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Süddeutsche
Zeitung Geschichte,
Armenisch-türkische
Versöhnungskommission
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| Es waren
nur wenige Stunden, aber dem grü- nen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir war dieser Besuch wichtig. Auf Kinali Ada, einer Insel im Marmarameer vor Istanbul, hat der armenische Patriarch Mesrob II. sein Sommerdomizil. Die Niederlassung des Kir- chenoberhaupts im ehemaligen Konstantino- pel hat Erdbebenschäden, deshalb ist Mesrob nun fast immer auf der Insel – wenn er nicht gerade in den USA oder Frankreich unterwegs |
ist,
um neben den geistlichen Geschäften für die Aussöhnung zwischen Türken und Arme- niern zu werben. „Alles, was diesem Ziel dient, ist gut“, sagt Mesrob auch zu Özdemir. Des- halb ist er für die jüngst geschaffene Türkisch- Armenische Versöhnungskommission. Sie gilt als historischer Schritt, obwohl sie bislang le- diglich eine heftige Diskussion über das alte Tabu bewirkt hat. |
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| Im Frühjahr
1915 hatte das damals in Kon- stantinopel herrschende Regime des jungtür- kischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“ repressive Maßnahmen gegen die Armenier im Osten des Landes angeordnet. Bei Mas- sakern und bei Hungermärschen kamen nach türkischen Angaben 300 000, nach armeni- |
schen
Zahlen 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Für Armenier ist der Genozid ein prä- gendes Ereignis ihrer Geschichte, für Türken lediglich ein „bitteres Ereignis“. Gegen die Forderungen, dies als Genozid anzuerkennen, sperrt sich die Türkei vehement. |
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| Mesrob
ist nicht in dem Komitee, auch kein Regierungsmitglied aus Ankara und Eriwan ist dabei. Aber kaum jemand bestreitet, dass beide Regierungen Einfluss auf die Auswahl |
der Ex-Diplomaten
genommen haben, die ne- ben Abgesandten der Armenian Assembly of America und der russischen Diaspora den Kern des zehnköpfigen Gremiums bilden. |
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| Seit zehn
Jahren, seit dem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, einem Alliier- ten Ankaras, haben beide Staaten keine di- plomatischen Beziehungen. Die Grenze ist geschlossen. Etwa 65000 Armenier leben |
noch in
der Türkei, die meisten in Istanbul. Man redet zumeist wenig über die Herkunft, und nicht immer geben Familiennamen Aus- kunft – in den Jahren der Verfolgung wurden sie häufig türkisiert. |
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| Aber es
gibt noch 15 armenische Schulen in Istanbul sowie drei armenische Zeitungen. Der Chefredakteur der populären armeni- schen Zeitung Argos, Hrant Dink, setzt eben- falls Hoffnungen auf die Kommission. Eigent- lich wäre er ihr ideales Mitglied, denn er sagt, dass „auch das Ehrgefühl der Türken“ berück- sichtigt werden muss. Aber Dink hat keinen Pass. Die türkischen Behörden haben ihm |
das Dokument
verweigert, wie sie das biswei- len bei missliebigen Intellektuellen tun. So kann er nicht reisen und nicht Teil eines inter- national besetzen Gremiums sein. Dennoch bleibt er zuversichtlich: „Sie werden sich ver- söhnen“, sagt er und fügt hinzu, „ohne zu ver- gessen.“ Die Kommission will den Dialog in Gang bringen, bis irgendwann die Regierun- gen wieder miteinander reden. |
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| Nicht
nur Ultranationalisten sind dagegen – auch die armenische Diaspora in den USA ist gespalten. Einige sehen ihre Bemühun- gen, Ankara zur Anerkennung des Genozid- Vorwurfs zu drängen, durch die Initiative un- tergraben. Die türkischen Kommissions-Ver- treter bezeichnen sie als „Hardliner“. Die Tür- ken haben ihre Position klar gemacht: „Kei- ner von uns betrachtet die Ereignisse von 1915-16 als Genozid“, betont der einstige Botschafter Gündüz Aktan. Trotzdem steht für ihn fest, dass es mit der diplomatischen |
Blockade
zwischen Eriwan und Ankara und dem Konflikt um die armenische Enklave Na- gornyi Karabach in Aserbaidschan nicht so weitergehen kann: „Russlands Einfluss auf Armenien bedroht den Kaukasus.“ Auch der amerikanisch-armenische Historiker Dennis Papazian stellt die angestrebte Aussöhnung in den großen Rahmen: Amerika wünsche sich vor allem, dass das Öl aus Zentralasien „ungehindert von potenziell feindlichen Staa- ten“ fließe. |
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| Ein großer
Entwurf für eine kleine Kommis- sion. Özdemir sprach mit Mesrob nicht über Öl und Macht. Es ging um den Alltag der Aus- söhnung. Damit hat der deutsche Abgeordne- te türkischer Herkunft eigene Erfahrungen. Als |
er jüngst
einen armenischen Gottesdienst in Köln besuchte und sich vor dem Priester ver- beugte, höhnte Hürriyet, er habe dem Mann die Hand geküsst. Für eine Rufmordkampag- ne reicht das immer noch. |