlich, dass die The-
se des Völkermordes durch diese Archive be-
stätigt werden könnte.
     
Im dritten Quartal des 19.Jahrhunderts war
das Osmanische Reich einerseits durch
Kriege und Befreiungsbewegungen auf dem
Balkan geschwächt andererseits machte die
jungtürkische Nationalbewegung Sultan Ab-
dulhamit die Macht streitig. Um den Zerfall
des Reiches zu verhindern und seine Macht
zu sichern entwickelte Sultan Abdulhamid
die panislamistische These gegen die christ-
  lichen bzw. nichtmuslimischen Untertanen im
Reich. Gemäß dieser These sollten alle isla-
mistischen Bevölkerungsteile, gleichgültig zu
welcher Nationalität sie angehörten (Türken,
Kurden, Araber), das Land gegen die christli-
chen Bevölkerungsgruppen, die ihre Unabhän-
gigkeit anstrebten, schützen. Geblieben waren
im Reich armenische, griechische, arabische
und assyrische sowie jüdische Minderheiten.
     
Die Gefahr eines Auseinanderfallens des
Reiches bestand nicht nur auf der Seite der
armenischen Bevölkerung sondern auch auf
der Seite der Kurden und der Araber. Daher
die Entwicklung der panislamischen These,
um einerseits den Zerfall des Reiches zu ver-
hindern und andererseits sowohl die Einigung
der Kurden untereinander als der Araber zu
verhindern. Gemäß dieser These sah der Sul-
tan in der in Stämme und Clans zersplitterten
  kurdischen Bevölkerung seine große Chance,
vor allem, weil die Kurden und die Armenier seit
Jahrtausenden in diesem Gebiet zusammenleb-
ten. Er versuchte die kurdischen Fürsten bzw.
Stammesführer zu überzeugen, dass die christ-
lichen Armenier mit Hilfe anderer imperialen
Staaten wie Russland, England und Frankreich
"das Osmanische Reich zerstören und auf dem
Gebiet Kurdistans einen christlich-armenischen
Staat errichten wollten."
     
Es sollte also nicht nur eine Front des isla-
mischen Völkerbundes innerhalb des Reiches
geschaffen werden, sondern besonders eine
Front der kurdischen Stämme gegen die Be-
strebungen der Armenier, einen Staat 'West-
armenien' im mehrheitlich von Kurden bewohn-
  ten Kurdistan ins Leben zu rufen. Deswegen
ließ der Sultan 1891 die sogenannten 'Beritte-
nen Hamidiye Regimenter' (Hamidiye Alaylari)
bilden. Der Name Hamidiye ist vom Namen
des Sultans abgeleitet. Die Regimenter sollten
direkt ihm unterstellt werden.
     
Für die Söhne der kurdischen Stammesführer
ließ der Sultan in Istanbul eine Offizierschule
errichten. In den kurdischen Städten wurden
Militärschulen für die Angehörigen der Stäm-
me errichtet. Trotz der Weigerung der meisten
  der 51 kurdischen Stämme im Osmanischen
Reich gelang es dem Abdulhamid-Regime, 13
Stämme zu überzeugen, diese Regimenter zu
bilden, und zwar hauptsächlich im Gebiet Ser-
had.
     
Die Dokumente des Osmanischen Reiches
und die Berichte der damaligen Vertretun-
gen der europäischen Mächte sowie von
Russland belegen, welche Rolle diese Regi-
menter nicht nur beim Völkermord an Arme-
niern gespielt haben. Auch die aufsässigen
kurdischen Stämme sowie die assyrische
  Minderheit und dieYezidi-Kurden wurden von
ihnen verfolgt. Sultan Abdulhamid wollte mit der
Bildung der Hamidiye-Regimenter nicht nur die
armenische Nationalbewegung im kurdischen
Gebiet zerschlagen, sondern auch die Bildung
einer kurdischen Nationalbewegung verhindern.

     
Neben den regulären Armee-Einheiten setzte
also das Abdulhamid-Regime auch diese Re-
gimenter gegen die aufständischen Armenier
in der mehrheitlich von den Kurden bewohnten
Regionen ein. Diese Regimenter standen bis
1908 unter der Befehlsführung der kurdischen
Offiziere, die in Istanbul ausgebildet wurden.
Mancher dieser Offiziere waren gleichzeitig
auch Stammesführer und wandten sich in den
kurdischen Regionen, je nach ihrer Interessen-
  lage, auch gegen die Befehle des Sultans und
seiner Generäle. So weigerten sie sich, an Mi-
litäroperationen teilzunehmen und Plünderun-
gen vorzunehmen. Deshalb wurde ihnen die
Führung der Regimenter entzogen und an türki-
sche Offiziere gegeben. Diese Offiziere waren
hauptsächlich Mitglieder der Jungtürkischen Be-
wegung, die in dieser Zeit die Macht in Istanbul
übernommen hatten.

     
Die Jungtürken strebten im Gegensatz zu Sul-
tan Abdulhamid nicht einen panislamistischen
osmanischen Rumpfstaat, sondern einen pan-
turanistischen (pantürkischen) Staat von Klein-
asien bis zu Mittelasien. Diese nationalistisch-
rassistische These, aus dem Nichts eine groß-
türkische Nation hervorzubringen, schloss
gleichzeitig die Realität eines Vielvölkerstaates
  auf dem verbliebenen Gebiet des Osmanischen
Reiches aus. Die Jungtürken gingen gegen die
nichtmuslimischen Minderheiten viel brutaler vor
als das Abdulhamid-Regime. Der Deportations-
bzw. Vernichtungsplan gegen die Armenier wur-
de von der jungtürkischen Führung ausgearbei-
tet und umgesetzt.

     
Ein Motto der damaligen türkischen Offiziere
ist heute noch unter der kurdischen Bevölke-
rung bekannt. "Bei der Hinfahrt werden wir die
Lolos (Armenier) und auf der Rückfahrt die Zo-
zos (Kurden) erledigen". Gemäß dieses Mottos
  haben die Jungtürken während des ersten Welt-
krieges nicht nur ein Völkermord an den Arme-
niern begangen. Hunderttausende Kurden, ins-
besondere Yezidi-Kurden, und Assyrer wurden
Opfer dieser barbarischen Politik.
     
Heute noch ist in der Türkei die Diskussion
dieses Themas Tabu. Jeder, der es wagt, we-
gen dieses Völkermordes Kritik an dem da-
maligen Regime zu üben, muss mit der Härte
der türkischen Justiz rechnen. Die angebliche
Aussage des Priesters der syrisch-orthodoxen
Kirche in Diyarbakir gegenüber einigen Touri-
sten, "ein Völkermord hat damals nicht nur
  gegen die Armenier stattgefunden sondern
auch gegen die Assyrer" hat ihm einen Pro-
zess vor dem Staatssicherheitsgericht in Di-
yarbakir beschert. Am 23. April wird bei der
nächsten Verhandlung dieses Falles mit einer
Strafe gerechnet.
Auch Journalisten oder Schrift-
steller, die diese Tragödie thematisiert haben,
wurden zu mehrjährigen Strafen verurteilt.
     
Das hartnäckige Leugnen des Völkermordes
und die Behauptung, in den westanatolischen
Regionen nicht gegen die armenische Bevöl-
kerung vorgegangen zu sein und keine Depor-
tationen vorgenommen zu haben, wird auch
durch die Erklärung des heutigen General-
stabs widerlegt. Denn nicht nur die Führung
der Armenischen Komitees war für das Sul-
tanat gefährlich, sondern die gesamte arme-
  nische Bevölkerung, die vielerorts mit dieser
Führung im Einklang stand. Das Regime ver-
haftete nicht nur diese Führung, sondern auch
armenische Offiziere, Beamte und Händler, die
im Dienste des Staates standen. Die Deporta-
tions- und Vernichtungsstrategie der jungtürki-
schen Führung in Istanbul wurde durch das Ge-
setz 'Sevk ve Iskan' planmäßig umgesetzt.

     
Durch Aufstacheln der islamischen Bevölke-
rung wurde also eine Hetzjagd gegen die Ar-
menier betrieben. Geschäfte und Häuser von
den armenischen Untertanen wurden in Brand
gesteckt, ihr Hab und Gut beschlagnahmt. Um
  armenischen Persönlichkeiten 'den Verrat nach-
zuweisen', wurden fingierte Anklagen bzw. Be-
schuldigungen erhoben. Die Armenier wurden
in die Massenlager gesteckt, um sie dann plan-
mäßig zu deportieren.
     
Es begann ein Exodusversuch der armeni-
schen Bevölkerung im gesamten Kleinasien,
um sich vor den regulären Armee-Einheiten,
den kurdischen Hamidiye-Regimenter und
dem wild gewordenen Mob zu retten. Die
  Tragödie dieses Exodusversuches wird in dem
Roman von Franz Werfel, 40 Tage Musa Dag,
verdeutlicht. Dieser Roman ist heute noch in
der Türkei verboten.

     
Hierbei sind viele Fragen zu klären. Wie viel
haben die armenischen Komitees und neuge-
gründeten Parteien wie Taschnaks zu dieser
Entwicklung beigetragen? Wieso konnte es
zu einer Beteiligung bzw. Vereinnahmung der
Kurden an diesem Völkermord kommen? Wa-
rum sind zwei Völker, die Jahrtausende lang
  ohne große Auseinandersetzungen zusammen-
gelebt haben, zu Gegnern geworden? Welche
Rolle haben die imperialistischen europäischen
Staaten und Russland, die das Osmanische
Reich unter sich aufteilen wollten, damals tat-
sächlich gespielt und wie haben sie zu diesem
Völkermord beigetragen?
     
Fazit
     
Durch hartnäckige Weigerung der türkischen
Seite, das Unrecht anzuerkennen und sich
bei den Armeniern zumindest für diese Tragö-
die zu entschuldigen, und durch Druck und
Drohungen gegenüber anderen Staaten wird
sich die Türkei zusehends isolieren. Schon
alleine durch den Handelsboykott gegen Frank-
reich isoliert sich die Türkei selbst. Denn auch
die Parlamente der EU, Italiens, Griechenlands
und Russlands hatten ähnliche Armenier-Re-
solutionen verabschiedet. Im US-Präsident-
  schaftswahlkampf forderten die Republikaner,
Schulen zu verpflichten, über den Genozid an
den Armeniern zu informieren. In Israel gab es
eine Debatte, neben dem Holocaust auch des
Völkermords an den Armeniern zu gedenken.
Bald werden das britische Unterhaus und an-
dere europäische Parlamente darüber debattie-
ren, was den Armeniern im Osmanischen
Reich Ende des 19. und Beginn des 20. Jahr-
hunderts angetan wurde.

     
In der Türkei stößt dies bis in die Reihen der
kritischen Intelligenz auf Unverständnis. "Die
sollen doch erst einmal zugeben, was sie in
Algerien angestellt haben", heißt es im Falle
Frankreichs. Die Deportation, Vertreibung und
Ermordung hunderttausender Armenier zwi-
schen 1915 und 1920 sind aus offizieller Sicht
Teil des Krieges, den das Osmanische Reich
damals an der Seite Deutschlands und Öster-
reichs gegen Russland führte. Man habe ar-
menische Aufständische im Grenzbereich zu
Russland eben deportieren müssen - da könne
doch von Völkermord keine Rede sein. Eine
  Überprüfung dieser These will die Türkei nicht
zulassen. Für Historiker, die der offiziellen Po-
sition kritisch gegenüberstehen, sind die os-
manischen Archive de facto geschlossen. Und
wer von Völkermord spricht, wird strafrechtlich
verfolgt. Statt dessen klagt Ankara lieber über
die einflussreiche armenische Lobby. Die finde
überall dort, wo man gegen eine Annäherung
der Türkei an die EU sei, offene Ohren. Nur
wenige Politiker und Publizisten schlagen vor,
endlich die Aussöhnung mit den armenischen
Nachbarn einzuleiten.
(Quellen: Hürriyet, 23.- 25.1.01; taz, 24.1.01)
     
Die türkische Bevölkerung und die Politik wer-
den in Zukunft noch so lange mit dieser histo-
rischen Frage konfrontiert werden, wie sich die
Türkei einer offenen Auseinandersetzung mit
dieser Tragödie verweigert. Türken sowie Kur-
den, und zwar jedes Volk für sich, müssen sich
  mit ihrer Vergangenheit nicht nur auseinander-
setzen sondern sie auch verarbeiten. Gerade
die Türkei muss diese historische Schuld an-
erkennen und sich beim armenischen Volk ent-
schuldigen.

    Abubekir Saydam, Büroleiter
Bonn, 19.2.2001