taz
13.2.2001

DIE TÜRKEI UND
DER GENOZID
AN DEN ARMENIERN

 

1915 deportierte das Osmanische Reich die christlichen Armenier aus Ost-
anatolien. 1,5 Millionen starben auf dem Todesmarsch, wurden ermordet
oder verhungerten in der mesopotamischen Wüste. Seit Frankreich dies als
Völkermord eingestuft hat, führt die Türkei eine schmerzhafte Diskussion

Vergelten statt Nachdenken

aus Istanbul JÜRGEN GOTTSCHLICH

 

"Einen Genozid am armenischen Volk hat es
nie gegeben." Volkan Vural ist überzeugt: "Die
Resolution des französischen Parlaments zeigt
nur, dass es starke Kräfte gibt, die die Türkei
aus der Europäischen Union heraushalten wol-
len." Lieber spricht der Chef des Koordinierungs-
rates für den türkischen EU-Beitritt von "Umsied-
  lungen", die im Verlauf des Ersten Weltkriegs
aus militärischen Gründen durchgeführt wurden
und die, wie immer in solchen Situationen, na-
türlich auch zu pyhsischem Leid und materiel-
len Verlusten geführt hätten. Mehr war nicht,
alles andere seien üble Verleumdungen, in die
Welt gesetzt von den Feinden der Türkei.
     
Am 18. Januar hat die französische National-
versammlung einstimmig das Vorgehen der
Türkei gegen die Armenier im Jahr 1915 als
Völkermord eingestuft. Damals sind nach ar-
menischen Angaben 1,5 Millionen Menschen
zu Tode gekommen (siehe Kasten). Die Re-
aktionen von türkischer Seite kamen prompt
und heftig: Das Massenblatt Hürriyet etwa ver-
öffentlichte eine Liste zu boykottierender fran-
  zösischer Waren, vor der französischen Bot-
schaft versammelten sich Demonstranten,
und private Initiatoren riefen auf, Frankreich-
reisen zu stornieren. Entrüstet ist auch die
türkische Regierung. Erst gestern wurde be-
kannt, dass Ministerpräsident Ecevit seine
Dienstwagenmarke gewechselt hat - von Re-
nault zu Hyundai.

     
Außenminister Ismail Cem, einer der wenigen
Intellektuellen im Kabinett von Ecevit, legte
kürzlich gegenüber Frankreich jegliche Zurück-
haltung ab und bezeichnete die Entscheidung
des Parlaments als "postmodernen faschisti-
  schen Reflex". Die Resolution, so Cem, sei
"eine xenophobe Manifestation, eine Beleidi-
gung für die Türken und die gesamte muslimi-
sche Welt".

     
Als dann Frankreichs Präsident Jacques Chi-
rac Ende Januar das Dekret unterzeichnete,
blieb es nicht bei harschen Worten: Mehrere
Hunderte Millionen Dollar schwere Aufträge an
die französische Rüstungsindustrie wurden
storniert und französische Firmen als Anbieter
bei weiteren Großprojekten ausgeschlossen.
Selbst nachdem die EU-Kommission Ankara
  zur Mäßigung aufgerufen und auf mögliche
Verstöße gegen Handelsabkommen hinge-
wiesen hatte, wurde umgehend verkündet,
dass der Thomson CSF Konzern aus dem
Kreis der Anbieter neuer Radarsysteme für
die Flughäfen in Istanbul und Ankara ausge-
schlossen wurde.

     
Schon lange nicht mehr hat eine ausländische
Entscheidung in der Türkei für so viel Erregung
gesorgt wie die schlichte Feststellung der fran-
zösischen Nationalversammlung, an den ar-
menischen Bewohnern des Osmanischen
Reichs sei 1915 ein Völkermord verübt worden.
Nach jahrzehntelanger Verdrängung und Tabui-
sierung der so genannten Armenierfrage befin-
det sich die türkische Gesellschaft unverhofft
mitten in einer schmerzhaften Diskussion über
die eigene Vergangenheit. Denn so massiv die
türkische offizielle Politik nach außen auch
auftritt - im Innern ist die Verunsicherung
  nicht mehr zu kaschieren. Wenn die Sache
doch so klar ist, warum geht die Regierung
dann nicht offensiver vor und lädt international
renommierte Historiker ein, damit diese sich
die osmanischen Archive anschauen? ist ei-
ne derzeit häufig geäußerte Frage. Haben wir
vielleicht doch etwas zu verbergen? "Sind die
Archive nun zugänglich oder nicht?", werden
die obersten Archivare der Nation in öffentli-
chen Diskussionsrunden gefragt, und plötzlich
müssen türkische Bürger vielleicht zum ersten
Mal in ihrem Leben feststellen, dass es so
einfach offenbar doch nicht ist.
     
Bereits nach vier Wochen öffentlicher Ausein-
andersetzung über die armenische Frage zeich-
nen sich drei Lager ab. Die Mehrheit stellt sich
immer noch hinter die regierungsoffizielle Ver-
sion und fordert Vergeltung statt Nachdenken.
Da werden französische Sprachkurse an den
Universitäten gestrichen und wird angedroht,
  Franzosen nicht mehr im Taxi zu befördern. In
Teilen der Bevölkerung geht die Hysterie so
weit, dass Ministerpräsident Ecevit mahnte,
die Boykotte dürften nicht dazu führen, "dass
wir uns selbst schaden". Das am häufigsten
gekaufte Autos in der Türkei etwa ist der Re-
nault - eine im Land produzierte Lizenzversion.
     
Die zweite Gruppe knüpft an diese Mahnungen
an und fordert zunehmend lauter eine politische
Neuorientierung, da die bisherige Strategie der
Regierung versagt habe. "Völlig egal wie die
historische Wahrheit aussieht", so der einfluss-
reiche Publizist und Anchor Man von CNN Türk,
Mehmet Ali Birand, "wir müssen endlich zur
  Kenntnis nehmen, dass der ganz überwiegen-
de Teil der Welt davon überzeugt ist, es habe
einen Völkermord gegeben." Wenn die Türkei
sich nicht international völlig isolieren wolle,
müsse sie daraus schnellstens politische Kon-
sequenzen ziehen, fordern Birand und andere.

     
Tatsächlich wird die Lage für die türkische Re-
gierung langsam bedrohlich. Noch vor der fran-
zösischen Nationalversammlung hatte sich
auch das Europäische Parlament entsprechend
geäußert. In Italien fehlt zur Anerkennung des
Genozids nur noch die Bestätigung durch die
zweite Kammer des Parlaments, und auch in
Großbritannien "droht" wohl bald eine parlamen-
tarische Behandlung des Themas. Existenziell
  wird es, wenn das US-Repräsentantenhaus
einen bereits im Herbst vor den Präsident-
schaftswahlen eingebrachten Resolutions-
entwurf wieder aufnimmt und sich den Fran-
zosen anschließt. "Mit wem, außer Nord-
zypern und Aserbaidschan wollen wir denn
dann noch zusammenarbeiten?", fragen die
Pragmatiker entsetzt.

     
Der erste Punkt, der sich ändern müsse, ist
das Verhältnis zum Nachbarn Armenien. "Ar-
menien", so der Industrielle Ishak Alaton in
einer der Fernsehdebatten der letzten Wochen,
"ist ein kleines, armes Land. Wenn wir unsere
Beziehungen zu Armenien endlich normalisie-
ren und wirtschaftliche Kontakte zu unseren
Nachbarn aufbauen, wird sich die Debatte ent-
krampfen. In wenigen Jahren wird das Land Ar-
menien auf gute Beziehungen zur Türkei nicht
mehr verzichten wollen." Alaton, Birand und
  andere Realpolitiker weisen darauf hin, dass
die Prioritäten in Armenien und in der welt-
weiten armenischen Diaspora durchaus un-
terschiedlich sind. Während die Diaspora
ihre Identität durch den Genozid definiert,
sind die Armenier in Armenien selbst erst
einmal daran interessiert, ihre aktuelle Not
zu lindern. "Die Türkei", so Birand, sollte
sich der Not in Armenien annehmen, "dann
wird Eriwan sich auch von seiner Diaspora
emanzipieren."
     
Die dritte und im Moment noch kleinste Grup-
pe, die sich öffentlich zu Wort meldet, sind
diejenigen, die wissen wollen, was wirklich
passiert ist. Junge Türken äußern ihre Zweifel
an der regierungsamtlichen Version des arme-
nischen Aufstands. Aufklärung und offene De-
batte sei nun gefordert. "Wenn wir uns ab-
schotten", so der Politikprofessor Eser Kara-
kas aus Ankara, "bedeutet das das Ende des
Demokratisierungsprozesses und den Rückfall
in die ganz repressiven Zeiten." Allerdings
schrecken auch sie davor zurück, die Massa-
ker und die Deportation der armenischen Be-
völkerung als Völkermord zu bezeichnen. Im
  türkischen Sprachgebrauch ist Völkermord
Holocaust. Mit der Vernichtung der Juden
aber will niemand die Verbrechen, die an den
Armeniern verübt wurden, gleichsetzen. Das
erklärt auch zum Teil, warum sich die türki-
schen Offiziellen mit solcher Vehemenz da-
gegen wehren, einen Völkermord an den Ar-
meniern anzuerkennen. Der zweite Grund ist
banaler, spielt aber eine mindestens gleich
große Rolle: "Was passiert, wenn wir einen
Genozid anerkennen und uns entschuldigen?",
fragen sie. "Die Armenier werden kommen
und Land und Entschädigungen fordern."

     

Um diese Ängste abzubauen, ist Fernsehmann
Birand kürzlich nach Eriwan geeilt, um den ar-
menischen Präsidenten Robert Kocharian zu
interviewen. "Der Staat Armenien", gab Kocha-
rian in dem Interview zu Protokoll, "hat keine
juristischen Ansprüche. Wir fordern kein Land
und keine Entschädigungen, die Anerkennung
des Genozids ist für uns eine moralische Fra-
ge." Dass es vor allem um den symbolischen
Akt geht, wird auch von den Armeniern in der
Türkei immer wieder betont. Etyen Mahcupyan,
einer der bekanntesten armenischen Publizis-
ten aus Istanbul, sagte in einer heftigen Debat-

  te mit einem Vertreter der Regierungslinie:
"Ja, es stimmt, dass armenische Bewaffne-
te zu Beginn des Kriegs auf russischer Sei-
te mitgekämpft haben, es stimmt, dass Ar-
menier einen Aufstand gemacht und auch
türkische Dörfer angegriffen haben. Es
stimmt aber auch, dass der damalige os-
manische Staat das zum Anlass genom-
men hat, die gesamte armenische Bevölke-
rung aus Ostanatolien zu vertreiben, zu de-
portieren oder zu massakrieren. Dabei sind
Hunderttausende getötet worden. Dafür
könnte man sich entschuldigen."

Fakten
Der Völkermord

 

 

 

 

 

 

 

 


Im April 1915 begann auf Anordnung des jungtürkischen Triumvirats - Cemal Pascha, Enver Pascha und Talaat Pascha - die Deportation der christlichen Armenier aus Ostanatolien. Sie wurden in einem Todesmarsch in die mesopotamische Wüste gebracht. Nach armenischen Angaben starben 1,5 Millionen Menschen. Wer konnte, rettete sich in die Diaspora nach Damaskus, den Libanon oder Palästina. Bis dahin waren die christlichen Armenier jahrhundertelang zusammen mit den orthodoxen Griechen eine anerkannte religiöse Minderheit mit weitreichenden Selbstverwaltungsrechten. Erst Ende des 19. Jahrhun-
derts kam es zu Ausschreitungen gegen die Christen, weil die Osmanen ihnen unterstellten, sie würden sich, als fünfte Kolonne der europäischen Großmächte, an der Zerschlagung des Reichs beteiligen.

1914 lag das Osmanische Reich in den letzten Zügen.
Kurz zuvor hatte man sämtliche Provinzen auf dem Bal-
kan verloren. Die Perspektive der Türken, so suggerier-
ten ihnen auch deutsche Militärberater, liege im Osten.
Für die Kriegsstrategen waren die Armenier ein Hinder-
nis auf dem Weg der Türken zu den Turkvölkern Zentral-
asiens. Außerdem sympathisierten sie mit dem Tod-
feind Russland. Als ein Teil der Armenier dann tatsäch-
lich den Beginn des Krieges zum Anlass für einen be-
waffneten Aufstand nahm, war das Grund genug, die
"armenische Gefahr" durch Deportation zu beseitigen.

JG

 

"Das wäre rein kontraproduktiv"

Im Deutschen Bundestag wünscht nur die PDS eine Resolution zum Völkermord an den Armeniern

von Sebastian Fischer

 

BERLIN taz "Das bewegt hier nicht die Öffent-
lichkeit, wir haben keine armenische Minder-
heit", sagt Karl Lamers, der außenpolitische
Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Die Bundesrepublik habe sich mit der Diskus-
sion um die Mitgliedschaft der Türkei in der
  Europäischen Union schon "massiven Ärger
mit der Türkei und den in Deutschland leben-
den Türken aufgeladen". Eine Verurteilung
des Bundestages "wäre rein kontraproduktiv",
so Lamers.

     
Auch Gert Weisskirchen, außenpolitischer
Sprecher der SPD-Fraktion, hält nichts da-
von, sich in solch eine Debatte einzumischen.
  Es sei nicht klug, wenn Deutschland mit sei-
ner Vergangenheit als "Lehrmeister" auftrete.

     
Angelika Beer, bündnisgrüne Vorsitzende
des Verteidigungsausschusses, ist kürzlich
aus der Türkei zurückgekehrt. Dort wurde
sie wegen eines gelb-rot-grünen Haarbandes,
den Farben Kurdistans, von staatlichen Stel-
len scharf kritisiert. Türkische Gesprächspart-
ner verließen das Treffen mit den deutschen
  Parlamentariern, und der Chef des türkischen Streitkräfteausschusses, Hasan Gülay, be-
endete das Gespräch vorzeitig. "Die Türkei
zeigt Nerven. Es bringt nichts, mit öffentlicher
Kritik oder Verurteilung die türkischen Partner
beeinflussen zu wollen", so Beer zur taz.

     
Einzig für eine Verurteilung durchs Parla-
ment plädiert Uwe Hiksch von der PDS, zu-
gleich Mitglied der Deutsch-Türkischen Par-
lamentariergruppe. Unrecht müsse aufgear-
beitet werden, im Falle der Armenier wie
  auch der Kurden. Eine Resolution im Bundes-
tag "könnte die Debatte in der Türkei intensi-
vieren". Im Europa-Arbeitskreis der PDS-Frak-
tion habe man das Thema bereits diskutiert,
ein Antragsentwurf werde vorbereitet.

* Sonderseiten der Deutsch-kurdischen Gesellschaft *
zum Völkermord an den Armeniern