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taz DIE
TÜRKEI UND
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1915 deportierte das Osmanische
Reich die christlichen Armenier aus Ost- Vergelten statt Nachdenken
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| "Einen
Genozid am armenischen Volk hat es nie gegeben." Volkan Vural ist überzeugt: "Die Resolution des französischen Parlaments zeigt nur, dass es starke Kräfte gibt, die die Türkei aus der Europäischen Union heraushalten wol- len." Lieber spricht der Chef des Koordinierungs- rates für den türkischen EU-Beitritt von "Umsied- |
lungen",
die im Verlauf des Ersten Weltkriegs aus militärischen Gründen durchgeführt wurden und die, wie immer in solchen Situationen, na- türlich auch zu pyhsischem Leid und materiel- len Verlusten geführt hätten. Mehr war nicht, alles andere seien üble Verleumdungen, in die Welt gesetzt von den Feinden der Türkei. |
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| Am 18.
Januar hat die französische National- versammlung einstimmig das Vorgehen der Türkei gegen die Armenier im Jahr 1915 als Völkermord eingestuft. Damals sind nach ar- menischen Angaben 1,5 Millionen Menschen zu Tode gekommen (siehe Kasten). Die Re- aktionen von türkischer Seite kamen prompt und heftig: Das Massenblatt Hürriyet etwa ver- öffentlichte eine Liste zu boykottierender fran- |
zösischer
Waren, vor der französischen Bot- schaft versammelten sich Demonstranten, und private Initiatoren riefen auf, Frankreich- reisen zu stornieren. Entrüstet ist auch die türkische Regierung. Erst gestern wurde be- kannt, dass Ministerpräsident Ecevit seine Dienstwagenmarke gewechselt hat - von Re- nault zu Hyundai. |
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| Außenminister
Ismail Cem, einer der wenigen Intellektuellen im Kabinett von Ecevit, legte kürzlich gegenüber Frankreich jegliche Zurück- haltung ab und bezeichnete die Entscheidung des Parlaments als "postmodernen faschisti- |
schen
Reflex". Die Resolution, so Cem, sei "eine xenophobe Manifestation, eine Beleidi- gung für die Türken und die gesamte muslimi- sche Welt". |
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| Als dann
Frankreichs Präsident Jacques Chi- rac Ende Januar das Dekret unterzeichnete, blieb es nicht bei harschen Worten: Mehrere Hunderte Millionen Dollar schwere Aufträge an die französische Rüstungsindustrie wurden storniert und französische Firmen als Anbieter bei weiteren Großprojekten ausgeschlossen. Selbst nachdem die EU-Kommission Ankara |
zur Mäßigung
aufgerufen und auf mögliche Verstöße gegen Handelsabkommen hinge- wiesen hatte, wurde umgehend verkündet, dass der Thomson CSF Konzern aus dem Kreis der Anbieter neuer Radarsysteme für die Flughäfen in Istanbul und Ankara ausge- schlossen wurde. |
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| Schon
lange nicht mehr hat eine ausländische Entscheidung in der Türkei für so viel Erregung gesorgt wie die schlichte Feststellung der fran- zösischen Nationalversammlung, an den ar- menischen Bewohnern des Osmanischen Reichs sei 1915 ein Völkermord verübt worden. Nach jahrzehntelanger Verdrängung und Tabui- sierung der so genannten Armenierfrage befin- det sich die türkische Gesellschaft unverhofft mitten in einer schmerzhaften Diskussion über die eigene Vergangenheit. Denn so massiv die türkische offizielle Politik nach außen auch auftritt - im Innern ist die Verunsicherung |
nicht
mehr zu kaschieren. Wenn die Sache doch so klar ist, warum geht die Regierung dann nicht offensiver vor und lädt international renommierte Historiker ein, damit diese sich die osmanischen Archive anschauen? ist ei- ne derzeit häufig geäußerte Frage. Haben wir vielleicht doch etwas zu verbergen? "Sind die Archive nun zugänglich oder nicht?", werden die obersten Archivare der Nation in öffentli- chen Diskussionsrunden gefragt, und plötzlich müssen türkische Bürger vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben feststellen, dass es so einfach offenbar doch nicht ist. |
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| Bereits
nach vier Wochen öffentlicher Ausein- andersetzung über die armenische Frage zeich- nen sich drei Lager ab. Die Mehrheit stellt sich immer noch hinter die regierungsoffizielle Ver- sion und fordert Vergeltung statt Nachdenken. Da werden französische Sprachkurse an den Universitäten gestrichen und wird angedroht, |
Franzosen
nicht mehr im Taxi zu befördern. In Teilen der Bevölkerung geht die Hysterie so weit, dass Ministerpräsident Ecevit mahnte, die Boykotte dürften nicht dazu führen, "dass wir uns selbst schaden". Das am häufigsten gekaufte Autos in der Türkei etwa ist der Re- nault - eine im Land produzierte Lizenzversion. |
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| Die zweite
Gruppe knüpft an diese Mahnungen an und fordert zunehmend lauter eine politische Neuorientierung, da die bisherige Strategie der Regierung versagt habe. "Völlig egal wie die historische Wahrheit aussieht", so der einfluss- reiche Publizist und Anchor Man von CNN Türk, Mehmet Ali Birand, "wir müssen endlich zur |
Kenntnis
nehmen, dass der ganz überwiegen- de Teil der Welt davon überzeugt ist, es habe einen Völkermord gegeben." Wenn die Türkei sich nicht international völlig isolieren wolle, müsse sie daraus schnellstens politische Kon- sequenzen ziehen, fordern Birand und andere. |
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| Tatsächlich
wird die Lage für die türkische Re- gierung langsam bedrohlich. Noch vor der fran- zösischen Nationalversammlung hatte sich auch das Europäische Parlament entsprechend geäußert. In Italien fehlt zur Anerkennung des Genozids nur noch die Bestätigung durch die zweite Kammer des Parlaments, und auch in Großbritannien "droht" wohl bald eine parlamen- tarische Behandlung des Themas. Existenziell |
wird es,
wenn das US-Repräsentantenhaus einen bereits im Herbst vor den Präsident- schaftswahlen eingebrachten Resolutions- entwurf wieder aufnimmt und sich den Fran- zosen anschließt. "Mit wem, außer Nord- zypern und Aserbaidschan wollen wir denn dann noch zusammenarbeiten?", fragen die Pragmatiker entsetzt. |
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| Der erste
Punkt, der sich ändern müsse, ist das Verhältnis zum Nachbarn Armenien. "Ar- menien", so der Industrielle Ishak Alaton in einer der Fernsehdebatten der letzten Wochen, "ist ein kleines, armes Land. Wenn wir unsere Beziehungen zu Armenien endlich normalisie- ren und wirtschaftliche Kontakte zu unseren Nachbarn aufbauen, wird sich die Debatte ent- krampfen. In wenigen Jahren wird das Land Ar- menien auf gute Beziehungen zur Türkei nicht mehr verzichten wollen." Alaton, Birand und |
andere
Realpolitiker weisen darauf hin, dass die Prioritäten in Armenien und in der welt- weiten armenischen Diaspora durchaus un- terschiedlich sind. Während die Diaspora ihre Identität durch den Genozid definiert, sind die Armenier in Armenien selbst erst einmal daran interessiert, ihre aktuelle Not zu lindern. "Die Türkei", so Birand, sollte sich der Not in Armenien annehmen, "dann wird Eriwan sich auch von seiner Diaspora emanzipieren." |
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| Die dritte
und im Moment noch kleinste Grup- pe, die sich öffentlich zu Wort meldet, sind diejenigen, die wissen wollen, was wirklich passiert ist. Junge Türken äußern ihre Zweifel an der regierungsamtlichen Version des arme- nischen Aufstands. Aufklärung und offene De- batte sei nun gefordert. "Wenn wir uns ab- schotten", so der Politikprofessor Eser Kara- kas aus Ankara, "bedeutet das das Ende des Demokratisierungsprozesses und den Rückfall in die ganz repressiven Zeiten." Allerdings schrecken auch sie davor zurück, die Massa- ker und die Deportation der armenischen Be- völkerung als Völkermord zu bezeichnen. Im |
türkischen
Sprachgebrauch ist Völkermord Holocaust. Mit der Vernichtung der Juden aber will niemand die Verbrechen, die an den Armeniern verübt wurden, gleichsetzen. Das erklärt auch zum Teil, warum sich die türki- schen Offiziellen mit solcher Vehemenz da- gegen wehren, einen Völkermord an den Ar- meniern anzuerkennen. Der zweite Grund ist banaler, spielt aber eine mindestens gleich große Rolle: "Was passiert, wenn wir einen Genozid anerkennen und uns entschuldigen?", fragen sie. "Die Armenier werden kommen und Land und Entschädigungen fordern." |
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Um diese Ängste abzubauen,
ist Fernsehmann |
te
mit einem Vertreter der Regierungslinie:
"Ja, es stimmt, dass armenische Bewaffne- te zu Beginn des Kriegs auf russischer Sei- te mitgekämpft haben, es stimmt, dass Ar- menier einen Aufstand gemacht und auch türkische Dörfer angegriffen haben. Es stimmt aber auch, dass der damalige os- manische Staat das zum Anlass genom- men hat, die gesamte armenische Bevölke- rung aus Ostanatolien zu vertreiben, zu de- portieren oder zu massakrieren. Dabei sind Hunderttausende getötet worden. Dafür könnte man sich entschuldigen." |
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Fakten
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"Das wäre rein kontraproduktiv"
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| BERLIN
taz "Das bewegt hier nicht die Öffent- lichkeit, wir haben keine armenische Minder- heit", sagt Karl Lamers, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Bundesrepublik habe sich mit der Diskus- sion um die Mitgliedschaft der Türkei in der |
Europäischen
Union schon "massiven Ärger mit der Türkei und den in Deutschland leben- den Türken aufgeladen". Eine Verurteilung des Bundestages "wäre rein kontraproduktiv", so Lamers. |
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| Auch Gert
Weisskirchen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, hält nichts da- von, sich in solch eine Debatte einzumischen. |
Es sei
nicht klug, wenn Deutschland mit sei- ner Vergangenheit als "Lehrmeister" auftrete. |
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| Angelika
Beer, bündnisgrüne Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, ist kürzlich aus der Türkei zurückgekehrt. Dort wurde sie wegen eines gelb-rot-grünen Haarbandes, den Farben Kurdistans, von staatlichen Stel- len scharf kritisiert. Türkische Gesprächspart- ner verließen das Treffen mit den deutschen |
Parlamentariern,
und der Chef des türkischen Streitkräfteausschusses, Hasan Gülay, be- endete das Gespräch vorzeitig. "Die Türkei zeigt Nerven. Es bringt nichts, mit öffentlicher Kritik oder Verurteilung die türkischen Partner beeinflussen zu wollen", so Beer zur taz. |
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| Einzig
für eine Verurteilung durchs Parla- ment plädiert Uwe Hiksch von der PDS, zu- gleich Mitglied der Deutsch-Türkischen Par- lamentariergruppe. Unrecht müsse aufgear- beitet werden, im Falle der Armenier wie |
auch der
Kurden. Eine Resolution im Bundes- tag "könnte die Debatte in der Türkei intensi- vieren". Im Europa-Arbeitskreis der PDS-Frak- tion habe man das Thema bereits diskutiert, ein Antragsentwurf werde vorbereitet. |
* Sonderseiten
der Deutsch-kurdischen Gesellschaft *
zum Völkermord an den Armeniern