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SZ:
Wie sollte der Bundestag mit der Petition umgehen?
Özdemir:
Das Parlament muss das Anliegen ernst nehmen, und wenn mehrere Abgeordnete
sich dies zu Eigen machen, wird es auch im Plenum debattiert werden.
Ich bin aber für die Ablehnung der Petition, weil unser Mut, die Türkei
dafür zu verurteilen, dass sie sich der Geschichte nicht stellen will,
den dort lebenden Armeniern und anderen religiösen Minderheiten nicht
hilft. Es würde auch den zarten Dialog zwischen der Türkei und Armenien,
der dringend nötig ist, weiter erschweren. Und es würde denen nicht
helfen, die eine Demokratisierung in der Türkei und die Annäherung an
die EU wollen. Statt dessen würde es die Falken stärken, die einen solchen
Beschluss benutzen, nach dem Motto: Seht her, die Europäer wollen die
Türkei spalten. Außerdem gibt es unter den Armeniern in der Türkei die
Meinung, dass es nicht hilfreich ist, wenn ausländische Parlamente solche
Beschlüsse fassen.
SZ:
Deutschland hat zur Aufarbeitung der Shoa Druck von außen gebraucht. Warum
nicht auch Ankara drängen?
Özdemir:
Deutschland hat einen Krieg verloren und nach dem Krieg wurde es zwangsdemo-
kratisiert, was uns ja offensichtlich nicht geschadet hat. Die Türkei
hat keinen Krieg verloren. Insofern ist ihr Weg ein anderer. Sie muss
sich aus sich heraus mit einer ehrlichen Aufarbeitung der Geschichte
befassen. Unsere Aufgabe besteht darin, die Kräfte zu stärken, die dies
in der Türkei wollen. Diese Kräfte gibt es. Ich fände es sehr sinnvoll,
wenn wir auch helfen würden, den türkisch-armenischen Dialog in Deutschland
zu fördern und Raum dafür zu bieten. Kritische türkische Intellektuelle
in Deutschland müssen Angst haben, weil wir nicht in der Lage sind,
sie zu be-
schützen. Es gibt Freunde von mir, die sich überlegen, in die USA zu
gehen, nachdem sie von Teilen der türkischen Presse hier heftig attackiert
wurden.
SZ:
Vor was müssen sie Angst haben?
Özdemir:
Sie müssen
Angst haben, dass ihnen ein ähnliches Schicksal widerfährt wie Akin
Birdal, dem Vorsitzenden des türkischen Menschenrechtsvereins, der,
nachdem er in einigen türkischen Tageszeitungen tagelang quasi zum Abschuss
freigegeben wurde, Opfer eines Anschlags wurde, den er nur knapp überlebt
hat.
SZ:
Könnte so etwas auch in Deutschland passieren?
Özdemir: Auch
hier gibt es genug Verrückte.
SZ:
Warum ist die Beschäftigung mit Vorgängen, die noch vor der Staatsgründung
der Türkei liegen, für die Türken so schwierig?
Özdemir:
Die Türkei wurde gegen das Osmanische Reich und seine Despotie gegründet,
das
sollte die Aufarbeitung eigentlich leichter machen. Aber zum Gründungsmythos
gehört die Idee des Nationalstaates, eine europäische Idee. Die türkische
Bevölke-
rung besteht aber zu 40 bis 50 Prozent selbst aus Vertriebenen und ihren
Nach-
kommen, vom Balkan und aus dem Kaukasus. Da wird die Frage der Aufarbeitung
von Vertreibung zu einer Art psychischer Falle, nach dem Motto: Und
wir sollen
Vertreibung begangen haben? Wir wurden doch selbst vertrieben, und wer
spricht
über unsere Schmerzen? Deshalb wird die Diskussion in der Türkei auf
so absurde
Weise geführt und kommt zu keinem Ergebnis.
SZ:
Würden Sie selbst das Wort Genozid für die Morde an den Armeniern benutzen?
Özdemir:
Ich halte mich an den Sprachgebrauch der demokratischen Opposition in
der Türkei. Die spricht von ethnischer Säuberung und Vernichtung. Das
schließt die so genannte Umsiedlung unter Inkaufnahme massenhaften Mordes
ein. Damit ist die Gleich-
setzung mit dem Holocaust vermieden, die für 99 Prozent der Bevölkerung
in der Türkei jede Diskussion erstickt. Wir aber müssen uns fragen,
ob wir den Dialog nur mit dem restlichen einen Prozent führen wollen.
SZ:
Was kann man dann von Ankara überhaupt fordern?
Özdemir:
Wir können fordern, dass die Archive geöffnet werden und dass sie allen
zugänglich sind, auch kritischen Forschern wie Taner Akcam. Die beste
Voraussetzung für eine Aufarbeitung der Geschichte ist Meinungsfreiheit.
Hier können und müssen wir drängen.
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