taz
20.4.2001

An die Armenier aber will keiner recht denken

Der Bundestag soll den Völkermord
an den Armeniern verurteilen, fordert
die PDS. Doch selbst SPD und Grüne
wollen den Antrag nicht mittragen

von Nicole Maschler

 

 

BERLIN taz Der einzige deutsche Abgeord-
nete, der den Völkermord an den Armenier
in den Jahren 1915 bis 1920 jemals ange-
sprochen hat, war Karl Liebknecht. Deshalb,
findet der PDS-Bundestagsabgeordnete
  Uwe Hiksch, sei es nun an der Zeit, dass
sich das Parlament des Themas annehme
und den Genozid durch das Osmanische
Reich offiziell verurteile.

     
Gestern stellte der europapolitische Sprecher
der PDS-Fraktion den Entwurf für einen inter-
fraktionellen Antrag vor. Damit "emotionsfrei
  diskutiert werde", so Hiksch, sollten ihn alle
Fraktionen einbringen. "Einige Abgeordnete"
von SPD und Grünen seien durchaus offen.
     
Doch auf breite Unterstützung kann Hiksch
nicht hoffen. Die außenpolitischen Sprecher
der Fraktionen lehnen seinen Vorstoß eben-
so ab wie der innenpolitische Sprecher der
  Grünen, Cem Özdemir. Von dem Vorhaben,
mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Türkei
zu zeigen, solle sich der Bundestag distan-
zieren, so Özdemir in der FAZ.
     
Die Reaktion der Türkei auf eine Resolution
der französischen Nationalversammlung ist
nur allzugut in Erinnerung. Diese hatte 1998
- wie bereits das italienische, griechische
und russische Parlament - einen Gesetzent-
wurf verabschiedet, der den Völkermord offi-
ziell verurteilt. Die Türkei kündigte daraufhin
  einen 150-Millionen-Dollar-Vertrag für einen
Aufklärungssatelliten mit der Firma Alcatel.
Der türkische Staat als Nachfolger des Os-
manischen Reiches weigert sich, die Ermor-
dung von mehr als einer Million Armenier an-
zuerkennen. Offiziell wurden nur Aufständi-
sche "deportiert".
     
Doch es ist nicht nur die Sorge um das
deutsch-türkische Verhältnis, die viele Abge-
ordnete zurückschrecken lässt. "Die Retour-
kutsche mit dem Hinweis auf die eigene
dunkle Vergangenheit käme so sicher wie
  die hysterischen Reaktionen gegenüber
Frankreich", so der Grüne Özdemir, zu-
gleich Vorsitzender der deutschtürkischen
Parlamentariergruppe.

     
Dass eine Verurteilung des Massenmordes
gerade durch Deutschland heikel ist, weiß
auch Hiksch und hat daher einen Passus
über die deutsche Mitverantwortung in den
Antrag eingefügt. Der Bundestag entschul-
dige sich öffentlich für die Unterstützung des
 

Genozides, heißt es dort. Nicht nur die Tür-
kei müsse sich mit ihrer Geschichte aus-
einandersetzen, sondern auch Deutschland.
Da reiche es schon, wenn überhaupt eine
Debatte in Gang komme. "Das ist wichtiger
als ein kurzfristiger Abstimmungserfolg."