Süddeutsche Zeitung
13.8.2001

Geschichte,
die nicht vergehen will

Armenisch-türkische Versöhnungskommission
muss Anfeindungen von
beiden Seiten ertragen

von Christiane Schlötzer

 

Es waren nur wenige Stunden, aber dem grü-
nen Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir
war dieser Besuch wichtig. Auf Kinali Ada,
einer Insel im Marmarameer vor Istanbul, hat
der armenische Patriarch Mesrob II. sein
Sommerdomizil. Die Niederlassung des Kir-
chenoberhaupts im ehemaligen Konstantino-
pel hat Erdbebenschäden, deshalb ist Mesrob
nun fast immer auf der Insel – wenn er nicht
gerade in den USA oder Frankreich unterwegs
  ist, um neben den geistlichen Geschäften für
die Aussöhnung zwischen Türken und Arme-
niern zu werben. „Alles, was diesem Ziel dient,
ist gut“, sagt Mesrob auch zu Özdemir. Des-
halb ist er für die jüngst geschaffene Türkisch-
Armenische Versöhnungskommission. Sie gilt
als historischer Schritt, obwohl sie bislang le-
diglich eine heftige Diskussion über das alte
Tabu bewirkt hat.

     
Im Frühjahr 1915 hatte das damals in Kon-
stantinopel herrschende Regime des jungtür-
kischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“
repressive Maßnahmen gegen die Armenier
im Osten des Landes angeordnet. Bei Mas-
sakern und bei Hungermärschen kamen nach
türkischen Angaben 300 000, nach armeni-
  schen Zahlen 1,5 Millionen Menschen ums
Leben. Für Armenier ist der Genozid ein prä-
gendes Ereignis ihrer Geschichte, für Türken
lediglich ein „bitteres Ereignis“. Gegen die
Forderungen, dies als Genozid anzuerkennen,
sperrt sich die Türkei vehement.

     
Mesrob ist nicht in dem Komitee, auch kein
Regierungsmitglied aus Ankara und Eriwan
ist dabei. Aber kaum jemand bestreitet, dass
beide Regierungen Einfluss auf die Auswahl
  der Ex-Diplomaten genommen haben, die ne-
ben Abgesandten der Armenian Assembly of
America und der russischen Diaspora den
Kern des zehnköpfigen Gremiums bilden.
     
Seit zehn Jahren, seit dem Krieg zwischen
Armenien und Aserbaidschan, einem Alliier-
ten Ankaras, haben beide Staaten keine di-
plomatischen Beziehungen. Die Grenze ist
geschlossen. Etwa 65000 Armenier leben
  noch in der Türkei, die meisten in Istanbul.
Man redet zumeist wenig über die Herkunft,
und nicht immer geben Familiennamen Aus-
kunft – in den Jahren der Verfolgung wurden
sie häufig türkisiert.
     
Aber es gibt noch 15 armenische Schulen
in Istanbul sowie drei armenische Zeitungen.
Der Chefredakteur der populären armeni-
schen Zeitung Argos, Hrant Dink, setzt eben-
falls Hoffnungen auf die Kommission. Eigent-
lich wäre er ihr ideales Mitglied, denn er sagt,
dass „auch das Ehrgefühl der Türken“ berück-
sichtigt werden muss. Aber Dink hat keinen
Pass. Die türkischen Behörden haben ihm
  das Dokument verweigert, wie sie das biswei-
len bei missliebigen Intellektuellen tun. So
kann er nicht reisen und nicht Teil eines inter-
national besetzen Gremiums sein. Dennoch
bleibt er zuversichtlich: „Sie werden sich ver-
söhnen“, sagt er und fügt hinzu, „ohne zu ver-
gessen.“ Die Kommission will den Dialog in
Gang bringen, bis irgendwann die Regierun-
gen wieder miteinander reden.
     
Nicht nur Ultranationalisten sind dagegen –
auch die armenische Diaspora in den USA
ist gespalten. Einige sehen ihre Bemühun-
gen, Ankara zur Anerkennung des Genozid-
Vorwurfs zu drängen, durch die Initiative un-
tergraben. Die türkischen Kommissions-Ver-
treter bezeichnen sie als „Hardliner“. Die Tür-
ken haben ihre Position klar gemacht: „Kei-
ner von uns betrachtet die Ereignisse von
1915-16 als Genozid“, betont der einstige
Botschafter Gündüz Aktan. Trotzdem steht
für ihn fest, dass es mit der diplomatischen
  Blockade zwischen Eriwan und Ankara und
dem Konflikt um die armenische Enklave Na-
gornyi Karabach in Aserbaidschan nicht so
weitergehen kann: „Russlands Einfluss auf
Armenien bedroht den Kaukasus.“ Auch der
amerikanisch-armenische Historiker Dennis
Papazian stellt die angestrebte Aussöhnung
in den großen Rahmen: Amerika wünsche
sich vor allem, dass das Öl aus Zentralasien
„ungehindert von potenziell feindlichen Staa-
ten“ fließe.
     
Ein großer Entwurf für eine kleine Kommis-
sion. Özdemir sprach mit Mesrob nicht über
Öl und Macht. Es ging um den Alltag der Aus-
söhnung. Damit hat der deutsche Abgeordne-
te türkischer Herkunft eigene Erfahrungen. Als
  er jüngst einen armenischen Gottesdienst in
Köln besuchte und sich vor dem Priester ver-
beugte, höhnte Hürriyet, er habe dem Mann
die Hand geküsst. Für eine Rufmordkampag-
ne reicht das immer noch.